https://hanno-rinke.de/wp-content/uploads/1900/02/Judas_6-02-02.jpg

Teilen:

2802
Judas

#6

Behutsam setzte sich Maria Magdalena auf den Rand des Bettes, dicht neben seinen Kopf.
––Er öffnete die Augen. Sein Blick tat weh.
––„Seit wann seid ihr wieder hier?“
––„Seit vorigem Samstag.“
––„Wo wohnt ihr?“
––„In Bethanien. Bei Simon.“
––„Bei dem Aussätzigen?“
––Einen Augenblick lang war es ihm, als wollte sie wegrücken. Judas sah auf zu ihr. „Fürchtest du dich?“
––„Nein.“ Sie legte ihm die Hand auf die Stirn. „Hast du Fieber?“
––„Vielleicht.“
––„Erzähl mir, was geschehen ist seit voriger Woche!“

70[…] Habe ich nicht euch Zwölf erwählt? und-euer einer ist ein Teufel!

Quelle: ‚Die Bibel‘ – Johannes 6,70

„Nicht ‚Zweifler‘, ‚Teufel‘ hat er gesagt. Ich habe das gleich auf mich bezogen. Vielleicht bin ich auch deshalb ein Teufel geworden.“
––„Ja, bist du denn ein Teufel?“
––„Noch nicht. Aber ich spüre, wie ich es werde. Wie ich ihm wieder gehorche. Auch jetzt noch. ‚HERR, gib, dass nicht ich es bin‘, habe ich gebetet. Und wo blieb all seine Barmherzigkeit?“
––„Erzähl von Anfang an! Um dir zu helfen, muss ich dich verstehen.“
––„Du kannst mir nicht helfen. Du kannst mich nicht verstehen.“
––„Ich will es wenigstens versuchen. Erzähl! Ich bitte dich.“
––Judas schloss die Augen wieder. Er fühlte nichts als ihre Hand. „Noch einmal Hoffnung. Noch einmal ein Aufbruch. Jahrelang waren wir durch Galiläa gezogen. Die Leute kannten uns. Es war nichts Neues mehr von uns zu erwarten. Und von ihnen auch nicht. Wie ich hatten viele zunächst geglaubt, Jesus würde zum bewaffneten Kampf gegen die Römer aufrufen. Es wäre ihm wohl auch gelungen, die Menschen aufzuwiegeln. Er hätte sie dazu bringen können, für ihn in den Tod zu gehen. Und sie wären mit mehr Begeisterung gestorben, als sie gelebt haben. Eine gefährliche Gabe, aber eine Achtung einflößende. Soll man ihn dafür bewundern, wie er diese Gabe gebraucht – oder nicht gebraucht hat? Seit die Römer hier regieren und Herodes’ Söhne gerade noch geduldet sind, hat sich so viel Wut und Hass aufgestaut, dass es leicht gewesen wäre für ihn, genügend Männer zum Widerstand zu sammeln. Wir Juden, im Bund mit dem einzigen und wahren Gott, und dazu ein Führer, an den man glauben kann! Wie hatte ich mir das früher immer gewünscht! Endlich für etwas kämpfen, für das es sich zu kämpfen lohnte. Kein Feilschen um Waren und Preise, kein Handwerk, Tagewerk – sondern ein Werk! Gegen etwas zu kämpfen, ist ja so viel leichter als für etwas. Aber er wollte es nicht leicht haben.“

36[…] Mein Reich ist nicht von dieser Welt. […]

Quelle: ‚Die Bibel‘ – Johannes 18,36

„Wahrscheinlich hätte ich gar nicht kämpfen können. Mag sein, dass sich in die Enttäuschung, es nicht zu müssen, auch Erleichterung mischte. Und doch war es ein Kampf. Ein Kampf um Seelen. Nicht mit dem Schwert, sondern mit der Zunge. – Küss mich, Maria!“
––Sie beugte sich leicht herab zu ihm.
––Er zog sie an sein Gesicht. Beatmung. Wiederbelebung. „Hörst du den Wind, Maria?“
––„Ja, ich höre ihn. Es stürmt.“
––„Der Wind belauscht uns. Er schleicht ums Haus. Er wird mich nicht mehr freigeben.“
––„Unfug! Du fieberst. Der Wind ist der Wind. Wir sind in Gottes Hand.“
––„Wir hätten kämpfen müssen. Vielleicht wäre das weniger kläglich gewesen. Ich hätte mich den Horden des Barnabas anschließen sollen, die taten genau das, was sie tun wollten. Barnabas weiß wenigstens, wofür er stirbt, wenn er morgen ans Kreuz geschlagen wird. – Vielleicht kann ich gar nicht kämpfen, weder mit dem Schwert noch mit der Zunge. Ich bin nicht tapfer, sondern kleinmütig. Ich grüble, statt zu verkünden. Das Fasten, das hätte ich noch zuwege gebracht, vierzig Tage alleine mit mir in der Wüste, das hätte ich auf mich genommen. Es wäre eine Aufgabe gewesen, eine selbstgestellte nur und nicht ungefährlich, aber durchführbar. Doch das war für ihn nur der Anfang, seine erste Erprobung. Über sie wäre ich nicht hinausgekommen. Hungern kann ich, predigen kann ich nicht. Die Überzeugung, die er ausstrahlte, ich konnte sie nicht weiterstrahlen. Die Menschen glaubten mir nicht. Ich las Misstrauen in ihren Gesichtern und wurde selbst misstrauisch. Es war, wie es schon zu Hause gewesen war: Ohne seine Gegenwart war nichts gebessert.“

10[…] Wo ihr in ein Haus gehen werdet, da bleibet bis ihr von dannen zieht. 11Und welche euch nicht aufnehmen noch hören, da gehet von dannen heraus […]

Quelle: ‚Die Bibel‘ – Markus 6,10–11

„Sie predigten Buße, trieben Geister aus, machten Kranke gesund. – Ich nicht. Wie auch? Wer nicht an sich glaubt, wie sollen dem die anderen glauben? Wunder bewirkt nur der Glaube. An sich glauben können – ist das zu lernen? Oder ist es eine angeborene Fähigkeit, eine Bestimmung? Ich glaubte an ihn. Ich hing an ihm. Ich hing ihm an. Er hatte mein Herz. Ich hatte seinen Geldbeutel. Und doch: Welcher Zauber ging von ihm aus, auch von seiner Lehre? – Kein strafender Gott, sondern ein verzeihender! ‚Wer seinen Nächsten liebt und ihm Gutes tut, den wird Gott lieben.‘ Wie schön das klingt, wie verständlich und einleuchtend! Ich wäre so gerne ohne Zwiespalt: freudig gläubig. Aber ich bin dafür nicht geschaffen. Es gibt kein Paradies für mich. Mein Leiden ist kein Übel, sondern göttlicher Plan. Was denkst du, Maria, ist er wirklich Gottes Sohn?“
––„Ja, er ist Gottes Sohn. Er hat sieben Dämonen aus mir herausgetrieben. Er hat mir Frieden gegeben. Ich glaube an ihn. Bete, Judas, bete, dass auch du glauben kannst!“
––„Wenn er Gottes Sohn ist, dann bin ich der Sohn des Teufels.“
––„Judas, um Gottes willen, geh in dich! Bete! Bete, dass der böse Geist dich verlässt. Komm, wir beten zusammen! Komm, Judas, knie nieder!“
––„Weiß er alles? Denkst du, dass er alles im Voraus weiß? Gibt es keine Überraschung für ihn? – Wie langweilig! Ob er noch wach ist? Ja. Er wird beten. Wie du. Vielleicht wird er weinen. Er hat Angst. Vor mir? Vor dem, was ich tun werde? Jesus, du denkst an mich, wie ich an dich denke. Es ist unsere letzte Nacht zusammen, nicht wahr? Die letzte Liebesnacht einer unerfüllten, unerfüllbaren Liebe. Du bist stark. Ich bin schwach. Beide werden wir sterben. Du wie ein Held, ich wie ein Feigling. Die Nachwelt wird richten, falls sie uns zur Kenntnis nimmt. – Hör auf zu beten, Maria! Dein Gemurmel macht mich rasend! Bring mir Wein!“
––„Judas, du sollst …“
––„Mach schon, bring mir Wein!“
––Sie stand auf und ging zur Tür. „Judas, ich laufe auf die Straße und schreie!“
––Er richtete sich auf. „Was willst du denn schreien, alte Hure? ‚Mein Kunde kann nicht zahlen!‘?“ Er warf ihr den Geldbeutel vor die Füße. „Da!“
––Sie hob den Beutel stillschweigend auf und legte ihn auf den Tisch.

„Ein Kopfgeld haben sie auf ihn ausgesetzt“, sagte er leise und starrte in die Flamme. „Was bekommt man für dreißig Silbersekel, Maria? Ein Weib? Ein Haus? Einen Strick? Ein paar trunkene Tage und die ewige Verdammnis?“
––„Du redest im Fieber, Judas. Leg dich hin! Ich werde auf dem Stuhl schlafen.“
––Er lehnte sich wieder zurück. „Natürlich war es richtig, was er getan hat, wie immer. Wenn er überhaupt noch etwas erreichen kann, dann nur hier, im Zentrum seines Gegners, in Jerusalem. Hier, wo man ihn nicht als Gaukler bestaunt, sondern als Feind ernst nimmt. Hier ist seine Lehre keine Heilsbotschaft, über die man streiten kann, sondern eine politische Gefahr. Eine tödliche Gefahr. Alles oder nichts. Wenn sie dich umbringen, Jesus, dann ist alles vorbei. Dann ist deine Mission endgültig gescheitert. Dann bist du nur noch ein Mensch, der Mensch, nach dem ich mich sehne. Und ich werde dich beweinen bis ans Ende meines Lebens. Aber wenn du nicht hierher gekommen wärst, dann wäre deine Mission noch jämmerlicher gescheitert. Du weißt das. Ich weiß das. Niemand sonst. Diese Spannung zwischen ihm und mir, gleich am ersten Abend, bei Simon in Bethanien. Sie war fast unerträglich.“

Titelgrafik mit Material von Shutterstock: rudall30

24 Kommentare zu “#6

      1. Man könnte sogar fast sagen, nach dem Tod (und besonders nach der darauf folgenden Auferstehung) fing alles erst so richtig an.

    1. Wissen wird man das erst wenn es so weit ist. Da kann die Wissenschaft noch so sehr das Leben erforschen, den Tod werden wir nicht ganz verstehen können.

  1. Ein Führer, an den man glauben kann … Ich bin immer wieder fasziniert wie gerne wir uns führen lassen. Wie groß die Sehnsucht nach einem starken Mann (Frau) an der Spitze ist. Selbst anfassen / selbst entscheiden will kaum jemand.

    1. Man orientiert sich in der Regel an der Masse. Wer andere Menschen führen will, hat im besten Fall aber eine eigene Vision. Die zu finden ist ohne Frage keine einfache Sache.

  2. Kein strafender Gott, sondern ein verzeihender. Und trotzdem basiert das Christentum auf der Strafe. Jede Sünde kann potentiell zwei Konsequenzen haben: die ewige Strafe (Hölle) und die zeitliche Strafe (Fegefeuer).

    1. Ich glaube nicht, dass er sich als Teufel gesehen hat. Ich finde die Theorie, dass er für sich das einzig richtige tun wollte, in dem Falle spannender.

  3. Ich bin wirklich nicht besonders religiös, aber man sieht an diesen Texten einfach wieder, wie viele interessante Ansatzpunkte über unser Zusammenleben die Bibel grundsätzlich bereithält. Würde doch nicht alles so fanatisch betrachtet.

    1. Nicht jeder Gläubige ist Fanatiker. Aber es ist halt schwierig auf der einen Seite mit vollem Herzen zu glauben und gleichzeitig offen für andere Meinungen und Ansichten zu sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

fünf × 5 =