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Europa im Kopf  —   6. Kapitel: Veneto

#6.4 Im Banne der geistigen Schamlosigkeit

Zusammen mit meinem Gin Tonic kamen sehr interessante Wolken. Wie immer kippte ich das Eis weg; in einem Garten geht das fast unauffällig. Eis verwässert den Drink und schadet dem Magen. Ich kann es nicht leiden. Gin gehört ins Tiefkühlfach, Tonic in den Eisschrank. Mehr ist zu viel. Wenn es so heiß ist, dass man das Getränk künstlich ‚kalthalten‘ muss, dann benutzt man Kühlkugeln aus Plastik; die habe ich von Silke zum Geburtstag bekommen. Sehr praktisch. Ihr gefiel es jedes Mal sehr gut in diesem Garten. Warum muss ich schon wieder an sie denken …? Die Wolken wurden immer interessanter. Wir ließen die Duse Duse sein und fuhren zurück nach Marostica, dieses Mal nicht zum Castello Inferiore an der Piazza, sondern den steilen, gewundenen Weg aufwärts zum Castello Superiore, von dem Wikipedia behauptet, es sei ‚ruinös‘. Erstens sind nur anspruchsvolle Geliebte und Roulette-Verfallenheit ruinös, niemals Gebäude, und zweitens ist das Kastell nicht verfallen, sondern ein edles Restaurant, in dem wir sehr gut aßen.

Zugeben muss ich, dass das nicht immer so war. Einmal schnappte sich Irene, nachdem ich gezahlt hatte, einen Teller von der Anrichte und begründete ihr Klauen mit der Bemerkung: „Das Essen war wirklich nicht gut.“ Der Teller hing zwölf Jahre lang in der Loggia meiner Eltern über dem Terrassentisch. Als er runterfiel, dachte ich: „Siehste, Diebstahl zahlt sich eben nicht aus.“

Fotos (4): H. R./Privatarchiv

Martin bekräftigte sein Gelübde, heute auf Alkohol zu verzichten, mit einem Prosecco und begab sich ans Geländer. Prosecco stammt aus dieser Gegend, ist hier also das, was in Norwegen die Fjorde sind. Als Martin gerade die Drohne dem Himmel anvertrauen wollte, begannen die nun hochinteressanten Wolken, sich zu erleichtern. Die Drohne kam in die Tüte, die Zigarette in die Fresse. Dass Rafał raucht, merkt man nur unterwegs. Dass Martin raucht, merkt man ständig. Ich habe nie geraucht, fast nie, aber ich habe für jede Sucht Verständnis: Während man ihr nachgibt, hat man vielleicht ein schlechtes Gewissen, aber man langweilt sich nicht.

Foto links: Anna Monroe/Shutterstock | Foto rechts: H. R./Privatarchiv | Foto unten links: Bokeh Blur Background/Shutterstock | Foto unten rechts: ArtOfPhotos/Shutterstock

Am Freitagmorgen fuhren wir noch einmal herauf zur Burg. So konnte Martin den Anblick doch verdrohnen, Rafał einen Espresso trinken und ich das Übliche verrichten. Dann aber ging es auf nach Venedig, genauer: auf den Lido. Die Fähre fuhr ohne uns davon, während wir die Karten lösten – mehr ‚vor der Nase weg‘ geht nicht; so hatten wir die längstmögliche Vorfreude. Von der Anlegestelle bis zur ‚Villa Mabapa‘ sind es nur hundert Meter. Mein Einschub jetzt wird demgegenüber etwas länger, aber es wird, wenn ich das richtig überblicke, der letzte, abgesehen von einer Parenthese nachher.

‚Mabapa‘ habe ich, wie so vieles, durch Pali kennengelernt. Gutes Benehmen, das haben mir schon meine Eltern vorgelebt, Luxus aber, den hat mir erst Pali beigebracht.

Foto: welcomia/Shutterstock

Pali hätte gern SPD gewählt, aber das ging nicht; er war nämlich staatenlos. Sein Vater war Ungar, halbjüdisch, seine Mutter Holländerin, vierteljüdisch, viertelindonesisch, so etwas war ja mal bedeutsam, und Pali wollte partout kein Deutscher sein, obwohl ihm die Staatsbürgerschaft angetragen worden war. Es war ihm wichtig, sich als Naziopfer zu stilisieren, deshalb sprach er immer gern über seine Zeit im KZ Bergen-Belsen, aber auch über seine Kindheit bei seinem Großvater in Ungarn. In Israel lernte ich Palis Tante Edith, die Schwester seines Vaters, kennen. Sie sagte: „Es ist möglich, dass Pali mal während der Sommerferien in Ungarn war“, und Ediths Tochter Shoshannah war wirklich in Bergen-Belsen gewesen. Pali hieß eigentlich Paul und wuchs in Berlin auf.

Foto oben: Alizada Studios/Shutterstock | Foto unten links: gemeinfrei/Wikimedia Commons | Foto unten rechts: Yakovlev Sergey/Shutterstock

All das wusste ich natürlich nicht, als ich im Herbst 1967 in sein Büro bei der ‚Deutschen Grammophon Gesellschaft‘ kam, um ihm meine ins Tonbandgerät gekrächzten Lieder vorzuspielen. Irenes Freundin Nina hatte noch eine weitere Freundin; der gehörte das Kindermodengeschäft, in dem Pali die Garderobe für seine Tochter Gioia einkaufte; zu der war er gekommen wie die Jungfrau zum Kinde: „Wenn Tobias“, sein damaliger Schwarm, „heute wieder nicht kommt, heirate ich Digne“, habe er sich geschworen. Tobias kam nicht, Pali heiratete Digne, ließ sich aber bald scheiden, und dabei bekam Pali Gioia zugesprochen, weil selbst die Richter der Adenauer-Zeit der Meinung waren, dass das Mädel besser bei einem notorisch schwulen Vater aufgehoben sei als bei dieser Mutter, zumal Digne und Gioia, wenn sie einander berührten, allergische Ausschläge bekamen und ins Krankenhaus mussten. Das ist nichts Besonderes. Alle Pali-Geschichten sind so.

Foto: OTFW, Berlin/Wikimedia Commons

Meine eigenen Kinderanziehsachen waren bei ‚C&A‘ gekauft worden, deshalb begegnete ich Pali von Anfang an mit großer Ehrfurcht. Er leitete 1967 das Literarische Archiv der ‚Deutschen Grammophon‘ und nahm auch Erich Kästner auf. Näher an den deutschen Schlager konnte ich es durch die Beziehungen meiner Eltern nicht bringen. Offensichtlich nicht nah genug, um meine Werke von einer Berühmtheit wie Wencke Myhre trällern zu lassen, aber als zwei Jahre später Irene eine Annonce der ‚Deutschen Grammophon‘ las, bewarb ich mich. Pali war zwar dem Betreuer der kaufmännischen Lehrlinge, Herrn Bertz, so nah wie Grönland dem Äquator, aber wenn meine Großmutter über den Tennisclub Guntram eine Karriere ermöglicht hatte, von deren Früchten ich heute esse, dann musste Irene es doch schaffen, mich per Stellenanzeige in die Hitparaden zu katapultieren. Aber weil es hier ja eigentlich um die Reise 2015 von Hamburg nach Osten und Süden geht, kürze ich etwas ab: Im Frühjahr 1972 waren Pali und ich ein Paar und machten unsere Hochzeitsreise erst nach Capri und dann, wie es sich gehört, nach Venedig. Dorthin fuhr Pali jedes Jahr in Urlaub, erst mit Gioia, dann, seit sie nicht mehr mit ihm verkehrte, ohne sie, und nun mit mir. Und so lernte ich also Luxus kennen. „Man versehe mich mit Luxus, auf alles Notwendige kann ich verzichten“, glaubte Pali, Oscar Wilde zu zitieren. Eine weitere Unwahrheit. Der Ausspruch stammt von Frank Lloyd Wright und lautet im Original: ‚Give me the luxuries of life and I will willingly do without the necessities.‘

Foto links: gemeinfrei/Wikimedia Commons | Foto rechts: H. R./Privatarchiv | Foto unten: H. R./Privatarchiv

Über Luxus haben sich alle möglichen Menschen bereits Gedanken gemacht, bevor ‚Die Geissens, eine schrecklich glamouröse Familie‘ ein Dauererfolg auf RTL II wurde. Weil mit diesem Freitag, dem 21.08.2015, der Luxusteil der Reise beginnt, erwähne ich ein paar Männer, die sich zu ‚Luxus‘ geäußert haben.

Foto: vectorfusionart/Shutterstock

Prof. Dr. Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger ist der Meinung: ‚Luxus hat den penetranten Beigeschmack von materialisierter Schamlosigkeit.‘

Foto: ClenX/Wikimedia Commmons

Auch Augustinus befand bereits im vierten Jahrhundert sozialistisch: ‚Fremdes Eigentum ist, wenn man Überflüssiges besitzt. Der Überfluss gehört den Armen.‘ Vorher hatte er allerdings selber ganz schön auf die Pauke gehauen.

Auch Carl Hilty, der 1909, hoffentlich unversklavt, starb, wusste: ‚Der Luxus macht den einzelnen Menschen, der sich ihm ergibt, zum Sklaven, und er ist für Völker der größte Feind der Freiheit.‘

Flauberts Einsicht leuchtet mir mehr ein: ‚Nur dem im Überfluss Geborenen steht der Luxus gut. Wer sich ein Vermögen verdient hat, weiß fast nie, wie er davon leben soll.‘

Fotos (2): H. R./Privatarchiv

Guntram blieb bis zu seinem Lebensende sparsam. Pali, an Überfluss gewöhnt, lebte über seine Verhältnisse und lieh sich ab und zu Geld von ihm. Auf dem Lido war Palis Aufwand aber eher bescheiden. Als Quartier diente ihm fünfzehn Jahre lang die Villa Kopp Belloli, später dann ‚Mabapa‘. Da hatte die hochbetagte Gastwirtin Kopp ihr Haus an den Apotheker verkauft. Sie stammte aus Triest, österreichische Familie, und heiratete, schon leicht ranzig, Signor Belloli. Da sie allerdings mehr reich als schön war, verstarb Belloli nicht auf ihr, sondern auf einer Jüngeren. Die düpierte Witwe holte sich daraufhin ihren Mädchennamen ‚Kopp‘ zurück – rein phonetisch kein Gewinn. Triest war nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr österreichisch, ihre Familie nicht mehr reich, und sie eröffnete diese Pension auf dem Lido, die Pali zwanzig Jahre später zur Urlaubsheimat wurde. Als sie aufgab, traute sie sich nicht, es Pali zu sagen, sondern brachte nach seiner Abreise seine Strandschuhe elf Häuser weiter zu ‚Mabapa‘, kein Wink mit dem Zaunpfahl, sondern mit den Badelatschen.

Fotos (4): H. R./Privatarchiv

26 Kommentare zu “#6.4 Im Banne der geistigen Schamlosigkeit

  1. Beim Eis bin ich ganz Ihrer Meinung. Plastikkugeln im Drink sind zwar effektiv, aber wirklich nicht besonders hübsch. Ich trinke den Gin Tonic bei heissem Wetter einfach schnell aus 😉

  2. Jeder hat seine eigene kleine Sucht. Rauchen bleibt aber diejenige, die ich persönlich am wenigsten nachvollziehen kann. Bei meinen Freunden erscheint’s mir immer eher lästig als genussvoll.

      1. Verbieten hat natürlich noch nie weitergeholfen. Zumindest wenn es um Marihuana geht, scheint die Politik das langsam zu verstehen.

      2. Die These, dass mehr Drogen der Welt weiterhelfen würden, würde ich allerdings recht stark anzweifeln.

      3. Weiterhelfen sicher nicht. Das Leben ein wenig angenehmer machen manchmal schon. Es kommt wie bei allem auf’s richtige Maß an.

  3. Friedrich der Große war auch nicht ohne: „Der Luxus hingegen treibt den Menschen nicht zu einer einzigen Tugend an, sondern stumpft alle besseren Gefühle in ihm ab.“

      1. Zeit ist Luxus, Raum ist Luxus. In der Regel versucht man allerdings beides, sobald vorhanden, wieder irgendwie aufzufüllen.

  4. Ich bin immer noch bei der Duse, weil wir als Kinder eine Schweinerei aufzusagen pflegten, die mir nicht aus dem Kopf geht und die ich hier nicht zum besten geben kann, weil sie auch noch sexistisch und frauenfeindlich war und ist – also nicht mal zum zweitbesten geeignet, aber seit Jahrzehnten von Kind zu Kind weitergereicht….

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