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Geschichte

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Unser Weihnachtsfest

Alle Jahre wieder, aber nicht alle Jahre etwas Neues. Meiner Schilderung von 2018 habe ich nichts hinzuzufügen und deshalb stelle ich sie so, wie sie ist, nochmal in meinen Blog, getreu dem Motto: Wer will nochmal, wer hat noch nicht? Allen Leserinnen, Lesern und Legastheniker*innen ein frohes Fest!

Der Dezember kann ganz schön sein. Nicht nur in Australien, auch in Europa: Die im November noch ärmlich belaubten Bäume strecken ihre kahlen Häupter jetzt selbstbewusst einem trüben oder schrillblauen Himmel entgegen, und die törichten Weihnachtsmärkte, die bereits am Totensonntag als konsumorientiertes Ärgernis aufmuckten, fügen sich inzwischen, allseits gemocht, lieblich ins punschselige Stadtbild ein. Erinnerungen an die Kindheit „träumen auf“, unvermeidlich. Erinnerungen an Attentate natürlich auch.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Besonders lebhaft weht mich jener Adventsnachmittag an, an dem ich ja eigentlich nicht nur die Tüte mit den Butterspekulatius aufreißen, sondern auch die Kranzkerzen hatte entzünden wollen, mich dann aber, als später der Tee eingegossen wurde, doch nicht traute. Ungeschickterweise hatte ich mich mit meiner Absicht bereits am Mittag gebrüstet; solche voreiligen Erklärungen erweisen sich nur allzu oft als Fehler in der Biografie Entschlossener, und die Schande folgt dem Scheitern wie das Sodbrennen auf die Dominosteine: Die ganze Feierstunde über schimpften meine Eltern auf mich ein, was für ein schlimmes Kind ich sei, womit sie wohl recht hatten, ohne dass ihre Vorhaltungen einen Beitrag zu meiner Wandlung geleistet hätten. Hans Christian Andersens „Mädchen mit den Zündhölzern“ war tausendmal tapferer als ich Memme. Was sollte bloß aus mir werden? Na ja … wie vielen Damen und Herren habe ich später ordentlich Feuer gegeben? Wie viele Joints habe ich entfacht? Wie viele Cartier-Feuerzeuge habe ich verloren? Aber diese erfreuliche Entwicklung konnten meine besorgten Eltern natürlich nicht vorausahnen. Immerhin wurden bei uns vom ersten Advent an gleich alle vier Kerzen angezündet. Wenn ich schon ein verlorenes Einzelkind war, dann sollte ich mich nicht auch noch drei Wochen lang bis zum Erstrahlen des gesamten Tannenschmucks durchkämpfen müssen, sondern von Anfang an zu Zimtduft und steinhartem Kandis den verheißungsvoll glänzenden Vierer genießen dürfen. Das Getue um „jede Woche eine Kerze mehr“ wurde von meinen Eltern als kleinbürgerliche Duselei gebrandmarkt. Wie schön, wenn stattdessen die vorfreudig gestimmte Familie am nächsten Sonntag wieder auf vier gleich lange Glimmstängel herabblicken kann und nicht die eine Kerze mit verklebtem Docht fast am Ende ist, während die andere noch gar nicht weiß, was ihr blüht! Nein, inhaltentleerten Konventionen wurde in unserem Wohnzimmer kein Raum gegeben.

Deshalb war oberflächliches Brimborium bei uns zuhause verpönt: Der Weihnachtsmann wurde als schnöde Werbefigur verachtet, und das Christkind lag in der Krippe, wo es hingehörte; denn Geschenke – die bekam ich von meinen Eltern: um fünf Uhr nachmittags, so war es Sitte. Wir alle waren dergestalt feierlich aufgemacht, wie es der jeweilige Kleiderschrank hergab. Bei mir reichte das dann bloß zum weißen Hemd mit Fliege; da hatte meine Mutter mehr zu bieten. Trotzdem! Selbst heute noch würde ich niemals, nicht mal für die allerletzte Abonnement-Vorstellung, ein Opernhaus in Jeans betreten, geschweige denn, meine Angehörigen an hohen Festtagen durch Hausschuhe unterm Esszimmertisch erschrecken. Die aufnahmebereite innere Verfasstheit, die schlampig angezogene Ignoranten gegen die Würde der angemessenen Bekleidung auszuspielen trachten, ist denen, die man durch ein stimmungsschädigendes Erscheinungsbild beleidigt, völlig schnuppe. Bei uns trat man gebügelt vor den Weihnachtsbaum.

Soweit ich mich erinnern kann, freute ich mich nicht besonders auf die Geschenke. Ich hoffte nur, dass sie so wären, dass ich meinen Eltern einigermaßen glaubhaft „Freude“ würde vorspielen können. Eigentlich hatte ich ja alles, was ich brauchte, und Süßigkeiten mochte ich sowieso nicht. Die jahrelang aufgereihten Schokoladenweihnachtsmänner und Osternester hielten sich in meinem Kinderzimmerschrank noch länger als die Suppen-Konserven im Keller meiner Mutter. Nur als ich einmal einen elektrischen Herd bekam, war ich ganz Feuer und Flamme. Zusammen mit meinen ebenfalls entzückten Cousinen kochten wir am nächsten Tag so lange Schokoladenstücke weich, bis man das zierliche Töpfchen wegschmeißen konnte. Wirklich ungenießbar war aber vor allem das Zonen-Zuckerzeug meiner aus Thüringen angereisten Großeltern. Tja, wenn man sowieso keinen Hunger hat, dann schmeckt Mittelmäßiges ganz schnell richtig schlecht. Betroffen davon sind vor allem Alt-DDRler: Am liebsten einen Germanex und die Grenzen dicht. Unsere Brüder und Schwestern in England dienen als Vorbild, wie man sich in den Stuhlgang reiten kann. Manchmal frage ich mich, was wäre, wenn nicht ein älterer Herr, sondern ein charismatischer Hitzkopf die AfD leitete. Andererseits: Die älteren Chemnitzer sind es noch gewohnt, von scheinheiligen Opas regiert zu werden. Der Oma-Süßkram schummelte wenigstens nicht, sondern sah schon erkennbar scheußlicher aus als Westware. An weitere Beiträge meiner Großeltern zum Fest kann ich mich, der zwar nichts geschenkt bekam, aber doch „alles“ wollte, nicht erinnern. Meinen Unmut darüber zu verschweigen, lehrten mich meine Eltern; Barmherzigkeit ist nicht angeboren, aber erlernbar.

Die Geschenke waren bei uns nicht eingepackt. Man sah gleich die ganze Bescherung. Später, in den Siebzigerjahren, führte ich das Einwickeln der Gaben ein, was meine gestresste Mutter als unnötige Amerikanisierung des Brauchtums beklagte und lieber der Parfümerie Douglas überließ. Das traute Fest mündet in Verpackungsberge, die vor der Bescherung Spannung erzeugen sollten und später in den überquellenden Papiertonnen darauf hoffen, recycelt zu werden.

Verpackungen sind häufig Täuschungsmanöver: in der Politik wie in der Liebe. Meine Eltern fanden es richtig, mich nicht zu belügen, weshalb Osterhasen und ähnlichen Gestalten der Zugang zu mir verwehrt blieb. Ich habe das Gesocks auch nie vermisst und schon im Kindergarten die Einfältigen verachtet, deren Eltern sie mit Klapperstorch und schwarzem Mann aufzogen, modern: verarschten. Es gab so viel Gespenstisches und Märchenhaftes in unserem aus einer Ruine zurechtgeflickten Haus und in meinem von Träumen berstenden Schädel, dass weitere putzige oder bedrohliche Figuren überflüssig waren.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Am ersten Feiertag wurde in die Kirche gegangen, weil sich das so gehörte, ohne dass die Botschaft von Liebe und Freude in meiner unmittelbaren Umgebung überstrapaziert worden wäre. Die deutsche Wirklichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg gab keinen Anlass zu ausufernder Dankbarkeit. Allerdings waren meine Großeltern, meine Mutter und ich meinem Vater dankbar dafür, dass er so schönes Geld verdiente, und das sogar rechtmäßig, was damals keine Selbstverständlichkeit, aber für die Erwachsenen doch beruhigend war. Da konnte man mit reinem Gewissen die Geschenke vom Gabentisch einsammeln.

Bei uns wurden niemals Weihnachtslieder gesungen, wie das im Kindergarten und wohl auch bei bigotten Spießer-Familien der Fall war. Unser aller Stimmen konnten unseren gehobenen Ansprüchen nicht gerecht werden, sahen wir ein, und falsch oder mickrig zu krähen, das wollten wir weder einander noch dem Herrgott zumuten. Bei uns kamen die Weihnachtslieder vom Plattenteller: erst Schellack, später Vinyl. Meine Mutter weinte bei „Stille Nacht“ trotzdem oder deswegen kurz ab, vor Rührung oder weil es dazugehörte, und ich fand es angenehm modern, dass in unserem Haushalt zeitgemäße Technik die Familiensingerei überflüssig machte: Plötzlich mal nicht altmodisch sein und nicht tun, was üblich war. Tradition und Überraschung, das waren Gegensätze – bis ich später die Überraschung zum Prinzip erhob.

Das Abendessen wurde gegen achtzehn Uhr, also eine Stunde früher als sonst, angerichtet, und die Hausangestellte durfte mitessen – im Esszimmer! Das ist christlich. Unser feines Porzellan kam auf den Tisch, und die lange, elfenbeinfarbene Decke mit Lochstickerei, die auch noch, leicht beschmutzt, die folgenden Feiertagsessen zierte. Anschließend musste die zwar in die Wäscherei, dann aber erst im nächsten Jahr wieder aus der Kommode auf den Tisch.

Der Karpfen hatte mildes bis modriges Fleisch und so raffiniert versteckte Gräten, dass die Kartoffeln mit zerlassener Butter der angenehmere Bestandteil der Mahlzeit waren. Ich zerpflückte mir mein Fischteil zu einer Art Mus, aus dem ich die Gräten mit den Fingern herauserntete, was stillschweigend geduldet wurde. Auch die Kartoffeln durfte ich ausnahmsweise in der Soße zerquetschen. Bei manchen meiner Ausfälle wurde die Straflosigkeit mit dem nachsichtigen Halbsatz begründet: „weil Weihnachten ist …“, was natürlich hieß: Ab Neujahr wird es nicht mehr geduldet. So funktionieren Rituale nun mal: An Heiligabend, und niemals sonst, musste es Karpfen geben, polnischerweise mit Sauerkraut aus dem Herkunftsland meiner Mutter. Auch mein oberschlesischer Großvater und meine rheinische Großmutter kannten es nicht anders, bis auf den Kohl mit Steinpilzen. Gänsebraten oder gar Würstchen mit Kartoffelsalat wie auf einem Kindergeburtstag wären nicht katholisch gewesen, und die Bloßstellung der Heuchelei für diese religiös bedingte Speisevorschrift kam gleich mit auf den Tisch: „Weil die fleischlose Fastenzeit erst am 25. Dezember endet“, erklärte mein Vater, „haben sich die frommen Gläubigen für ihr Heilig-Abendmahl den fettesten Fisch, der im Wasser schwimmt, auserkoren – war ja kein Fleisch, also keine Sünde!“

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Vor dem Karpfen gab es grundsätzlich Schildkrötensuppe, manchmal auch als „Lady Curzon“ mit Curry und Sahne, eigentlich, bis Lacroix 1984 die Produktion einstellte, was dazu führte, dass wir dem Artenschutz im Besonderen und dem Umweltgedöns im Allgemeinen äußerst reserviert gegenüberstanden und ab 1990 auf klare Ochsenschwanzsuppe ausweichen mussten. (Sechs Dosen der verbotenen Delikatesse hatte meine Mutter vorsichtshalber schon gehortet, so dass wir problemlos bis weit über das Verfallsdatum hinaus auskamen.) In unserer Nachbarschaft war die Natur stets bestens in Ordnung, allenfalls die Häuser verschandelten die Umwelt; und wenn die Schildkröte wegen ihres Wohlgeschmacks doch mal von der Erde verschwinden sollte, wie vor ihr schon Millionen anderer Lebewesen aus allen möglichen Gründen, dann kann der Mensch ja immer noch seine Mahlzeiten mit etwas Nicht-Ausgestorbenem bestreiten, bevor er selber ausstirbt.

Als Nachtisch, der in diesem Fall Anspruch auf die Bezeichnung „Dessert“ hatte, gab es Halbgefrorenes, und zwar aus Schattenmorellen, die im Sommer entweder wir oder, schöner, unsere Hausangestellte und der Chauffeur gepflückt hatten. Gartenarbeit lag uns dreien nicht so, wir lagen lieber in der Hängematte. Aber der Pflicht des Einkochens entzog sich meine Mutter im Juli nicht, sollte doch für die im Winter anstehenden Weihnachtsfrühstücke ausreichend eigene Konfitüre bereitstehen, nicht bloß Kaufmarmelade! Die Heim-Schlemmerei wurde streng nach Datumsangabe des Etiketts aus dem Keller geholt (also immer mit drei bis vier Jahren Verzögerung), enthielt ganze, entsteinte Kirschen und wurde in Scheiben auf den Stollen gelegt. Sie kam aus gutem Grund im Weckglas auf den Tisch, der Feierlichkeit halber allerdings auf einer zum Geschirr passenden Untertasse. Löffel hatten in dieser Substanz keine Chance, aber mit dem Messer konnte man größere Brocken aus dem Glas klauben. Der Geschmack war ganz herrlich und unterstrich die gegorene Süße der Rosinen im Stollen hochweihnachtlich. Nur ein Backenzahn erschrak von Zeit zu Zeit, wenn das mit dem Entsteinen doch nicht so gut geklappt hatte.

Neben der roten, häufig ins Bräunliche spielenden Konfitüre, die zu hohen Festen gereicht wurde, gab es noch die größeren Einweckgläser mit Kirschen, die lose in ihrem Saft schwammen. Sie hatten die Ehre, mit geschlagener Sahne vermischt und im Tiefkühlfach des Eisschranks gefroren zu werden. Anschließend übertrafen sie die Konfitüre an Festigkeit um ein Vielfaches. Das Abschneiden der ersten Scheibe misslang meist, aber das war ja egal. Da saßen wir halt noch ein Weilchen besinnlich beisammen, nur von Zeit zu Zeit sprang mein Vater auf, um eine herunterbrennende Kerze auszupusten und so einen Zimmerbrand zu verhindern, oder ich legte eine neue Platte auf, wobei an Heiligabend natürlich Schlager als Hintergrund ausschieden.

Lagen die süßsauren rosa Scheiben endlich auf dem Teller, dann warteten meine Eltern gern noch ein paar Minuten; sie mochten nämlich beide kein Eis, besonders nicht oben am Gaumen. Den richtigen Augenblick abzupassen, in dem der Matsch kein Klumpen mehr war, aber noch keine Brühe, das war alljährlich Teil des Vergnügens.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr trank mein Vater, bevor meine Mutter die Tafel aufhob, den letzten Schluck Wein aus; der stand ihm zu, wie auch die Bäckchen unterm Auge des Karpfens, und beides neidete ich ihm nicht. Die Weinflaschen verbrachten genauso viel Zeit im Keller wie das Eingemachte, nur wurden sie nicht eigengefertigt, sondern angeliefert, nicht sehr oft, aber stets im Sommer; das hieß: Bevorratung. Die Flaschen waren schlank und aus hellbraunem Glas. Ihr blasser Inhalt reizte mich nicht, nicht mal oben in den geschliffenen Gläsern. Da sah er dann wie Apfelsaft aus, von dem ich immer Durchfall bekam. Die Flaschen hatten Etiketten mit bunten Wappen, die schon vor der Lagerung verstaubt wirkten, und sie trugen abstoßende Namen wie „Schloss Rabenstein“ oder gar „Liebfrauenmilch“; Milch mochte ich sowieso nicht, und angeblich liebe Frauen waren mir auch nicht geheuer. Kakao fand ich süßlich-schleimig, Sprudel langweilig, stilles Wasser erst recht; zu besonderen Anlässen und im Lokal gab man mir Traubensaft, ansonsten wurde mir dünner Tee aufgezwungen. Trinken war ein großes Problem, nicht für mich, aber für meine Eltern; denn weil ich nie Durst hatte, lag mir nichts daran, meinen Flüssigkeitsbedarf zu decken. Das änderte sich grundlegend, als ich achtzehn war. Schon mit Anfang zwanzig hatte ich dank lieber Hilfe bereits vor dem Hauptgang die erste Flasche leer, und fachmännisch entkorkte ich angstlos die zweite, während mein Vater den Karpfen aus seinem blauen Kleid pellte. Nachschub besorgte ich nun wöchentlich vom Handel und achtete streng darauf, dass nichts von Rhein oder Mosel über die Schwelle kam. Seit ich die fünfzig überschritten habe, trinke ich sogar Espresso, ohne Magenbeschwerden zu befürchten.

Schon vorher, als ich erst sechzehn war, hatten meine Eltern den Mut aufgebracht, sich ein Fernsehgerät zuzulegen. Bis dahin war ihre Furcht vor Streitereien mit mir über Zubettgehzeiten stärker gewesen als ihr Unterhaltungsbedürfnis. Dann aber brach das Phänomen „TV“ auch über uns herein und hätte wohl noch erheblicher zur Gestaltung der Heiligen Abende beigetragen, wenn nicht mein durch Musikstudium ausgebildeter Geschmack den weiteren Verlauf der Feierlichkeiten maßgeblich beeinflusst hätte. So mag sich mein an sich Künstlerischem aufgeschlossener Vater bei „Winterreise“, Mahlers fünfter Sinfonie oder der dritten Mozart-Klavierkonzertaufnahme nach den Zeiten zurückgesehnt haben, als ich mit ein, zwei Caterina-Valente-Platten pro Abend zufrieden zu stellen gewesen war.

Die zweifellos golden durch alle Räume schwebende Feierlichkeit unserer Weihnachtsabende hatte also wenig mit dem erhebenden Wissen zu tun: „Heute vor neunzehnhundert und ein paar zig Jahren wurde, Gott sei Dank aus einer Jungfrau heraus, der Heiland geboren, der uns dann ab Ende März alle erlösen wird“, aber viel mit der Verankerung in einer Tradition, die mit uns fortlebte und in der wir uns geborgen fühlten. Wir waren uns nicht sicher, wie das alles so gewesen war, damals in Bethlehem, aber die Silbersauciere mit flüssiger Butter stand fest, wenn auch nicht unverrückbar, auf dem Tisch, und Gott stand mir lange Zeit näher als mein Vater: Zu Gott konnte ich auch schon beten, wenn mein Vater noch im Büro war. Im Laufe der Jahre hatte es sich dann aber als effektiver erwiesen, die Wünsche an meinen irdischen Vater zu richten. Und was die katholische Kirche behauptete und verlangte, fasste meine Mutter so zusammen: „Für die einfachen Leute ist der Glaube sehr gut.“ Für die weniger Einfachen, die so gar keine Lust auf Revolutionen haben, auch, besonders, um die Unbetuchten ruhig zu stellen, dachte ich mir dazu.

Seit mein Vater nicht mehr dabei ist, also seit fünfzehn Jahren, ist der gusseiserne Berliner Fischtopf verwaist. Inzwischen habe ich an Heiligabend schon Hummer oder Gans oder Kaviar und Foie gras gegessen, aber immer noch bläut der Karpfen in meinem Herzen. Immer noch mag ich Weihrauch. Ich bin ein Verfechter von Liturgien, vor allem lateinisch vorgetragenen; und ich wünsche allen Menschen, die Gutes tun, Frieden. Zu ihnen möchte ich gehören. Ihr „Gloria in excelsis deo“ habe ich seit langer Zeit schon eher routiniert als begeistert mitgemurmelt, aber wenn ich eine Kirche betrete oder verlasse, greife ich immer noch ehrfürchtig ins Weihwasserbecken und schlage das Kreuz.

Manchmal denke ich, vielleicht erbarmt sich Gott nur derer, die nicht an ihn geglaubt hatten. Die Gläubigen hatten ja schon genug Trost zu Lebzeiten.

Habt ein lebenswertes, liebenswertes 2020, und habt recht mit dem, was ihr euch denkt und wünscht!

Hanno
Weihnachten 2019

52 Kommentare zu “Unser Weihnachtsfest

      1. Die Wahl zwischen „Sissi im Glück“ und „Der blutige Mord auf der Kirchhofsmauer“ (Ausdruck meines Vaters) fällt immer schwer. Demokratisch ist dem nicht beizukommen. Der, der die teuersten Geschenke gemacht hat, entscheidet.

  1. Meine Oma hat sich immer geweigert die Geschenke herauszuholen, solange keine Weihnachtslieder angestimmt wurden. Egal wie alt ich auch war. So unterschiedlich sind die Weihnachtsrituale.

      1. Hahaha! Mein Neffe wird sicherlich morgen früh für meine Großeltern singen. Mal schauen ob sie es bis zum Ende des Liedes durchhalten werden 😉

  2. Ich bin vielleicht eine Ausnahme, aber mir macht das Geschenke besorgen in der Regel viel mehr Spaß als selbst Geschenke zu bekommen. Nichts fühlt sich mehr nach Weihnachten an, als anderen eine Freude zu machen.

  3. Der Dezember in Deutschland kann wunderbar ein. Ich vermisse allerdings den Schnee. Es gibt nichts Schöneres als Spaziergänge durch eine einsame Winterlandschaft.

  4. Schildkrötensuppe hab ich nirgends bisher auf einer Speisekarte gesehen. Geschweige denn in ner Dose. Früher hat man sich wohl nicht so sehr um Artenschutz gekümmert. Schade, dass den Rinkes dies vollkommen egal war.

      1. Heute mittag habe ich Leber von ungestopfer Gans gesessen. Salat wäre natürlich noch christlicher gewesen. Dafür habe ich beim Nachtisch ganz auf Fleisch verzichtet.

    1. Wie gesagt: stirbt die eine Art aus, isst man die nächste. Artenschutz war in den fünfziger, sechziger Jahren so unbekannt wie Mülltrennung oder die Idee, Kindererziehung könne ohne Schläge auskommen. An seine Zeit kann man die geltenden Maßstäbe anlegen. Der Geschichte wird man damit nicht gerecht.

    2. Schildkrötensuppe, na und? Inzwischen steht ja nicht mal mehr der Mensch unter Artenschutz und sorgt selbst für seine Ausrottung: Die ist ja sowieso das Schicksal aller Lebewesen. Was nicht bei uns im Topf landet, überlebt trotzdem nicht. Dinosaurier-Suppe hat noch niemand gekocht.

  5. Hahaha Revolte am Adventskranz! Meine Eltern haben immer versucht jeden Tag eine andere Kerze anzuzünden, damit sie trotz Tradition gleichmäßig abbrennen. Es lebe der kleinbürgerliche Irrsinn.

      1. Eigentlich gelten meine Wünsche dieses Jahr ja noch 😉 Trotzdem auch in diesem Jahr wieder: alles gute für die Festtage.

  6. Die Anschläge von Berlin, Strasbourg etc. sind furchtbar. Angst darf man auf dem Weihnachtsmarkt trotzdem nicht haben. Das wäre genau das, was diese Terroristen wollen.

    1. Die Festtage sind vorbei, der Stress zum Glück auch. Weihnachten kommt eh schneller wieder als man denkt 😉 Jetzt erstmal mit großen Schritten ins neue Jahr!

      1. Feste soll man so feiern, wie sie fallen. Und so lange wie man nur kann. Alltag gibt’s genug im Leben. In ein paar Tagen geht’s mit Silvester weiter. In diesem Sinne, guten Rutsch!

  7. Die Botschaft von Liebe und Freude wurde in unserer Kirche auch nie wirklich überstrapaziert. Wahrscheinlich bin ich deshalb auch nicht besonders lange in den Gottesdienst gegangen. Geschadet hat es mir (meiner bescheidenen Meinung nach) nicht.

  8. Verpackungen sind häufig Täuschungsmanöver: in der Politik, in der Liebe, und in der Regel auch bei meinen Weihnachtsgeschenken 🙂 Eine geschickte Täuschung macht die Freude oft umso größer.

  9. Zu Weihnachten, da sitzen wir
    vorm Fernseher und trinken Bier.
    Mama ist als erste blau
    und kotzt schon vor der Tagesschau.
    Dann tragen wir die Tante raus,
    sie hält den Knabenchor nicht aus.
    Und sofort nach Filmbeginn
    schlägt längelang der Onkel hin.
    Wenn dann sie Spannung langsam steigt,,
    Auch Papa sich zur Seite neigt.
    Sein Kopf ruht auf dem Schlummerkissen,
    da will’s auch Vetter Alfred wissen.
    Er sagt noch einmal „Frohes Fe…“
    und fällt dann dumpf vom Kanapee.
    Die Kinder aber freuen sich
    und rufen : „Jetzt wird’s weihnachtlich!
    Nun herrschet Friede hier im Haus.
    Los Oma, hol die Schnäpse raus!“

  10. Dankenswerterweise haben sich die Konventionen im “Alter“, bei mir, verabschiedet dennoch macht sich in der einen und anderen Erinnerung eine gewisse Rührung breit, die sich dann aber auch schnell wieder verflüchtigt.
    Alles Gute für 2020!

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