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Europa im Kopf  —   6. Kapitel: Veneto

#6.1 Posieren oder abtauchen

Der ‚Exhibitionist‘ kam in Sicht. So habe ich die Statue des Generals Gaetano Giardino getauft. Er hat sich im Ersten Weltkrieg Ruhm erworben, steht am Ende der nach ihm benannten Straße auf dem Mittelstreifen zwischen den Fahrbahnen und blickt über die Schlucht zu seinen Füßen hinweg in die letzten Berge der Alpen. Dem Ankömmling wendet er also den Rücken zu, sein geöffneter langer Mantel wirft imposante gusseiserne Falten, die Ellenbogen sind gebeugt, die rechte Hand hat er am Drücker, die linke spielt in der Hosentasche mit dem Gusseisen. Dabei lauscht er vermutlich der Canzone „Monte Grappa tu sei la mia Patria“. Ja, das ist Treue. Gleich neben ihm erwartet das Hotel ‚Belvedere‘ seine Gäste. Es wurde zu der Zeit gebaut, als der General starb, Mitte der Dreißigerjahre. Ausnahmsweise bekam ich ein Zimmer unendlich weit entfernt vom Fahrstuhl, konnte mich also über Liftgeräusche nicht beklagen, und auch über keinen anderen Lärm. Die Stille im Haus und vor den Fenstern, der wassergraue Himmel, das ging schon ins Ausgestorbene über. Ich mochte das. Die Terrasse zur Straße war leer, nicht nur wegen des Regens: Ferragosto, die ganze Woche lang, auch wenn man es ihm zurzeit nicht anmerkte. Das Restaurant war geschlossen, wie aus Wien gewohnt, was meine Mittagspläne durchkreuzte, aber das hatten ja auch Silke und Martin schon getan.

Rafał, der sich mehr sorgte als ich, wählte Silkes Nummer. Mit Erfolg, bescheidenem Erfolg. Frau Resi, unsere Haushälterin, nahm ab. Frau Resi ist mit der Situation vertraut. Weder Silkes stummes Leiden noch Martins „Sie haben mir gar nichts zu sagen!“ kann sie überraschen. Immerhin ließ Martin ausrichten, er käme morgen, schon um sieben Uhr führe er los. Aber nein, Silke wolle er auf keinen Fall mitnehmen. Dies zu tun hatte Rafał angeregt und Frau Resi übermitteln lassen. Also nicht. Aber auch nicht unerwartet.

Foto oben: Screenshot von Google Maps

Wir fuhren zu Giuseppe. Er wohnt, fünfzehn Kilometer westlich des Generals, am letzten Alpenhügel in einem Ort, so klein, dass er Mühe hatte, überhaupt einen Namen abzubekommen. Es gab Pasta in der Küche und war, auch ohne Silke, so vertraut. So vertraut. Das andenkenschwangere Wohnzimmer mit dem Kamin – Giuseppes Nippes, Giuseppes Erinnerungen – und die sachlicheren Schlafzimmer im ersten Stock: In beiden habe ich schon geschlafen. Der Blick vom Dach in die schier endlose Weite, hinter der man das Mittelmeer weiß: Dort, wo die Ebene endet, beginnt das salzige Wasser, so, wie auf der anderen Seite des Hauses die wiesigen Berge beginnen.

Foto links: Fanfo/Shutterstock | Foto rechts: Aleksei Lazukov/Shutterstock

Giuseppe stand neben mir. Ein Open-Air-Konzert auf der Piazza San Marco, Venedig 1981. Wir kamen ins Gespräch, und Giuseppe gab mir seine Telefonnummer. Zettel verliere ich grundsätzlich, offenbar habe ich Löcher in allen Taschen, aber dieses Mal ärgerte es mich. Zwei Jahre später, auf einer Brücke zwischen Accademia und Rialto begegneten wir uns zum zweiten Mal. Es war dunkel und so menschenleer, dass wir einander nicht entgehen konnten. Das Schicksal, das meine Taschen kennt, wollte dieses Mal sichergehen. Am folgenden Tag kam Giuseppe zu mir auf den Lido. Abends fuhren wie zu ihm nach Mason Vicentino. Damals hatte er volles Haar und einen verträumten Blick. Jetzt hat er kaum noch Haare und blickt forscher. Giuseppe hat Psychologie studiert und nach der Doktorarbeit sein Wissen durch jahrelange Weiterbildungen, erst in Florenz, dann in Rom (alles schon zu meiner Zeit), gründlich vervollständigt. Praktiziert hat er nie, außer ein paar ehrenamtliche Beratungen in Vicenza.

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Finanziell lief es so: Die Schwester seines Vaters hatte erst spät, dafür aber umso vermögender, geheiratet. Da weder sie noch ihr Ehemann an Sex interessiert waren, zumindest nicht an gemeinsamem, blieb die Ehe kinderlos. Er starb, sie nicht. Giuseppe hat zwei Schwestern, die haben zwei Männer (jede einen). Die verwitwete Tante wollte nicht Tante (Italienisch: ‚zia‘) genannt werden, eventuell, weil sie sich bei dieser Bezeichnung alt vorkam. Sie wollte lieber ‚Tata‘ heißen. Giuseppe übersetzt das mit ‚Amme‘. Im ‚Pons‘ steht: ‚Kindermädchen‘. Die Tata hatte nun zwar keinen Gatten mehr, dafür aber große Maisfelder und nachts große Angst. Giuseppes Schwestern waren familiär beschäftigt, Giuseppe nicht. So kam ein Handel zustande: Die Tata vermachte Giuseppe ihre Felder, Giuseppe verbrachte seine Nächte bei der Tata. Pali liebte meine Idee für ein Theaterstück: Der Vorhang öffnet sich, die Tata sitzt an Giuseppes Sarg und erzählt – One-Woman-Show – ihre Lebensgeschichte. Aber so kam es nicht. Die Tata starb, und Giuseppe erbte den Mais. Seit vergangenem Jahr hat er die Felder verpachtet und fliegt monatelang nach Brasilien, in den Urwald. Die Frage, warum er das tut, beschäftigt meinen Hamburger Freundeskreis. Spekulationen reichen von spiritueller Erleuchtung bis zu sexueller Hörigkeit. –

Foto oben: ArtOfPhotos/Shutterstock

Weil das ‚Belvedere‘ trotz Nieselregens am eisernen August festhielt, waren wir also gleich zu Giuseppe gefahren und aßen in seiner Küche seine Spagetti. Meine erste Mahlzeit seit Fuschl, und Rotwein statt Grüntee. Eine so kurze Diätphase lullt allenfalls das Gewissen ein, nicht aber einen widerspenstigen Darm. Menschen mit Verstopfung beneide ich noch mehr als Menschen mit Hunger, aber ich weiß, mit dem Unterleib ist es wie mit den Haaren: Keiner ist zufrieden und plagt sich ein Leben lang damit ab, das Gegenteil von dem vorzutäuschen, was er hat: kraus, glatt, dick, dünn, hell, dunkel; SIE noch mehr als ER.

Foto links: imagedb.com/Shutterstock | Foto rechts: Olga Ekaterincheva/Shutterstock

 

25 Kommentare zu “#6.1 Posieren oder abtauchen

      1. Interessante These. Das würde dann tatsächlich erklären, dass beide Phänomene gern in Kombination auftreten.

  1. Ah Verstopfung ist doch das Schlimmste eigentlich-nicht-so-schlimme Leiden überhaupt. Unangenehmer geht’s kaum. Es ist ja ein ständiges wollen aber nicht können.

      1. Das stimmt ja sogar bei einer Erkältung. Schlimmer als die aktuelle Krankheit kann es ja nie werden 😉

    1. Ansichtssache. Besonders romantisch klingt’s erstmal nicht. Eher pragmatisch. Jeder wie er will, aber mir wäre das „Opfer“ zu groß.

      1. Selbst Konfuzius sagt ‚Essen und Beischlaf sind die beiden großen Begierden des Mannes‘. Ich würde sagen mehrheitlich kommt das ganz gut hin.

      2. Ich halte es mit Oscar Wilde und lasse die Frage offen. („Männer können analysiert, Frauen nur angebetet werden.“)

      1. Ja vielleicht. Ich dachte, man kann sich auch irgendwo spontan einladen 😉 Freunde machen’s natürlich einfacher und angenehmer und reicher.

      2. Es gab vor ein-zwei Jahren diesen Film: A bigger Splash mit Ralph Fiennes. Seit dem will ich mich immer mal in einer klitzekleinen sizilianischen Stadt zum frisch-gemachten Ricotta Essen einladen 😉

  2. Nervigen Lärm im Hotel habe ich auch andauernd. Vom übermotivierten Putzteam, über knallende Türen, bis zur vierstündigen Sexorgie im Nachbarzimmer. Den Lift hab ich allerdings noch nie gehört.

    1. Hahaha, ab und an ist man in den besten Hotels überrascht, welche Geräusche man durch die Wände hört. Jedenfalls hab ich das zweimal so erlebt.

  3. Was für ein wunderbarer Zufall, dass man sich mehrfach so völlig ungeplant begegnet und dann solch eine Freundschaft entsteht. Beneidenswert und wirklich schön, dass so etwas tatsächlich passiert.

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