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Die Hostie

#1 – Warteraum

Meinem nächsten Reisebericht fehlen noch Bilder.
Deshalb schiebe ich eine weitere Erzählung um Matthäus 19, 12 ein.

Als ich drei Jahre alt war, bekam ich eine Gehirnhautentzündung. Seither bin ich taub. An Klänge erinnere ich mich überhaupt nicht. Geräusch – Stimme – Musik: Das sind nur Worte für mich. Ich habe mich daran gewöhnt. Was sonst? Mit drei Jahren verzweifelt man noch nicht – und mit fast dreiundsiebzig nicht mehr. Jedenfalls ich nicht. Natürlich bin ich einsam. Ich war es, trotz allem, mein ganzes Leben lang. Es wäre einfach nicht wahr, wenn ich sagen würde, dass mir das nichts ausmache, aber es ist, glaube ich, ehrlich, wenn ich behaupte, ich hätte mich damit abgefunden, klaglos.

Ich genieße die Freuden dort, wo sie sich mir bieten: ein Spaziergang im Englischen Garten, ein Bier im Franziskaner. Ich beobachte gern. Das ist eine Leidenschaft von mir, meine einzige. Die einzige, die mir geblieben ist. Manchmal fahre ich hinaus aufs Land und sehe den Bauern bei der Arbeit zu. Oder ich verlasse München für ein paar Tage und bleibe in dem Gasthof in Nußdorf, wo man mich kennt. Dann gehe ich am Bach entlang und sehe ihn rauschen. Ein nicht enden wollender Stummfilm, so muss mein Leben auf andere wirken.

Weite Reisen mache ich natürlich nicht mehr. Was heißt ‚natürlich‘? Andere, die in meinem Alter sind, verbringen den Winter auf Mallorca. Aber das wäre nichts für mich. Nicht dass ich anfinge, gebrechlich zu werden – ich habe einfach kein Bedürfnis mehr, den Süden zu sehen. Ich habe überhaupt nur noch wenige Bedürfnisse. Das empfinde ich nicht als Mangel, im Gegenteil. Es ist im Alter ein Segen, zufrieden zu sein mit dem, was man hat. Ein Segen, für den ich dankbar bin.

Jeden Morgen, wenn ich aufwache, freue ich mich auf das, was der Tag mir bringen wird: Ein Mädchen, das mir im Park seine Puppe zeigt und ein Gefühl von Zärtlichkeit in mir auslöst, eine Libelle, die vorüberglitzert, ein anregender Artikel in der Zeitung. Die ‚Tagesschau‘. – Ich gehöre nicht mehr dazu, aber ich nehme Anteil. Ich bin neugierig, wie sich die Dinge entwickeln: politisch, gesellschaftlich – überhaupt. Und ich frage mich oft, ist das alles nur Bewegung oder ist es Entwicklung. So, wie ich mich beim Roman in der Morgenzeitung frage: ‚Wird das nur geschrieben, um Zeilen zu füllen, oder läuft alles auf einen Sinn hinaus, wird es am Ende belehren und bereichern?‘ Mich interessiert, was geschieht, und ich bin gleichzeitig froh darüber, dass ich nicht eingreifen muss, sondern dass die Pantomime auf der Bühne vor mir nach ihren eigenen Regeln abläuft – gleich, ob ich buhe oder applaudiere. Und ich bleibe höflich, während ich zuschaue. Ich verfolge das Geschehen aufmerksam und störe nicht durch Zwischenrufe. Irgendwann werde ich gehen, ganz leise; niemand wird bemerken, dass die Tür sich hinter mir geschlossen hat. Und die Darsteller spielen weiter.

Das war nicht immer so. Ich habe gepfiffen und getrampelt, fast bis zum Hausverbot. Benachteiligt vom Schicksal, der Ungerechtigkeit des Lebens ausgeliefert, wollte ich das Programm zerfetzen und den Vorhang aus der Halterung reißen. Dann kam die große Pause und dann, im zweiten Teil, die große Ruhe. Die tröstliche Gewissheit, dass kein Sturm ihr folgen wird, nicht für mich. Und doch, manchmal denke ich sehnsuchtslos daran zurück, wie sehr ich mich verausgabt habe. Dann frage ich mich, wo all die Energie geblieben ist. Verbraucht? Verborgen? Mit Tünche zugestrichen? Die Wand zeigt keine Risse. Aber seit der gestrigen Begegnung, diesem überraschenden Wiedersehen, denke ich darüber nach, wie abgeklärt ich denn wohl wirklich bin. Wie weit ist Unterstellung eigene Wunschvorstellung? Ist es die Lust am Träumen oder ist es der Traum, jemand anderes zu sein, oder ist es am Ende ein Hinweis darauf, wer man wirklich ist?

Meine Taubheit hat dazu geführt, dass ich es gelernt habe, den Menschen die Worte von den Lippen abzulesen. Ein Gespräch zu führen, ist unter normalen Umständen keine Schwierigkeit für mich, aber ich rede nicht mehr viel. Ich beobachte lieber. Ich bin so etwas wie ein akustischer Voyeur.

Es gibt eine Bank im Hofgarten, von der aus ich mit dem Fernglas den Menschen zuhören kann, die mir mehr als zwanzig Meter weit gegenübersitzen: Liebespaare, Eheleute, Geschäftspartner. Noch nie war etwas von Belang dabei. Ich habe noch nie auf diese Weise die Vorbereitung zu einem Verbrechen belauscht oder das endgültige Scheitern einer Beziehung für mich eingefangen. Aber es erfüllt mich mit einer eigentümlichen Befriedigung, Menschen, die sich allein miteinander glauben, bei ihren intimen sprachlichen Verrichtungen zu beobachten. Alltägliche Kleinigkeiten nur, aber eben nicht für mich bestimmt. Was war je für mich bestimmt? Vielleicht nichts als diese Rolle des gehörlosen Lauschens.

Die Zeilen, die ich aus den Mündern der ahnungslosen Sprecher stehle, füge ich zu Hause zusammen und zimmere mir ein Bild daraus. Das ist wie ein großes Puzzle aus Begriffen. Ich selbst entscheide, wie die Teile zusammengehören. Niemand überwacht mich, niemand korrigiert mich. Ich habe eine ansehnliche Sammlung von Geschichten, auf die ich ebenso stolz bin wie andere alte Menschen auf ihre Rosenzüchtungen oder Briefmarkenalben. Ich bin stolz gewesen. Bis gestern. Da musste ich erkennen, dass ich bei meinem Lieblingspuzzle grobe Fehler gemacht hatte. Und nun denke ich darüber nach, wie das passieren konnte, wie mir das passieren konnte. Die Antwort ist: Ich wollte mich betrügen lassen. Von wem? Von mir selbst. Nicht nur taub, sondern auch blind! Ich horche in mich hinein und ich starre gegen die Wand. Sie zeigt keine Risse, und so muss das, was ich fühle, Täuschung sein. Diese Person, die hier sitzt – ich bin sie nicht.

Es ist über ein Jahr her. Juni. Jasmin und frühe Mücken. Holunder gegen das Sonnenlicht. Die Welt war erschüttert, sofern sie – außer durch Erdbeben – überhaupt erschüttert sein kann über das brutale Vorgehen des chinesischen Militärs auf dem Platz des himmlischen Friedens. In Berlin fand der Evangelische Kirchentag unter dem Motto ‚Unsere Zeit in Gottes Händen‘ statt. Gorbatschow war zu seinem ersten offiziellen Besuch in der Bundesrepublik eingetroffen. Sommer 1989. Ich hatte wieder einmal Sehnsucht nach Nußdorf: Die Welt ist deshalb so heil dort, weil es dort keine Touristen gibt, und Touristen gibt es dort nicht, weil es keine Attraktionen gibt – keine Berge, keinen See, keinen Erlebnispark, nur die Schlagzeilen der Zeitungen, die davon künden, dass das Leben nicht überall so friedlich ist, dass Tore geschossen, Bomben gezündet und hin und wieder in ländlicher Idylle kleine Mädchen vergewaltigt werden. Der Münchner Hauptbahnhof, dieses Schlachtfeld aus Baustelle und Massenabfertigung, wimmelte vor Menschen. In meiner Fantasie war der Lärm der Massen beinahe unerträglich, die Hitze auch. Ich sah auf die Uhr. Noch nie in meinem Leben war ich pünktlich gewesen, noch nie war ich zu spät gekommen. Ich war, wie immer, zu früh.

Der Sommer kochte die Stadt weich, und ich hatte Durst. Ein Bier wäre jetzt genau das Richtige, mein Gaumen konnte es prickeln hören. Ich ging durch die Schwingtür: ein sauberer, herzloser Raum. Vor mir helle Resopaltische, braune Holzschemel mit vier schwarzen Eisenbeinen, lädierte Spinnen. Links das langgestreckte, nüchterne Büfett, ein Gang davor, abgetrennt durch eine Kunststoffsperre, an der entlang Menschen hin zur Kasse trieben.

Ich zögerte. Ich sah auf die orange-braunen Tabletts, die krallenhaften Kleiderhaken, den stumpfen Boden. Vielleicht war den Durst zu ertragen schöner, als ihn hier zu stillen. Während der ganzen Zugfahrt von der Bank vor dem Gasthof in Nußdorf träumen, das liebevoll gezapfte Bier vor Augen und das gleichförmige Geräusch der Bahnschwellen durch den Sitz spüren. So weit kommt es noch! Nicht essen, weil Appetithaben schöner ist als Sattsein!

Ohne Tablett stellte ich mich in die Reihe der Wartenden, ließ mir in Sekundenschnelle das Glas vollschäumen und zuschieben – war es auch bestimmt kein Feinwaschmittel, was da aus dem Hahn quoll? –, ging zur Kasse, zahlte, das Wechselgeld fiel aus der Kasse seine vorgeschriebene Bahn in den Napf, ich steckte es lose in die Hosentasche, nahm mein Bier, flüssiger Schaum rann mir über den Daumen, ich sah mich um und entdeckte den letzten freien Tisch, dicht an dem Eingang, der zum Bahnhofsvorplatz führte. Ich setzte mich auf eine der teilamputierten Spinnen und nahm einen tiefen Zug.

Mir gegenüber am Nachbartisch saß ein Mädchen. Es war allein und starrte mit schläfrigen Augen dumpf vor sich hin. Vor ihr standen ein leer gegessener Teller und ein halb volles Glas mit einer trüben, gelben Flüssigkeit. Sie hatte verwildert langes schmutzigblondes Haar, fettige graue Haut und ein schlaffes Gesicht mit verdrossen herabgezogenen Mundwinkeln. Unter einer schäbigen, unförmigen Jeansjacke trug sie einen ausgeleierten, grellgrünen Pullover. – Sie war hübsch. Sehr hübsch sogar und sehr verwahrlost. Trotzdem war um sie her ein unerklärlicher Liebreiz, eine Traurigkeit, die nachdenklich stimmte.

Titelfoto/Collage, Beitragsbild und Abschlussfoto mit Material von Shutterstock: Rocksweeper (Theaterbühne), basiczto (Hofgarten), Hanzi-mor (Hand mit Oblate), WStudio (Puzzleteile Bierglas)

21 Kommentare zu “#1 – Warteraum

  1. „Vielleicht war den Durst zu ertragen schöner, als ihn hier zu stillen.“ Wenn man das auf Hunger überträgt – so fühle ich mich auch öfters.

    1. Erinnert man sich an so etwas mit drei Jahren? Also im wahren Leben? Ich überlege schon lange was meine früheste Kindheitserinnerung ist, aber irgendwie komme ich nicht weiter. Zumindest nicht mit einer klaren Situation…

      1. Das, woran man sich noch nicht erinnert, bekommt man ja oft von Eltern oder anderen damals schon Erwachsenen gesagt. Meine erste eigene Erinnerung ist mein vierter Geburtstag.

      2. Oh ja, das ist kein dummer Gedanke. Wahrscheinlich stimmt das am ehesten. Die Erinnerung ist also fast kollektiv, nicht unbedingt persönlich.

  2. Als akustischer Voyeur fühle ich mich auch manchmal. Taub sein ist natürlich nochmal etwas völlig anderes und nur schwer zu vergleichen.

    1. Man fragt sich ja sogar, ob es nicht besser wäre, wenn man nicht anständig sämtliches Gequatsche hören müsste. Aber natürlich ist das eine romantisierte Vorstellung. Wirklich taub zu sein ist etwas ganz anderes.

      1. Nee, taub sein ist doch schrecklich. Warum würde man freiwillig auf einen seiner Sinne verzichten wollen? Lippenlesen wiederum würde ich ganz gerne können.

  3. Das Sentiment „Ich gehöre nicht mehr dazu“ kenne ich zwar, aber stimmt das denn? Gehört man nur dazu wenn man aktiv ist, im Mittelpunkt steht, laut ist? Ist man als Zuhörer, Miterleber nicht genauso Teil des Geschehens?

    1. Das kommt wahrscheinlich ganz darauf an, was man erwartet. Wer grundsätzlich mittendrin sein will, hat Probleme nur noch Zuschauer/-hörer zu sein. Wer eh gerne am Rand teilnimmt, wird mit seiner Rolle weiterhin zufrieden sein.

    2. Ganz grundsätzlich ist doch eines der großen Themen unserer Existenz, dass wir irgendwo und irgendwie dazugehören wollen. Nicht mal nur im Alter.

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