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Geschichte

Kindheit & Menschheit

Junge Menschen kann ich sehr schlecht leiden. Schon als Sechsjähriger und erst recht als Sechzehnjähriger fand ich die ein paar Jahre Älteren immer intellektuell bewundernswerter und sexuell reizvoller, was – das weiß ich ja selber – nichts über deren Qualitäten, sondern bloß etwas über meine Gestricktheit aussagt.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Inzwischen müsste ich mir altersmäßig überlegene Idole auf dem Friedhof suchen, und meinen Argwohn gegenüber den „Kids“ genannten Jugendlichen kann man mir problemlos als greisenhafte Missgunst auslegen.

Trotzdem: Dass Menschen spätestens ab der Pubertät leicht entflammbar sind, wird ihnen positiv angerechnet. Warum eigentlich? Er folgt ja nicht mehr wie in Schillers Glocke „errötend“ „ihren Spuren“, sondern richtet lange schon als Hitlerjunge, Maos Roter Garde oder Salafist Unheil an. Begeisterung ist etwas Furchtbares: Im Allgemeinen gilt sie einem Fußballverein mit lauter teuer eingekauften Spielern oder ein paar schrillen Boys, die Nonsens rumrappen, – und in beiden Fällen wird von den Fans hinterher gern wild abgepöbelt und mit Flaschen geschmissen.

Foto: Luis Molinero/Shutterstock

Die Werbung liebt junge Menschen, weil junge Menschen als verführbarer gelten als gestandene Personen, weshalb gestandene Personen auch keinen Anspruch auf Relevanz im werbefinanzierten Privatfernsehen haben, also keinen Anspruch auf zumutbare Sendungen; und da werde ich gleich pseudo-philosophisch anhand solcher Schlagwörter wie „Zielgruppe“ und „Manipulation“: Wie wichtig ist es für unser Wirtschaftssystem, viel zu verkaufen? Sehr wichtig! Angeblich. Und wie geht es weiter? Wenn die Reichen gezielt nicht mehr reicher werden dürfen, werden dann statt dessen die Armen reicher, oder kommen – was der Kapitalismus behauptet – die Armen nur dann zu Wohlstand, wenn es den Reichen noch besser und immer noch besser geht? In beiden Fällen wären markengeile junge Menschen die Voraussetzung für die ökonomische Zufriedenheit eines ganzen Volkes. Die Verführten treiben die Aktienkurse mittels Kaufwut in die Höhe: Sneaker, Apple, Himmelreich. Carsharing wäre der Weg in die Armut.

Die verblendeten Großeltern geiferten damals: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ Die Youngsters wissen: Was älter als zwei Jahre ist, gehört entsorgt, selbst wenn es nicht kaputt ist. Das gilt vor allem für die Technik, weniger für die Beziehung, von der Opa noch behauptete: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Schnodderig war schick. Heute ist Nachhaltigkeit chic. Umweltbewusst, netzaffin, vegan. Wie viele werbungsanfällige Jugendliche brauchen wir da überhaupt noch? Nicht mehr so viele.

Foto: ekix/Fotolia

Die Afrikaner haben, genauso wenig wie der Vatikan, begriffen, dass die Kindersterblichkeit, dank westlicher medizinischer Errungenschaften, erheblich zurückgegangen ist und es deshalb nicht mehr nötig ist, zwölf Kinder in die Welt zu zwingen, damit zwei überleben. Im Gegenteil: Erwiesen ist, dass nur dort Wohlstand entsteht, wo nicht ein Haufen Jugendlicher zwar ernährt werden muss, aber keine Arbeit findet.

Man kann alles auf den Kolonialismus und die Konzerne schieben – Kirche und Kinder haben einen besseren Ruf als die europäischen Maßnahmen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, sie tragen aber nicht minder zu dem Zustand bei, der die Welt zurzeit beschäftigt.

Fotocollage oben: hydebrink/Fotolia, Elovich/Shutterstock | Foto unten: Wikimedia Commons/gemeinfrei

So leben die Afrikaner heute, falls sie keine Bestechungsgelder kassieren, vielfach im Elend oder im Krieg, oder sie leben in europäischen Lagern, um uns beim Aussterben zu behindern. Dass sie trotz all ihrer Pein so gläubig sind, ist verblüffend, hält sie aber fit und unberechenbar.

Ihre Kinder sind nicht übler als andere Gören, aber Aussichtslosigkeit ist fast so gefährlich wie lasche Erziehung. Kinder sind ja nicht unschuldig, wie gefühlsduselige Gutmenschen, die es zum Unwort des Jahres geschafft haben, behaupten, sondern sie sind auf bösartige Art egozentrisch.

Kinder zu fürsorglichen Gliedern der Gesellschaft zu machen, erfordert große Anstrengungen. Andernfalls beleidigen sie „Opfer“ als Krüppel, Neger und Zigeuner, und sie beanspruchen das Recht des Stärkeren. Je nachdem, was ihnen beigebracht wurde, gehen sie später zur Uni, zur Mafia oder zur Mission.

Wer das Risiko scheut, benutzt ein Kondom, treibt ab oder kümmert sich gewissenhaft um seinen Nachwuchs. Da aber viele Eltern schlimme Vorbilder sind, ist gewährleistet, dass die Zukunft trotz aller Errungenschaften der menschlichen Zivilisation weiterhin spannend bleibt.

Titelfoto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

5 Kommentare zu “Kindheit & Menschheit

  1. Lieber Hanno,

    mir als §“Malthusianer“ sprichst Du mit Deinem herzlosen Gemähre gegen zu viele Kinder natürlich aus dem Herzen. Aber ich werde lieber bim Aussterben „gestört“ als behindert!

    Liebe Grüße von

    Anette

    1. Ich werde auch lieber gestört als behindert, noch lieber in Ruhe gelassen, aber ich rege mich auch gern auf. Schreibst Du schon auf einer arabischen Schreibmaschine?
      Hanno

  2. Wohl wahr, die Werbung liebt das junge Volk.
    Und die Unternehmen lieben die Master der Marketingpsychologie.
    Schöne bunte Konsumwelt !

  3. Gefährlich lasch erzogen gehöre ich eher zu denen, die begeistert Fussballspiele verfolgt ,Rapper nicht nur als verblödet versteht und die Mafia sexy findet.

    Die, die ohne Bestechungsgeld in den europ. Lagern leben, würden mich vermutlich eher anziehen als jene, die als Gutmenschen Plakate hochhalten.

    Fit und unberechenbar ist doch vielversprechender.

    Auch ich bin hinderlich – kann ich doch das Aussterben nicht beeinflussen – schon biologisch nicht.
    Doch gern habe ich es bunt und vielfältig.
    Das müssen wohl nun andere übernehmen – und das ist gut so!

    Egozentrisch-behindert,
    s

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