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0803
Judas

#9

„Jesus saß im Garten unter einem Myrtenstrauch. Die anderen waren bei ihm. Er sah auf, als ich durch das Tor trat, und in seinem Blick lag Misstrauen, zum ersten Mal. Niemals hatte mir ein Blick so weh getan.“ Judas schwieg.
––Eine Weile lang hörte Maria Magdalena auf den Wind. Ahnung von bitterstem Schmerz wehte zu ihr hin. „Was ist seither geschehen?“, fragte sie.
––„Eigentlich nichts. Nichts, bis heute Abend. Wir blieben drei Tage in Bethanien. Alles war ruhig. Zu ruhig. Beklemmend. Manchmal dachte ich, er weiche mir aus. Dann wieder hatte ich den Eindruck, er nehme mich gar nicht wahr. Heute Abend sind wir dann hierher zurückgekommen, um Passah zu feiern. Wir saßen schon am Tisch. Es roch nach Schaffleisch. Mir war übel von dem dumpfen Geruch, und ich trank zu viel. Plötzlich zog sich Jesus aus. Nur noch im Lendenschurz nahm er eine Schüssel Wasser und fing an, Petrus die Füße zu waschen.
––Petrus wollte sich das zunächst gar nicht gefallen lassen und sagte: ‚Meister, du kannst mir doch nicht die Füße waschen!‘
––Aber Jesus ist ganz ruhig fortgefahren in seiner Tätigkeit. Ich musste an Maria denken, die ihm die Füße gesalbt hatte. War das eine versteckte Botschaft an mich? Einem nach dem anderen hat er die Füße gewaschen. Keiner sagte ein Wort. Fast andächtig haben sie ihm zugesehen. Sie haben es für den Beweis seiner Demut genommen. Das war es vielleicht auch. Aber mein Herz hat gepocht wie vor dem ersten Kuss. Hatte er neulich meine Gedanken gelesen, als ihn Maria eingesalbt hat? Ist das seine verschlüsselte Antwort? Ich konnte es kaum abwarten, an die Reihe zu kommen, und fürchtete gleichzeitig, schon bei der ersten Berührung die Fassung zu verlieren. Er hatte noch nie vor mir gekniet. Ich hatte noch nie seine Schultern von oben gesehen, während ich selber saß. Seine nackten Schultern. Was würden sie noch alles tragen müssen? Mein Fuß tauchte in das kalte Wasser, und als er meine Ferse anfasste, zitterte sie so sehr, dass er aufsah. Vielleicht hat er meine Aufregung missgedeutet. Denn er sagte: ‚Ihr seid rein. Aber nicht alle.‘
––Ich habe gewusst, dass ich gemeint war. Sofort. Ich habe nur nicht gewusst, was er damit sagen wollte. Er blieb ganz ruhig, aber ich war von da an wie betäubt. Irgendwann stand das Fleisch auf dem Tisch. Es dampfte und roch nach Tier. Ich musste würgen. Der tote Körper war mir widerlich. Jesus hat mich gar nicht beachtet. Aber vielleicht hat er trotzdem gefühlt, was in mir vorging. Jedenfalls griff er nicht nach der Schüssel mit Fleisch, sondern nach dem Korb. Er nahm ein Brot, brach es in Stücke und sagte, dies sei sein Fleisch. Und er hat auch den Kelch herumgereicht und gesagt, darin sei sein Blut. Ja, er hat gesagt: ‚Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.‘“
––Judas sprang auf. „O mein Gott. Alles, alles. Sein Fleisch! Sein Blut! Seinen Speichel würde ich lecken, wenn er es wollte. Warum will er es nicht? Warum will er mich nicht?“
––Maria Magdalena blieb starr sitzen. Sie wagte nicht, aufzustehen. Judas kam ihr plötzlich nicht mehr hilflos vor, sondern bedrohlich.
––„Wenn das die Liebe ist, die ich meinem Gott entgegenbringe, dann wäre ich ihm lieber nicht schon auf der Erde begegnet. Dann komme ich lieber in die Hölle!“
––„Judas!“
––„Was soll ich im Himmel?“ Er schrie jetzt mehr, als dass er sprach. „Ihn wiedersehen und wieder leiden? Oder ihn sehen und nicht mehr leiden? Das wäre noch schlimmer.“ Er fiel auf die Knie. „O HERR, mach mich blind und taub, damit ich nicht sehe und nicht höre und nicht tun muss, was ich tun muss!“

7[…] Es muß ja Ärgernis kommen; doch weh dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt!

Quelle: ‚Die Bibel‘ – Matthaeus 18,7

„Werde ich wirklich nur dafür gebraucht, benutzt, um die Geschichte zu erfüllen? Bin ich so sehr Werkzeug und sonst nichts? Kann ich, nur ich, keine Barmherzigkeit erwarten und Vergebung für das, was ich getan habe und nicht getan habe? Wenn er unbedingt den Menschen die Botschaft von Gott bringen und als Verbrecher sterben will, was habe ich damit zu tun? Warum will er, dass ich verdorre wie der Feigenbaum? Wozu will er mich zwingen?“ Judas hielt Maria Magdalenas Knie umklammert. Er zitterte am ganzen Körper.
––Sie sprang auf vor Angst und Entsetzen.
––„Kannst du mir das sagen, Maria?“
––Sie wich zurück.
––Er bedrängte sie. „Du hättest mit mir schlafen sollen, Maria, dann wäre ich jetzt ruhiger.“ Er hatte sie aufs Bett gedrückt und beugte sich, immer noch auf Knien, über sie. „Er wird scheitern, hörst du! Er muss scheitern, damit ich leben kann! Sein Tod wird mich befreien, sein Tod wird …“, er stand auf, plötzlich ruhig, „… ihn wird sein Tod unsterblich machen. Ist es das, was DU willst? Können wir nur so unseren Frieden finden? DU hast ja immer alles besser gewusst und alles eher durchschaut als ich, weil DU dein Herz hast und ich bloß meinen Verstand. Ich habe mich DIR immer gebeugt voll Vertrauen. Ich werde auch DEINEN letzten Auftrag erfüllen. Ohne Hass. Hoffentlich ohne Hass. Nur wer bereit ist zu scheitern, wird siegen. Nicht wahr, Maria? Das stimmt doch? Das Scheitern hat Größe, der Sieg ist nie unendlich. Der Sieg gebiert die ewige Verdammnis. Auch mein Sieg? Sie werden mich hassen, solange sie ihn lieben werden. Aber vergessen werden sie mich nie. Nur dann, wenn sie auch ihn vergessen würden, würde mein Fluch, mein Ruhm verlöschen. Wird er das zulassen? Kann das geschehen? Ist das meine Bestimmung, meine Hoffnung, mein Untergang …? Ach, Maria. Liebe ist die Hölle. Und doch: Nicht mal als Wunsch ist ein Ausweg möglich.“ Er wandte sich zur Tür.
––Maria Magdalena stützte die Hände gegen die Wand. Sie versuchte, gegen das aufsteigende Grauen anzukämpfen. „Wohin gehst du?“
––„Ich will ihn nur noch einmal küssen.“
––Sie faltete die Hände. „Gott im Himmel, sei ihm gnädig!“

Der Wind war heftiger geworden. Frühjahrsstürme. Er musste ankämpfen gegen das Unsichtbare, das sich ihm entgegenstemmte. Der Orkan presste ihn fast gegen den Felsen. Dort unten lag Jerusalem. Er begann, schneller zu laufen, und während sich die Wolken wieder zusammenballten und die Erde wie in Krämpfen lag, begann sich tief in seinem Innern etwas zu lösen. Erst war es ein kurzes, heftiges Aufzucken aus dem Zwerchfell, ein Schütteln in der Brust, dann ein Kitzel, der sich die Kehle hinaufschob, ein Röcheln, ein Husten, ein Stöhnen in seinem Mund, ein Schnaufen in der Nase und endlich, endlich füllten sich seine Augen mit Tränen. Da wurde aus seinem Wimmern ein Schluchzen, aus dem Schluchzen ein Toben, und er schrie seine Verzweiflung in die graue Dämmerung hinaus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Titelgrafik und Schlussgrafik mit Material von Shutterstock: rudall30

32 Kommentare zu “#9

      1. Wenn Menschen so gut vergeben könnten wie es Gott angeblich tut, würden wir uns vielleicht weniger ärgern!?

      1. Ohhh, das habe ich mir schon so oft gesagt. Im Moment des großen Ärgerns nützt der gute Vorsatz meistens wenig.

  1. Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Die Frage hat mich schon immer fasziniert. Wurde also die Einheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ge-/unterbrochen? Was sagt die Bloggemeinde?

    1. Der Ausruf muss doch vor allem als Beleg des vollkommenen – also des leiblichen, seelischen wie geistlichen – Leidens, das Jesus für uns auf sich nahm, gelten.

  2. Maria hätte mit ihm schlafen sollen. Hahaha. So einfach hätte sich der Lauf der Geschichte ändern lassen? Christentum ade? Naja, bei den Männern ist der Gedanke nicht sonderlich abwegig 😉

      1. Gottes Sohn zu verraten ist auch kein Zuckerschlecken. Da darf man schon mal in Panik geraten, nicht?

    1. Er hätte sich 2020 jedenfalls im Rahmen von #MeToo verantworten müssen. Das Weinstein-Urteil heute spricht ja (sofern es nicht noch angefochten wird) tatsächlich Bände.

      1. Bisher habe ich nicht das Gefühl, dass das Virus unsere analytischen Fähigkeiten besonders unterstützt. Irrglaube und Panik wohl eher.

  3. Religion und Historie ist immer ein schwieriges Thema. Galilei hat dazu mal gesagt: Ich fühle mich nicht zu dem Glauben verpflichtet, dass derselbe Gott, der uns mit Sinnen, Vernunft und Verstand ausgestattet hat, von uns verlangt, dieselben nicht zu benutzen.

      1. Oh wie wahr das ist. Man braucht nur die Corona-Diskussionen in den sozialen Medien zu verfolgen. Unglaublich.

      2. Naja, ähnlich wie Judas in der Geschichte verliert man in Ausnahmesituationen schon einmal die Kontrolle.

  4. Es erstaunt mich: viele Kommentare sind so realitätsbewusst. Klar, ich habe diese Geschichte ja selbst verfasst und weiß, wie sie gemeint ist. Aber wenn ich – so weit von außen wie möglich – beobachte, wie zu Anfang bei Judas die Erstarrung einsetzt, es folgen Verzweiflung und Sarkasmus – keine Drama Queen und keine ernsthaften sexuellen Absichten, beides wurde unterstellt – erst im letzten Absatz lösen sich ganz langsam die Tränen, und Judas fragt Gott, warum er ihn verlassen hat, diese Frage, die laut Testament Jesus stellt – dann finde ich all das immer noch so einleuchtend wie vor 40 Jahren, als ich diese Erzählung schrieb: natürlich als Parabel, nicht als Deutung.
    Über den Jahrhunderte später zurechtgezimmerten Sieger Jesus hätte ich mir damals, zehn Jahre nach meinem Kirchenaustritt, wohl nicht mehr so schreibwütig den Kopf zerbrochen. Gottes unwilliger Vollstrecker hat mich mehr beschäftigt. Keine Auferstehung, sondern Verdammnis. Oder umgekehrt?

    1. Obwohl der Titel Judas #9 ist, hätte ich die Frage ‚Warum hast du mich verlassen‘ trotzdem Jesus zugeschrieben. Falsch gelesen. Schuldig.

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