Teilen:

0101
Geschichte

Jahreswechselgedanken

Foto: dalvik/Fotolia

2018 war ziemlich schlimm. Für mich nicht. Ich hatte nichts auszustehen, was ärger gewesen wäre als im Jahr zuvor. Sich die Probleme der Welt zu eigen machen ‒ die Umweltverschmutzung, die Gewalt, die Not, die Gleichgültigkeit ‒, wozu? Das macht mir nur Angst und hilft keinem. Fliehen. Fliehen, wenn Kämpfen aussichtslos ist und Aufgeben nicht infrage kommt.

Foto: Rainer Fuhrmann/Fotolia

Jetzt ist es gut.

Die beiden Wodkas, die ich gekippt habe, helfen. So wie Christus am Kreuz geholfen wurde, als er das aufsog, was die Bibel ‚Essig‛ nennt und was ich eher für einen sehr trockenen Wein halte, der die Qualen des Gemarterten mildern sollte, so dass ich die Verabreichung dieser Essenz durch den wachhabenden Hauptmann nicht als Bosheit, sondern als eine – zugegebenermaßen dem römischen Denken eher fremde – Barmherzigkeit auslege, also als eine Geste der Versöhnung, nicht der Verhöhnung, wie das Evangelium das nahelegt, weil die Bibel jeden Zweifler gern als üblen Zeitgenossen darstellt, so wie alle Heilsbringer prinzipiell nicht dulden, dass man ihre Thesen infrage stellt. Kein gebogenes Frage-, nein, ein straffes Ausrufezeichen soll es sein! Kein Prophet kommt aus ohne ein von ihm für die nahe Zukunft beschworenes Unheil, vor dem er die Erlösungssüchtigen retten und in den glorreichen Sack stecken will, in dem die bereits Bekehrten schon ihrem erleuchteten Leben in verdämmernder Freiwilligkeit frönen und gemeinsam mit den im Sack gekauften Katzen schnurren. Trotzdem. Ich bin bereit zu glauben, dass sie glauben: die Politiker, die Revolutionäre, die Weltverbesserer. Die Prediger wie die Verpredigten. Ewige Sinnsuche. Das ist uns nicht neu. Das wissen wir. Schwamm drüber! Der Schwamm, in den die Essenz getaucht worden war, die den jungfräulich geborenen Sohn tränkte, befindet sich übrigens großenteils in Frankreich, wo man von Wein etwas versteht, weitere Teile werden zu Rom in San Giovanni in Laterano, außerdem auch Fitzelchen des offenbar unverwüstlichen Schwammes in Santa Maria Maggiore und – auch das noch! – im Aachener Dom aufbewahrt, alles geschätzte Weingegenden, was ich nicht um der Bespöttelung, sondern um der Genauigkeit willen erwähne.

Foto: Sabphoto/Fotolia

Neutestamentarisch betrachtet kommt der ungläubige Thomas, der sein anfängliches Zaudern aufgrund später nachgereichter Beweise dann bitterlich beklagt, besser weg als der feuchtigkeitsspendende römische Soldat unter dem Kreuz: Laut Johannis-Evangelium darf der Jünger Thomas dem Meister Jesus die Finger in die Wunden legen und dann ausrufen: „Mein Herr und mein Gott!“ (Wenn meine Großmutter so anhub, wusste ich immer, dass sie gleich lügen würde, zum Beispiel, sie habe keine Ahnung davon gehabt, dass von ihr preiswert erworbenes Silber geflüchteten Juden gehört habe). Wie alle, die in der Kirche oder an der Börse etwas zu sagen haben, mahnte Christus: „Selig, die nicht sehen und doch glauben.“ Thomas hat viele reuige Nachfolger gefunden. Da lassen sich Fake-News Erfolg versprechend verbreiten: Das war schon immer so. Weil das Leben von dem Augenblick an, zu dem man aus dem Paradies geworfen wird (also mit Einsetzen des Bewusstseins), sofort beginnt, unerträglich zu werden, muss man sofort auf Abhilfe sinnen: Lakritze, Gummibärchen, Sex, Zigaretten, Fleckenwasserschnüffeln, Alkohol. Kokain, Heroin, Marxismus, Christentum in dieser oder anderer Reihenfolge. Hat man sich einer Religion verschrieben, die das alles verbietet, sprengt man sich am besten in die Luft und nimmt so viele wie möglich mit, die dann auch nicht länger unter den hiesigen Unerträglichkeiten leiden müssen. Ärgerlich – die Kollateralschäden derer, die es nicht mehr geschafft haben bis hinüber, sondern, diverser Gliedmaßen beraubt, diese irdische Zwischenstation dann auch noch behindert weiter ertragen müssen. Zur Ehre Gottes?

Foto: samuel/Fotolia

Die Überlieferung geht mit Historischem haarsträubend ungerecht und verbissen um, aber das muss wohl so sein. – Die paar Schluck warmen Fusels von vorhin haben ausgereicht, um aus meiner Hilflosigkeit eine zufriedene Gleichgültigkeit zu machen. Es interessiert mich nicht mehr, dass mich nichts mehr interessiert. Kläglich. Nichts wollen, statt zu wollen – das ist ziemlich mies. Stört mich aber nicht. Ich finde im Augenblick nichts – jedenfalls nichts, wofür es sich lohnen würde, sich zusammenzureißen. Schon das Wort klingt nach geistiger Verarmung und körperlicher Überforderung. Und doch: Ich bin mir nicht sicher, ob mich die so drängend herbeigesehnte Neugier mehr quälen als beruhigen würde. Natürlich bestätigt jede Neugier das aufputschende Gefühl: Du willst noch er-leben! Na und? Für was? Dienen? Herrschen? Wie viel Wodka braucht man, um aufzuhören, Fragen zu stellen? Die Fragezeichen und die Ausrufezeichen kämpfen miteinander wie in einem altmodischen Walt-Disney-Film, und das Semikolon ist so drollig umgesetzt, dass genau dieses unentschlossene Zeichen den Kindern am meisten Freude macht: ein Satz, der nun weitertapsen muss, obwohl er eigentlich lieber zu Ende wäre. Punkt. Schluss. Stille. Die Sprachlosigkeit, vor der man sich genauso fürchtet, wie vor dem, was die Sprache bewirken kann. Der Schriftsteller als Künder will bewirken, aber als Person will er (oder will sie) auch schonen ‒ vor dem, was die Worte anrichten können: verletzen, begeistern. Für was?! Kann man seinem Talent zutrauen, etwas zu erschnuppern?

Foto: Chodyra Mike/Fotolia

Es gibt wohlschmeckende Käsesorten, die riechen wie Exkremente. Es gibt Frauen, die duften teuer und sind billig. Es gibt Männer, die in einer Parfümwolke von Erfolg Bankrott machen. Ist das, was man bewirken will, richtig? Zweifeln ist so nötig und so lähmend. Weitaus erfrischender als das Zweifeln ist das „Ja“. Es ist schön, „Ja“ sagen zu können! Aber „Nein“ klingt irgendwie entschlossener. Auflehnung. Ablehnung. Weglehnung. Schlafen. Aber die Träume … Totsein wird bestimmt sehr gemütlich. Wohltemperiert: weniger wie das Klavier als wie der Sarg. Oh Gott! Wenn du existierst, dann wird das Leben auch nach dem Tod eher anstrengend.

Foto: Sofia Zhuravetc/Fotolia

Demut. Wie soll man den Kopf senken, wenn man galoppieren möchte? Zügel in der Hand und hoffen, dass man Reiter ist, nicht Pferd. Ungerechte Liebesbeziehung. So ist die Jagd. Tja, und dann ist man der schlaue Fuchs, den die Meute zur Strecke bringt. Alle Achtung! Den Opfern wie den Siegern.

Foto: motortion/Fotolia

Wenn man jung ist, bedeutet Trinken, mehr zu wollen, den Versuch zu machen, mehr hinzukriegen. Im Alter heißt Trinken, weniger zu wollen, ruhiger werden zu dürfen – und zu müssen. Welche Essenz ist dafür angemessen? Der Zweck heiligt höchstens dann die Mittel, wenn man sich des Zweckes oder der Mittel sehr sicher ist, was in jedem Fall Blödheit oder Fanatismus voraussetzt. Da ich zu bescheiden bin, um mir eine von diesen beiden Eigenschaften anzudichten, habe ich nie das Beste gewollt. Immer nur das Allerbeste.

Foto: denisismagilov/Fotolia

Dass das Jahr gleich nach Weihnachten zu Ende ist, finde ich gut. Was soll nach diesem Höhepunkt noch kommen? Feuerwerk, und auf ein Neues!

Mit meinen guten, den besten Wüschen für ein Jahr, von dem man später sagen kann: Es hat sich gelohnt, es durchritten zu haben. Zur Not sogar über den Bodensee.

Alles Liebe für alle,
H. R.

Foto: Studio Gi/Fotolia | Originalfotos in Titelbildcollage: Kristopher Roller/unsplash und rawpixel/unsplash

24 Kommentare zu “Jahreswechselgedanken

  1. Für mich persönlich war 2018 auch völlig in Ordnung. Wie man so ein Jahr politisch und gesellschaftlich ranken will, sollen andere entscheiden.

  2. Und passend zum Neujahr tweetet das US-Militär: „Times Square tradtion rings in the New Year by dropping the big ball … if ever needed, we are ready to drop something much, much bigger.“ Na dann viel Spaß beim Atomkrieg 2019.

    1. Prost Mahlzeit. Da kann man nur auf ein Jahr mit ein bischen weniger politischem Irrsinn hoffen. Und darauf, dass wir 2020 noch leben.

      1. …und darauf, dass Mr. Trump vielleicht doch noch impeached wird. Die Hoffnung stirbt wie immer zuletzt.

  3. Ein spannendes Jahr wünsche ich Ihnen Herr Rinke! Ein Jahr mit viel Wollen und wenig Gleichgültigkeit. Und ab und an ein klein wenig Appetit 😉

    1. Ich hab noch nie viel mit diesen „Jahreseinheiten“ anfangen können. Ich weiss gar nicht was 2018 alles passiert ist.

  4. Ich bedanke mich und werde versuchen, unterhaltsam zu bleiben. Ein Viertel der nächsten Reise ist schon fertig. Aber am Freitag geht erst mal „Europa im Kopf“ weiter.

  5. Global Warming, erstarkende Rechte, Terrorismus … leicht wird 2019 auch nicht werden. Leben muss man trotzdem, Existieren reicht nicht. Also auf in neue Abenteuer. Das neue Jahr kann kommen!

    1. Diese Probleme sind wahnsinnig wichtig, allerdings weder 2018- noch 2019-spezifisch. Gute Vorsätze reichen da sicher nicht zur Bewältigung. Ein grundsätzliches Umdenken unserer Gesellschaft und unserer Politik schon eher.

  6. Wo Blödheit und Fanatismus aufeinandertreffen, böllert sich am Silvesterabend jemand die Hand weg. Warum gibt’s in Deutschland überhaupt noch privates Feuerwerk?

    1. Privates Feuerwerk gibt es, weil in einer Demoktatie so wenig wie möglich verboten werden soll. Bis weit in die 90er Jahre hat mich im Restaurant Zigarettenrauch gestört. Geknalle und Feinstaub stört offenbar weniger als der Anblick erfreut. Ich habe nie Zigaretten oder Feuerwerkskörper gekauft. „Die Freiheit ist immer die Freiheit des anderen“, hat Rosa Luxemburg gesagt. Wie weit man Kindergeschrei und Party-Lärm hinnehmen muss, ist umstritten.

      1. Gerade mal auf die Seite des Umweltbundesamts geklickt: „Zwischen 100 und 150 Millionen Euro jagen die Deutschen zum Jahreswechsel in die Luft. Dabei werden rund 4.500 Tonnen Feinstaub (PM10) frei gesetzt, diese Menge entspricht in etwa 15,5 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge und circa 2,25 Prozent aller PM10-Emissionen (2016). Das Einatmen von Feinstaub gefährdet die menschliche Gesundheit. Die Wirkungen reichen von vorübergehenden Beeinträchtigungen der Atemwege über einen erhöhten Medikamentenbedarf bei Asthmatikern bis zu Atemwegserkrankungen und Herz-Kreislauf-Problemen. Zudem landen jedes Jahr Menschen mit Verletzungen durch Feuerwerkskörper in der Notaufnahme – mit Verbrennungen oder Augenverletzungen bis hin zu dauerhaften Hörschäden. In Deutschland erleiden jährlich 8.000 Menschen zu Silvester Verletzungen des Innenohrs durch Feuerwerkskörper. Rund ein Drittel dieser Menschen behält bleibende Schäden, so eine Meldung im Deutschen Ärzteblatt im Jahre 2013.“

      2. Man kann nicht immer alles verbieten. Menschen müssen doch auch mit Verantwortung umgehen können.

      1. Da schließe ich mich an. Erstmal ein bischen Sonnenschein. Danach kann gerne weiter gefeiert werden.

      2. Ich setze mich am Wochenende einfach in den Flieger Richtung Süden. Warten liegt mir nicht.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sieben − fünf =