„Sie bedeuten mir so viel“, sagte Werner, als Schwester Claudia ihm am Abend etwas zu trinken brachte. Er hatte nur geläutet, weil er sich nach ihr sehnte und wusste, dass sie Nachtdienst hatte. „Es war schrecklich für mich, mit anzusehen, wie Sie den Pfarrer genauso liebevoll behandelt haben wie mich.“
––„Ich muss mich um alle Kranken mit derselben Sorgfalt kümmern“, sagte sie, und zum ersten Mal kam ihm ihre Stimme ausdruckslos vor, obwohl sich ihr Tonfall nicht verändert hatte.
––„Aber ich liebe Sie“, sagte er heftig, und er war selbst verwirrt, dass diese Worte, die er immerzu dachte, nun aus ihm heraus gedrungen waren.
––„Sie sind für mich ein Patient wie jeder andere“, sagte sie ohne Schärfe, ohne Anteilnahme. „Sie dürfen sich in nichts hineinsteigern, was Ihnen nur Unannehmlichkeiten machen kann.“
––„Aber ich liebe Sie doch!“, schrie er erschüttert. „Ich habe doch sonst niemanden mehr! Mein Gott, ich bin ganz allein! Verlassen Sie mich nicht auch noch!“
––„Sie dürfen sich in Ihrem Zustand nicht aufregen“, sagte Claudia, ohne dass der milde Klang ihrer Stimme eindringlicher geworden wäre.
––„Aber ich rege mich auf! Ich rege mich ganz furchtbar auf! Ich bin verzweifelt!“, schrie er.
––„Sie tun mir leid. Aber Sie müssen jetzt ruhig sein. Sie wecken die Kranken auf.“
––„Ich will Ihr Mitleid nicht“, rief er. „Mitleid bedeutet Verachtung. Mitleid ist die Freude, selbst gesund und glücklich zu sein, das schlechte Gewissen höchstens, ich pfeife auf Ihr Mitleid. Ich will Ihre Zärtlichkeit, Ihren Trost, Ihre Liebe!“
––Sie drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort, ohne eine hastige Bewegung aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich geräuschlos.
––Werner konnte keinen Schlaf, keine Ruhe, keine Hoffnung finden. Er schlug sich mit Vorwürfen, Erinnerungen, Bildern herum. Er fühlte sich ausgestoßen und vereinsamt. Sein Körper war wie von bitterem Geschmack überzogen. Übelkeit und Schmerz gruben sich tief in ihn ein, fraßen an ihm und drängten ihn zusammen, zerquetschten ihn zu dem einen Gedanken: ‚Sie liebt mich nicht!‘ Der Raum verschwand kreisend. Es gab nichts mehr, was ihm half, was ihn schützte. Da schrie er seine Qual wild aus sich heraus. Er schrie und schrie und konnte nicht wieder aufhören. Licht schoss ihm in die Augen. Sie kamen zu dritt, mit einem Arzt.
––Als er Claudia sah, schrie er noch lauter: „Nein, nein! Nicht sie! Ich will sie nicht sehen! Sie ist nicht Schwester geworden, weil sie die Menschen liebt, sondern weil sie sie hasst, um sie zu quälen, um sich an ihnen zu rächen! Ich kann sie nicht ertragen!“ Er brüllte und versuchte, um sich zu schlagen, aber sie hielten ihn fest. Er spürte die Injektion. Sein Widerstand brach zusammen. Das Letzte, was er wahrnahm, war Claudias Stimme, die sagte: „Gleich werden Sie ruhig sein.“
––Doch jetzt hörte er in dieser Stimme nicht wie früher Gelassenheit, sondern Herablassung. Der Klang, der ihm warm und dunkel erschienen war, zeugte nur noch von einer tiefen Leere.

Der Pfarrer erwachte schon vor sechs Uhr aus einem unruhigen Schlaf. Er klingelte.
––Claudia kam und frage mit routinierter Behutsamkeit fast automatisch: „Ist Ihnen nicht gut?“
––„Wer hat heute Nacht so entsetzlich geschrien?“
––„Oh, hat es Sie gestört? Das tut mir leid“, eine gleichgültige Sanftmut schwebte in ihrer Stimme. „Es war Herr Stolten, mit dem Sie zusammen gelegen haben. Er glaubte, mich zu lieben. Ich habe ihm erklärt, dass solche Gefühle ihm nur schaden, und dann gab es eine Szene.“
––„‚Dass ihm solche Gefühle nur schaden!‘ Wie das klingt! – Sind Sie denn ganz ohne Liebe?“
––Claudia wandte sich ab und wollte aus dem Zimmer gehen, doch dann drehte sie sich wieder um und sagte: „Ja, ich bin ohne Liebe. Man hat sie aus mir herausgerissen.“ Sie sprach immer noch ruhig, fast schleppend. „Ich habe geliebt. Ich habe so heftig geliebt, dass es für mich nichts anderes gab als diese Liebe. Richard hieß er. Er war Assistenzarzt in dem Krankenhaus, in dem ich damals als Medizinisch-Technische Assistentin arbeitete. Wir waren glücklich miteinander, wirklich glücklich. Er war nicht schön, er hatte kein Geld, er war sogar etwas unbeholfen, aber er hatte Güte und Herzlichkeit, wie ich sie bei keinem anderen Menschen gesehen habe.“
––‚Konnte eine Stimme so schnell umschlagen?‘, fragte sich der Vikar. ‚Ja, natürlich. Synchronsprecher machen das dauernd. Aber Pflegepersonal?‘
––„Kurz bevor seine Ausbildung abgeschlossen war, nahm er mich ganz merkwürdig in den Arm, nicht zärtlich, sondern so, als wollte er mir nicht ins Gesicht sehen. Er sagte: ‚Wir haben schon oft darüber gesprochen. Aber nicht auf uns bezogen. Ich muss dir jetzt wehtun. Ich wollte es dir nicht eher erzählen, weil ich weiß, wie sehr du leiden wirst. In vier Wochen gehe ich nach Afrika.‘ ‚Was?‘, schrie ich. ‚In ein Lepradorf. Versteh mich doch! Bitte, versteh mich! Ich muss helfen. Es ist meine Bestimmung.‘ Aber ich verstand nichts. Ich sagte ihm, er würde sich bei seiner schwachen Konstitution zugrunde richten. ‚Vielleicht‘, sagte er. ‚Dann ist es so.‘ Ich schrie ihn an, ich weinte, ich bat. Es half alles nichts. Er sagte: ‚Ich leide darunter genauso wie du. Das Klima, das Leben dort, ja, vielleicht stehe ich es nicht durch. Ich muss es tun. Nenn es Berufung. Ich kann nicht anders.‘ ‚Du Luther, du Dreck!‘ Ich war außer mir.“ Der Nachhall ihrer Raserei schwang noch in ihrer Stimme. „Als ich sah, dass alles zwecklos war, wollte ich mich nur betäuben. Ich soff auf Partys rum und quatschte an, was sich nicht wehrte. Ich hörte mir leere Versprechungen an und machte selber welche. Der Freund einer Kollegin war scharf auf mich. Jedenfalls tat er so. Ein ‚Sexprotz‘, hätte man früher gesagt. Maler. Der war genau das Richtige in meiner Situation. Untergang kann plötzlich Spaß machen. Ich wusste, er wollte durch mich nur an Morphium kommen, aber das war mir egal. Ich hatte den Wunsch, mich zu erniedrigen und Richard dadurch zu beschämen. Mein Vater mochte Christian sogar lieber als Richard, weil er besser aussah und so großspurig auftrat. Dass ich verrückt geworden war, merkten alle. Bis auf meinen Vater. Ich ertrug alle Peinlichkeiten und Richards Mitleid dazu. Mit Genuss. Aber drei Tage vor seinem Abflug sahen wir uns noch einmal. Es war fast wieder wie früher, und wir versprachen uns: ‚Wir bleiben uns treu!‘ Sentimentales Getue. Schon am nächsten Abend zog ich wieder los. Ich weiß noch, ich machte einen Typen an, einen richtigen ‚Trauerkloß‘: so was wie ich in männlich. Wie ich nach Hause kam – keine Ahnung. Ein Kollege brachte mich, glaube ich. Ich war vollkommen am Ende. In der Nacht lag ich wach. Mein Suff schmolz ein zu Selbstmitleid. Ich wollte nicht mehr leben. Aber er sollte wissen, was er mir angetan hatte. Es sollte ihn treffen. Am nächsten Abend ging ich in einen Park in der Nähe unseres Hauses. Dort ist ein kleiner Aussichtsturm. Wir waren oft da raufgestiegen. Meistens waren wir allein. Wir küssten uns und wir sahen in die Weite: Das war unsere Welt. Von diesem Turm wollte ich mich runterstürzen. Auf dem Weg dorthin merkte ich, dass mein Vater mich verfolgte. ‚Gut‘, dachte ich. ‚Soll er sehen, wie ich runterspringe. Er hat sich nie um mich gekümmert. Jetzt kann er mich auch nicht mehr zurückhalten.‘ Plötzlich wurde ich gepackt. ‚Ja‘, dachte ich, ‚vielleicht ist auch das gut. Vergewaltigt und ermordet. Es wird ihn erschüttern.‘ Wie kann man so verblendet sein, so rachsüchtig, so …?“ Sie brach ab.
––Dem Geistlichen fehlten die Worte. Er suchte sie auch nicht.
––„Ich schrie nicht. Ich wollte ohnehin sterben.“ Ihre Stimme klang jetzt sachlich. Sie passte nicht zu den Worten. „Aber dann überkam mich Wut“, sagte sie. „Instinktiv schlug ich zu, ich trat, ich fing an, mich zu wehren. Als mein Vater auf uns zukam, lief der Kerl weg. Mein Vater lief hinter ihm her. Ich sah, dass der Mann eine Pistole hatte und schrie, aber es war schon zu spät. Mein Vater wurde an der Wirbelsäule getroffen. Er blieb gelähmt, bis zu seinem Tode. Das war auch mein Ende. Ich lebte nur noch, um meinen Vater zu pflegen. Es machte mir nichts aus, kein eigenes Leben zu führen, sondern ganz für einen anderen da zu sein. Ich tat es genauso gern oder ungern, wie ich alles andere getan hätte. Rudolfs Briefe – ich habe sie nicht beantwortet. Ich habe sie gar nicht erst gelesen. Nach dem Tod meines Vaters ließ ich mich als Schwester ausbilden, und jetzt pflege ich weiter. ‚Führe uns nicht in Versuchung‘, beten Sie in Ihren Kirchen.“ Erst jetzt bekam ihre Stimme eine gewisse Schärfe. „Ich habe um Versuchung gebetet. Immer wieder habe ich um Versuchung gebetet, um Lockung, Anreiz, Gefühl und Leben. Aber er hat mich nicht erhört. Er hat alle Übel von mir ferngehalten.“
––„Sie müssen Ihren Dünkel aufgeben“, sagte der Vikar. „Sie pflegen die Kranken nicht aus Liebe, Sie empfinden überhaupt nichts für sie. Das einzige Bedürfnis, das Sie haben, ist, sich zu bestrafen und sich zu zerstören. Der schnelle Sprung vom Turm ist Ihnen nicht gelungen. Jetzt versuchen Sie es langsam und heimtückisch.“
––Eine Schwester riss die Tür auf. „Claudia, kommen Sie schnell!“ Sie liefen beide hinaus.
––Der Vikar blieb allein zurück, von Angst und Unruhe gequält. Er starrte abwechselnd an die Decke und gegen das dunkle Fenster. Dann begann er zu beten. Nach einer Weile klingelte er.
––Claudia kam geräuschlos herein.
––„Ist eben etwas Ernstes geschehen?“, fragte er besorgt.
––„Herr Stolten – er hat sich aus dem Fenster gestürzt.“
––„Mein Gott, ist er tot?“
––„Ja.“
––„Durch unsere Schuld!“, rief der Vikar. „Wir hätten ihn retten können. Ich wollte, dass er mich als ganzen Menschen anerkennt. Durch diese Eitelkeit habe ich sein Vertrauen verloren, und Sie haben seine Zuneigung zurückgewiesen.“
––„Ich bin unschuldig an seinem Tod.“ Claudia blieb gleichgültig. „Ich habe nur meine Pflicht getan.“
––Der Pfarrer fuhr auf. „Können Sie Ihren Starrsinn, Ihre Verblendung nicht aufgeben?“
––„Sie dürfen sich nicht aufregen, das kann Ihnen sehr schaden“, sagte Claudia ruhig. Sie schob ihn mit leichtem Druck zurück auf sein Kissen.
„Wissen Sie überhaupt, wie unbarmherzig grausam Ihre Nächstenliebe ist?“, fragte der Vikar verzweifelt.
––„Wenn Sie sich weiter aufregen, muss ich Ihnen eine Spritze geben lassen“, sagte Claudia, und ihre Stimme, die niemandem Schmerz zufügen konnte, klang sanft und dunkel. Es war die Stimme einer Toten.

Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Daniel_Dash (Frau), Josep Curto (Kloster), Gorodenkoff (Patient im Krankenhaus), Pressmaster (Gruppe von Jugendlichen), Ilya Shvedko (Apfelbaum im Garten), Gemenacom (Mann mit Pistole)

28 Kommentare zu “Nächstenliebe | #5

  1. Da ist sie ja, die langersehnte Zusammenführung aller Stricke! Was für ein Monolog der Tochter, er beinhaltet so viel Drama und bleibt gleichzeitig im Ton fast gleichgültig.

      1. Manchmal lähmen sie nur, manchmal lösen sie Reaktionen aus, die man sonst nie für möglich gehalten hätte. Der versuchte Selbstmord ist doch auch so etwas, was man eigentlich niemals in Betracht ziehen würde.

    1. Ganz bestimmt nicht. Trotzdem erschien sie mir in diesem Teil der Geschichte erstaunlich kühl. Schuld hat sie natürlich nicht, aber sie hätte ihm sicherlich mehr helfen können als sie es getan hat.

      1. Trotzdem kann man so etwas im Nachhinein niemandem vorwerfen. Die Entscheidung sich das Leben zu nehmen trifft jeder alleine.

      2. Ich würde Sie gern zitieren wollen; wie war dasnoch gleich – Bereuen muss man vorher!? Im Nachhinein ist dies ja auch hier nur Hypothese.

    2. Das Schlimme ist wohl, dass Werner mit seiner Zuneigung genau an die falsche Person geraten ist. Wer selbst mit seinem Leben hadert kann einer Person mit demselben Problem natürlich wenig weiterhelfen.

      1. Bestimmt. Aber dann wahrscheinlich unter anderen Umständen, bzw. mit einer anderen Herangehensweise. Er tappt ja gerade genau in Claudias Fettnäpfchen. Liebe ist für sie eben ein zu sensibles Thema um einen für die beiden sinnvollen Dialog anzufangen.

  2. Was das Verhältnis Vater-Tochter zu solch einem Punkt gebracht hat, interessiert mich noch immer. Dass Claudia sich vor seinen Augen in den Tod stürzen will ist ja nun wirklich ein krasser Schritt.

      1. Ihrer eigenen Geschichte nach zu urteilen ist sie einfach tief verletzt, und gefühlt ausweglos.

      2. Der Vater hat sich immer mehr um seine Arbeit gekümmert als um sie. Sie hat kein Vertrauen zu ihm. Sie wollte ihn nicht bei ihrem Sprung dabei haben, aber sie nahm seine Anwesenheit in kauf. Da sie nicht bis zum Turm kam, wissen wir nicht, ob sie überhaupt gesprungen wäre.

  3. Die Zuneigung des Patienten ist natürlich auch völlig aus der Luft gegriffen. Also seinerseits. Andererseits habe ich von solchen Szenarien schon mehrfach gehört. Zum Glück nie mit dem gleichen dramatischen Ausgang.

    1. Man kennt ähnliche Reaktionen doch zwischen Patient und Psychiater. Die plötzliche Aufmerksamkeit und das Interesse an der eigenen Person fördern dann diese überhöhte Vorstellung der Beziehung (Übertragung / Gegenübertragung).

  4. Claudia scheint zumindest subjektiv ein völlig zerstörtes Leben zu leben. Immer wieder erschreckend zu sehen wie vielen Menschen es ähnlich geht und wie es zu so etwas kommen kann.

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