Die Hostie

Was ist, wie es scheint, erregt wenig Aufsehen. Hier wird ein Puzzle zusammengesetzt, dessen Einzelteile Rätsel aufgeben.

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#1 – Warteraum

Als ich drei Jahre alt war, bekam ich eine Gehirnhautentzündung. Seither bin ich taub. An Klänge erinnere ich mich überhaupt nicht. Geräusch – Stimme – Musik: Das sind nur Worte für mich. Ich habe mich daran gewöhnt. Was sonst?

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#2 – Weinbrand

Eine Frau kam durch die Schwingtür, von der Bahnhofshalle her. Sie war mittelgroß und hatte kurzgeschnittenes, dunkles Haar. Eine große, dunkle Sonnenbrille, zu groß für das Gesicht, einen energischen, sorgfältig ausgemalten Mund, einen sportlich-eleganten sandfarbenen Rock ...

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#3 – Salz

Sie begann, das Eigelb und die Zwiebel unter das Tatar zu mischen. „Sehen Sie, wenn Sie einen zufriedenen, ausgeglichenen Eindruck machen würden, dann würde ich nur schnell mein Brot essen, meinen Kaffee trinken, aufstehen und weggehen. Aber, verzeihen Sie meine Offenheit, Sie wirken, als brauchten Sie Hilfe, Hilfe und Schutz.

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#4 – Marihuana

Sie aß das Brot in großen Bissen. „Auf Boulevard-Zeitungsformat gestutzt könnte ich über meine Ehen sagen: Meinen ersten Mann habe ich geheiratet, weil ich ihn bewundert habe. Geliebt habe ich ihn nicht.“

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#5 – Obst und Südfrüchte

Das Mädchen trank, tief in Gedanken, von dem abgestandenen Saft. Die Frau kam zurück vom Büfett mit dem Cognac-Schwenker in der Hand. Sie setzte sich und nahm gleich einen Schluck. Dann sah sie zur Decke. Das Glasdach, hoch oben, ließ milchig-trübes Licht herein, das von den Neonlampen ausgetilgt wurde, bevor es die Tische erreichte.

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#6 – Kaffee

Wohlverwahrt lag diese Geschichte in meinem Schreibtisch, als Bestandteil meiner Sammlung von Schicksalen. Das Mädchen war tot. Die Frau war belehrt.

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#7 – Tabasco

Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich jemanden beneiden könnte. Niemals. Und jetzt beneide ich dieses Mädchen mir gegenüber um ihre Sorgen – und um ihre graue, hoffnungslose Jugend. Vielleicht könnte ich ein Gespräch mit ihr anfangen, damit ich nicht so armselig hier herumsitze. Der Zug fährt ja erst in einer Stunde ...

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#8 – Curry

Der Blick des Mädchens wurde immer unwilliger, aber das schien der Frau gar nicht aufzufallen, ihr Vortrag ging weiter. „Es hat doch keinen Sinn, dass alle Frauen denken, sie könnten wie Claudia Schiffer oder wie Rosa Luxemburg sein, wenn sie sich ein bisschen anstrengten. Das macht sie doch bloß unglücklich. Alle Männer werden ja auch nicht Reinhold Messner ...

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#9 – Silberdose

Das Mädchen trank, tief in Gedanken, von dem abgestandenen Saft. Die Frau kam zurück mit dem Cognacschwenker in der Hand. Sie setzte sich und nahm gleich einen Schluck. Dann sah sie zur Decke. Das Glasdach hoch oben ließ milchig-trübes Tageslicht herein ...

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#10 – Fruchtsaft

Die Frau trank ihr Glas leer. „Gott wird mir schon verzeihen, ich habe ja sonst nicht viel Schlimmes angerichtet und bin jeden Sonntag brav mit der Familie in die Kirche gegangen, um das Glaubensbekenntnis zu sprechen. Wenn er es so weit mit mir treibt, dass ich es nicht mehr aushalten kann – zack! Vorbei: mein erstes und mein letztes Aufbegehren gegen seinen weisen Ratschluss ...“

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#11 – Bier

Und dieses Mädchen saß mir nun gestern gegenüber. „Wie ist es für Sie weitergegangen?“, fragte ich. „Komischerweise hatte sie vollkommen recht“, sagte das Mädchen. „Mein Freund war wirklich mit dem Auto losgefahren, um mich abzuholen. Unterwegs wurde er in einen Unfall verwickelt ...

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Hanno Rinke

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