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Die Hostie

#7 – Tabasco

Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich jemanden beneiden könnte. Niemals. Und jetzt beneide ich dieses Mädchen mir gegenüber um ihre Sorgen – und um ihre graue, hoffnungslose Jugend. Vielleicht könnte ich ein Gespräch mit ihr anfangen, damit ich nicht so armselig hier herumsitze. Der Zug fährt ja erst in einer Stunde …

Sie drückte die halb angerauchte Zigarette aus und hielt dem Mädchen die Schachtel hin: „Möchten Sie vielleicht?“
––Das Mädchen schüttelte den Kopf.
––Geschieht mir recht. Warum biedere ich mich an? Anders hätte ich an ihrer Stelle auch nicht reagiert. Aber irgendetwas muss ich doch tun. Vielleicht kann ich mir etwas zu essen holen. Irgendetwas Leichtes. Und einen Kaffee. Und vor allem einen Cognac.
––Sie ging am warmen Büfett vorbei. Das war alles zu schwer und zu zerkocht. Vom kalten Büfett nahm sie ein Tatar, das hatte sie zu Hause immer für alle angemacht. Wenn das Fleisch gut ist, stören Worcester-Sauce und Tabasco nur. Zwiebel, Pfeffer, Salz und ein Eigelb – Schluss. Das Edle ist immer einfach. Alte Frauen brauchen mehr Schmuck. Altes Fleisch braucht schärfere Gewürze. Ich brauche …, was ich brauche, ist Beschäftigung, Tatar anmachen beschäftigt. Stillstand ist Tod. ‚Nicht einschlafen!‘, sagen sie in den Fernsehspielen immer zu den Verletzten, ‚schlafen Sie nicht ein!‘

Sie ließ sich einen Kaffee einschenken, das hält wach, und einen doppelten Weinbrand, das war nötig, dann ging sie mit dem Tablett zurück an ihren Platz.

Braun mit Orange, warum konnte das Tablett nicht einfach weiß sein oder schwarz? Nein, schwarz nicht! Dann lieber …
––Es kam ihr vor, als ob das Mädchen sie belauerte.
––„So, jetzt habe ich aber wirklich Appetit“, log sie, um das Schweigen zu brechen.
––Das Mädchen verzog keine Miene.
––Sie wird denken, ich rede unkontrolliert vor mich hin. Ich muss ihr zeigen, dass ich sie angesprochen habe. Aber was soll ich sagen? Das Wetter. Khomeinis Tod. Das Massaker in Peking. Gorbatschow in Deutschland, in unserem Teil von Deutschland. – Unsinn! Ich werde gar nichts sagen. Wir haben nicht das Geringste gemeinsam, sie und ich, und ich werde, verdammt nochmal, meine Klappe halten und mich nicht lächerlicher machen als unbedingt notwendig. Na ja, das Wetter haben wir gemeinsam. Wenn jetzt ein Erdbeben käme, würden wir uns zitternd umarmen. In der Not hält man zusammen. Das macht die DDR so gemütlich. Jaja, denk weiter solchen Quatsch, das lenkt dich ab, und du quasselst nicht los! Tatar bei dieser Hitze! Vielleicht wäre heute Tabasco gar nicht so schlecht. In den heißen Ländern essen sie viel schärfer als im Norden. Bleib still! Warum eigentlich? Was habe ich zu verlieren?
––„Es ist komisch, um diese Zeit muss ich immer etwas essen. Andere halten den ganzen Tag durch, ich nicht. Ich kriege immer so ein flaues Gefühl im Magen.“
––„Ich habe keine Lust, mich zu unterhalten.“
Es waren gar nicht so sehr die Worte, es war vor allem der Tonfall. Will mich diese miese, kleine Ratte etwa zurechtweisen? „O, mein Gott! Entschuldigen Sie!“ Sie hörte mit Bestürzung den Klang ihrer Stimme. Nennt man das ‚keifen‘? „Ich wollte Sie nicht belästigen! Du lieber Himmel! Verzeihen Sie, wenn ich Sie gestört habe!“ Schön gehässig hörte sich das an. Sie genoss es und schämte sich.
––„Was wollen Sie von mir?“
––„Na ja, ich seh’ schon, ich habe kein Glück bei Ihnen. Ich dachte, wenn man so am selben Tisch sitzt, dann könnte man auch ein bisschen miteinander reden. Ich störe Sie doch bei nichts, oder doch? Wissen Sie, ich bin es einfach so gewohnt von zu Hause, dass man sich unterhält, während man isst. Ich esse eigentlich sowieso nur wegen der Unterhaltung. Mein Vater sagt immer, während des Essens soll man eine leichte Unterhaltung führen, das regt die Verdauungssäfte an, und man schlingt nicht so.“

Sie begann, das Ei und die Zwiebeln unter das Tatar zu mischen.

„Es wird Ihnen sicher komisch vorkommen, denn Sie sind wahrscheinlich viel allein unterwegs, aber ich reise zum allerersten Mal ohne Begleitung. Ja. Ich hätte wahrscheinlich auch schon damit anfangen sollen, als ich so alt war wie Sie. Dann wäre es mir jetzt selbstverständlicher. Nicht, dass ich immer zu Hause gesessen hätte. O nein, wir haben weite Reisen gemacht. Ich war mit Mutter in Indien, und mein Vater hat mich mehrmals mitgenommen nach Kanada. Aber am häufigsten bin ich zusammen mit meiner Schwester gefahren. Nun habe ich mir in den Kopf gesetzt, ich wollte unbedingt nach Venedig. O, ich kann sehr eigensinnig sein, wenn ich mir etwas vorgenommen habe. Auch als ich sah, dass keiner mich begleiten würde, wollte ich fahren. Meine Schwester bekam keinen Urlaub, und meine Eltern hatten keine Lust. Sie kommen gerade von einer größeren Reise zurück. Aber ich wollte nicht warten. Ich wollte Venedig jetzt sehen. Also habe ich mich einfach in den Zug gesetzt und bin losgefahren. Ich dachte, vielleicht finde ich unterwegs jemanden, der mitkommt. Ich wollte Sie sogar schon fragen, ob Sie nicht mitkommen wollen.“
––Das Mädchen sah sie zum ersten Mal richtig an, erstaunt und etwas unwillig. „Das ist doch verrückt. So kann man das doch nicht machen, einfach so!“
––„Und wenn ich Sie einlade?“
––„Sie kennen mich doch gar nicht. Sie wissen gar nicht, wer ich bin.“
––„Sie wissen auch nicht, wer ich bin.“
––„Nein.“
––„Und warum wollen Sie nicht mitkommen?“
––„Weil ich keine Lust habe.“

Die Frau kleckste sich einen Löffel Senf auf das Tatar und schüttete Salz und Pfeffer darüber. Dann mische sie das Fleisch, indem sie es mit der Gabel zerdrückte.

Das Mädchen fühlte sich bedrängt. „Ich … ich bin heute Morgen erst aus dem Lager gekommen. Ich bin aus der DDR. Das ist alles noch so neu für mich.“
––„Was, aus der DDR? Für länger?“
––„Für immer.“
––„Sind Sie – geflohen?“
––„Wenn man es lange genug versucht und sich nicht einschüchtern lässt, dann kommt man irgendwann mal raus. Man darf bloß nicht ‚Geheimnisträger‘ sein. Das ist man schnell, aber ich war es nicht.“
––„Und warum sind Sie gerade nach München gekommen?“
––„Mein Freund wohnt hier, das heißt, mein Freund wohnte hier …“ Das Mädchen redete nicht weiter.
––„Ist er woandershin gezogen?“
––Das Mädchen nickte.
––„Und haben Sie die neue Adresse nicht?“
––„Doch …“
––„Ist es in der Umgebung von München?“
––„Ja.“
––„Und Sie sind hier mit ihm verabredet gewesen? Direkt auf dem Hauptbahnhof?“
––„Ja, mein Gott, ja!“
––„Aber es ist jetzt schon eine ganze Weile später, und er ist immer noch nicht gekommen. Und nun machen Sie sich große Sorgen.“
––„So ungefähr.“
––„Ach, wissen Sie, dafür gibt es manchmal eine ganz einfache Erklärung. Ich befürchte auch immer gleich das Schlimmste, aber ich habe noch nie recht behalten, also, fast nie. Man macht sich solche Sorgen! Und der andere denkt sich gar nichts Böses. Das ist die Fantasie! Die malt uns die Gespenster – aber auch die Blumen. Vielleicht ist er gar nicht wie Sie mit dem Zug gekommen, sondern mit dem Auto. Und ihm fiel ein, dass er noch kein Begrüßungsgeschenk hatte. Während er gegangen ist, etwas zu kaufen, hat die Polizei seinen Wagen abschleppen lassen, weil er in der Eile nicht gemerkt hatte, dass er im Halteverbot stehen geblieben war.“
––„Sie denken sich wohl gern Geschichten aus?“
––„Ich überlege mir nur, wie es gewesen sein könnte.“
––„Haben Sie kein eigenes Leben?“
––„O doch! Ein sehr ausgeprägtes sogar. Manchmal habe ich fast schon ein schlechtes Gewissen deswegen. – Hat Ihr Freund Telefon?“
––„Ja.“
––„Und haben Sie schon mal versucht, ihn telefonisch zu erreichen?“
––„Ja, aber es hat sich niemand gemeldet.“
––„Er ist bestimmt unterwegs hierher.“
––„Vielleicht. Ja.“
––„Sie werden sehen, es wird gar nicht lange dauern, und da wird er hier durch die Schwingtür gelaufen kommen und Sie mit einem Schwall von Entschuldigungen überschütten.“
––„Ich weiß nicht. Hoffentlich.“

Sie wälzte den Fleischkloß auf die Scheibe Graubrot und schnitt sich ein Stück ab.

Ich bin wie zugeschnürt. Aber ich muss mich zwingen, es zu essen. Das lass ich mir nicht durchgehen, ein Tatar zurechtzumachen und es dann stehenzulassen, das lass ich mir einfach nicht durchgehen, noch nicht! Wenn ich es stärker würze, vielleicht schaff’ ich es dann. Tabasco … Sie salzte nach. Dann aß sie weiter.

„Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie vorhin so bedrängt habe. Es ist sonst absolut nicht meine Art, Menschen, die ich nicht kenne, anzusprechen. Im Gegenteil, ich halte mich eher zurück, bis ich weiß, woran ich bin. Meine Kolleginnen nennen mich ‚die Stumme‘, nicht nur, weil ich Isabel Stumme heiße, sondern weil ich mich an ihrem Klatsch über Männer im Allgemeinen und über Kollegen im Besonderen nicht beteilige. Lieber mache ich meine Arbeit schneller und gehe pünktlich. Ich bin am Computer bloß ‚Schreibkraft‘, um ein grässliches Wort zu benutzen, die Programme schreiben andere. Dazu fehlt mir der nötige Grips, aber deswegen brauche ich meine Zeit noch lange nicht damit zu verplempern, die Kollegen und die Geschäftsleitung durchzuhecheln – das ist mir doch zu niveaulos. Dabei – es tut mir leid, es zu sagen –, ist aber dieser Tratsch genau das, warum die meisten Frauen arbeiten wollen – neben dem Geld. Mein Vater sagt immer: ‚Wozu machst du bloß diese eintönige Büroarbeit? Das wäre doch gar nicht nötig.‘ Aber wenn ich auch nicht sehr intelligent bin, ein bisschen Stolz habe ich doch. Ich will mir mein Geld selbst verdienen. Mein Taschengeld. Im Rahmen meiner Möglichkeiten möchte ich etwas leisten. Wenigstens kann ich gut Englisch und Französisch, aber mehr auch nicht. All die Wortführerinnen der Frauen-Emanzipation möchte ich gern mal in unseren Betrieb einladen, damit sie das Gewäsch und das Getue ihrer angeblich mündigen Geschlechtsgenossinnen direkt aus nächster Nähe miterleben können und nicht nur aus ihren politischen Zirkeln und Redaktionsstuben. Es gibt Frauen, die setzen sich durch, und einige von denen bleiben sogar noch weiblich dabei, ich bewundere das, aber sie sind die Ausnahme. Und das sage ich wirklich nicht gerne, aber es ist so.“

Sie fegte sich entschlossen durchs Haar.

„Mein Vater sagte auch immer: ‚Jeder, der gut ist, schafft Probleme, allein dadurch, dass er gut ist. Man muss nur darauf achten, dass die Probleme, die er macht, nicht größer sind als die, die er wegschafft. Und in dieser Hinsicht schneiden Frauen nicht gut ab. Sie reagieren unsachlich und lassen, wenn sie selbst oben sind, kaum jemanden hochkommen, nach dem Motto: ‚Erstklassige Leute stellen erstklassige Leute ein, zweitklassige stellen drittklassige ein.“

Abschlussbild DIE HOSTIE Teil 7 Puzzleteile

Titelfoto/Collage und Abschlussfoto mit Material von Shutterstock: aRTI01 (Tatar), Sergiy Kuzmin (Tabasco), joker1991 (Puzzleteile Gewürze)

25 Kommentare zu “#7 – Tabasco

  1. Wie gut, dass die Zeit der DDR vorbei ist. Immer wieder wichtig solche Geschichten zu lesen. Gerade heute, wo Grenzen und Nationalismus wieder in zu sein scheinen.

      1. Ziemlich schlimm, wie normal die AfD mittlerweile schon ist. Da zuckt die thüringische FDP nicht mal mit den Achseln. Rücktritt ausgeschlossen. Wir sollten uns warm anziehen.

  2. Ein typisches Vater-Statement. Frauen sind emotional, Männer sachlich. Die Geschichte zeigt, dass Männer (an der Macht) deutlich mehr Probleme für uns geschaffen haben als Frauen.

    1. Männer hatten zumindest deutlich mehr Gelegenheit dazu. Allein hier ist schon ein Fehler. Ob sich die Frauen mit zunehmender Gleichstellung (Ja bitte!) dann als wirklich kompetenter zeigen, bleibt trotzdem abzuwarten.

    1. So gut wie jeder Mensch liebt Tratsch. Oder positiver ausgedrückt Geschichten über Menschen. Ob Frau gerade deswegen in die Arbeitswelt drängt … nun ja.

  3. Gerade beim Essen mag ich es wenn man sich nicht unterhält. Also ein gemeinsames Abendessen ist natürlich etwas anderes, weil man sich hauptsächlich aus sozialen Gründen trifft. Da ist das Essen dann eh nur Nebensache. Aber sonst…

    1. „Kinder bei Tische sind stumm wie die Fische“. Den Spruch habe ich noch von meinen Eltern gehört. Damit wollten sie mir zeigen, wie fortschrittlich sie waren. Ich durfte nämlich reden, und ich sprach immer schon mehr als ich aß.

    1. Neid, weil sie es auch haben wollen oder weil sie es den anderen nicht gönnen? Das ist ein Unterschied.
      Ich habe von einer Studie in Ostdeutschland gelesen: Teilnehmen wollten lieber 2000€ verdienen, wenn die andern gleich viel bekamen, als 3000€, wenn andere 4000€ bekamen. Das nennt man dann wohl Gerechtigkeitssinn.

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