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1902
Judas

#2

Maria Magdalena schob ihren Kopf durch den Spalt. „Judas! Was willst du, mitten in der Nacht?“
––„Lass mich ein. Bitte!“
––Sie zögerte. „Wie siehst du aus?“
––„Ich bin gestolpert.“
––„Du bist betrunken. Wo sind die anderen? Geh schlafen!“
––„Bitte!“ Seine aufgerissenen Augen. Sein zugekniffener Mund.
––„Also gut. Komm!“ Sie öffnete die Tür ein Stück weiter, spähte kurz nach beiden Seiten und ließ ihn hineinschlüpfen.

„Zuerst wasch dich!“ Sie tastete nach dem Tisch und zündete ein Licht an. Der Raum enthielt wenig, aber er war so klein, dass selbst das Wenige noch den Eindruck von Unordnung machte. Die Gegenstände flackerten, und die Schatten tanzten. Er hörte nicht auf sie. Keine Waschungen mehr.
––„Hast du Wein?“
––„Du kriegst nichts mehr. Wasch dich! Hier ist Wasser.“
––Das Wasser war belebend und betäubend zugleich.
––„Gut. Und nun hol Wein!“
––„Judas! Sei vernünftig!“
––„Tu, was ich dir sage!“
––Sie seufzte und ging in die hintere Ecke des Raumes. „Aber nur einen Becher.“ Sie stellte ihn auf den Tisch. Ihr Haar fiel wirr auf die Schultern. Der dünne Kittel hing lappig an ihr herunter.
––Er hatte Lust, ihn zu zerreißen, und wusste nicht, ob es Wut war oder Rachsucht. Jung war sie nicht mehr. War es Gier?
––Sie fröstelte.
––„Geh ins Bett! Oder nein – warte! Kannst du mir den Splitter herausziehen?“ Er hielt die Hand neben das Licht.
––Sie trat einen Schritt näher, so dass er den Kittel berühren konnte. „Ich brauche eine Nadel.“ Sie nahm die Kerze vom Tisch und kramte auf einem Bord.
––Auf einmal ärgerte er sich, dass er gekommen war. Was will ich bloß bei der alt gewordenen Hure? Sie hat ihren Seelenfrieden gefunden. Erbärmlich. „Au, das tut weh!“
––„Halt still!“
––„Ich bin ja schon ruhig.“ Statt andere zu heilen, versteinere ich selbst. Dabei gibt es nichts, wovor ich mich mehr fürchte, als zu versteinern. Lieber leiden als sterben. Wie sehr muss man leiden, bevor man sich den Tod wünscht?
––„Du bist wehleidig. Alle Männer sind wehleidig. Erst stürzen sie sich auf die arme Frau wie Stiere, dann wollen sie in den Arm genommen und gestreichelt werden wie kleine Kinder. – So. Da ist er.“ Sie schob den Stachel auf die Spitze ihres Zeigefingers und hielt ihn Judas unter das Gesicht. „Größer war er nicht.“
––Er hielt ihre Hand fest und lauerte sie an. „Da steckt noch ein anderer Stachel in meinem Fleisch.“
––„Wo?“
––Er ließ sie los. „Ach, leg dich ins Bett!“
––„Behalt deinen Stachel für dich und deine Gedanken auch!“
––Er lachte auf. „Hab keine Furcht, ich will deinen bußfertigen Leib nicht besudeln. Du bist erlöst von allen Übeln. Amen.“
––Sie starrte ihn misstrauisch an. Er grinste ihr ins Gesicht. „Nun leg dich schon hin. Du frierst ja. Da, nimm einen Schluck Wein, mach schon! Hast dich doch früher auch nicht so angestellt. Weder beim Wein noch bei den Männern. Na los!“
––Sie drehte das Gesicht angewidert weg.
––Am liebsten hätte er ihren Kopf herumgerissen und ihr den Wein ins Gesicht geschüttet. Er sank auf den Stuhl. „Verzeih mir!“
––„Ich hätte dich nicht hereinlassen sollen. Bitte geh!“
––„Ich bin schon ganz ruhig. Wirklich. Komm, leg dich hin! Ich tu dir nichts. Ich will nur reden. Ich muss mit jemandem sprechen. Ich bin – ich glaube, ich bin am Ende.“ Er hielt immer noch den Becher umklammert.

––Sie tat die zwei Schritte zum Bett rückwärts, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Unschlüssig setzte sie sich auf den Rand der Liege und hüllte sich in die Decke. „Was ist geschehen?“
––Er nahm einen tiefen Schluck. Einen Augenblick lang starrte er ausdruckslos vor sich hin. Dann verzerrte sich sein Gesicht. „Jesus hat mich verraten!“ Er stürzte zu ihr, kniete vor ihr nieder und warf seinen Kopf in ihren Schoß. Wieder schluchzte er nicht.
––Sie legte ihre Hand auf sein zerzaustes Haar. Es kostete sie Überwindung, aber sie mühte sich, ruhig zu bleiben. Ihre Stimme sollte sie nicht verraten. „Jesus verrät niemanden. Jesus ist das Leben.“
––Judas sprang auf. „Jesus ist mein Tod.“
––„Setz dich. Erzähl, was passiert ist!“
––Niederschlucken, was sich aufbäumt. Er atmete tief, dann ließ er sich wieder auf den Stuhl fallen. „Heute Abend bei unserem Mahl. Es war alles besonders feierlich. Er sprach. So eindringlich, so erleuchtet und erleuchtend. Ich glaubte schon, mein Misstrauen sei unbegründet, ich hätte mich geirrt, ich sei doch einer von ihnen. Und dann sagte er plötzlich: ‚Einer von euch ist ein Satan.‘ Da war es wieder! Wir alle waren erschrocken. Und jeder fragte: ‚Wer?‘ Ich fragte auch, wer, aber ich wusste gleich, dass ich gemeint war, verstehst du? Ich wusste es schon ganz genau. Ich fühlte mich schuldig, obwohl ich nichts Unrechtes getan hatte. Es war wie eine Vorahnung, und ich betete still, Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Aber ich war nicht überrascht, sondern fast erlöst von meinen Zweifeln, als er mir den Bissen gab, zum Zeichen, dass ich erwählt war.“
––„Aber warum? Was hast du getan?“
––„Nichts!“
––„Nichts? Das ist unmöglich. Jesus ist gerecht. Er würde niemanden beschuldigen, der nicht …“
––„Nicht, was ich gemacht habe, ist es, sondern, was ich bin. Wer ich bin. Ich bin anders. Sie sind schon anders als die anderen, aber ich bin noch anders als sie. Mein Gott, mit welch durstiger Sehnsucht habe ich all diese Begriffe getrunken, ich war berauscht von Worten wie ‚Brüder und Schwestern‘, ‚Barmherzigkeit‘, ‚neues Leben‘. Dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit, von Geborgenheit. Schutz und Trotz, beides. Wärme und Auflehnung. Die Gewissheit von Gemeinschaft und die Gewissheit, eine neue Welt zu schaffen. Nicht mit Feuer und Schwert, sondern durch das Wort. – Vorbei. Nun werde ich durch das Wort umkommen und nicht durch Feuer und Schwert.“
––„Was redest du da? Was hast du getan?“
––„Ich sage es dir doch: nichts! Noch nichts. Sie drängen mich. Sie drücken mich in die Ecke, in der sie mich haben wollen, um mit dem Finger auf mich zu zeigen, sie wollen mich zwingen, ein für alle Mal. Oh, und ich habe mich so bemüht um sie, um ihre Liebe, zumindest um ihre Gemeinschaft. – Sie aber haben mich weggestoßen. Nie wollte ich es wahrhaben, jetzt ist es Wahrheit geworden, und diese Wahrheit steht deutlicher vor mir als jeder von ihnen. Sie sind dümmer. Deshalb haben sie den besseren Instinkt. Schnell haben sie es gespürt, dass ich nur ihn liebe und nicht sie. Dass ich, wenn überhaupt, für ihn predigen, betteln, heilen würde.“
––„Das tun die anderen auch. Auch für ihn.“
––„Sie haben es für ihren Gott getan, ich für meinen.“
––„Ich verstehe dich nicht.“
––„Du sollst mich nicht verstehen. Du sollst mich nur anhören. Und ganz tief in deinem sehr erfahrenen Inneren verstehst du mich auch.“ Er machte eine deutliche Bewegung mit den gestreckten Fingern zwischen seine Schenkel.
––„Judas! Du bist gottlos!“
––„Denkst auch du das? Stößt auch du mich weg? Weil ich zweifle? Weil ich ein Mensch bin?“
––„Jesus ist auch Mensch geworden, aber …“
––„Nein! O nein. Er ist immer Gott geblieben.“
––„Er ist Gott. Aber auch Mensch. Er lebt mit dem Herzen.“
––„Sicher. Er und seine Jünger. Sie alle leben mit dem Herzen. Nur ich nicht. Ich lebe mit dem Kopf und mit dem Unterleib. Das dazwischen fehlt mir. Da kann man nichts machen. Ich bin eben verdammt. Verdammt von Geburt. Würdest du mich lieben können? Würdest du einen Verdammten lieben können?“
––„Heiliger Gott, hör nicht, was er sagt! Er ist ja nicht bei Sinnen!“
––„Ach, lass das Beten! In dein Ohr sind bestimmt schon wildere Wünsche geraunt worden, als ich sie mir ausdenken könnte. Vergiss deine Vergangenheit, wenn es dir hilft, eine Zukunft zu haben, aber verschone mich mit frommen Sprüchen, die passen nicht zu dir!“

Titelgrafik mit Material von Shutterstock: rudall30, Dzianis Davydau

20 Kommentare zu “#2

  1. „Hab keine Furcht, ich will deinen bußfertigen Leib nicht besudeln. Du bist erlöst von allen Übeln. Amen.“ 😂 Ich hoffe sehr, dass die Gespräche damals wirklich so abgelaufen sind. Hahaha

      1. … Was vielleicht auch nur heisst, dass sich die Dinge grundsätzlich weniger ändern, als man erstmal annehmen würde.

    1. Ich weiss natürlich, dass die Diskussion um Judas komplizierter ist als mein Argument, aber blinde Gefolgschaft war halt schon immer mehr gefragt als zweifelnde Menschen.

  2. Interessante Sichtweise. Die Figur des Judas scheint sich jedenfalls deutlich vom Artikel in den letzten Kommentaren (Frank P. war das glaube ich?) abzusetzen…

  3. Über die Frage ob Jesus Mensch oder Gott war, haben Theologen schon in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten gestritten. Aus heutiger Sicht, schein die Mensch-Variante verständlicher. Aber Glaube versetzt immer noch Berge.

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