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Die Hostie

#6 – Kaffee

Wohlverwahrt lag diese Geschichte in meinem Schreibtisch, als Bestandteil meiner Sammlung von Schicksalen. Das Mädchen war tot. Die Frau war belehrt. So dramatisch waren meine anderen Geschichten nicht, die meisten bestehen nur aus kleinen Beobachtungen und beiläufigen Gesprächen. Aber sie formen meinen Kosmos, ich lese in ihm, wie andere vielleicht Musik hören. Nach meinem Tod werden meine Aufzeichnungen dorthin gebracht werden, wo auch die letzten Lebensmittel aus meinem Kühlschrank und meine verbogene Leselampe enden werden: auf den Müll.

Vor drei Tagen sah ich das Mädchen wieder. Es gab keinen Zweifel. Sie stand am Brotstand vor dem Kaufhaus am Marienplatz. Sie griff nach Broten, Kuchenstücken und Brezeln, und während sie die Ware in eine Tüte packte, nannte sie den Preis. Sie nahm das Geld entgegen, zahlte Wechselgeld zurück, sagte ‚Danke‘ und sah zum nächsten Kunden.
––„Ein langes Baguette oder Baguette-Brötchen?“
––Sie stülpte der Brotstange eine Papiermütze von oben und von untern auf. In der Mitte blieb ein Stückchen goldbrauner Kruste sichtbar.
––„Zwei Mark fünfzig.“
––Ihre Haut war rosig, ihr Haar war modisch geschnitten und geföhnt.
––„Zwei Laugenbrezeln.“
––„Sonst noch etwas?“
––„Ich kenne Sie.“
––„Das ist gut möglich. Ich bin seit einem Jahr hier.“
––„Nein, nicht von hier. Ich habe Sie auf dem Hauptbahnhof gesehen, zusammen mit einer Frau.“
––„Sie müssen mich verwechseln. Das war ich nicht.“
––„Ich irre mich ganz bestimmt nicht. Ich habe ein sehr gutes Personengedächtnis.“
––„Es tut mir leid, ich muss bedienen. Sie sehen doch, was hier los ist.“
––„Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich mich freue, dass es Ihnen jetzt offenbar so gut geht. Sie machten damals einen sehr unglücklichen Eindruck.“
––„Es geht jetzt wirklich nicht. Das macht eine Mark sechzig.“
––„Kann ich Sie woanders treffen?“
––„Was wollen Sie denn von mir? Sie sehen doch, dass ich zu tun habe.“
––Ich gab ihr das Geld abgezählt und wollte mich umdrehen.
––„Warten Sie! Übermorgen Nachmittag hab’ ich frei. Ich bin um vier Uhr in dem Café da drüben.“
––Ihr Kopf wandte sich ruckartig dem nächsten Kunden zu.
––„Tut mir leid, dass Sie warten mussten. Was bekommen Sie?“

Wir saßen einander gegenüber. Meine Aufzeichnungen hatte ich mitgebracht. Es war eigentümlich, sie so dicht vor mir zu haben. Lebendig. Und dieses Mal würde sie zu mir sprechen.
––„Ich wusste gar nicht, dass uns jemand gesehen hat, diese Frau und mich zusammen. Haben Sie unser Gespräch mit angehört?“
––„Erschrecken Sie nicht! Ich bin taub. Ich höre nichts, ich lese von den Lippen ab. Die Frau saß mit dem Gesicht zu Ihnen gewandt. Ich habe nur das mitbekommen, was Sie gesagt haben, und das war sehr wenig.“
––„Wissen Sie, ich würde ganz gerne mal mit jemandem darüber sprechen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“
––„Nein, dafür sind wir ja hier.“
––Mehr als ein Jahr war vergangen seit jenem Morgen auf dem Hauptbahnhof. Nicht nur sie hatte sich verändert, sondern die ganze Welt. Ungarn hatte den Eisernen Vorhang geöffnet. Die DDR gab es nicht mehr, in drei Monaten würde die Neu-Vereinigung besiegelt sein. Ich war nicht glücklich darüber. Ich hatte gehofft, der Sozialismus würde wandelbar sein, in der Richtung, die Gorbatschow eingeschlagen hatte, aber die Menschen hatten anders entschieden, verständlicherweise. Wer über Jahre lang schlecht verpflegt worden ist, glaubt dem Wirt nicht, wenn der sagt: ‚Bisher habe ich miserabel gekocht, aber ab morgen wird euch das Wasser im Munde zusammenlaufen.‘ Wer irgend kann, geht ins nächste Gasthaus, und bevor er merkt, dass überall nur mit Wasser gekocht wird, hat er keine Wahl mehr, weil das erste Lokal schließen musste.

Sie trank Kaffee. Ich trank Bier.

––„Trinken Sie immer Bier?“
––Ich lächelte. Es war keine ungewohnte Frage.
––„Nicht immer, auch nicht immer öfter, aber manchmal. Auf vieles muss ich in meinem Alter verzichten, aber nicht auf mein Bier. Das habe ich mir noch nicht abgewöhnt.“
––Ich nahm das Glas zum Mund. Schaum war übergelaufen, ein Tropfen fiel auf meine Hose.
––„Essen Sie nie Kuchen?“, fragte das Mädchen.
––„Nein“, sagte ich, „aus Süßigkeiten mache ich mir nichts.“
––Sie nickte gleichgültig. Einen Augenblick lang war es still zwischen uns. Ich wusste, ich würde diese Stille länger durchhalten als sie, denn ich bin sie gewohnt. Tatsächlich begann sie zu reden. Erst stockend, dann immer fließender, und schließlich erlebte ich die ganze Geschichte noch einmal, beinahe so, als ob ich damals nicht dem Mädchen, sondern der Frau gegenübergesessen hätte. Die Worte des Mädchens sind genau dieselben Worte, die ich ihr im vorigen Jahr von den Lippen abgelesen hatte, da habe ich mich nicht geirrt. Und auch alles, was um uns drei herum geschah, übernehme ich eins zu eins aus meiner bisherigen Deutung. Aber sonst?

„Darf ich mich vielleicht zu Ihnen setzen?“
––Das Mädchen sah mürrisch auf und nickte widerwillig. Es kostete sie Überwindung, trotzdem zu bleiben und die Sonnenbrille abzunehmen. Sie strich den Rock glatt, bevor sie sich setzte. Dann stopfte sie die Sonnenbrille weg und holte gleich ihre Zigaretten heraus. Nur nicht so dasitzen! Irgendetwas in der Hand haben. Mein Gott, ich habe doch gar nichts mehr in der Hand, überhaupt nichts mehr. Warum habe ich nicht so wie dieses Mädchen hier zwanzig Jahre früher auf dem Bahnhof gesessen? Glücklich sieht sie nicht aus. Im Gegenteil. Sie hat Sorgen. Aber lieber Sorgen mit zwanzig als mit vierzig am Ende. Es ist verrückt, diese Reise zu machen. Es ist verrückt, diese Reise allein zu machen. Aber es wäre unerträglich, zu Hause zu sitzen und abzuwarten. Ich habe immer mein Schicksal selbst in die Hand genommen oder zumindest in der Hand behalten. Alles, was ich unterlassen habe, war mein Wille, nicht meine Feigheit. Alles, was ich nicht getan habe, war mein Leben. Und alles, was ich jetzt noch tun werde, wird auch mein Leben sein. Zu Hause habe ich lange genug gelebt. Es waren schöne Jahre, aber sie sind vorbei, und jetzt, nachträglich, schrumpfen sie zusammen zu einem Klümpchen, das man zwischen den Fingern zerreiben kann.

Abschlussbild Die Hostie Teil 6 Puzzleteile Tatar

Titelfoto/Collage und Abschlussfoto mit Material von Shutterstock: Olinda (Backwaren), iambasic_Studio (Kaffeetasse), aRTI01 (Puzzleteile Tatar)

28 Kommentare zu “#6 – Kaffee

      1. Hoffe es hat noch für ein paar Stunden Schlaf gereicht. Nachts wach liegen ist ja gleichermaßen nervig wie auslaugend.

  1. Die Worte des Mädchens sind genau dieselben. Hmm, ob das wirklich die Wahrheit oder doch eher eine romantisierte Vorstellung des Erzählers ist?

    1. Sie werden merken, dass das Mädchen in der zweiten Version genau die selben Sätze sagt wie in der ersten, das Lippenlesen hat funtioniert. Auch alle Beobachtungen im Raum sind genau gleich. Die Wirklichkeit bleibt dieselbe. Und die Wahrheit?

      1. Was ist am Ende der Wert der Wahrheit, wenn die Geschichte oder die Erinnerung so lebendig ist. Manchmal zählt die eigene Wahrheit mehr als die tatsächliche.

  2. Dass der Sozialismus der DDR gescheitert ist, kann ja nicht sonderlich verwundern. Wer an der Grenze den Schießbefehl erteilt, erhält von den bedrohten Menschen in der Regel wenig bis gar kein Vertrauen.

    1. Im Grunde ist/war ja schon absurd, dass Realsozialismus gleichzeitig auch immer Autokratie sein muss. Allein da hört die Logik bereits auf.

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