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DIE ELF  —   5. Kapitel: DREIUNDDREISSIG

#5.2 | Ich werde mein Bruder

Meine vielen Reisen hingen mit dem Beruf zusammen, den ich inzwischen – ‚ausübte‘ ist das richtige Wort; ich übte aus, wie weit man gehen kann: in den Straßen von New York, bei Verhandlungen mit Agenten, in der Beeinflussung von Künstlern. Wie kam es dazu?

Nach der Münchner Pleite brachte mich Guntram erst mal bei dem Film-Produzenten Artur Brauner unter. Dessen Berliner Studios belieferten das Nachkriegsdeutschland mit Mut machenden Komödien, und Guntram belieferte dessen Studios mit Energie spendenden Kohlen (damals noch ein alternativloser Brennstoff). Mit den Maskenbildern und den Hauptdarstellerinnen kam ich gut zurecht. Mit dem Regisseur gar nicht. Er interessierte sich überhaupt nicht für mich. Das war ich nicht gewohnt. Später habe ich solche Situationen immer in den Griff bekommen: schneidig oder devot. Damals nicht. Als es vorbei war, hatte ich wenigstens meine erste vorzeigbare Erzählung vollendet: über Liebe, Tod und Drogen natürlich. Worüber denn sonst? Fachkenntnis besaß ich zwar auf keinem der drei Gebiete, aber Ehrgeiz. Noten schrieb ich erst wieder in Hamburg. (Siehe auch: ‚Der Vater‘ aus der Reihe ‚Sprünge von Türmen‘)

Zwei Jahre später hatte meine Mutter, die immer noch auf meine Schlager-Karriere hoffte, gesagt: „Da ist diese Stellenanzeige in der ‚Welt‘. Die Deutsche Grammophon Gesellschaft bildet mit Siemens zusammen Abiturienten zu Führungskräften aus. Wenn du einen Bruder hättest, dann könnte der das für dich machen.“ Ob das ein Wink mit dem Zaunpfahl war, blieb unklar. Dass ich keinen Bruder hatte, war schließlich ihre Schuld. Ihre Schwangerschaft hatte sie gehasst, und trotz einer melodiösen Sprechstimme konnte sie keinen Ton halten und nicht mal ‚Hänschen klein‘ erkennbar singen. Sosehr ich ihre jüdische Mitgift schätzte, so übel nahm ich ihr die Vererbung ihres cantus malus. Komponieren konnte ich ja, singen so gar nicht.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Immerhin hatte Irene mir zum fünften Geburtstag ‚Für Elise‘ auf Schellack geschenkt. Beethoven lernte ich also früh kennen, und was Wortwahl und Themen anbetrifft, hatte ich gegenüber den ‚Bildungsfernen‘ schon früh einen Vorsprung, den keine Schule ausgleichen kann. Aus diesem Vorsprung ergibt sich etwas, das man – je nach Einstellung – Dünkel oder Selbstbewusstsein nennen kann. „Dann muss ich wohl selbst mein Bruder sein“, antwortete ich. Mein Kompositionsstudium führte zu vielen Noten, aber keinem Beruf. Da wurde ich eben Industriekaufmann. Ökonomie, Jura, Praktika.

Nach einer anschließenden Weiterbildung in London wäre es nun endlich Zeit für die Schlagerkarriere gewesen, stattdessen landete ich im internationalen Marketing der Klassik. Pop konnten alle, Betriebswirtschaft viele, aber die Kombination von Schreibtisch-Eignung mit dem ziemlich kompletten Wissen der europäischen Musikgeschichte – das brachte mir ein Alleinstellungsmerkmal und die Beerdigung meiner Hitlisten-Pläne ein. Ehrgeizig war ich vielleicht nicht, aber geltungssüchtig. Von zu Hause war ich es gewohnt, dass man auf seine Privilegien achtet. So kämpfte ich mich empor in die Region, in der es viele Reisen, viele Künstler, teure Hotels und gutes Essen gab. Sexuell hatte ich ja ebenfalls viel nachzuholen. In diesem Bereich war ich am gewissenhaftesten. Bereits mit 26 Jahren verließ ich mein Kinderzimmer endgültig und zog in eine eigene Wohnung, drei Straßen weiter. Unbeobachtet ließen sich von nun an nicht bloß unterwegs, sondern auch daheim raschere Fortschritte erzielen. Von meinem flammenden Katholizismus war nicht mal mehr ein schlechtes Gewissen übrig geblieben. Ein Verlust? – Eine Erleichterung. Na ja: Nicht glauben zu müssen ist herrlich. Nicht glauben zu können ist traurig.

43 Kommentare zu “#5.2 | Ich werde mein Bruder

  1. Ich wollte früher immer einen Job haben, der mich quer durch die Welt führt. Aber ich bin mittlerweile auch recht froh, dass ich dass separat in meiner Freizeit mache.

      1. Ich habe mir immer auch ein Kulturprogramm gegönnt. Hatte ja mit meinem Job zu tun …

      2. Das macht Sinn. Ich fand Geschäftsreisen immer bereichernd. Auch wenn die Zeit manchmal knapp war. Der Horizont wurde trotzdem immer erweitert.

  2. Ich bin mit 23 ausgezogen. Meine Freunde fanden auch das schon spät. Mir war das eigentlich gleich. Ich mochte meine Zeit bei den Eltern auch.

  3. Oh! Die Geschichte mit Arthur Brauner war mir gar nicht bewusst. Sie haben wirklich noch mehr erlebt, als man immer annimmt.

      1. Mir kommt es vor als ob es oft so wäre, dass die Geschichten, die auf den ersten Blick am meisten her machen, gar nicht diejenigen sind, die am Ende die spannendsten sind.

      2. Das innere Erleben stimmt mit dem äußeren nicht immer überein. Eine tolle Begegnung auf dem Kahlen Asten kann aufregender sein als eine Touristen-Führung auf dem Forum Romanum.

      3. Auch das (eigene) Wissen muss nicht immer mit dem Glauben übereinstimmen. Da bleibt genügend Raum für innere Widersprüche.

      4. Ja, für Widersprüche braucht man nicht immer andere. Die kann man auch mit sich selbst ausleben.

  4. Nicht müssen ist natürlich immer entspannter als nicht zu können. Ausser man kümmert sich überhaupt nicht. Die Religion bildet da sicher keine Ausnahme.

    1. Die meisten, die nicht glauben, würden es sicherlich auch gar nicht wollen. Es gibt doch nicht so viele Menschen, die auf der Suche nach Orientierung im Leben sind, aber diese im Glauben nicht finden. Das klingt mir zumindest eher nach einer Ausnahme.

      1. Selbst tiefgläubige Menschen haben bisweilen Zweifel. Wenn man das Denken nicht völlig ausschaltet, ist das unausweichlich.

      1. So ist das mit den Extremen. Ich glaube dennoch nach wie vor daran, dass es selten weit führt, wenn man Menschen sagt, was sie tun sollen. Eigenverantwortung bringt meist bessere Resultate. Wer natürlich selbst keinen Anspruch und keine Ziele hat, bei dem ist Hopfen und Malz verloren.

      2. Menschen, vor allem Kinder, die das eigene Denken (noch) nicht gelernt haben, brauchen Anleitung. Sie wollen sie sogar. Antiautoritäre Erziehung ist gar keine Erziehung.

  5. Selbst an Weihnachten gibt es neue Texte. Die Konsequenz freut mich und beeindruckt mich auf eine Art und Weise auch. Etwas spät, aber trotzdem noch Frohe Feiertage, Herr Rinke.

    1. Auch von mir! Diese Tage zwischen Weihnachten und dem Neuen Jahr genieße ich immer besonders. Da scheint alles fast still zu stehen.

      1. Stillstand? In Gaza und in der Ukraine leider nicht. Dafür streiken jetzt die Arzt-Praxen.

      2. Was habe ich denn schon wieder bei den Ärzten verpasst? Im Spiegel stand, dass es gegen Lauterbach, aber hauptsächlich ums Geld geht. Das scheint mir kein einleuchtender Grund um genau nach den Feiertagen zu streiken.

      1. Wäre ja nett, wenn es etwas freundlicher wäre als das vorige. Bis auf den Wahlausgang in Polen hatte es wenig Erbauliches zu bieten.

      2. Den Fakt, dass es schwulen Männer seit diesem Jahr endlich(!) einfacher gemacht wird Blut zu spenden, würde ich auch noch als freudige Entwicklung angeben wollen.

  6. Internationales Marketing bei der Deutschen Grammophon klingt in meinen Augen sogar viel spannender als eine Karriere in der deutschen Schlagerwelt. Sie haben da scheinbar alles richtig gemacht bzw. es hat sich alles in die richtigen Bahnen gefügt.

    1. Sie haben recht. Aber im Pop hätte ich eigene Schlager hören wollen, in der Klassik musste ich Beethoven zu weiterem Ruhm verhelfen.

      1. Es gibt schlechtere Aufgaben. Hatten Sie denn auch mal üble Künstler, die man entgegen aller Geschmäcker pushen sollte? Also Fehlgriffe der entsprechenden Grammophon-Verantwortlichen, die Sie mit gutem Marketing wieder ausgleichen sollten?

      2. Bevor ich das Marketing übernahm, machte ich A&R, also die Produktion. Da hatte ich mit einsichtigen Kollegen schon vorsortiert …

  7. Meine Mutter hätte sich glaube ich, alles andere lieber für mich gewünscht als eine Schlagersängerkarriere. Trotz dem Wink mit dem Zaunpfahl und ihrem nichtexisten Bruder spricht das doch für ihre Mutter.

    1. Nicht singen sollte ich, sondern texten und komponieren. Da ich das sowieso tat, ging es bloß noch um die Veröffentlichung.

  8. „Selbst tiefgläubige Menschen haben bisweilen Zweifel. Wenn man das Denken nicht völlig ausschaltet, ist das unausweichlich.“
    Ein bemerkenswerter und wahrer Satz. Schon die Quelle christlichen Glaubens, die Bibel, weist eine große Anzahl an „Glaubenshelden“ oder vielleicht besser gesagt „Vorbilder“ auf, die in der Kirche verehrt und zur Nacheiferung empfohlen werden, die immer wieder Phasen heftiger Zweifel durchleben mussten. Zweifel sind in der Tat unausweichlich und sie zu überwinden (nicht zu verdrängen!), das führt zu einer Erweiterung der Glaubenssicht und zu einem persönlichen, tragfähigen Gottesbild.

    1. Das mit den Glaubenshelden und Vorbildern ist interessant. Aber zuviel Nachfragen soll man doch auch nicht. Das Wort der Kirche gilt. Zweifeln darf man nur für sich im Stillen. Wer offen anspricht was ihm seltsam oder unerklärlich erscheint, der wird nicht gern gesehen.

      1. Bei wem? Ketzer hatten mehr als tausend Jahre lang ein gefährliches Leben. Jetzt sind sie Mainstream. Kein Scheiterhaufen droht mehr. Aber mit sich um Glaubensfragen zu ringen, ist auch heute noch etwas anderes, als zu sagen: „Weg mit dem Scheiß!“

      2. Wie offen man Kritik innerhalb der Kirche äußern darf, hängt wohl von der jeweiligen Gemeinde ab. Franziskus hat sich mit seiner Segnung gleichgeschlechtlicher Paare jedenfalls nicht nur Freunde gemacht. Kardinal Müller sagt als Reaktion darauf: „Die Segnung einer Realität, die sich der Schöpfung widersetzt, ist nicht nur unmöglich, sondern stellt Gotteslästerung dar.“

      3. Müller war seit Beginn von Franziskus Amtszeit nicht mit dessen Vision einverstanden. Da wundern mich diese neuen Aussagen wenig.

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