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Die Hostie

#5 – Obst und Südfrüchte

Das Mädchen trank, tief in Gedanken, von dem abgestandenen Saft.
––Die Frau kam zurück vom Büfett mit dem Cognac-Schwenker in der Hand. Sie setzte sich und nahm gleich einen Schluck. Dann sah sie zur Decke. Das Glasdach, hoch oben, ließ milchig-trübes Licht herein, das von den Neonlampen ausgetilgt wurde, bevor es die Tische erreichte.

„Es ist schwer, seinen Weg zu gehen, überall; denken Sie nicht, dass es hier im Westen einfacher sei. Gut, dass Sie wegen Ihres Freundes gekommen sind und nicht in der Hoffnung, jetzt das Paradies zu finden. Sie kommen hier in keine bessere Gesellschaft. Das Neue hat auf die Dauer immer das Alte überwunden, und das Neue ist der Sozialismus. Ganz sicher. Nicht nur, dass die Idee besser ist – das Gute setzt sich gar nicht immer durch –, sie ist vor allem stärker. Es steckt mehr Glaube, mehr Begeisterung dahinter. Darauf kommt es an. Was steckt bei uns dahinter? Der Wunsch, mehr und immer mehr zu haben. Dabei führt Wohlstand, wenn er nicht mit Verantwortung einhergeht, zu nichts anderem als zu Langeweile. Überall auf der Welt habe ich gesehen, dass der Lebenswille von Menschen, denen es schlecht geht, viel zäher war als der von Menschen, denen es gut geht. Glauben Sie mir, die Gesellschaft, aus der Sie kommen, ist gesünder als die, in die Sie hinübergewechselt sind. Hier findet gerade noch einmal ein krampfhaftes Sich-Aufbäumen der Männergesellschaft statt.“

Sie beugte sich nach vorn, so, als wolle sie die Worte noch mit ihrem Körper unterstützen. Nicht geschwätzig wollte sie wirken, sondern eindringlich.

„In der Bundesrepublik funktioniert der Kapitalismus deshalb noch recht gut, weil diese Prestige-Mentalität für die Bundesdeutschen maßgeschneidert ist. Die Schwierigkeit für die DDR ist, dass sie ausgerechnet neben dem protzigen Musterland des Westens die neue Gesellschaft aufbauen muss, allabendlich torpediert von den schizophrenen Wertvorstellungen des westlichen Werbefernsehens. Die andere Schwierigkeit ist die, dass in den ganzen sogenannten sozialistischen Staaten Greise regieren, deren Vorstellungen kleinkariert und autoritär sind. Aber wenn die nächste Generation an die Macht kommt, wird sich das ändern. In der Sowjetunion unter Gorbatschow sehen Sie das schon. Und Ungarn geht denselben Weg. Polen sucht. Ausgerechnet in der DDR, der es wirtschaftlich am besten geht, ist es politisch am schlimmsten. Wohlstand ist keine Frage des Systems. Ich hoffe, ich werde es noch erleben, einen Einkaufsbummel in Paris oder London oder Rom zu machen – unter der roten Fahne. Wenn nicht mehr gerüstet werden muss, können auch die Bedürfnisse befriedigt werden. Das Durchsetzen einer Idee, auch der besten, erfordert nun mal gewisse Opfer, und die mussten den Menschen immer abgerungen werden, weil sie freiwillig nicht auf ihr bisschen Bequemlichkeit verzichten wollen. Hier ist für viele die Bequemlichkeit das Einzige, worauf sie nicht verzichten müssen. Sie werden mit Wohlstand und Unterhaltung gefüttert, eine sehr einseitige Nahrung. Der Einzelne wird dabei arbeitslos und geht zugrunde, aber die Wirtschaft blüht. Ja, so ist das hier. Erst diese Frau vom Bahnhof in Freiburg, mit der ich seither zusammenlebe, hat mir die Augen dafür geöffnet. Sie fragen sich vielleicht, warum wir überhaupt hier, gerade hier, leben. Wir glauben, man ist in eine Verantwortung gestellt, der man sich nicht durch Flucht entziehen darf.“

Sie trank einen Schluck und sah auf die Treppe, die zur Galerie führte. Sie sah auf den Feuermelder in der Ecke.

„Das sage ich so. Dabei habe ich immer meine Zyankalikapsel bei mir. Aber nicht zu dem Zweck, den Sie vielleicht vermuten. Im Gegenteil! Ein Kollege hat mir die Kapsel gegeben, bevor ich für eine Reportage nach Afrika flog. Es war bekannt, dass dort gefoltert wurde. Natürlich hatte ich Angst, aber ich hatte den festen Willen, meine Geschichte vor Ort zu recherchieren. Dieser Kollege gab mir die Kapsel an meinem letzten Tag in der Redaktion. ‚Für alle Fälle‘, sagte er. ‚Ich weiß ja, dass du sie nie benutzen wirst, aber wenn es ganz schlimm kommt, und du hast sie bei dir, dann merkst du plötzlich, wie gerne du noch lebst und dass du sie gar nicht willst. Du bist der einzige Mensch, von dem ich weiß, dass er das richtig versteht.‘“
––Sie griff in ihre Umhängetasche, holte ein Silberdöschen heraus und öffnete es. Eine leuchtend grüne, längliche Kapsel lag darin. Sie gab sie dem Mädchen in die Hand mit einer fast beschwörenden Geste.
––„Zyankali …“, flüsterte das Mädchen. Sie starrte eine Weile auf die Kapsel und ließ sie dann zurückgleiten in die Dose.

Die Frau trank einen Schluck Weinbrand. Ihr Blick verfing sich in den Preistafeln über dem warmen Büfett. Immer wenn die Schwingtür aufwehte, sah man einen Augenblick lang den Stand mit Obst und Südfrüchten.
––Diese feuchte Hitze! Ein dampfender Krisenort.

„Alles kostet seinen Preis“, sagte sie. „Und man muss ihn zahlen. Wichtig ist nur, man darf sich nicht vereinnahmen lassen. Von nichts und niemandem. Auch nicht von sich selbst. Es hat keinen Sinn, immerfort die eigene Seele abzutasten. Keine Flucht in die Innerlichkeit, aber auch keine Flucht in die Äußerlichkeit. Man muss versuchen, die Dinge zu sehen, Stellung zu beziehen und sich für seinen Standpunkt einzusetzen. Verstehen Sie? Früher wollte ich angstlos leben. Heute weiß ich, dass ein Leben ohne Angst eine Suppe ohne Salz ist. Die Angst gehört zum Leben wie die Gewissheit zu sterben. Ohne Angst kann nur leben, wer seine Grenzen nicht genügend auslotet.“
––Sie tastete das Gesicht des Mädchens nach einer Reaktion ab.
––„Woran denken Sie?“
––„An meinen Freund“, sagte das Mädchen tonlos.
––„Möchten Sie, dass er wieder zurückkommt?“
––„Nein, ich glaube nicht. Ich weiß nicht.“
––„Ich weiß, Sie wollen gar nichts im Augenblick. Sie fühlen sich wie abgestorben. O, ich kenne diesen Zustand, glauben Sie mir. Aber dagegen kann man angehen. Es sind gar nicht immer die großen Philosophien und allumfassenden Tröstungen, die einem weiterhelfen. Meine Freundin sagt immer: ‚Gegen Depressionen gibt es drei Dinge: Sex, Einkaufengehen oder Dauerläufe.‘“

––Sie lachte kurz auf.

––„Dauerläufe kann man nur machen, wenn man sich nicht gleichzeitig zu schwach und elend fühlt. Aber dann ist es herrlich, sich auszutoben, so lange zu joggen, bis einem die Flausen vergehen. Beim Einkaufen kann man sich natürlich auch austoben. So ein bisschen Konsumzwang steckt doch in jedem von uns. Wenn ich dann die Rolltreppe rauffahre, und ich sehe all die Auslagen auf mich zukommen, dann denke ich, etwas davon wirst du dir mit nach Hause nehmen. Etwas davon wirst du dir einpacken lassen und dir später zu Hause anziehen oder hinstellen – oder aufessen. Das klingt nicht sehr konsequent, nicht? ‚Aber Konsequenz hilft auch nicht gegen Depressionen‘, sagt meine Freundin. Ja, und das letzte Mittel, Sex, das ist vielleicht eine andere Art, sich auszutoben. Aber das geht nun mal nicht allein, jedenfalls nicht gut.“

––Sie trank ihr Glas leer.

––„Es wird Ihnen wahrscheinlich noch nicht aufgefallen sein, Sie sind noch zu jung, aber Männer beherrschen einfach nicht die Körpersprache. Sie sind unphysisch. Ich weiß nicht, ob sie es von Natur aus waren oder so geworden sind. Das ist auch unerheblich, solange man mit dem Resultat leben muss. Die einzige Körpersprache, die sie sprechen, ist die ihres Geschlechtsteils, von dem sie sich ein unbeholfenes Gestammel diktieren lassen, taub und roh.“
––„Lassen Sie das!“, sagte das Mädchen. „Ich will das nicht mitanhören. Außerdem muss ich gehen.“ Sie griff nach ihrem Rucksack.
––„Warten Sie“, sagte die Frau schnell, „warten Sie einen Augenblick! Ich möchte gern ein Foto von Ihnen machen, darf ich?“
––„Wozu?“, fragte das Mädchen.
––Die Frau holte einen Fotoapparat aus dem Koffer, stand auf und trat ein paar Schritte zurück.
––Das Mädchen sah abweisend in die Kamera.
––Es blitzte.
––„Das war gut“, sagte die Frau, während sie sich wieder hinsetzte. „Das war genau der richtige Ausdruck. Wissen Sie, ich will Ihnen gar nichts vormachen. Ich habe Ihnen ja gesagt, dass ich Journalistin bin, und ich mache gerade für eine Frauenzeitung, kein Modeheft natürlich, also, für diese Zeitung mach’ ich gerade eine Serie über Frauen auf Bahnhöfen, oder, das heißt, ich fange gerade die Serie an, ich meine, ich bin sicher, dass die Serie gedruckt wird, weil doch, es gibt da so ergreifende Schicksale, so typische auch, und es kann doch auch eine Hilfe sein, für die, die, ich meine, es könnten doch andere in einer ähnlichen Situation Hilfe brauchen und dann –.“

––Sie fuhr sich von den Schläfen aufwärts durchs Haar, als wollte sie eine Krone ablegen.

„Die Menschen sind verrückt nach Geschichten. Je weniger sie selbst erleben, desto süchtiger sind sie nach den Abenteuern von anderen. Bei uns hier werden schon die kleinen Kinder zu Vampiren erzogen, und später sind sie dann ausgewachsene Vampire, die sich an Konsumgütern, Fernsehserien und Schlagzeilen sattsaugen …“
––„Ich geh’ jetzt“, sagte das Mädchen. „Es tut mir leid.“
––„Nein“, die Frau nahm ihre Hand, „nein, warten Sie! Wo wollen Sie denn hin? Sie haben doch niemanden hier! Wollen Sie nicht erst mal mit zu mir kommen und sich ein bisschen ausruhen?“
––„Nein, das geht nicht“, sagte das Mädchen hilflos.
––„Und wenn ich Sie bitte, meinetwegen? Wissen Sie, es ist nämlich so, meine Freundin hat sich heute Nacht von mir getrennt, gestern Abend eigentlich, das heißt, es war ja schon so abgemacht, aber ich hab’ es nicht glauben wollen, und ich – ich bin etwas durcheinander – ich habe die ganze Nacht nachgedacht, sie ist nicht wegen einer anderen Frau, ich meine, sie hat mich nicht wegen eines anderen Menschen verlassen, sondern einfach nur so, weil sie es mit mir nicht mehr aushält, und ich habe mich gefragt, warum, und warum ich nicht zu einer Freundin gehe oder zu einem Freund und mich da ausheule, und da ist mir wieder etwas bewusst geworden, was ich schon vergessen, was ich lange Zeit verdrängt hatte: Ich kann so furchtbar schlecht verlieren, ich kann es einfach nicht. – Entschuldigen Sie mich einen Augenblick! Ich muss etwas trinken.“

Sie stand auf, ein bisschen unsicher, strich ihren Rock mit fahrigen Bewegungen glatt und ging zum Büfett. Sie stützte sich leicht an das Plastikgeländer, während sie auf einen Fruchtsaft wartete. Als sie gezahlt hatte und sich wieder umsah, war das Mädchen weg. Sie schrak zusammen. Die Zyankalikapsel! Das Silber-Döschen musste noch zwischen den beiden Tabletts liegen. Sie lief zurück zum Tisch und griff nach der Dose: Sie war leer.

––Das Mädchen hat sie genommen! Sie ist todunglücklich, müde, abgestumpft, und ich habe von Dauerläufen gegen Depressionen geredet. Um mein eigenes Unglück zu ersticken, habe ich sie vielleicht …
––„O, mein Gott, nein, bitte nicht! O, Gott, nein!“, stammelte sie. Sie sah zum Nebentisch: „Haben Sie gesehen, wohin das Mädchen gegangen ist, das an meinem Tisch gesessen hat?“
––„Ja. Geradeaus, zu den Gleisen.“
––Sie dankte nicht, sondern griff nach ihrem Koffer und lief hastig, in größter Aufregung und Verwirrung hinter dem Mädchen her.
––Die Schwingtür pendelte hin und her. Ein paarmal sah man noch das Schild ‚Südfrüchte‘, draußen am Kiosk. Dann schloss sich die Tür wieder.

Abschlussbild Die Hostie Teil 5 mit Puzzleteilen Kuchen

Titelfoto/Collage und Abschlussfoto mit Material von Shutterstock: leonori (Früchte), akiyoko (Dose), gomolach (Kapsel), Olinda (Puzzleteile Backwaren)

29 Kommentare zu “#5 – Obst und Südfrüchte

      1. Sind Männer nicht ganz grundsätzlich weniger geschickt wenn es um Kommunikation geht? Egal ob mit Wörtern oder mit Bildersprache?

      2. Bei den Männern gehen Pubertät und Midlife Crisis direkt ineinander über. Man muss also schon ein klein wenig Nachsicht haben.

      3. Bei vielen Frauen ist die Strecke zwischen Verschossensein in den Klassenlehrer bis zu den Wechseljahren auch nicht nur von klugen Entscheidungen geprägt, so von außen betrachtet …

  1. „Die Menschen sind verrückt nach Geschichten. Je weniger sie selbst erleben, desto süchtiger sind sie nach den Abenteuern von anderen.“ ❗️

      1. Stimmt. Warten wir mal bis die Unterhaltungsindustrie das 5D Erlebnis entwickelt. Da wird dann ununterbrochen mitgerochen, mitgelitten, mit gefühlt.

    1. Die Beziehung dieser beiden Frauen ist jedenfalls merkwürdig und interessant, um das mindeste zu sagen. Mal schauen wie das noch weiter geht.

  2. Wenn die nächste Generation an die Macht kommt… Bisher bleibt es zu 90% trotzdem bei weißen alten Männern, die über die Richtung unserer Gesellschaften entscheiden.

      1. Die Zahl der Präsidentinnen ist jedenfalls immer noch erstaunlich gering. Das muss ich auch als Mann eingestehen.

      2. 2015 waren es laut Wikipedia genau 9,3% weibliche Staatsoberhäupter. Genauer 18 von 193. Die Rechnung kommt also sogar ziemlich genau hin.

  3. Zyankalikapsel?! Was diese Dame wohl noch so alles im Schilde führt? Es wird ja sicherlich nicht bei der vorgegebenen Reportage bleiben.

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