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Sprünge von Türmen  —   4. Kapitel: DIE TOCHTER

DIE TOCHTER – Nächstenliebe | #1

Ich bin Abt. Das klingt nach Mittelalter, ich weiß.
––Vor ein paar Wochen kam ein Bruder zu uns. Seine Geschichte, seine Zweifel haben mich sehr beschäftigt. Ich fürchte, ich konnte ihm nicht helfen, aber ein Kloster wirkt auch, ohne dass viel geredet werden muss. Manchmal heilt schon die Institution.
––Ich schreibe hier auf, was er mir erzählte. Vieles wird er sich ausgedacht haben. Manches wird so gewesen sein, wie er es mir geschildert hat. Als er anfing, hatte ich das unangenehme Gefühl, er wollte mich belehren. Aber dann kam das, was er mir wirklich sagen wollte. Was davon er erfunden hat, was er erlebt hat – ich weiß es nicht. Es war kein Bericht, es war eher eine Art Novelle. Doch ich sah: Er war in Not, und so ließ ich ihn gewähren. Um ihm nicht zu schaden, werde ich ihn bei dieser Niederschrift in die dritte Person setzen.

Zunächst begann er ganz allgemein und etwas besserwisserisch: „Wenn das Verhältnis von Angebot und Nachfrage immer ausgependelt wäre, müsste man daraus schließen, dass im Augenblick wenig Bedürfnis nach Trost besteht. Die Kirche als Institution der Tröstung beharrt entweder eigensinnig darauf, sinnentleerte Liturgie wiederzukäuen, oder sie lackiert ihr verrostetes Repertoire, um Modernität vorzutäuschen, mit den lächerlichsten Auswüchsen unserer Zeit. Dadurch verliert sie zwar nicht ihre Rückständigkeit, aber ihre Würde, so dass sich nun jeder Schwachkopf über sie lustig machen kann, ohne noch den Entrüstungssturm halbwegs vernünftiger Menschen fürchten zu müssen. Auch in der Kunst war es früher üblich, Trost zu suchen und zu vermitteln. Doch wie viel sicherer und einfacher ist es, wenn man überhaupt ein Ziel verfolgt, Missstände aufzuzeigen und Bestehendes zu verdammen, als sich auf das anrüchige Wagnis einzulassen, eine Gegenwelt aufzubauen, ohne die vorhandene zu verunglimpfen. Zu überzeugen, rein aus der Logik des Erstellten. Darin liegt die Schwierigkeit. Denn misslingt der Versuch, so bleibt nur haarsträubende Lächerlichkeit, Moder falscher Werte, aufgeblasener Mystizismus, verschrobene Weltfremdheit, Blut und Boden, Schund. Wer hat außerdem die Kraft und die Einsicht, das Bestehende zu schonen, wenn er das Bessere sieht? Doch der Anspruch auf Unbedingtheit schafft genauso wenig Trost wie das leere Lachen über brillant formulierte Zynismen, die dem augenblicklichen Zustand nichts entgegenzusetzen haben als die risikolose Schärfe einer gekonnten Bloßstellung. Risikolos insofern, als einsichtige Menschen erkennen werden, dass Nüchternheit immer noch besser ist als die Verlogenheit ‚aufbauender‘ Werte. Besser ist es, ein Fundament zu schaffen, das Schmutz, Schmerz und Zerstörung einbezieht, aber erträglich macht. Dazu gehören Glaubwürdigkeit, Lebensernst, Verständnis und Güte. Das sind die Eigenschaften, die Trost schaffen. Keine Institution oder Organisation ist heute in der Lage, aufgeklärten Menschen Trost zu geben. Es liegt am Einzelnen, in liebevoller Festigkeit für sich und andere nach diesem Trost zu suchen, denn die Nachfrage ist groß. Das Angebot ist kaum vorhanden.“
––Das war der Einleitungstext. Etwas verschroben und nicht sehr glaubensstark. Jetzt kommt die Handlung:
––Das Erste, was er wahrnahm, war ein gipsstarrer Schmerz, dann eine bleierne Art von Licht, hart, quälend. Als ihm das Licht wieder auf den Augen brannte, spürte er, dass ein weiterer Zeitraum von Bewusstlosigkeit hinter ihm lag. Doch sein zweiter Versuch, sich in die ohnmächtige Dunkelheit hinabzuschleichen, misslang. Er fühlte, dass er sich nicht bewegen konnte, und wurde neugierig. Er öffnete die Augen. Helligkeit stach auf ihn ein. Alles um ihn her war unterschiedslos weiß. Sofort erinnerte er sich an Schnee und Glätte. Aber die Erinnerung verursachte ein tiefes Grauen in ihm, und so schloss er die Augen wieder.
Während er bewegungslos dalag, fielen ihm seine Hände ein. Er konzentrierte sich auf sie und versuchte, sie zu bewegen.
––Ja, das ging. Doch darüber lag ein Widerstand. Natürlich, eine Decke! Unter seinem Rücken war es weich.
––Er lag im Bett. Er öffnete wieder die Augen.
––Aus der weißen Bettdecke ragte etwas Weißes auf. Es war schwer und hart.
––Er konnte es fühlen, wenn er sich anstrengte.
––Es musste sein Bein sein. Ja, das rechte. Das linke ließ sich beugen und strecken.
––Er zog seine Arme unter der Decke hervor und versuchte, den Kopf zu heben – der war bleischwer. Mit den Fingern tastete er nach seiner Stirn. Er fühlte etwas Festes, Lebloses wie einen Stahlhelm. Vorsichtig ließ er den Kopf zurücksinken.
––Von der weißen Zimmerdecke hing über ihm bedrohlich die weiße Kugel einer Lampe. Von draußen drang Licht in das Zimmer. Ein paar schneebedeckte Äste. Also doch.
––Er war allein. Ingrid! Wo war Ingrid?
––Die Tür öffnete sich. Gedämpfte Geräusche drangen herein.
––„Ingrid!“
––„Bleiben Sie ruhig!“ Es war eine fremde Stimme.
––„Ingrid!“
––„Ihrer Frau geht es gut. Seien Sie ganz ruhig.“
––„Wie lange habe ich geschlafen?“
––„Sehr lange. Doch nun werden Sie sich erholen.“
––„Wo bin ich? Was ist passiert?“
––„Sie dürfen sich nicht aufregen. Es wird Ihnen alles wieder einfallen. Aber zunächst müssen Sie Ruhe halten. Der Doktor wird gleich kommen.“
––„Wer sind Sie?“
––„Ich bin Schwester Claudia.“ Ihre Stimme war dunkel und wohltuend. Sie konnte niemandem einen Schmerz zufügen.
––Es war angenehm, dem beruhigenden Klang dieser Stimme zuzuhören und nichts zu denken.
––Er versuchte, den Kopf zu wenden, um ihr Gesicht zu sehen. Doch ein stechender Schmerz hinderte ihn daran.
––„Bewegen Sie sich nicht! Möchten Sie etwas trinken?“
––„Ja“, sagte er und spürte die Trockenheit in seiner Kehle.
––Sie trat ganz dicht zu ihm heran und hielt ihm ein Glas an die Lippen. Er schluckte.
––Das Wasser rann kühl und geschmacklos in seinen Körper.
––Er sah ihre feste, energische Hand und blickte, als er den Kopf hob, in ein zuversichtliches Gesicht, das aber im Gegensatz zu den Händen eher sanft und still aussah. Es passte zu ihrer Stimme.
––Sie stellte das Glas auf den Nachttisch.
––„Ich bin gleich zurück“, sagte sie und ging leise aus dem Zimmer.
––Wieder fing er ein paar Laute von draußen auf, ehe sich die Tür geräuschlos schloss. Ihm kam zu Bewusstsein, dass er keine Schmerzen hatte, dass er der Gefahr entronnen war, dass er lebte. Zahlen glitten ihm in den Kopf: 76 – „meine Hausnummer“; 32 – „mein Alter“; 27 – „das Alter meiner Frau“; 4 – „das Alter meines Sohnes. War da nicht noch ein Kind?“ – Es fiel ihm nicht mehr ein. 42 – „Der Stadtbezirk, in dem ich wohne“; 24-12-61 – ja genau! Das war seine Telefonnummer. AZ 756 – seine Autonummer.

Der plötzliche Schreck durchstieß ihn wie eine Verwundung. Ihm wurde schwindelig und übel. Er spürte den Schweiß im Gesicht, das herrische Klopfen seines getriebenen Herzens. Der Atem keuchte. Hastig, unersättlich sog er die schneidende Luft ein. Er würgte sie mühsam, kaute. Seine Glieder blähten sich auf, sie quollen auseinander im Taumel der zerdehnten Schmerzen. Ein krachendes Geräusch tötete die rasende Bewegung, und in der schroffen Stille danach spürte er den Einstich der Spritze wie eine erlösende Gewissheit.
––Doch es war keine Gewissheit. Die Frage war nicht beantwortet, sie verschwand nur aus seinem Gedächtnis. Alles verschwand. Der Fluchtweg in die Bewusstlosigkeit war wieder offen.
––Als er beim nächsten Mal zu sich kam, machte er nicht den Fehler, die Augen zu öffnen. Er blieb ruhig liegen und versuchte, sich zu konzentrieren: „Ich heiße Werner Stolten, bin 32 Jahre alt, von Beruf: Mechaniker. Gut. Ich habe eine Drei-Zimmer-Wohnung, eine Frau, einen Sohn. Gut. Ich liege im Krankenhaus. Also muss ich krank sein. Was fehlt mir? Ich war doch immer ganz gesund. Es muss etwas Unerwartetes eingetreten sein, etwas Plötzliches. Ein Unfall. Ja, ein Unfall! Natürlich! Das Gipsbein, der Verband um meinem Kopf.“

Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Daniel_Dash (Frau), Josep Curto (Kloster)

30 Kommentare zu “DIE TOCHTER – Nächstenliebe | #1

  1. Da ist sie endlich, die Tochter. Ich bin immer noch gespannt, wie sich wohl der Kreis zum ersten Abschnitt und den Geschehnissen im Park schließen wird.

    1. Und doch gibt es gar nicht die Tochter-Perspektive! Werner Stolten scheint aber auch keine Tochter zu haben. Mal schauen wie sich das noch weiterentwickelt.

      1. Er erinnert sich vielleicht nur gerade nicht. Er scheint ja im Krankenhaus gerade erst aufgewacht zu sein. Also doch unser Schussopfer vom Anfang der Geschichte?

    1. Wer soll denn da auch trösten? Für einige schafft das die Religion, aber im großen und ganzen bleiben da ja wirklich nicht allzu viele Optionen.

    2. Interessant, dass gerade dieser Abt zu dem Schluss kommt. Man hat ja eher das Gefühl, dass die Kirche sich vor dieser Realität verschließt.

  2. Da fragt man sich was mit dem Vater passiert, was mit Christian passiert … und nun kommt auch noch Werner hinzu. Die Tochter hat eine Menge zu erklären 😉

    1. Grundsätzlich sind diese Menschen ja alle sehr miteinander und in komplizierte Lebenssituationen verstrickt. Aber sonst wäre natürlich auch nichts davon wirklich erzählenswert. Die Geschichte lebt ja von diesen dramatischen Ereignissen.

  3. Was man erfunden hat, und was man wirklich erlebt hat, das weiss man wenn man GEschichten lange genug erzählt ja manchmal selbst nicht mehr so genau.

    1. Wenn man tatsächlich an den Punkt kommt wo man diese Unterscheidung nicht mehr hundertprozentig treffen kann, dann ist es wohl auch nicht mehr wichtig was und wie es nun genau stimmt.

      1. Wahrheit ist ja sowieso so eine Sache. Eigentlich gibt es ja nur eine, aber Wahrheiten gibt es wiederum viele.

      2. Man könnte sich natürlich wieder ein wenig mehr auf Fakten konzentrieren. Aber seit dem Erfolg des sozialen Medien zählen ja fast nur noch Meinungen.

    1. Wenn Werner seine Geschichte dem Abt erzählt hat, dann scheint er Hauptdarsteller dieser Nächstenliebe-Reihe zu bleiben. Und dann scheint er natürlich auch einiges erzählenswertes erlebt zu haben.

  4. Trösten kann die katholische Kirche nicht mehr so richtig. Jedenfalls nicht die große Masse an Menschen. Trotzdem zählt sie auch 2020 noch rund 20.000.000 Mitglieder. Wie lange es wohl noch braucht, bis auch die der Gruppe an Nichtgläubigen beitreten?

    1. Die Mitgliedszahlen ändern sich gar nicht so dramatisch (Danke Wikipedia!), was sich allerdings rasant verändert ist der Bevölkerungsanteil, der sich einer der beiden christlichen Kirchen zurechnet. Man bedenke: 1968 gab es irgendwo zwischen 3-4% Konfessionslose, heute liegt dieser Anteil bei über 40%. Der Einfluss der Kirche auf die Menschen ist da natürlich nicht mehr zu vergleichen.

      1. Und wieviele der nichtausgetretenen Katholiken an die jungfräuliche Geburt und leibliche Himmelfahrt Mariens glauben und daran, dass sie bei der Kommunion tatsächlich Jesu Leib verspeisen – das ist auch unerforscht. Glaubt der Papst sein eigenes Dogma?

      2. Am nächsten kommen diesem 1:1 Glauben ja noch die Kreationisten. Deren prozentualer Anteil dürfte allerdings, zumindest hierzulande, relativ gering sein.

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