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0702
Die Hostie

#8 – Curry

Der Blick des Mädchens wurde immer unwilliger, aber das schien der Frau gar nicht aufzufallen, ihr Vortrag ging weiter. „Es hat doch keinen Sinn, dass alle Frauen denken, sie könnten wie Claudia Schiffer oder wie Rosa Luxemburg sein, wenn sie sich ein bisschen anstrengten. Das macht sie doch bloß unglücklich. Alle Männer werden ja auch nicht Reinhold Messner, und sie wissen das auch. Ich bin froh, dass so viel passiert ist für die Frauen, aber manche sind doch reichlich naiv geblieben.“
––„Sie sagen immer ‚die Frauen‘. Sind Sie keine?“
––„Doch, natürlich! Aber ich kenne meine Grenzen, und ich glaube, dass die meisten Frauen glücklicher sind in der Familie als in der Selbsterfahrungsgruppe, auch wenn das für Sie altmodisch klingt.“
––„Waren Sie nie verheiratet?“
––„Nein. Der Richtige hat sich nie gefunden, das heißt, er hat mich nie gefunden. Und ich ihn nicht.“

Sie würgte das Brot hastig herunter.

„Ich habe nie darüber gesprochen, aber … warum soll ich es Ihnen nicht erzählen? Es gab mal einen. In dem Betrieb, in dem ich arbeite. Ich mochte ihn wirklich, und er war eben da. Umgekehrt: Er war da, und ich mochte ihn wirklich. Also, er ist immer noch da, aber er hat eines Tages geheiratet, übrigens nicht mich. Wir hatten nie über Ehe gesprochen, und er war auch nie bei meinen Eltern zu Hause gewesen. Es gab gar keinen Grund für ihn, sich mir verpflichtet zu fühlen. Ich hätte sowieso nicht heiraten wollen. Wie schon in der Bibel steht: ‚Etliche enthalten sich der Ehe, weil sie von Geburt an zur Ehe unfähig sind; etliche enthalten sich, weil sie von Menschen zur Ehe untauglich gemacht sind; und etliche enthalten sich, weil sie um des Himmelreichs willen auf die Ehe verzichten. Wer’s fassen kann, der fasse es!‘“1

Sie zuckte die Achseln.

„Bei mir ist das wohl ein Geburtsfehler. Ich mag Kinder nicht besonders. Ich finde sie laut und bösartig. Und ich bin eine Katastrophe im Haushalt. Das Einzige, was ich kann, ist Tataranmachen. Aber jede Art von Kochen, das hat immer meine Mutter übernommen. Meine Schwester und ich, wir sind dazu nicht fähig. Wenn wir ein Rinderfilet machen wollen, ist es nachher höchstens noch als Gulasch zu gebrauchen, und wenn wir uns an Salzburger Nockerln rantrauen, wird mit Mühe ein Kaiserschmarrn daraus. Von der klassenlosen Gesellschaft halte ich nichts – die kinderlose Gesellschaft wäre mein Traum! Ich weiß, dass ich ein unnützes Mitglied der Gesellschaft bin, aber ich versuche wenigstens nicht, das zu ändern und mit meinem Geltungsdrang Unheil anzurichten wie andere, die auch nicht mehr können als ich. Dafür gibt es ja genügend Beispiele. – Sie gucken mich so an! Ich weiß, ich reiße den Mund wieder sehr weit auf. Das ist eine Spezialität von mir. Wahrscheinlich bin ich deshalb auch immer von heiratswütigen Männern verschont geblieben.“

Sie ließ den kalten Kaffee stehen und trank einen Schluck von dem Weinbrand.

„Wissen Sie, wir haben ein sehr schönes Familienleben, meine Eltern und meine Schwester. Neunzehnhundertachtundsechzig war ich neunzehn, Sonja war siebzehn. Natürlich haben wir manchmal andere Meinungen gehabt als unsere Eltern, aber deshalb muss man die Achtung voreinander doch nicht verlieren. Wenn ich so gesehen habe, wie es in anderen Familien zugegangen ist, dann war ich doch sehr dankbar dafür, dass unsere Eltern uns besser erzogen haben: Mit Verständnis, aber sie haben uns Grenzen gesetzt. Selbstbeherrschung ist nicht angeboren, man muss sie lernen. Wir leben am Starnberger See. Mein Vater ist seit ein paar Jahren pensioniert und hat seine Liebe zum Garten entdeckt. Früher war der Garten nichts weiter für ihn als ein Anblick, jetzt nimmt er selber mal die Schaufel in die Hand. Früher hat er sich ein bisschen darüber lustig gemacht, wenn meine Mutter hinter dem Rücken des Gärtners an den Zweigen rumschnippelte, so wie eine übereifrige Hausfrau, die hinter dem Dienstmädchen her wischt. ‚Meine Gärtnerin aus Liebe‘, hat er manchmal gesagt und sie in den Arm genommen. ‚Vorsicht, die Schere, Paul, tu dir nicht weh!‘, sagte sie, ein bisschen verlegen, aber es hat ihr doch immer gutgetan. Jetzt züchtet er selber Rosen. Meine Mutter interessiert sich nicht nur für Botanik, sondern auch für Vogelkunde. Sie reist dann in irgendwelche abgeschiedenen Gegenden, in Kojen und Naturschutzgebiete und beobachtet die Vögel. Einmal bin ich mitgefahren, aber es war mir doch ein bisschen eintönig. Ich habe die Vögel beneidet, dass sie fliegen können, aber ihnen stundenlang zuzusehen, also das war nichts für mich.“

Ihre rechte Hand fuhr wie zur Bestätigung durch die stickige Luft.

„Die meisten anderen Reisen machen wir zusammen. Am schönsten ist es, wenn wir mit der ganzen Familie fahren. Früher konnte mein Vater ja nur selten mitkommen, wegen seines Berufs. Inzwischen ist er pensioniert, aber allzu anstrengende Reisen will er sich nicht mehr zumuten. Deshalb fahre ich häufig mit meiner Schwester oder mit meiner Mutter allein. Wir bereiten uns immer sehr intensiv vor, damit wir auch wirklich etwas davon haben. Wochenlang sitzen wir abends zusammen, und unsere Eltern lesen abwechselnd vor: über die Inkas, über die Geschichte von Kyoto, über die Bevölkerung im Senegal. Das genießen wir immer sehr. Vater raucht seine Pfeife, während er vorliest, Mutter fummelt an irgendetwas rum, wenn sie nicht selber liest – einer Stickerei oder einem Häkelschal –, Sonja und ich hören zu und schwelgen darin, dass wir die Welt bei uns zu Hause haben. Wir sind wohl die beiden weißesten Schafe, die sich eine Familie nur wünschen kann. Ich gehe morgens immer schon früh zur Arbeit, damit ich auch früh wieder verschwinden kann und genügend Zeit für mein Pferd habe. Wenn es etwas Interessantes gibt, sehen wir abends gerne auch mal fern. Hin und wieder kommen wir nach München, um ins Theater oder ins Konzert zu gehen. Über die Autobahn ist das ja nicht so schlimm … Ja, so ist mein Leben. Nichts Weltbewegendes, aber wir sind alle zufrieden. Von mir aus kann es immer so weitergehen. Sonja und ich haben uns auch schon ausgemalt, wie das später wird, wenn unsere Eltern älter werden. Dann werden wir den Speiseplan übernehmen und aufschreiben, was eingekauft werden muss. Wir werden auch mal etwas Neues ausprobieren und nicht dauernd Vaters Lieblingsgerichte kochen lassen. Er wird überrascht sein, wie gut ihm auch andere Sachen schmecken, wenn er sich erst daran gewöhnt hat. Er mag nichts Scharfes, Sonja und ich lieben indisches Essen mit viel Curry. Dann werden nicht mehr meine Eltern uns vorlesen, sondern wir ihnen. Wir werden immer darauf achten, dass sie kein zu einseitiges Bild von der Welt bekommen, wenn sie selbst nicht mehr so viel unter Menschen kommen. Deshalb werden wir ihnen viel über Dinge vorlesen, vor denen sie bisher immer die Ohren verschlossen haben. Auch die Fernseh- und Konzertprogramme werden wir für sie auswählen und ihnen ruhig auch mal Ungewohntes zumuten, so wie sie auch alles für uns ausgewählt haben, was uns guttat. Sie wollten uns immer beschützen, vielleicht ein bisschen zu sehr. Wir werden deshalb nicht denselben Fehler machen, sondern sie auch fordern, damit sie nicht vorzeitig nachlassen, sondern sich weiter auseinandersetzen mit allem. Ja, wir werden eine schwere Verantwortung haben, aber wir fürchten uns nicht davor. Im Gegenteil: Wir freuen uns darauf.“

Sie trank ihren Weinbrand aus.

„Sonja freut sich darauf. Ich habe mich nur bis zur vorigen Woche darauf gefreut.“ Sie brach ab und fing wieder an: „Ich weiß wirklich nicht, warum ich Ihnen hier eine rosige Zukunft von mir vorgaukele. Ihnen ist das sowieso egal, und mich selbst kann ich nicht belügen – das habe ich sowieso noch nie versucht. Ich bin eine komische Figur für die Menschen in meinem Betrieb, wie aus einem anderen Jahrhundert. Und jetzt bin ich vielleicht sogar noch eine tragische Figur geworden, das ist doch ein Fortschritt!“

Sie legte die flache Hand mit gespreizten Fingern auf den Tisch und sah auf ihren Handrücken, als versuchte sie, aus ihm die Zukunft zu lesen.

„Nein, ich kann mich nicht belügen. Mein Arzt hat es versucht. Er hat sich gewunden wie ein Aal. Selbst als ich es ihm auf den Kopf zugesagt habe, fand er kaum Worte. Schließlich hat er genickt. Mehr nicht. ‚Wie lange noch?‘, habe ich gefragt. Er kennt mich, seit ich zwölf bin. ‚Das kann man nie wissen‘, fing er an. ‚Wie lange noch?!‘, wiederholte ich. ‚Vielleicht ein Jahr‘, hat er gesagt. Er ist schon über siebzig. Ich glaube, er war erschöpfter als ich. Ich war wie taub, am ganzen Körper. Vielleicht ein Jahr …“

Das Mädchen sah inzwischen nicht mehr widerwillig, sondern eher neugierig, fast bewundernd auf die Frau. Es war ihr offenbar gelungen, das Mädchen für sich einzunehmen.

„Ein Jahr kann eine Ewigkeit sein oder ein Augenblick … ‚Aus meiner Sicht kann ich dir zu einer Operation nicht raten‘, sagte mein Arzt, ‚aber du solltest unbedingt noch zu einem Kollegen von mir gehen. Es gibt Chemotherapie, und es gibt Bestrahlungen. Die Medizin macht riesige Fortschritte … Mein Gott, du hättest längst zu mir kommen müssen! Immer wieder hab ich dich ermahnt!‘ – Jetzt erinnere ich mich an seine Worte, in seiner Praxis damals hörte ich sie gar nicht. Ich dachte nur: ‚Das kann nicht sein. Mir passiert doch nichts, mir ist doch nie etwas passiert, alles was geschieht, geschieht doch immer nur den anderen.‘ Und plötzlich hat das Schicksal etwas vor mit mir.“
––„Der Tod, das ist, glaube ich, nicht schlimm“, sagte das Mädchen. „Da ist alles ruhig. Das ist doch eigentlich sehr schön.“
––„Sicher. Das sage ich mir auch. Aber wenn die Schmerzen schlimmer werden, dann wird es überhaupt nicht schön sein. Und dann frage ich mich: ‚Was kann ich noch machen, bevor es so weit ist, bevor ich wirklich Ruhe und Morphium brauche? Was will ich noch sehen? Ich kenne die Ausgrabungsstätten im Irak und in der Türkei, in Griechenland und in Mexiko …“
––„Ich versteh nicht, warum Sie jetzt von diesen Stätten anfangen“, sagte das Mädchen.
––„Wir sind zu so vielen Gräbern gereist und zu so wenigen Menschen. Ich habe mich dafür interessiert, wie die Phönizier und die Punier gelebt haben, aber wie die Menschen heute im Iran unter den Ajatollahs leben oder unter Ceausescu in Rumänien, davon weiß ich viel zu wenig. Und ich frage mich, ob ich eigentlich wirklich so viel versäumt habe, wie ich mir in meinen bittersten Stunden einrede. Kann man wirklich etwas versäumen, oder ist es einem bestimmt, was man erlebt? Ist es mir bestimmt, Venedig noch zu sehen? Allein?“

Sie sah in ihr leeres Glas wie auf den Grund des Meeres.

„Ich werde noch einen Cognac trinken. Kann ich Ihnen auch etwas mitbringen?“
––„Nein, danke.“

1 Quelle: Das Neue Testament, Das Evangelium nach Matthäus, Kap. 19, 12.
Titelfoto/Collage und Abschlussfoto mit Material von Shutterstock: joker1991 (Gewürze), ra66 (Höhle), givaga (Puzzleteile Venedig)

30 Kommentare zu “#8 – Curry

  1. Was man erlebt entscheidet man selbst. Bestimmung gibt es sicherlich in der ein oder anderen Form, aber wir sind ja nicht völlig passiv dem Leben ausgeliefert.

    1. Deswegen gibt es ja auch die grobe Richtung Claudia Schiffer oder eben Rosa Luxemburg. Also ohne Wertung. Aber unser Leben kann natürlich viele verschiedene Wege und Wendungen beinhalten.

      1. Na klar. Unnütze Menschen gibt es nicht. Jedenfalls nicht grundlegend. Talent heisst ja nicht nur, dass man der nächste Einstein wird.

      2. „Die Talente sind oft gar nicht so ungleich, im Fleiß und im Charakter liegen die Unterschiede.“

      3. Ein ausgeprägtes Talent, Anleger zu beschwatzen, und ein ausgeprägtes Talent, Koloratur zu singen, wird in der Hochfinanz und in der Opernpause unterschiedlich bewertet.

  2. Kinder nicht zu mögen ist sicher kein Geburtsfehler. Überhaupt kein Fehler würde ich behaupten. Nicht jeder kann und muss Kinder in die Welt setzen und erziehen.

    1. Dass man nur als Mutter ein nützliches Mitglied der Gesellschaft wäre, ist doch Quatsch. Diese ganzen Überlegungen sollte man sich gleich sparen. Die Gesellschaft hat ganz andere Probleme.

  3. Ich habe immer ein bisschen Angst vor dem Moment, wo meine Eltern nachlassen und das Leben dem Ende entgegen geht. Je Älter ich selber werden, desto mehr muss ich darüber nachdenken. Wohl ganz normal, aber manchmal sehr sehr anstrengend.

      1. BIs zu einem gewissen Punkt kommt es darauf an was man daraus macht. Gegen Ende kann man nur beten (hoffen), dass das Leben es milde meint.

      2. ‚Das Leben‘ meint, fürche ich, gar nichts. Den Einfluss des Betens, um Gottes Pläne zu ändern, schätze ich auch nur gering ein. Hoffen ist nie verkehrt.

  4. Wer sich darauf freut seine Eltern zuhause zu pflegen, weiss nicht wovon er da redet. Meine Schwester hat sich fast dabei kaputt gemacht. Ich bin ihr auf alle Zeit dankbar, dass sie sich so aufgeopfert hat.

    1. Was sich die Frau aus der Erzählung beim Tatar Schönes ausmalt, ist völlig unrealistisch. Das weiß sie selbst. Die ‚rosige Zukunft‘ wird nie stattfinden. Die umgekehrte Bevormundung der Eltern durch die Kinder, die sie sich ausmalt, kann man auch als klammheimliche Rache sehen: Dann will sie ihrem Vater Schafes kochen, das er nicht mag. Den Freund der Schwester, der diese Elternbeziehung kritisch sah, hat sie vergrault. Die Zukunft – rosig wird sie nicht.

  5. Alles was geschieht, geschieht immer nur den anderen. Je schneller man sich von dieser Vorstellung löst, desto einfacher kommt man mit dem Leben klar.

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