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Geschichte

Fernöstlicher Dialog

Hongkong, 1. Juli 1997

Ferdinanda von Fixau sah über die marmorne Balustrade. Ihr zu Füßen lagen Kowloon und ihre Leibdienerin Yuk Fo Tse, die dabei war, Fürstin Fixaus Zehennägel zu lackieren. Ein Vierter der Nägel war kaiserlich, denn die Fixäuische Großmutter väterlicherseits war eine uneheliche Habsburgerin gewesen. ‚Ferdinandinerl‘ hatte sie ihre Enkelin immer genannt – so herzig!

Foto: ArpornSeemaroj/Shutterstock

„Was für ein gesegnetes Fleckchen Erde“, seufzte die Fürstin schwärmerisch, „und alles britisch“, fügte sie bedauernd hinzu. „Nein“, entgegnete ihre Dienerin rebellisch, „nicht mehr.“ „Was sagst du da, Närrin?“, stellte die Lackierte sie zur Rede. „Seit heute ist Hongkong wieder chinesisch“, beharrte die Angesprochene. „Heilige Mutter Gottes“, geriet Frau von Fixau in Rage. „Warum sagt mir denn nie jemand etwas?“ Ohne auf die Frage einzugehen, erklärte die Asiatin mit ruhiger Stimme: „Darum werde ich Sie auch verlassen, Gebieterin.“ „Wieso das?“, forschte Fürstin Ferdinanda von Fixau verdutzt und zitterte etwas mit der linken kleinen Zehe ob dieses noch größeren Ungemachs. „Ich gehe nach Beijing“, erwiderte die Angesprochene. – „Äähh?“, machte die Pedikürte. – „Peking“, erläuterte ihre Bedienstete. – „Wieso das?“, wiederholte die Adlige, aber so schwach, als schwänden ihr die Sinne.

Foto: elwynn/Shutterstock

„Ich habe viel gesehen von der Welt“, richtete die Kauernde erneut das Wort empor an ihre Herrschaft, „aber ich habe ausschließlich in Hauptstädten gelebt, etwas anderes kommt für mich nicht in Betracht: In England war ich immer nur in London, nie in Knushmine upon Prick. Ich war in Frankreich nur in Paris, nie in Meuseville. In Liechtenstein war ich nur in Vaduz, nirgendwo sonst, in Andorra …“ „Wieso Paris?“, ereiferte sich die Fußgepflegte, plötzlich ungehalten. „Ihre Vorgängerin, Durchlaucht, war die Marquise Paulette de Peaubaque“, blieb die Pediküre fest und bei der Wahrheit. „Die war doch beinamputiert seit ihrem Jagdunfall“, erinnerte sich die von Fixau. „Ja …“, träumte ihre Gesprächspartnerin, „es war eine herrliche Zeit!“

Foto: matrioshka/Shutterstock

„Und jetzt?“, fragte die Fürstin ratlos. „Die Aktien stehen gut. Bleiben Sie doch hier!“, empfahl ihre Hausangestellte. „Ohne dich?“, fragte Ferdinanda zurück und sah verdrossen auf ihre abblätternden Fingernägel. Ihr Blick streifte weiter über die Bucht und die Hochhäuser. „Ich werde zurückkehren auf mein Gut in der Steiermark“, seufzte sie bitter. „Der Schweine-Toni macht das genauso gut wie du. Ich brauche dich gar nicht!“, versuchte sie sich Mut zu machen.

„Österreich gehört jetzt übrigens zur Europäischen Gemeinschaft“, legte Yuk Fo Tse besserwisserisch nach, „ein Staatenbund, dem auch Luxemburg angehört und ab 2004 auch Malta und Estland.“ – „Und Litauen nicht?“, entsetzte sich die Europäerin. „Doch, doch“, beruhigte sie die Chinesin, die während ihrer Ausbildung neben dem Nägelabschneiden auch das Wahrsagen erlernt hatte.

„Europa wird nun also von England beherrscht, auch wenn hier in Asien jetzt Schluss ist mit dem Union Jack“, vermutete fälschlich die Fürstin, die noch dem Wiener Kongress nachtrauerte. „Dieses Imperialistenpack, dreckertes“, entfuhr es ihr unfürstlich; doch dann rang sie sich ein K.-u.-k.-Lächeln ab und befahl mit erstarkter Stimme: „Packen Sie Nagellack und Feile ein, Sie … Sie …“, ganz leise zischte sie: „Sie Pekingente!“, und fuhr fort, laut und mit deutlich vernehmbarem Grazer Akzent: „Ich reise ab. God save the Emperor!“

Foto: zhangyuqiu/Shutterstock | Titelillustration: aslysun/Shutterstock

17 Kommentare zu “Fernöstlicher Dialog

  1. Hong Kong und das British Empire gingen verloren.
    Glücklicherweise ist uns der Commenwealth of Nations
    und die Familie Winsor geblieben!
    God save the Queen!

    1. Mal schauen, wie lange dieser Kommentar noch aktuell ist. Unten wurde es ja auch schon geschrieben, der Drang der Briten zur Selbstzerstörung ist gerade nur schwer einzudämmen.

  2. Hong Kong interessiert mich ja schon seit langem. Nach Japan und Korea habe ich es dank meiner Arbeit bereits geschafft. Eine längere private Reise durch China steht aber fest auf meiner to-do-Liste.

      1. Immer hin ein Dialog mit Leichtigkeit. Gibt’s viel zu selten in dieser Zeit, wo jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird.

  3. „Europa wird nun also von England beherrscht“ – Wie schnell sich solche Wahrheiten doch ändern können. Immer noch spannend ob das Königreich den Weg aus der EU schafft oder nicht.

      1. Es gibt leider genügend Beispiele in der Geschichte, die zeigen wie schnell die Vernunft in den Hintergrund treten kann.

      2. Der offizielle Brexit-Termin ist in einem Monat. Wir werden also relativ schnell Gewissheit haben. 0,35% der Bevölkerung haben Johnson ins Amt gewählt. Ein No Deal Brexit wäre also das letzte was man als Wille des Volkes bezeichnen könnte.

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