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Sonntagspredigten

Geschmack

Liebe Feinschmeckerinnen, liebe Feinschmecker,

Themen gibt es ja nur wenige. Kunst ist der Trick, das Geläufige so umzumodeln, dass das Publikum denkt: „Oh, wie neu!“

Ein Beispiel:

Turandot, herausfordernd: „Prinz, begehrt Ihr mich?“

Der Prinz: „Holde Prinzessin, ist das Euer Rätsel? Meinem Haupt wird es mehr nützen, Euch zu begehren, als den Versuch zu unternehmen, Euch zu besitzen.“

Trudel, gleichgültig: „Hey Hinz! Willst mich bumsen, oder was?“

Hinz: „Ach Trudel, was fragst so blöd? Lieber stell’ ich mir das einfach vor und hol mir dabei einen runter. Für mich bleibt sich das gleich.“

So oder so: Nessun dorma. Geschlafen wird nicht. Nur Puccini ist entschlafen, bevor er das Schlussduett vollenden konnte. Manon Lescaut, La Bohème, Tosca, Butterfly – alle hat er sterben lassen. Endlich bleibt die Hauptdarstellerin mal am Leben – da stirbt der Komponist. Tragik hat oft mit Ethik zu tun. Geschmack dagegen nicht. Deshalb sagt auch der Vegetarier nicht: „Das arme Schwein!“, sondern: „Eisbein schmeckt mir nicht.“

Geschmackloses Essen ist fade, geschmackloses Reden skandalös. Durch Langweiliges quält man sich, Unverschämtes muss weg. Also fange ich lieber mit dem Langweiligen an – dem Philosophischen: Wer will bloß lecken, wenn er auch schlecken kann?



Hasenfüße tasten, Vielfraße schlingen. Die einen nähern sich dem Topf mit Andacht, die anderen putzen alles weg. Wenn jemand schon fertig ist, während ich noch sortiere, denke ich: „Der genießt das gar nicht.“ Dabei genießt er vielleicht nur schneller.



(Man lernt.)

Als ich 1958 mit meinen Eltern an der Mosel Kuchen aß, bekam meine Mutter Tee im Beutel. „Fabelhaft!“, sagte sie. Heute beurteile ich Cafés danach, ob sie mir losen Tee servieren. Geschmack ändert sich. Der Tee kam bei uns bald wieder aus der Dose.

Beim Fleisch blieb die Freude am Damaligen bestehen. In Danzig, wo meine Mutter aufgewachsen war, brauchte man das Kalbfleisch nur etwas zu salzen, und es schmeckte herrlich. Sagte sie. Geschmack und Erinnerung: ein weites Feld.

Zu viele Gewürze verderben den Brei genauso wie zu viele Köche. Im Mittelalter, als Gewürze noch kostbar waren, ließ der Fürst Safran, Kümmel und Kardamom auftragen. Wie es schmeckte, war egal. Hauptsache: angeben.

Heute sind uns andere Eigenschaften wichtig. Die von Hitler angestrebte Rein-Erhaltung des Blutes führt beim Menschen ohne belebenden Nachschub von außen zur Debilität – bei Lebensmitteln schätzen wir Reinheit durchaus. Schon meine fromme Großmutter sagte: „Der liebe Gott weiß alles. Bloß nicht, was in der Wurst ist.“

Wie Immanuel Kant nach dem „Ding an sich“ suchte, so suchen wir nach dem Geschmack an sich: Cornflakes sollen nach Kellogg’s schmecken, nicht nach der Papptüte, Wildbret nach Rehrücken, nicht nach Preiselbeeren. Ohne Würze schmeckt Fleisch allerdings wie in den Finger geschnitten. Salz war nie umsonst – es machte die Anwohner der Handelsrouten reich.

Wer am Straßenrand ein Löwenzahnblatt kaut und „unverfälschte Natur“ schmeckt, schmeckt vielleicht nur Hundepisse – aber ganz unrecht hat er nicht: Man soll nicht alles überwürzen. Das italienische Essen kommt ohne Dill und Estragon aus, die italienische Sprache ohne k, w, x, y und spricht das ‚H‘ nicht mit. ‚In der Beschränkung zeigt sich der Meister‘, schrieb Goethe. Achtzig Jahre später verlangte Oscar Wilde: ‚Man versehe mich mit Luxus, auf alles Notwendige kann ich verzichten!‘ Eine deutliche Geschmacksverschiebung.

Neben der Reinheit genießt heute die Nachhaltigkeit den besten Ruf. Ein Augenblick, von dem nichts bleibt – gab es den überhaupt? René Descartes auf die Füße gestellt: Er isst, also ist er. Ob es ihm schmeckt, ist eine andere Frage – vielleicht entscheidet nicht nur die Zunge, sondern auch das Gewissen.

Unverpacktes Gemüse, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, wenig Fleisch, Reste verwerten, Leitungswasser trinken, fair einkaufen. Da es hier um Geschmack geht, begnüge ich mich mit der Aufzählung und überlasse es dem Feingefühl der Lesenden, ob das geschmacklich relevant ist – oder bloß ehrenvoll.

Über Geschmack beim Essen zu schreiben, ohne Rezepte zu liefern, ist, als verkaufe man eine Drohne ohne Anleitung für den Zusammenbau oder einen Plan von Venedig ohne Kanäle.

Aber das Fernsehen strotzt vor Kochshows. Da bin ich zu bescheiden für einen eigenen Beitrag. Fast. Ich lese gerade so viel Schlimmes über Mali, dass ich mich frage: Morden die da nur oder essen die auch zwischendurch? Wen fragt man? Das Internet. Auf meine höfliche Anfrage nach einem Rezept antwortete ChatGPT prompt und leicht präpotent: ‚Klar! Tiguadege Na.‘ Dann schnurrte es mir die Einkaufsliste herunter. (Wichtig: Die Erdnussbutter muss ungesüßt sein!)

Für weitere Essensbetrachtungen ist Ihre Zeit zu schade. Aber an der Kleidung kommen wir nicht vorbei. Auch hier stellt sich die Frage: auffallen oder nicht?

Meine Mutter Irene behauptete, ihr Ideal sei es gewesen, nicht aufzufallen. Das halte ich für eine Legende – dafür kleidete sie sich zu extravagant, wie Fotos zeigen. Wahr ist: Sie war größer als alle anderen, auch als mein Vater. Als uneheliche, polnische Halbjüdin blieb man bis 1945 besser unter dem Radar. Später, als schiffstaufende Direktorengattin mit Mannequin-Maßen, durfte es durchaus etwas mehr sein.

Sich dezent und elegant zu kleiden, zeugt von Geschmack – der Übergang zu langweilig ist fließend (siehe Sahra Wagenknecht), der zu schrill auch (siehe Barbara Schöneberger). Manche schauen in den Spiegel und sagen: Mit schön wird das nichts, höchstens mit auffällig. Wo das Geltungsbedürfnis übernimmt, hat der Geschmack Pause. Mir ist eine Rolex nicht wichtig, aber pinke Schuhe zum pinken Polo-Hemd – das muss schon sein.

Mögen Rentner Altersheime in beige-graue Einöden verwandeln, so verwandeln Transvestiten die Kabarettbühne in kreischbunte Schmiere. Schlechter Geschmack als Markenzeichen ist so selten geworden wie Mayo zur Currywurst.

Nebensächlich war Kleidung nie. Im Ostblock trugen Funktionäre noch Schlips und Kragen, als kapitalistische Unternehmer ihre Volksnähe längst mit Jeans demonstrierten. Im Pullover zur Oper zu gehen ist eine Aussage – und kein guter Geschmack, während es längst üblich ist, im Pullover im Restaurant zu sitzen. Ein rot-violettes Kleid kann schäbig sein oder frappant. Es kommt auf das Material an: des Stoffs und der Trägerin. Gemeinhin gilt: Der letzte Schrei von gestern ist der erste Lacher von morgen.

Dass heute fast jeder tragen kann, was er will, ist neu, demokratisch und westlich. Früher regelten Kleiderordnungen alles: Wer was wann wo tragen durfte. Geschmack spielte eine untergeordnete Rolle – Vorschrift ersetzte ihn. Uniformen machten alle gleich: Rang sichtbar, Reichtum nicht. Mich schaudert es, wenn ich Paraden Uniformierter sehe. Gleichmacherei ist nicht mein Geschmack. Für Haute Couture fehlen mir allerdings Einfühlung, Geld und Interesse. Bin ich ein Banause?

Nö. Im Lokal sitze ich – ordentlich angezogen – in Erwartung guten Essens. Aber bitte nicht an einem Resopaltisch mit Plastikbesteck. Schlierige Gläser, Gabeln mit Resten zwischen den Zinken? Nicht mit mir. Für billig bleibe ich zu Hause. Sauberkeit kostet Geld. Persil oder Personal. Schmutz gibt es umsonst.

Der Wein kommt. Wenn ich genug davon trinke, geht es mir besser – oder schlechter – oder es bleibt gleich. Das spricht 2:1 fürs Trinken. Vor der Schlacht bekamen Soldaten Schnaps. Aufputsch- oder Beruhigungsmittel. Geht beides zugleich? In alkoholfreien Wochen genieße ich es, auf Genuss zu verzichten.

Ist die Beschäftigung mit Geschmack oberflächlich? Ich genieße es, oberflächlich zu sein: in der Oberflächlichkeit die Tiefe zu suchen – und dabei nicht wahnsinnig zu werden.

Ich trinke und stelle das geschliffene Kristallglas auf den silbernen Untersetzer, der auf einer weißen Damastdecke ruht. Ich ruhe auch. Das Essen kommt noch nicht, aber ich nenne das nicht warten. Ich nenne es genießen.

Im Alter nimmt man sich mehr Zeit. Man genießt ausführlicher. Wie die Herbstsonne vor dem Winter. Urinieren und Exkrementieren dauern inzwischen fast so lange wie Essen und Trinken. Der schnelle Strahl, der hastige Snack – vorbei. Es lebt sich so weiter, und plötzlich ist man tot.

Gern denke ich zurück an die Zeit, als ich noch alles konnte und nichts wollte. Sie war vielleicht schöner als die Zeit jetzt, in der ich zwar auch nichts will – aber auch nichts mehr kann.

Natürlich sitze ich nicht am erlesen gedeckten Tisch, sondern neben meinem Rechner vor dem Bildschirm mit einem griesgrämig schmeckenden Salbeitee (kein Beutel). Ich wollte nur von Essen und Kleidung zur Einrichtung überleiten – denn auch hier zeigt sich Geschmack.

Ein Vertrauter hat mir glaubhaft erzählt, dass er – sexhungrig – mit jemandem mitging und angesichts der Wohnungseinrichtung des Auserwählten seiner Erektion verlustig ging.

Die andere Geschichte halte ich für einen Witz: Angeblich trieben es (lange vor IKEA) trostlos verheiratete bürgerliche Paare heimlich auf den Schaubetten großer Kaufhäuser – in der luststeigernden Furcht: Gleich kommt der Abteilungsleiter! Oder, etwas weniger schlimm, der liebe Gott, der höchstens „Also, bitte!“ flüstert und für später auf die Hölle verweist.

Sage mir, womit du dich umgibst, und ich sage dir, wer du bist. Zwischen Chippendale und Bauhaus liegt ein Labyrinth an Geschmacksverirrungen. Und wo bei einer unproportionierten Vase oder einer überdimensionierten Puppe die Erinnerung spricht, hat der Geschmack Pause. Da kann der Hirsch röhren, der Schnee rieseln; es gibt den Schal, den „sie“ gestrickt hat, oder das Rezept, nach dem „er“ immer so rührend falsch gekocht hat. Sentimentalität schüchtert alle Sinne ein, auch den Geschmack. Da kommt die Dorade im Kristallglas mit Chablis auf dem Silberuntersetzer nicht an gegen die Drops aus dem Kästchen der Großmutter.

Geschmack ist ein unerschöpfliches Thema. ‚Trump ist ein selbstverliebter Drecksack.‘ – ‚Orffs Carmina Burana sind aufgeplusterter Bombast.‘ Das sind ernst zu nehmende Ansichten. Geschmacklos ist dagegen die Ausdrucksweise. ‚Wer auf dem Tisch, an dem die Speisen kredenzt werden sollen, keine handgehäkelten Klapperdeckchen zwischen Suppentasse und Essteller einfügt, der kann den Gästen das Souper auch gleich auf der Toilette servieren.‘ Einwandfrei formuliert – also geschmackvoll gesagt, selbst wenn man nicht zustimmt.

Eine Einigung wird man beim Thema Geschmack ohnehin nicht erzielen. Das muss uns nicht entmutigen. Über nichts lässt sich besser streiten. Und meist enden solche Kämpfe nicht tödlich, sondern kompromisslos friedlich.

Selbst aus echten Kriegen gehen inzwischen alle als Sieger hervor. Zumindest in den Verkündigungen, die sie selbst verfassen. Ganz nach ihrem Geschmack.

Euer predigender
Hanno Rinke


Eisinsel

55 Kommentare zu “Geschmack

  1. Also am schönsten fand ich den Schlussgedanken, dass Geschmacksstreitigkeiten meist „kompromisslos friedlich“ enden. Vielleicht gilt das wirklich nur noch beim Essen, bei Kleidung oder bei Musik. Umso wichtiger, dass wenigstens dort noch gestritten wird.

  2. „Wer will bloß lecken, wenn er auch schlecken kann?“ – allein für diesen Satz hat sich der Beitrag schon gelohnt. 😆

  3. Der heutige Text schmeckt tatsächlich wie ein langes Essen: mal bitter, mal süß, mal etwas zu scharf gewürz, aber nie langweilig. Und dass am Ende plötzlich Alter, Körper und Vergänglichkeit auftauchen, hat mich unerwartet getroffen.

      1. Man kann über alles streiten. Schön, wenn dabei ein Kompromiss herauskommt, der allen hilft.

      1. Erregung und Ernüchterung erwischen die unterschiedlichen Menschen an den unterschiedlichsten Stellen.

  4. Ein typischer Rinke-Spaziergang durchs Denken: von Tee über Hitler, Oscar Wilde und Currywurst zu handgehäkelten Klapperdeckchen.

  5. Ich finde ja spannend, dass hier Geschmack ständig moralisch gestreift wird, aber nie wirklich moralisch festgenagelt wird…

  6. Zwischen all den Beispielen und Abschweifungen entsteht ja fast ein seltsamer Trost: nämlich dass Geschmack offenbar nichts stabil ist, sondern ein dauernder Zustand von Verschiebung.

    1. Das sehen wir ja an der Mode. Immer das Gleiche erscheint uns eintönig. Vor dem 19.Jahrhundert war der Wechsel, glaube ich, langsamer.

      1. Ich trage immer noch Sachen aus den 80er Jahren. Wenn die Qualität stimmt, merkt es keiner. Und wenn doch? So what!

  7. Ein Satz wie „Er isst, also ist er“ bleibt natürlich hängen. Nicht wegen seiner Wahrheit, sondern wegen seiner eleganten Unverschämtheit 😉

  8. Dieses zweite Kapitel ist literarisch riskanter als das erste — und dadurch vielleicht sogar interessanter.
    „Hinter meinem Rücken“ war strukturell geschlossener. „Geschmack“ ist viel ausschweifender, assoziativer, hemmungsloser. Genau das passt aber zum Thema. Geschmack mäandert. Geschmack widerspricht sich. Geschmack behauptet Dinge mit völliger Sicherheit, die objektiv unhaltbar sind. Der Text führt das vor, statt es nur zu beschreiben.
    Und etwas Entscheidendes passiert hier:
 Im ersten Kapitel warst du vor allem Beobachter. Hier wirst du deutlicher zur Figur.

    1. Ich fand ja ich habe beim Lesen mehr über den Autor als über Geschmack gelernt. Vielleicht ist das aber auch der eigentliche Gegenstand des Textes. Jedes Textes.

  9. Ich finde ja der Text hat etwas leicht Rauschhaftes: als würde jemand beim Schreiben ständig den Tisch wechseln – von der Küche ins Museum, vom Bett in die Politik.

  10. Ich schwanke zwischen Zustimmung, Irritation und dem Gefühl, heimlich in ein sehr langes, sehr gut gekleidetes Gedankenprotokoll geraten zu sein. Interessante Predigt.

      1. Langweilig oder aufregend. Das bleibt nach der Logik wohl der Unterschied. Keine Ahnung.

      2. Das mit der Hose leuchtet mir nicht so ein. Wenn das bevorsteht, schalte ich auf Haferschleim und Zwieback.

  11. Ich frage mich seit dem Lesen, ob Geschmack nicht oft einfach Angst vor Peinlichkeit ist. Der Beitrag hat mich jedenfalls dabei ertappt.

  12. Also dass ein Text über Geschmack so oft von Schmutz, Körperfunktionen und Verfall handelt, fand ich überraschend passend. Geschmack scheint immer nah an seinem Gegenteil zu wohnen.

  13. Tja, ist die Beschäftigung mit Geschmack oberflächlich?
    Das finde ich eine interessante Frage. Meiner Meinung nach kann ja alles was einem Freude in diesem nicht unbedingt immer einfachen Leben schenkt, gar nicht oberflächlich sein. Schließlich geht es doch am Ende um nichts anderes, als ob man fühlt, dass das Leben erfüllt war oder nicht.

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