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Sprünge von Türmen  —   1. Kapitel: DER VATER

Praxis ohne Theorie | #5

Meine Haushälterin klopfte an die Tür: „Das Abendessen ist fertig.“
––Ich versuchte verwirrt, die Zeiger meiner Uhr im Dunkeln zu erkennen. „Ist Claudia denn da?“
––„Aber ja! Seit einer Stunde schon! Sie hat sich wohl etwas hingelegt.“
––Ich schaltete das Licht an. Die Gegenstände stürmten auf mich ein, bedrängten mich. Ich stand auf und ging zum Esszimmer.
––Claudia kam die Treppe herunter.
––„Geht es dir wieder besser?“
––„Ja, viel besser. Ich merke kaum noch etwas. Ich wollte schon vorhin zu dir kommen, aber in deinem Zimmer brannte kein Licht. Ich dachte, du bist gar nicht zu Hause. Hast du die ganze Zeit im Dunkeln gesessen?“
––„Ja, ich habe nachgedacht!“
––Claudia breitete die Serviette über ihren Schoß. „Kommst du nicht weiter mit deiner Arbeit?“
––„Nein, ich komme nicht weiter.“

Wir aßen eine Weile schweigend. Endlich überwand ich meine Scheu. „Claudia, wenn du Sorgen hättest, ich meine, wenn du in Schwierigkeiten wärst, würdest du dann zu mir kommen? Würdest du mir vertrauen?“
––Sie sah mich misstrauisch an. „Ist etwas nicht in Ordnung?“
––„Das frage ich dich!“, sagte ich eindringlich.
––„Ach wo, du machst dir wieder überflüssige Gedanken! Ich sagte doch, ich spüre kaum noch etwas. Gestern – ach, ein andermal.“ Sie griff nach ihrer Serviette und warf sie achtlos neben den Teller. „Ich habe keinen Appetit mehr. Außerdem muss ich mich fertig machen. Ich habe noch eine Verabredung heute Abend. Ich habe es versprochen. Entschuldige bitte!“
––„Wem hast du es versprochen?“
––„Du kennst ihn nicht. Ich kenne ihn eigentlich auch nicht.“
––„Claudia, was ist mit dir?“
––„Mach dir keine Sorgen, und bitte, lass mich jetzt in Ruhe! Ich erkläre es dir später.“ Sie war aufgestanden und ging, ohne mich noch einmal anzusehen, aus dem Zimmer.
––Ich würgte mühsam die Bissen herunter, die ich auf dem Teller hatte und verließ dann, fast angewidert, das Esszimmer. In der Diele stieß ich auf unsere Haushälterin.
––„Sind Sie schon fertig?“
––„Ja, wir hatten beide keinen rechten Appetit.“
––„Ach!“ Enttäuscht verschwand sie im Esszimmer und kam kurz darauf mit einem voll beladenen Tablett zurück.
––Oben lief Claudia eilig hin und her.

Aus der Küche drangen ein säuerlicher Geruch und verschwommen durch Geschirrgeklapper und Wasserrauschen belanglose Radiomusik. Mir war, als würden Unruhe, Angst und Zweifel mit Eimern auf mich herabgeschüttet. Ich war durchtränkt, ich schauerte und konnte keinen Entschluss fassen. Ein paar Minuten werde ich so, halb betäubt, in der Diele gestanden haben, dann wandte ich mich zur Tür, die in die Praxis führte. Ohne mir Rechenschaft darüber abzulegen, was ich eigentlich vorhatte, lief ich immer wieder durch die Räume, aus denen meine Praxis bestand. Endlich blieb ich, selbst überrascht, vor einem der Schränke stehen. Ich wollte wenigstens nachsehen, ob meine ganze Sorge nicht völlig unbegründet war. Die Entscheidung war womöglich schon gefallen. Aufgeregt suchte ich in meinen Taschen nach dem Schlüssel. Ich zitterte so, dass es mir erst beim dritten Versuch gelang, ihn ins Schloss zu stecken. Hastig öffnete ich die Tür und ging in die Hocke, um die unteren Regale zu prüfen.
––„Was suchst du denn da?“
––Ich fuhr auf.
––„Oh, habe ich dich erschreckt? Das tut mir leid. Ich wollte nur sagen, ich gehe jetzt.“
––„Wohin?“, fragte ich verwirrt.
––Claudia sah mich an. Erstaunt? Vorwurfsvoll?
––Im Allgemeinen fragte ich nicht.
––„Ich erzähl’s dir später. Gute Nacht!“ Sie drehte sich um und ging hinaus.
––Einen Augenblick lang blieb ich unschlüssig stehen. Dann schloss ich den Schrank wieder ab, lief zur Diele zurück und zog mir einen Mantel über.
––„Wollen Sie auch noch weg?“, fragte meine Haushälterin erstaunt.
––„Ja! Ja, ich mache noch einen Spaziergang. Falls Herr Legendorff kommt, sagen Sie ihm … sagen Sie ihm, er soll einen Augenblick warten, oder nein, sagen Sie ihm, er soll morgen wiederkommen!“ Ich wartete keine Antwort mehr ab, sondern lief hastig hinaus, um Claudia nicht zu verlieren.
––Sie bog gerade in eine Querstraße ein, und ich beeilte mich, sie auf ihrem Weg zu verfolgen. Es war nicht schwierig für mich, ihren Vorsprung zu verringern, denn sie ging sehr langsam, so als hätte sie gar nichts vor – oder etwas, was sie gern hinauszögern wollte.

Die zweite Möglichkeit schien mir wahrscheinlicher – sie hatte den Kopf gesenkt. Ihre ein wenig geduckte Haltung drückte Unsicherheit und Beklommenheit aus. Doch es mag sein, dass mich meine Einbildung damals täuschte, denn ich folge Claudia in angemessener Entfernung auf der nur schwach beleuchteten Straße. Immer wieder habe ich mich seither gefragt, ob ich Claudia aus purer Neugier oder aus Sorge, etwa einer unheilvollen Vorahnung, nachging – oder ob es einfach Feigheit war, die hier einen willkommenen Anlass fand, aus dem Haus zu flüchten, in dem eine unangenehme Entscheidung auf mich zukommen sollte. Hatte ich Claudia schützen oder bloßstellen wollen oder war ich ohne jeden Plan kopflos vor meinem eigenen Unbehagen davongelaufen? Ich weiß es nicht, und ich sage mir täglich, dass das wahrscheinlich auch ohne Bedeutung ist, jetzt.

Heute kommt es mir so vor, als hätte ich diesen Spaziergang damals genossen, Schritt für Schritt. Aber das muss wohl ein Irrtum sein. Ich war voller Unruhe. Der Himmel war bedeckt. Es nieselte einen spärlichen Regen, der wie zerstäubtes Eis unsichtbar, unhörbar, unaufhörlich niederglitt und den Boden zu einem schwer begehbaren, hässlichen Schlamm aufgeweicht hatte. Die kahlen Bäume, die in unermüdlicher Einförmigkeit die Trennungslinie zwischen Fahrbahn und Bürgersteig markierten. Die Front der Häuser, die mir, schroff und klotzig, den Blick zu beiden Seiten versperrte – und vor mir Claudia: ein Wesen, das ich nicht kannte und zu ergründen suchte. Ich kann mich nicht erinnern, dass uns jemand begegnet wäre. Es gab nur uns beide und ein Stück kalter Straße, das ungefähr fünfzig Meter betrug: ein Abstand, ein Leben.
––Claudia näherte sich jetzt dem Park, doch ich erwartete nicht, dass sie ihn betreten würde. Umso größer war mein Erstaunen, als ich sie zwischen den ersten hohen Eichen, die den Weg säumten, verschwinden sah.
––Ich war nahe daran, umzukehren. Es kam mir plötzlich schäbig vor, meine eigene Tochter zu beschleichen. Aber ich unterdrückte diese Empfindung und folgte ihr in den Park.
––Vielleicht wollte sie auf diese Weise ein Stück abkürzen. Um Claudia auf den dunklen, verschlungenen Wegen nicht aus den Augen zu verlieren, musste ich den Abstand zwischen uns etwas verringern. Das kostete mich einige Mühen, denn ihr Schritt war freier und beschwingter geworden.
––Nach etwa zehn Minuten kamen wir auf einen langen, geraden Weg, den hohes Dickicht nach beiden Seiten hin abgrenzte. Claudia war schon fast am Ende dieser Strecke, als sie plötzlich stehen blieb und sich umwandte. Unwillkürlich blieb ich auch stehen und rührte mich nicht. Das war natürlich besonders auffällig. Ich war mir dessen sofort bewusst, und mein erster Schrecken wandelte sich in Ärger über mein ungeschicktes Benehmen. Aber es geschah nichts.
––Claudia drehte sich wieder um und war in wenigen Augenblicken hinter der nächsten Biegung verschwunden.
––Ich war verwirrt. Hatte sie mich nicht erkannt oder überhaupt nicht gesehen? Hatte sie der Gestalt, die stehen blieb, wenn sie sich umdrehte, keine Bedeutung beigemessen?
––Mir wurde unheimlich zumute. Ich begann, schneller zu laufen, vielleicht, um mir Mut zu machen, aber ich achtete darauf, leise zu sein. Als ich um die Ecke kam, glaubte ich zunächst an eine Täuschung, denn was ich sah, war so unwahrscheinlich und so überraschend, dass es kaum Wirklichkeit sein konnte.

Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Carolyn Franks (Mann), Pru Studio (Hand mit Stift) und Arkadiusz Fajer (Spritze), iodrakon (Augen), Juta (Frau mit Tasse), seligaa (Frau im Mantel)

28 Kommentare zu “Praxis ohne Theorie | #5

      1. Es scheint, dass der ein oder andere in dieser Geschichte schon lange gesprungen ist. Hinein in die eigenen Abgründe. Mal schauen ob bzw. wer in den nächsten Kapiteln noch einmal herausfindet.

      1. So extrem kenne ich das glücklicherweise auch nicht. Auch wenn in unserer Familie nie wahnsinnig viel über Gefühle und Probleme gesprochen wurde.

      2. Als besonders offen würde ich das Verhältnis zu meinen Eltern ebenfalls nicht beschreiben. Aber wenn es hart auf hart kam, waren beide trotzdem immer für mich da bzw. an und auf meiner Seite. Allein dafür muss ich ihnen dankbar sein.

  1. Kopflos beschreibt das Verhalten des Arztes wohl ziemlich gut. Wenn man in solch einer (zumindest scheinbar) aussichtslosen Situation mit seiner eigenen Logik überfordert ist, schaltet das Gehirn irgendwann aus.

    1. Sobald man emotional involviert ist wird es mit logischem Denken eh schwierig. Wenn es dann auch noch um so ernste Themen wie Drogenmissbrauch, Abtreibung etc. geht…

      1. Gerade deshalb ist es aber beeindruckend wie gut diese ‚Häppchen‘ hier funktionieren. Die Wartezeit zwischen den einzelnen Erzählstücken steigert die Spannung fast noch mehr.

      2. Ja das verstehe ich. Ältere Texte an die besonderen Eigenschaften eines Online-Blogs anzupassen funktioniert bestimmt nicht immer gleich gut.

  2. Der Ausspruch „Mach dir keine Sorgen“ ist wahrscheinlich einer der Hauptgründe warum Menschen sich Sorgen machen. In der Regel ähnlich wirksam wie „Beruhige dich“.

    1. Wann immer man versucht anderen Menschen zu sagen was sie machen sollen bzw. was sie nicht machen sollen, geht das meistens schwer in die Hose.

  3. Dieses Bild – im Dunkeln sitzen und Nachdenken – kenne ich aus vielen Büchern und Filmen. Mich hat diese Idee schon immer gewundert. Die Dunkelheit beklemmt mich persönlich eher als das ich dort Raum zum denken hätte.

    1. Als Kind hatte ich nachts oft Angst vor der Dunkelheit und machte das Licht an. Inzwischen schließe ich alle Rollläden und Jalousien, damit ich es völlig schwarz habe. Hitchcocks Trick war es, Grusel bei gleißender Helligkeit zu erzeugen.

      1. es gibt ja gerade wieder einen trend zum grusel in bunt. ich denke da z.b. an ari asters film midsommar. bei mir war es als kind aber auch eher der keller, der mich ins ängstliche schwitzen gebracht hat.

      2. In der Berliner Villa mit weggebombtem Dachgeschoss war der Keller groß, spannend und voller Geheimnisse. Später im Hamburger Doppelhaus war der Keller ein prosaischer Ort mit Kohleheizung und Weckgläsern voller Kompott.

      3. Bei uns war das wohl ein typischer Nachkriegs-/Kleinstadtkeller. Mit Partyecke und allem drum und dran. Recht wohl habe ich mich da als Kind trotzdem nie gefühlt. Keller bleibt ja doch irgendwo Keller.

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