Drüber der Nacken, drunter die Backen, meine lieben Lesenden – so ist das bei uns allen. Aber was vor meinem Rücken passiert, also jenseits der Schultern und der Nieren, das beschäftigt mich besonders. Was ich nicht weiß, macht mich ganz heiß. Ich will alles sehen, hören, fühlen!
Fangen wir mit dem Sehen an!
Jakobsmuscheln, die ich gern Coquilles Saint-Jacques nenne, haben Dutzende kleiner blauer Augen am Rand ihrer Schale. Liegt die Muschel auf dem Meeresboden, sitzen viele dieser Augen praktisch auf ihrem Rücken.
Ich könnte also, das Gesicht im Sand, mit dem Hinterteil die Haie beobachten. Einzige Voraussetzung: Ich müsste eine Jakobsmuschel sein.
Will ich das?
Ich bin zwar verrückt, aber nicht wahnsinnig. Also vergesse ich das mal. Das Richtige zu vergessen, ist ja genauso wichtig, wie das Richtige zu behalten.
Wenn ich nun aber zwar Mensch bliebe, aber einer, der jakobsartig hinten Augen hätte – möglichst am Kopf, damit ich keine extravaganten Ausschnitte in meiner Garderobe bräuchte –, ginge es mir dann besser? Mit der Frisur würde ich das schon hinkriegen (oben Pony, unten Bart), aber wie käme mein Hirn damit zurecht? Wenn ich anfange, darüber nachzudenken, was der Mensch alles nicht kann, obwohl die Natur es für andere Lebewesen durchaus vorgesehen hat, dann werde ich entweder neidisch oder ehrfürchtig.
Der Steinadler zum Beispiel erkennt eine Maus aus mehreren Kilometern Entfernung. Wer will da noch Maus sein! Mir reicht es, das Kleingedruckte in Verträgen zu entziffern. Ohne Brille wahrzunehmen, dass höhere Gewalt (in meinem Fall also grober Unfug) nicht mitversichert ist und dass die Kraftbrühe Spuren von Erdnüssen oder Rindfleisch enthalten kann, das ist für meine Bedürfnisse mehr als ausreichend.
Noch interessanter ist der Fangschreckenkrebs. Er verfügt über bis zu sechzehn Farbkanäle. Wir Menschen haben drei. Das Tier sieht UV-Strahlen und polarisiertes Licht – lebt also in einer Wirklichkeit, die ich nicht einmal falsch kombinieren kann.
Und dann die Libelle: nahezu 360 Grad Rundumblick. Geheimnisse hinter ihrem Rücken? – Praktisch ausgeschlossen. Hasenohren beim Gruppenfoto? – Zwecklos.
Beim Hören hält das Große Mausohr die Ohren besonders gespitzt. Allerdings ist es eine Fledermaus. Sie nimmt Töne von bis zu 200 Kilohertz wahr, Menschen nur bis zu 20 Hertz. Ich noch weniger. Gäste, die mit mir fernsehen, verzweifeln an meiner Schwerhörigkeit. Motorradknattern erschließt sich mir ohrenbetäubend, da bin ich ganz Fledermaus. Flüstern dagegen vernehme ich so intensiv wie Maulwürfe sehen. Meine eine Hand spielt dauernd mit dem Lautstärkeregler der Fernbedienung, die andere greift ununterbrochen in die Pralinenschachtel.
Afrikanische Elefanten sind da besser dran. Sie hören Infraschall unter 20 Hertz und dadurch Artgenossen über viele Kilometer: Dating-Portale überflüssig. Gejagt werden sie auch nicht mehr, jedenfalls nicht legal. Konsequente Tierschützer würden eher nackt zur Oscar-Verleihung gehen, als sich mit fremden Fellen oder Federn zu schmücken.
Kehren wir ins Wasser zurück!
Der Blauwal nimmt tiefste Töne über Hunderte von Kilometern wahr. Über Wal „Timmy“, der mehr Aufmerksamkeit bekam als alle gleichzeitigen Kriege, verliere ich nur einen Satz – diesen. Wale, die sterben, bereiten Freude. Das, was uns die Veganer moralisch verleiden, heißt in der Natur: Nahrungskette. Im Wasser besonders gut zu beobachten.
Alles wird verwertet. Alles. Bartwürmer bohren sich mit Säure in die Knochen. Kein Mund, kein Darm, kein Ausgang. Praktisch.
Die Natur lässt nichts am Leben – und nichts umkommen.
Hässliches zu sehen, ist unerquicklich. Grelles zu hören, belästigt. Aber der Geruch – der ist unerbittlich. Hinter meinem Rücken tuscheln, meinetwegen. Hinter meinem Rücken Grimassen schneiden – geschenkt. Aber hinter meinem Rücken stinken? Das geht gar nicht.
Der Braunbär wittert Nahrung über zwanzig Kilometer. Das klingt beeindruckend. Man hofft bloß, dass man in dieser Entfernung nicht selbst noch als Nahrung gilt.
Der Bluthund besitzt 300 Millionen Riechzellen, wir etwa sechs Millionen. Was Hunde daran finden, an Laternenpfählen zu schnuppern, bleibt mir umso rätselhafter.
Und dann das Nachtpfauenauge: Das Männchen riecht das Weibchen über Kilometer hinweg. Romantik in Reinform – sofern man Antennen als Nasen akzeptiert. Die Weibchen bleiben ganz einfach sitzen. Ihnen reicht es, die Männchen nachmittags mit ihren Düften zu betören: Die willenlosen Galane gehen dann gleich auf die Suche. Schmeichelt also ein Herrchen erst am späten Abend: „Oh, du mein süßes Nachtpfauenauge!“, dann wird es sich bei dem angehimmelten Wesen fast immer um ein menschliches handeln. Hinter meinem Rücken mag passieren, was will. – Solange es nicht stinkt.
Damit zurück zum Menschen! „Ein schöner Rücken kann auch entzücken“, heißt es. Ob das unanständig gemeint oder nur gereimt ist, entscheidet jeder für sich. Was hinter meinem Rücken geschieht, ist selten freundlich. Wenn ein Freund heimlich eine Villa kauft, um sie mir zu schenken – gern. Sizilien wäre mir lieber als Spitzbergen. In allen anderen Fällen: eher nicht.
Manches versäumt man gern.
Dem Schaffner beim Knipsen zusehen, dem Metzger beim Schwein-Ausnehmen – das brauchte ich nie. Bei Heimlichkeiten ist es etwas anderes. Hinter meinem Rücken den Streuselkuchen aufzuessen – das trifft mich. Noch schlimmer ist allerdings, wenn gar nichts passiert. Manchmal, wenn ich etwas Unpassendes gesagt habe, höre ich hinter meinem Rücken infernalisch lautes Schweigen. Dann bin ich betreten. Oder ich werde aufmüpfig.
Wer mir den Buckel runterrutschen kann, bewundert meinen Rücken kaum. Wenn ich allerdings einer Gruppierung, die ich für falsch und schädlich halte, hochnäsig den Rücken kehre, statt etwas gegen sie zu unternehmen, dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn sie jenseits meines Rückens erst recht stolz und mächtig wird.
Wenn ich aber der Meinung bin, dass die Leute hinter meinem Rücken keine Revolution anzetteln, sondern nur schlecht über mich reden, dann zwinge ich mich erfolglos, das unerheblich zu finden. Ich rede lieber selbst schlecht über mich. Nur so kann ich gefallen. Mein neues Buch EISINSEL zu loben, käme mir nicht in den Sinn. Das wäre verkaufsschädigend. Allerdings spielt die Handlung zu Pfingsten, also am kommenden Sonntag. Das wäre womöglich verkaufsfördernd.
Typisch für mich: In einer edlen Konditorei stehe ich dicht hinter dem Rücken einer flotten Serviererin und binde ihr – ganz Kavalier – das adrett gestärkte, rosa gerüschte Schürzchen mit einer imposanten Schleife zu, sie dreht sich um und knallt mir die Schwarzwälder Kirschtorte in die Fresse. Ja, solchen Aberwitz produziert meine Fantasie am Ende, wenn ich mir am Anfang vorgenommen habe, heute mal philosophisch zu werden. Mit offenen Augen renne ich in mein Schicksal. Was hinter meinem Rücken geschieht, sehe ich nicht.
Aber ich stelle es mir vor.
Hanno Rinke




Herr Rinke, ich bin fasziniert. Vom Text und nicht zuletzt von den unzähligen Augen der Jakobsmuscheln. Ich musste gleich googeln ob das wirklich so stimmt wie Sie es zu Beginn der Predigt erzählen und finde diese strahlend blauen Augen äußerst beeindruckend.
Mir war auch erst gar nicht klar, dass Jakobsmuscheln im Gegensatz zu anderen Muscheln schwimmen können…
Die Natur ist unerschöpflich. Die menschliche Fantasie auch.
Ich weiss nicht warum, aber es ist nicht der Beitrag, den ich nach der Ankündigung der neuen Reihe erwartet hätte. Und ich freue mich über die Überraschung und Überschreibung meiner Erwartung.
Dann bin ich ja froh. Ich hasse es zu enttäuschen!
Ich habe die Eisinsel übrigens zu Beginn des Jahres gelesen und kann sie gerne für Sie loben. Das war ein Buch, was ich ziemlich schnell weggelesen habe.
Auch darüber bin ich froh. Der Lektor schrieb, er konnte zwei Nächte lang vor Entsetzen nicht schlafen.
Hahahaha
Das wäre doch der beste Slogan für den Buchrücken gewesen!
Zu spät!
Ich musste mehrmals lachen bei der Vorstellung, dass man mit 360-Grad-Blick vermutlich nie wieder entspannt essen könnte. Andererseits: Vielleicht wäre die Welt tatsächlich weniger intrigant, wenn wir Libellen wären. Oder sie wäre einfach nur unerträglich ehrlich.
Man will ja auch gar nicht unbedingt immer wissen, was hinter seinem Rücken passiert.
Wenn es einen betrifft, will man es wissen. Wenn nicht, geht es einen nichts an. Oder? Iran? Israel? Sich einmischen oder Mund halten? Da gibt es rückwärtig viele Fragen.
Vor allem wenn man weiss, dass hinter dem Rücken etwas wichtiges passiert, schaut man gerne hin. ALLES muss man deswegen trotzdem nicht mitbekommen.
Ich will gar nicht alles wissen. Man hat doch so schon genügend Sorgen.
Alles nicht, aber manches doch!
Am stärksten bleibt bei mir dieses Mal dieser Satz hängen: „Das richtige zu vergessen, ist ja genauso wichtig wie das richtige zu behalten.“
Nachtragende Menschen sehen das anders. Aber weder Beleidigtsein noch ständige Selbstvorwürfe machen das Leben schöner.
Nachtragend kann man sein, wenn einem die Beziehung eh nicht mehr wichtig ist. Solange man die Gegenseite schätzt, muss man über seinen Schatten springen.
Das Problem: Kränkungen von Menschen, die einem wichtig sind, bleiben länger haften.
Ich habe selten gelernt, dass ein Rücken so viel philosophisches Potenzial hat. Erst Muscheln mit Augen, dann der moralische Elefant im Raum – oder besser: im Rückenfeld. Und am Ende bleibt man mit der sehr menschlichen Erkenntnis zurück, dass das Unsichtbare meistens lauter ist als das Sichtbare. Lieben Dank für das Lehrstück und einen schönen Sonntag!
Danke. Die anderen Körperteile werden in dieser Staffel des Blogs allerdings nicht im selben Ausmaß gewürdigt werden.
Nicht mal das Sixpack?
Definitionsfrage.
Interessant. Der Text kippt angenehm unmerklich vom Naturkundemuseum in die menschliche Abteilung der Selbsttäuschung. Besonders dieser Moment mit dem „infernalisch lauten Schweigen“ hinter dem Rücken trifft ziemlich genau diesen merkwürdigen sozialen Raum, in dem nichts gesagt wird und doch alles passiert.
Das ist ein sehr starker Auftakt für den ganzen Zyklus. Das Pendeln zwischen Bildung und Albernheit, Naturwissenschaft und Eitelkeit, Welterklärung und Tortenwurf. Vor allem aber: die Bewegung vom scheinbar objektiven Thema zurück zur eigenen Person. Genau dadurch bekommt der Text Persönlichkeit und bleibt nicht bloß ein origineller Essay über Sinnesorgane.
Ziemlich genau das hat mir daran auch gefallen. Der Text bleibt ja nie bei der bloßen Pointe, sondern kippt immer wieder zurück ins Persönliche und Menschliche. Dadurch wirkt das Ganze nicht geschniegelt-intellektuell, sondern lebendig und eigensinnig. Und dass am Ende ausgerechnet die Schwarzwälder Kirschtorte gewinnt, ist sowieso große Literatur 😉
Beim nächsten Mal muss ich mir aber einen anderen Kuchen ausdenken, damit jeder ein Stück nach seinem Geschmack bekommt, was zum Titel des nächsten Beitrags passt.
Ein Stück Frankfurter Kranz bitte.
Jeder nach seinem „Geschmack“!
Hinter dem ganzen Witz steckt doch etwas ziemlich Unruhiges: diese Vorstellung, dass man nie kontrollieren kann, was andere denken, sagen oder tun, sobald man sich umdreht.
Na ja, über etwas ganz Ruhiges lohnt es sich ja auch kaum zu schreiben.
Die Szene in der Konditorei möchte ich gerne sehen 😆
Man denkt an Loriot
Aber ganz so slapstickhaft war er dann doch nicht. Ich habe ihn persönlich kennengelernt und fand ihn erschreckend seriös.
Warum verwundert mich beides nicht?
Weil Sie Fantasie haben.
Und weil man den Autor (oder zumindest seine Texte) kennt.
Das verschmilzt bei mir.
Mein Lieblingsmoment ist der Satz über das „infernalisch laute Schweigen“. Das kennt wahrscheinlich jeder, der einmal versucht hat, geistreich zu sein und erst hinterher merkte, dass der Raum plötzlich zu still wurde.
Immer noch besser, als gar nichts riskiert zu haben.
Es liegt für mich ein subtiler Humor darin, dass ausgerechnet die Natur als Beispiel für totale Durchsichtigkeit herhalten muss – während der Mensch gleichzeitig im völligen Nebel seiner eigenen Vermutungen steht.
Der Mensch strauchelt und versagt. Manchmal kämpft er sich durch. Vielleicht ist genau das seine Natur.
Die Natur kennt keinen Irrtum. Was nicht funktioniert, wird nicht weiterentwickelt. In der menschlichen Technik funktioniert es ähnlich. Nur, dass der Mensch sentimentaler ist als die Natur.
Was passiert mit den ganzen AfD und Trump-Wählern? Sterben die im nächsten Evolutionsprozess aus? Oder doch wir alle?
„Survival of the Fittest“, das wissen wir seit Darwin.
Dann haben wir ja gute Chancen. Zumindest im Vergleich zum Otto-Normal-AfD-Wähler.
Ich lese gerade, dass AI uns 10 zusätzliche gesunde Lebensjahre bringen soll. Unseren Kindern zumindest. Ich hoffe die müssen den Weltuntergang nach dem Klimakollaps trotzdem nicht mehr miterleben.
Nee, besser vorher sterben.
(Bisher hat der Mensch sich aber in letzter Minute immer noch etwas einfallen lassen.)
Kann die KI sich nicht um den Klimawandel kümmern?
Das tut sie sicher schon.
Die KI sitzt wahrscheinlich längst verzweifelt vor ihren Berechnungen und denkt sich: „Nee, mit diesen Menschen arbeite ich nicht noch zehn Extrajahre länger.“
Das Schöne – oder Unheimliche an der KI: sie kann nicht verzweifeln.
Trotzdem gab es doch diesen Versuch, wo eine KI in Panik geriet und entgegen ihrer Vorgaben eine komplette Sammlung an Datensätzen löschte. Ich erinnere mich nicht mehr genau an die Details, aber daran, dass ich überrascht war, dass man das mit solch einer menschlichen Begründung erklärte.
Ich kann mir das nur als einen missverständlichen Befehl erklären.
Wenn ich mir die momentanen globalen Probleme anschaue, die Politik, die sozialen Fragen unserer Zeit, die Zukunft mit der KI, dann scheint mir der Mensch tatsächlich sehr im Nebel zu stehen.
Das tat er immer. Auch als er noch an den Donnergott Thor glaubte.
Wenn gar nichts passiert tritt bei mir recht schnell die Langeweile ein. Im Urlaub schaffe ich 2 Tage am Strand. Danach brauche ich wieder Beschäftigung.
Das bewahrt vor Hautkrebs.
Der Text hat doch etwas angenehm Ungehorsames. Er hält sich nicht lange bei einer Idee auf, sondern probiert sie aus, verwirft sie, überdreht sie wieder. Denken in Bewegung quasi.
Denken ist doch Bewegung.
Ich werde künftig keiner Jakobsmuschel mehr trauen. Wer so viele Augen hat, weiß eindeutig zu viel über andere.
Wenn sie einmal im Bauch gelandet sind, dann sehen sie ja nichts mehr 😉
Unterschätzen Sie Ihren Bauch nicht!
Nach dem Beitrag schaut man automatisch misstrauischer über die eigene Schulter. Ob es wegen der Torte ist, oder weil man eben doch noch den neuesten Klatsch mithören will. Vielen Dank für den unterhaltsamen Text. Bis nächste Woche.
Misstrauisch oder wie Sie erwartungsfreudig.
Meistens ist was hinter dem Rücken geschieht wahrscheinlich total banal. Aber in der Fantasie wird daraus sofort ein Drama, eine Intrige oder wenigstens eine Tortenschlacht. Unser Gehirn sucht ja nach Input.
Meines sucht momentan eher nach Ruhe und Recovery. Aber klar, wachsam bin ich wohl trotzdem. Man weiss ja nie, was gerade passiert. Zur Zeit scheint immer alles möglich.
In der Politik ja, in Ihrem Priatleben: Das kann ich nicht beurteilen.
Die Verbindung zur Eisinsel ist ja gelungen. Ich muss das Buch immer noch lesen…
Auf Ihre Einschätzung bin ich gespannt.
Die Natur scheint viel besser ausgestattet als der Mensch. Mehr Augen, mehr Ohren, mehr Geruchssinn, mehr alles. Und trotzdem scheint niemand so nervös zu sein wie wir, die mit unseren drei Sinneskanälen versuchen, alles zu kontrollieren.
Wir sind ja Teil der Natur, nur ein mit Bewusstsein ausgestatteter. Deshalb werden wir nervös.
Ich wünschte immer wir wären auch mit mehr Intelligenz ausgestattet.
Dass die Intelligenz so unterschiedlich verteilt ist, lässt einen ja ein bisschen an Gottes Gerechtigkeitssinn zweifeln, und dass Jesus die preist, die geistig arm sind, spricht auch dafür, dass, ihnen zu glauben, für die Verkünder praktischer ist, als sie zu hinterfragen.
Ein ziemlich bitterer Gedanke; und gleichzeitig einer, der sich schwer abschütteln lässt. Vielleicht ist genau diese Ungleichverteilung der Grund, warum wir überhaupt so viel über „Natur“ und „Bewusstsein“ nachdenken: weil wir merken, dass das Instrument, mit dem wir es verstehen wollen, selbst Teil des Problems ist.
Zuckersüß ist nicht vorgesehen. Wenn Sie an den kommenden Sonntagen meine weiteren Betrachtungen über die Sinne lesen, werden Sie Beispiele dafür finden, wie man das Bittere in sein Geschmackserlebnis integrieren kann.
Irgendwie bleibt mir weniger ein „Thema“ als ein Zustand hängen: dieses permanente Mitdenken dessen, was man gerade nicht sieht.
Das ist vielleicht eine Einstellungssache. Vielleicht ist es eine Veranlagung.
Wahrscheinlich beides. Manche Menschen scheinen von Natur aus entspannter mit dem Unsichtbaren zu leben, andere ergänzen gedanklich sofort jede Lücke mit Möglichkeiten, Vermutungen oder kleinen Katastrophen.
Das Zweite finde ich ja spannender.