Er schlug die Augen auf.
––Eine Schwester saß bei ihm. „Fühlen Sie sich jetzt besser?“, fragte sie. Ihre Stimme war unangenehm näselnd.
––„Wo ist meine Frau?“, fragte er.
––„Sie wird bald kommen“, antwortete die Schwester ausdruckslos.
––„Wo ist Schwester Claudia?“
––„Sie hat jetzt keinen Dienst“, sagte die Stimme. Es klang gleichgültig. „Ich bin bei Ihnen!“, sagte sie aber doch.
––„Ich möchte etwas trinken!“
––Wortlos setzte ihm die Schwester das Glas an die Lippen. Dann stellte sie es mit einem schmerzhaften Geräusch zurück auf den Nachttisch. „Ich werde Ihnen auch etwas zu essen bringen“, sagte sie.
––„Ich habe keinen Hunger!“
––„Sie müssen etwas essen.“ Sie blieb dabei und ging aus dem Zimmer.
––Das Schließen der Tür war wie ein dumpfer Schlag gegen seinen Kopf.
––Sie kam mit einem Teller zurück, und er schluckte widerwillig ein paar Löffel von der faden Flüssigkeit. „Das wird Ihnen guttun“, sagte sie.
––Er verspürte Lust, ihr alle Suppe, die er gerade im Mund hatte, ins Gesicht zu spucken, und nahm das als Zeichen wiederauflebender Kräfte. „Ja“, dachte er, „wahrscheinlich tut es mir wirklich gut.“
––Jemand öffnete die Tür und flüsterte: „Die Polizei ist da.“
––„Noch nicht!“ Die Schwester war aufgebracht. „In dieser Woche wird er keinen Besuch mehr empfangen können.“
––Aber er empfing doch Besuch.

Als er am nächsten Tag irgendwann zwischen Morgen und Mittag aufwachte, sah er in das ausgetrocknete Gesicht einer Schwester, die mit verwelkter Stimme vorbrachte: „Ihre Eltern sind da. Fühlen Sie sich stark genug, sie nachher zu sehen?“
––„Wo ist meine Frau?“
––„Sie wird auch kommen. Bald!“ Bei diesen Worten schien die Stimme fast auszudorren. Doch dann raffte sie sich erneut zu einem spärlichen Rinnsal auf und erklärte: „Ich werde Ihnen jetzt Ihr Frühstück bringen.“
––Zwei Stück Weißbrot und ein Kännchen Tee wurden vor ihm aufgebaut.
––Während er appetitlos in sich hineinkaute, erkannte er die ungeheure Zähigkeit der Fistelstimme, die von einer verborgenen Quelle geizig, aber ununterbrochen gespeist wurde. Ständig nieselten ihm monotone Wortketten in die Ohren, ältliches Geschwafel, das die ganze Zeit kurz vorm Verlöschen war, aber nie verlosch. Als die Schwester ihm das Tablett wegzog, merkte er erst, dass er aufgegessen hatte. Bei ihm zu Hause galt es als Gradmesser der Gesundheit, wie viel man aß – und er hatte sich immer als sehr gesund erwiesen.

Er sah auf die Kleidung seiner Pflegerin. „Sie sind Ordensschwester?“, fragte er. „Ist dies ein kirchliches Krankenhaus?“
––Ein vergleichsweise heftiger Schub von Worten bejahte seine Frage und erging sich in weiteren Erklärungen über die Aufgaben und Ziele ihres Ordens.
––„Ich bin aber nicht religiös“, sagte er verwirrt.
––Sie fistelte irgendetwas, was darauf hinauslief, dass Gott überall sei und jeden rufen könne. Zum Schluss sagte sie: „Wenn es Ihnen recht ist, lasse ich Ihre Eltern jetzt für ein paar Minuten zu Ihnen.“
––Er nickte.
––„Aber Sie müssen ganz ruhig bleiben!“ Damit trocknete die Stimme endgültig ein. Die Schwester ging aus dem Raum.
––Seine Eltern blickten auf ihn herunter, wie man in ein Aquarium guckt, um zu sehen, ob die Fische das neue Futter vertragen.
––„Wie fühlst du dich? Hast du starke Schmerzen? … Das Zimmer ist jetzt fertig. Die neue Tapete ist viel freundlicher als die alte. Strengt es dich auch nicht zu sehr an?“
––„Wo ist Ingrid? Was macht der Junge?“
––„Es geht ihnen gut, Werner. Sicher werden sie bald kommen. Doch jetzt brauchst du noch viel Ruhe.“
––„Weiß mein Chef Bescheid?“
––„Es ist alles geregelt. Mach dir keine Sorgen! Du musst jetzt schlafen. Morgen kommen wir wieder.“

Zum Fiebermessen wurde er von einer anderen Ordensschwester geweckt. Sie hatte ein plattgedrücktes, rohes Gesicht und rammte ihm das Thermometer ohne viele Worte in die Achselhöhle.
––„Besser als rektal“, dachte er.
––Nach einer Weile kam sie zurück und riss es ihm wieder heraus, wobei er befürchtete, sie könnte ihm zum Scherz eine Rippe eindrücken. „Na bitte, gar nicht schlecht“, verkündete sie. Ihre raue Stimme drang hart auf ihn ein, und er war froh, als sie das Zimmer gleich wieder verließ.
––Dafür erschien kurz darauf eine andere Schwester mit dem Abendbrot. Ihr Gesicht war so spitz, dass er ihr sein Essen am liebsten zur Verfügung gestellt hätte. „Haben Sie Appetit?“, fragte sie, schrill wie eine Sirene.
––„Es geht.“
––„Essen Sie nur so viel, wie sie mögen!“, gellte es ihm in den Ohren.
––Als sie zurückkam, hatte er eine halbe Scheibe Brot liegen gelassen.
––„Ach, Sie haben nicht aufgegessen?“ Ihre Stimme war schneidend, als wollte sie ihn für diese ungerechtfertigte Kränkung der Küche bestrafen.
––„Nein, ich mochte nicht mehr.“
––Die Schwester würdigte ihn keines weiteren Wortes, und er war ihr dafür aufrichtig dankbar.
––In der Nacht wachte er plötzlich mit heftigen Kopfschmerzen auf. Es stach, brannte und pochte ihm gegen den Schädel, dass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Er knipste das Licht an. Die Helligkeit traf ihn mit heftiger Wucht. Von allen Seiten schlug das kalte, glatte Weiß auf ihn ein. Die Schmerzen trommelten ihm den Kopf zusammen. Er konnte es nicht mehr aushalten und klingelte.
––Die Tür öffnete sich geräuschlos.
––„Haben Sie Schmerzen?“ Es war die sanfte, melodische Stimme, nach der er sich so gesehnt hatte.
––„Mein Kopf“, stöhnte er.
––Sie gab ihm zwei Tabletten und reichte ihm das Wasserglas.
––Er schluckte gierig, als könne er den brennenden Schmerz dadurch auf der Stelle löschen. „Bleiben Sie noch einen Augenblick bei mir!“, bat er.
––Sie zögerte.
––Er griff nach ihrer Hand und zog sie herunter.
––Sie ließ es geschehen und setzte sich vorsichtig auf den Bettrand.
––„Ich habe Sie schon vermisst, Schwester Claudia.“
––„Ja?“ Ihre Stimme klang warm, wie von Freude durchwärmt.
––„Ich bin es nicht gewohnt, lange allein zu sein und ruhig zu liegen. Es fällt mir schwer. Ich hatte noch nie eine Gehirnerschütterung, und ein Bein habe ich mir auch noch nicht gebrochen. Wird es lange dauern, bis ich wieder richtig gehen kann?“
––„Eine ganze Weile. Zunächst müssen Sie im Gips laufen. Wenn der Gips entfernt wird, haben Sie zuerst ein unangenehmes Gefühl im Bein. Aber das vergeht bald, und dann werden Sie wieder laufen können wie früher.“ Die Stimme flößte Vertrauen und Zuversicht ein.
––Er fühlte sich geborgen bei ihr. Allmählich ließen die dröhnenden Schmerzen nach. „Ich hatte einen Unfall“, sagte er. „Bei meiner Frau hatten plötzlich die Wehen eingesetzt. Am späten Abend. Es war ein entsetzlicher Sturm. Das Telefon ging nicht. Der Junge wollte nicht allein zu Hause bleiben, und da haben wir ihn mitgenommen. Ich fuhr zum Krankenhaus. Viel zu schnell. Es war glatt auf den Straßen. Ich war so aufgeregt. Ich kam ins Schleudern, ein Krachen.“
––„Sie sind gegen einen Baum geprallt.“
––„Wie geht es meiner Frau und meinem Kind?“
––„Es geht ihnen gut.“
––„Sie müssen mir die Wahrheit sagen, bitte! Ich habe volles Vertrauen zu Ihnen. Sie dürfen mich nicht belügen!“
––„Ich hasse Lügen“, antwortete Claudia, „aber die Wahrheit ist manchmal schwer zu ertragen.“
––„Sind sie schwer verletzt?“
––„Sie sind beide tot. Als der Krankenwagen eintraf, kam schon jede Hilfe zu spät.“
––„Mein Gott!“, stammelte er, und doch fühlte er sich erleichtert. Die schrecklichste Wahrheit ist auf die Dauer erträglicher als Zweifel und Angst vor dieser Wahrheit. Es lässt sich leichter im Schmerz als in der Ungewissheit leben. Aber er spürte, dass er das volle Ausmaß seines Unglücks noch gar nicht zu erfassen vermochte. Er nahm die Tatsache hin, ohne sich schon darüber klar zu sein, dass er alles verloren hatte, was sein Leben ausgemacht hatte, dass die Hälfte dessen, was er aufgeschichtet hatte an Erlebnissen, Erfahrungen, Hoffnungen zerstört, unwiederbringlich fort war, dass er niemanden mehr hatte, mit dem er teilen konnte.

Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Daniel_Dash (Frau), Josep Curto (Kloster), Gorodenkoff (Patient im Krankenhaus)

26 Kommentare zu “Nächstenliebe | #2

      1. Manchmal ist eine Lüge weniger schmerzhaft als die Wahrheit. Aber ein Unglück, einen Tod kann man natürlich nicht verschweigen. Das funktioniert nur wenn man sicher ist, dass die Wahrheit nie ans Licht kommen wird.

    1. Auf lange Sicht ist das sicher richtig, aber dass Werner sofort nach Erhalt dieser Nachricht Erleichterung verspürt scheint mir doch etwas überzogen. So schnell kann das sicher niemand verarbeiten.

  1. Das muss ein schlimmes Gefühl sein, wenn man im Krankenhaus aufwacht, sich kaum erinnert und alles wieder komplett neu verordnen muss. Man kann nur die Daumen drücken, dass einem so etwas nie passiert.

      1. Alle Wissensnerds beachten dementsprechend bitte noch, dass bei oraler Messung bereits ab 37,8 Grad, bei rektaler Messung allerdings erst ab 38,3 Grad von einem Fieber gesprochen wird.

  2. Die spannendste Frage finde ich momentan ob bzw. wie Claudia tatsächlich zur Schwester geworden ist. Es scheint sich ja herauszustellen, dass sie nicht nur Kranken- sondern eben auch Ordensschwester ist.

      1. Die Geschichte fängt doch gerade erst an, naja zumindest das letzte entscheidende Kapitel dieser Geschichte. Also erstmal weiterhin abwarten und geduldig weiterlesen.

      2. Oh, ich hatte nur in Erinnerung, dass wir uns dem Ende nähern wenn die Tochter wieder auftritt. Aber stimmt, das war vielleicht etwas voreilig. Umso besser 🙂

  3. Was für eine schreckliche Begebenheit. Ein Unfall, bei dem man quasi den Tod seiner eigenen Familie verschuldet hat. Wie verarbeitet man so etwas?

    1. Nun, wir wissen ja schon, dass er diese Geschichte einem Abt erzählt hat. Es hat ihn also zumindest vorübergehend ins Kloster gezogen. Außerdem erzählt er nicht selbst. Es könnte also auch sein, dass er ebenfalls bereits verstorben ist. Wer weiss.

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