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Sprünge von Türmen  —   5. Kapitel: DER VERFÜHRER

DER VERFÜHRER – Boulevard | #1

One-Night-Stands sind etwas Normales – aber nicht 1968, nicht in besseren Kreisen.

„Packen Sie es mir bitte etwas hübscher ein“, bat ER.
––Der Verkäufer legte das weiße Papier beiseite und riss ein Stück, das ihm ausreichend erschien, von der Rolle mit Geschenkpapier ab. Nur mit Mühe gelang es ihm, seine Sparsamkeit durch so viel Geschicklichkeit auszugleichen, dass auch die Ohren des Stofftiers in der bunten Verpackung verschwanden. Auf der anderen Seite ermöglichte ihm gerade diese Schwierigkeit, seine gut manikürten, schmalen Finger graziös zu beschäftigen. „So“, sagte er erleichtert, als feststand, dass seine Fingerfertigkeit über die Tücke der Materie gesiegt hatte und er nicht ein neues Stück Papier würde opfern müssen. Mit einer Handbewegung, die zeigte: „Eigentlich habe ich das gar nicht nötig“, griff er nach dem Schein, rasselte an der Kasse und ließ das Wechselgeld wie ein Geschenk auf den dafür bestimmten Teller tropfen.
––ER steckte die Münzen ein, ohne nachzuzählen, sagte „Auf Wiedersehen“ und wandte sich der Tür zu.
––Der Verkäufer schlüpfte hinter dem Ladentisch hervor. Sein herrischer, aber tänzelnder Gang ließ erahnen, dass er der Inhaber des Geschäftes war: Das Spielerische seines Berufes hatte auf seine Gehweise abgefärbt. Der Ladeninhaber kam gerade noch rechtzeitig, um IHM die Tür zu öffnen, was nur geschah, um diese kurze Bewegung als einen Akt großzügigster Gunstbezeugung zu gestalten.
––ER dankte mit einem leichten Nicken, das der Besitzer all dieser erlesenen Schätze durch eine Verbeugung beantwortete, die um einen Hauch tiefer ausfiel, nicht aus Unterwürfigkeit, sondern von dem Bedürfnis nach Steigerung geleitet, und weil er wusste, dass man die Haare am Hinterkopf zeigen muss, solange sie noch da sind. – Carpe diem!

ER ging mit dem Päckchen zwischen den Fingern in einer Art unschlüssiger Zielstrebigkeit dem Irrgarten, dem Dschungel, der Arena entgegen.
––Es war ein drückender Tag. Der Himmel lastete lichtdurchsogen über der Stadt. Er schien neue Glut auszubrüten und die angestaute Hitze unter seiner bleiernen Glocke gefangenzuhalten. Dementsprechend waren auch die meisten Plätze besetzt. Rentner und alte Frauen saßen dösend auf der Straße, ein Glas mit buntem Inhalt vor sich auf dem Tisch und durch elegante Markisen vor der Nachmittagssonne geschützt. Aber es gab auch schwatzende junge Mädchen, ernste Studenten, Geschäftsleute und Damen. Kellner in farbigen Jacken lehnten neben großen Glasfenstern und starrten auf die vorüberziehenden Menschen und Fahrzeuge, wenn sie nicht mit einstudierten, raffiniert routinierten Bewegungen ihre Getränke und ihr Lächeln servierten. Die Getränke brachten sie ausnahmslos auf rechteckigen, silbernen Tabletts, ihr Lächeln fiel je nach Temperament und Gast aus: vielversprechend, hoffnungsvoll oder gleichgültig. Der Gehweg verlief zwischen der glatten, fensterdurchsetzten Fassade des Häuserzuges und den beiden Tischreihen.
––Im Allgemeinen ging er drei bis vier Mal an den drei hintereinanderliegenden Cafés auf und ab.
Seine Blicke tasteten sich dann durch die Reihen der Sitzenden: prüfend, wählend, fast kostend, so wie ein Kenner Juwelen betrachtet. Es gab Menschen, die seine Blicke wie eine körperliche Berührung empfanden und genossen. Doch diesmal brauchte er nicht zu suchen.
––Es war einer der ganz seltenen Glücksfälle.
––Er wusste sofort, dass sie ein geeignetes Objekt war, obwohl ihr Gesicht nur einen kurzen Augenblick hinter der Zeitung sichtbar geworden war: schwierig, aber lohnend. Ein rassiges, edles Gesicht, hohe Stirn, schmale, gerade Nase, dunkle Haare aus dem Gesicht bis in den Nacken gekämmt, langer Hals, eine Sonnenbrille, die von Geschmack zeugte, nicht aufgedonnert, zurückgenommen, gute Hände, schlichter Schmuck, Figur, so weit zu sehen, in Ordnung.
––„Ist dieser Platz noch frei?“
––„Bitte“, sagte die alte Frau widerstrebend.
––Er setzte sich.
––Die zierlichen Tische standen dicht nebeneinander, und so saß er ihr fast gegenüber.
Sie sah von ihrer Zeitung auf, scheinbar nach einem Passanten, aber ihr musste der einzige Mensch in ihrer Nähe, der mit dem Rücken zum Gehweg saß, dazu noch am Nebentisch, sicher aufgefallen sein.
––In seinem Blickfeld lag die bis zum Boden reichende Verlängerung der Markise aus dunkelblauem, festen Leinen, die der Tischreihe Geschlossenheit und Schutz vor dem Autolärm gab.
––Außerdem konnte er die Kette der Sitzenden betrachten, und darin sie – oder genauer gesagt: ihre Zeitung.
––Die alte Frau an seinem Tisch rief in die Luft: „Ich möchte zahlen!“
––„Ja.“
––Der Kellner fingerte nach dem Zettel unter ihrem Glas und nannte den Preis.
––Sie kramte ihr Portemonnaie aus der Tasche, holte das Geld umständlich hervor und klimperte die Münzen widerwillig auf den Tisch.
––Der Kellner strich sie mit wortloser Selbstverständlichkeit ein wie ein Croupier die Chips und warf dabei einen gleichgültigen Blick die Straße entlang. Dann lächelte er ihm gefällig zu, nahm seine Bestellung entgegen und verschwand mit einer liebenswürdigen Verbeugung und einem leergetrunkenen Glas.
––Die Alte fasste nach ihrer Tasche, erhob sich langsam, auf den Tisch gestützt, und schaukelte behäbig davon.
––Das Feld war frei.
––Er sah abwechselnd auf die dunkelblaue Tischdecke mit den weißen Fransen und auf das in Gegenbewegung verlaufende Gewirr der Passanten. Von Zeit zu Zeit fesselte ihn eine gute Figur mit lässig eleganten Bewegungen oder ein Gesicht, das Überlegung und Entschlossenheit ausdrückte.

Titelillustration mit Material von Shutterstock: Nejron Photo (Porträt Mann), Pressmaster (Geschenk)

32 Kommentare zu “DER VERFÜHRER – Boulevard | #1

    1. Unter Männern ist das ja eh viel akzeptierter. Als Frau wird man damals wie heute gleich als ‚leicht zu haben‘ oder als ‚Sch****e‘ abgestempelt.

      1. Das Sex-and-the–City-Mädels-Gespräch stell ich mir nett vor: „Der sieht da ganz gut aus, aber der lässt sich ja von jeder gleich rumkriegen, ein richtiger Schlampen.“

      2. Hahaha, Frauen lästern bestimmt genauso viel wie Männer wenn sie unter sich sind, aber irgendwie klingt das trotzde, nicht so ganz richtig.

      1. Loneliness kann man unter den richtigen Bedinugngen aber ebenso durch excitement ersetzen. Aber ich verstehe grundsätzlich schon wie sie den Satz meint bzw. in welchen Situationen er stimmig wäre.

      2. Man muss halt eine halbe Stunde Glück einem halben Leben in Zufriedenheit vorziehen. Aber diese Alternative finden glücklicherweise nur im Kopf statt, es sei denn, es kommt durch das kurze fremde Glück zur Scheidung.

      3. Tja manchmal wird einem durch den One-Night-Stand erst bewusst wie einsam man eigentlich ist, aber manchmal genießt man auch einfach die kurze Lust und ist dann weiterhin glücklicher Single.

    1. Die Geschichte(n) entfaltet sich gleichermaßen von Kapitel zu Kapitel wie die jeweiligen Titelbilder 😉 Ziemlich gelungen muss ich sagen.

  1. Ich mag diesen Satz: „Es gab Menschen, die seine Blicke wie eine körperliche Berührung empfanden und genossen.“ Das beschreibt ja quasi genau das, was einen geborenen Verführer ausmacht. Diese Gabe andere Menschen selbst nur mit einem Blick emotional zu berühren.

    1. Andere Kulturen oder Menschen würden das vielleicht als Aura bezeichnen. Das funktioniert ja genauso gut im Negativen. Man ist ja manchmal schon vom ersten Moment an von jemandem abgestoßen. Das klingt hart, aber so ist es doch.

      1. Die ‚french shower‘ kann aber auch nicht jeder überzeugend verkaufen. Da muss man schon die nötige Portion Selbstbewusstsein haben.

      2. Bei der französischen Dusche braucht man kein Wasser, nur den oben erwähnten Spritzer Chanel 😉

  2. Das ist für meinen Geschmack bisher die interessanteste Figur. Jetzt bin ich nur gespannt wie er in die restlichen Handlungsstricke verwickelt ist.

  3. Mir scheint es in diesem Teil der Erzählung so zu sein, dass ER eher andere zum Sprung vom Turm drängt, als dass er selbst springen wird. Aber erstmal abwarten, wie Herr Rinke schreibt, die Geschichte nimmt ja erstmal ihren Lauf.

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