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1602
Judas

#1

7Es kam nun der Tag der süßen Brote, an welchem man mußte opfern das Osterlamm. 8Und er sandte Petrus und Johannes und sprach: Gehet hin, bereitet uns das Osterlamm, auf daß wir’s essen. 9Sie aber sprachen zu ihm: Wo willst du, daß wir’s bereiten? 10Er sprach zu ihnen: Siehe, wenn ihr hineinkommt in die Stadt, wird euch ein Mensch begegnen, der trägt einen Wasserkrug; folget ihm nach in das Haus, da er hineingeht 11und saget zu dem Hausherrn: Der Meister läßt dir sagen: Wo ist die Herberge, darin ich das Osterlamm essen möge mit meinen Jüngern? 12Und er wird euch einen großen Saal zeigen, der mit Polstern versehen ist; daselbst bereitet es. 13Sie gingen hin und fanden, wie er ihnen gesagt hatte […].

14Und da die Stunde kam, setzte er sich nieder und die Apostel mit ihm. 15Und er sprach zu ihnen: Mich hat herzlich verlangt, dies Osterlamm mit euch zu essen, ehe denn ich leide. 16Denn ich sage euch, daß ich hinfort nicht mehr davon essen werde, bis daß es erfüllet werde im Reich Gottes. 17Und er nahm den Kelch, dankte und sprach: Nehmet ihn und teilet ihn unter euch; […] Ich werde nicht trinken von dem Gewächs des Weinstocks, bis das Reich Gottes komme.

19Und er nahm das Brot, dankte […] und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. 20Desgleichen auch den Kelch, nach dem Abendmahl, und sprach: Das ist der Kelch, das neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird.

21Da Jesus solches gesagt hatte, ward er betrübt im Geist und zeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ward ihnen bange, von welchem er redete. 23Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische saß an der Brust Jesu, welchen Jesus liebhatte. 24Dem winkte Simon Petrus, daß er forschen sollte, wer es wäre, von dem er sagte. 25Denn derselbe lag an der Brust Jesu, und er sprach zu ihm: HERR, wer ist’s?

26Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er tauchte den Bissen ein, nahm ihn und gab ihn Judas, Simons Sohn, dem Ischariot. 27Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! 28Das aber wußte niemand am Tische, wozu er’s ihm sagte. 29Etliche meinten, dieweil Judas den Beutel hatte, Jesus spräche zu ihm: Kaufe was uns not ist auf das Fest! oder daß er den Armen etwas gäbe. 30Da er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

Quelle: ‚Lutherbibel 1912‘ – Lukas 22,7–17; 19–20 | – Johannes 13,21–30

Als die Türe hinter ihm zuschlug, war es still. Die jähe Dunkelheit kühlte. Er gab sich ihr hin wie einer Geliebten. Wenn er die Augen öffnete, konnte er die entfernten Lichter der vereinzelten Häuser ausmachen: Von scheinbar unbedachter Hand wahllos hingestreute Rechtecke, auf und ab, Hügel und Täler, die eins waren in der Schwärze von Himmel und Erde. Eins sein. Von lenkender Hand geleitet. Die Augen geschlossen, Wind, Niesel – lieber noch Sturm und Regen. Er schauderte und torkelte ein paar Schritte durch das steinige Geröll abwärts. Der süße Wein stieß ihm brennend sauer auf. Er spie den Sud in die Finsternis, und es ekelte ihn. Es ekelte ihn so, dass er zu laufen anfing, er rannte, rannte, und er merkte erst, als er lag, dass er gestürzt war. Auf allen vieren kroch er zum Graben hin und ließ sich hineinrollen. Da unten war es feucht und windgeschützt. Wie im Inneren eines Leibes: einer Mutter, einer Frau, eines Walfisches.

Erdiger Geruch, wohltuend gegen den beißenden Geschmack, den er ausatmete. Er tastete Gräser, Stacheln; wie ein Sog nahm das Wirbeln in seinem Kopf ihn auf: Kaum, dass er zu horchen begann, wurde er schon selbst zum Dröhnen. Die Posaunen des Gerichts – Sieg und Verdammnis, Lobpreisung und Klage. Eins sein. Ob ich … weinen werde? O nein, dafür hätte es mehr bedurft! Vor allem mehr des Weines, noch mehr: Er löst die Tränen, wenn auch nicht den Schmerz. Auch ich werde nicht mehr trinken von dem Gewächs des Weinstockes, und ja, Blut wird vergossen werden. Deines, meines. Es schüttelte ihn gar nicht, wie er es erwartet, sogar gehofft hatte. Erstarrt. Vielleicht übergebe ich mich. Ja, ich werde mich … übergeben, den Häschern, bald, bald.

Er hob den Kopf. Oberhalb des Grabens fetzten die Wolken vorbei. Der Himmel riss auseinander wie bis zum Überdruss gerollter Teig. Manchmal stieß der Mond vor, ein Scherben, spitz und scharf. Aufplatzende Haut, gegeißelt, geschunden. Sterne, Stiche. Böen kamen auf. Die Wolken ballten sich. Gehetzte Völker. Oh, jetzt wird mir doch schlecht. Er senkte den Kopf wieder, beugte sich vor und erbrach. Die brennende Säure ätzte ihm den Rachen. Undeutlich nahm er wahr, dass er sich die Knie aufgeschlagen hatte, er fühlte Dornen. Und tief im Innern, im Mittelpunkt des Strudels, in den er sich willig zu verwandeln suchte, spürte er, wie das Schluchzen in ihm aufsteigen wollte, zögernd, ein verstockter Büßer. Wenn dieser Quell doch übermächtig würde und sich Bahn bräche! Doch nichts reicht aus, mich zu erlösen, nicht der Wein, nicht der Sog – nichts. Und Tränen? Meine Brust ist wie aus Stein, meine Augen sind trocken wie die Wüste, nur mein Magen wölbt sich, das Kreisen kreist in sich – ER kreist in uns allen.

Die Tür flog auf. Ein paar Augenblicke lang glaubte er, einen hoffnungslosen Schimmer oberhalb des Grabens zu erhaschen.

Sie lärmten. Die kehligen Laute trunkener Männer, doch auch das Trippeln und Wispern berauschter Weiber. Aufjauchzen und dumpfes Stampfen. Eine eigentümliche Schar, die da vorbeizog, frauen- und familienlose Gesellen. Sich selbst Frauen und Familie. Meine Brüder.
––Nur Jesu Stimme war nicht zu hören. Der Mond stieß wieder zu.
––Judas raffte sich zusammen und hob den Kopf aus dem Graben, der ihm zum Versteck geworden war. Jesus ging zwischen ihnen wie im Traum. Aufrecht, ein Nachtwandler. Johannes hatte den linken Arm um ihn gelegt und stützte den Kopf auf seiner Schulter ab. So wippte er neben ihm her, während die anderen ihn ungeordnet umschwärmten. Mal ein Stück vor, mal zurück. Tappend und schlurfend, mehr erfüllt von Dionysos als von Jehova.
––O Herr, sie wissen nichts. Nur du und ich. Sind dir diese ahnungslosen Tölpel wirklich mehr wert als ich? Demütigst du mich so, weil du mich neben dir nicht ertragen kannst? Hast du mich deshalb verraten und mir den Bissen gereicht, der mir im Halse steckt, mich würgt und meine Tränen erstickt, dass mir die Augen aus den Höhlen quellen? Wir werden beide sterben. Jeder an seinem Gott.

Er kletterte aus dem Graben, ihm war etwas leichter. Wie auferstanden aus einer Totengruft. Nur an mich denkt er. Und daran, ob ich es tun werde. Wie Schmeißfliegen umschwirren sie ihn. Aber seine Gedanken sind bei mir. Die anderen nimmt er gar nicht mehr wahr.
––Die zwölf gingen über die Brücke. Judas war es, als bliebe Jesus stehen und sähe über das Geländer in den Bach Kidron hinunter. Spül alles fort! Spül alles fort! O Herr! Geliebter! Sie gingen weiter auf den Ölberg zu in Richtung Gethsemane und waren schon nicht mehr zu hören. Ihre Schatten tauchten noch ein paarmal zwischen den Olivenbäumen auf, dann war die Nacht einen Augenblick lang lautlos und reglos – bis die nächste Böe hineingriff in das Tal, bis sie die Äste packte und die Blätter zauste. Es war ein Heulen und Ächzen, in das sie alle einfielen, die Aprikosen- und Johannisbrotbäume, die Pistazien und Terebinthen, die kahlen Ranken der Weingärten, die Steineichenwälder, die narbigen Häuser und zerfurchten Felder, die steinigen, schwieligen Hügel und unfruchtbaren Schöße der Schluchten, die aufgerissenen Äcker und zugeschütteten Flussbetten. Tränenlos trockenes Weinen. Stimmt die Natur in mein Selbstmitleid ein oder bemitleidet sie sich selbst – oder ist das nur der Wein in meinem Blut?

Der Wind fuhr ihm unter den Umhang, und er genoss diesen stürmischen Griff zwischen seinen Beinen.

Ein Gedanke durchzuckte ihn. Er raffte sich zusammen und lief, schnell und geduckt, den Weg hinunter, den sie gelaufen waren, doch an der Gabelung schlug er die andere Richtung ein und ging nicht wie die Gruppe zum Ölberg hin, sondern auf die Stadt zu. Vorbei an vereinzelten stillen Höfen, vorbei an ragenden Palmen und gedrungenen Kakteen, bis die Häuser zahlreicher wurden, sich verdichteten zu dem verschachtelten Ineinander eines Ortes. An feuchten, schiefen Lehmwänden entlang, über winklige Treppen, atemlos, aber mit der Sicherheit einer streunenden Katze um die mächtige Agave herum, unter dem Torbogen hindurch, hinter der Zisterne vorbei, die schmale Stiege hinauf – hin zu dem schmächtigen Haus, in dem sie wohnte, seit sie vom Herrn erleuchtet war. Im Innern war alles dunkel.
––Er stockte. Dann klopfte er gegen den Fensterladen. Plötzlich zaghaft. Der Sturm fegte ihm Staub vor die Füße. Er pochte mit den Fingerknöcheln gegen das Holz. Etwas rührte sich. Er hämmerte an die Tür.
––„Aufhören! Ich komme ja schon! Wer ist da?“
––„Ich bin es. Bitte mach auf!“

Titelgrafiken mit Material von Shutterstock: rudall30

31 Kommentare zu “#1

      1. In mir eigentlich nicht. Vielleicht habe ich es mir aus der Seele geschrieben. Aber ich habe auch keine Ideologie und keine vertraute Person, die verleugnen könnte.

    1. Betrug ist eines der schlimmsten, schmerzvollsten Dinge, die uns passieren können. Die Beweggründe bzw. die betreffende Person zu verstehen ist dementsprechend ein naheliegendes Anliegen.

    2. Und wenn Judas nicht gewesen wäre, würde das komplette Christentum so nicht existieren. Jesus musste verraten werden, Jesus musste für uns sterben.

  1. Meine Eltern waren ziemlich religiös. Als Kind musste ich die Bibel rauf und runter lesen. Ich glaube seitdem habe ich eine Abneigung gegen alles biblische.

      1. Der Herr aber schickte einen großen Fisch, der Jona verschlang. Jona war drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches…

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