„Manchmal muss man ein Teil von sich zerstören, um einem anderen zum Durchbruch zu verhelfen“, sagte der Vikar. „Es wird immer Versuchungen geben, denen man zu widerstehen hat, Triebe, die man unterdrücken muss. Ich möchte ihnen das an einem Märchen erklären: Ein Vater hinterließ seinen beiden Söhnen ein Haus, einen Garten und darin für jeden von ihnen einen kleinen Baum. Diese zwei Bäume waren die eigentliche Erbschaft. Die beiden Brüder pflegten ihre Bäume liebevoll, und sie wuchsen, blühten, trugen Blätter und erlesene Früchte, und sie schenkten den beiden das vollkommene Glück. Von überall her kamen die Menschen, um die herrlichen Bäume zu bestaunen. Das sah die Gerechtigkeit und sie sagte: ‚Es darf nicht sein, dass zwei Menschen schon hier auf der Erde uneingeschränkt glücklich sind. Was sollen die anderen sonst von mir denken?‘ Und sie ging zu den Brüdern und sagte: ‚Wählt zwischen eurem Baum und eurem Leben! Eines von beiden müsst ihr mir geben.‘ Der eine sagte: ‚Der Baum ist das Liebste, was ich habe. Ohne ihn werde ich traurig und arm sein. Doch was nutzt mir der Baum ohne mein Leben? Nimm ihn also, und lass mich sehen, wie ich ohne ihn auskomme!‘ Der andere aber sagte: ‚Was nutzt mir das Leben ohne meinen Baum? Es wäre trostlos und leer! Wenn ich aber weiß, er blüht und wächst weiter, dann kann ich zwar wehmütig, aber gefasst vom Leben Abschied nehmen.‘ Noch am selben Tag begannen die Blätter des einen Baumes zu vertrocknen. Der Stamm wurde morsch und fiel in sich zusammen. Der unglückliche Bruder stürzte sich in seinem Schmerz in immer neue Arbeiten. Das zahlte sich aus: Er kam zu Erfolg und Reichtum. Sein Haus war prunkvoll und luxuriös, innen. Nur den Garten betrat er nicht mehr, sondern er ließ eine hohe Hecke pflanzen, damit er ihn nicht von seinem Fenster aus sehen musste. Er erzählte allen Menschen, dass nicht nur sein Baum, sondern beide Bäume eingegangen seien, und weil er reich und angesehen war, glaubten ihm die Menschen. Sie gingen auch nicht mehr an den Gärten vorbei, und bald hatten sie die Bäume ganz vergessen. Der andere Bruder aber war nicht tot. Es überschritt die Kompetenz der Gerechtigkeit, jemandem das Leben zu nehmen, denn sie war wirklich die Gerechtigkeit. Deshalb verwandelte sie ihn in ein unbedeutendes Kraut, das am Fuß des Baumes wucherte. Das stand ihr zu. Da stand er nun und konnte aufblicken zu seinem Werk, seinem Baum, der ihn weit überragte. Er konnte sehen, wie der Baum wuchs und blühte, und er wusste, dass, wenn er selbst längst verwelkt und ausgerissen war, wenn sein Bruder tot und dessen Haus verkauft oder verfallen war, dass dann die Menschen eines Tages seinen Baum neu entdecken und in seiner vollkommenen Schönheit Trost und Zuversicht finden würden. – Und nun frage ich Sie: Wer von beiden ist der Glücklichere?“
––Werner wollte nichts Verkehrtes sagen. Wer zeigt schon gern, dass er dumm ist? „Beide sind gleich glücklich“, antwortete er schließlich. Wer zu lange nachdenkt, wirkt auch dumm.
––„Genau!“, sagte der Vikar, „beide haben auf jeweils eigene Art ihr Glück gefunden und jeder von ihnen hat dazu ein Teil von sich zerstören müssen.“
––„Sie sind ein guter Mensch“, sagte Werner.
––Der Geistliche lachte. „Ich tue Gutes, weil es mir Spaß macht. Wenn es mir mehr Spaß machen würde, dann würde ich vielleicht Böses tun. Aber das ist natürlich Unfug. Ich bin tatsächlich durchdrungen von dem Wunsch, zu bessern, zu verbessern, zu lindern, zu heilen, zu helfen. Das ist ein aufregender, manchmal entmutigender, aber oft ergreifend schöner Kampf.“
––„Ich habe eine schwere Schuld auf mich geladen“, sagte Werner. Er hatte das Bedürfnis, sich dem Pfarrer anzuvertrauen. „Bei einem Autounfall, den ich verursacht habe, sind meine Frau und mein Sohn ums Leben gekommen.“
––Der Vikar schwieg einen Augenblick. Dann erwiderte er langsam: „Manchmal habe ich den Eindruck, dass Gott uns nicht nur Leiden, sondern auch Schuld aufbürdet, dass es keine teuflische Macht, sondern er selbst ist, der prüfen will, wie der Mensch seine Schuld trägt und erträgt. Wir können nichts tun, als alle Schmerzen und Schläge in hoffendem Vertrauen niederzukämpfen und uns an den wenigen Zeichen einer höheren Ordnung zu stützen, die wir hier, um uns herum, wahrnehmen.“
––„Ich nehme aber keine Zeichen wahr“, dachte Werner.
––Die Tür öffnete sich leise, und Claudias volltönende, sanfte Stimme sagte: „Ich bringe das Mittagessen.“

„Ich habe noch über Ihr Märchen von der Gerechtigkeit nachgedacht“, sagte Werner am nächsten Tag. „Es gibt doch eigentlich nur die Gerechtigkeit, die die Menschen einführen. Geboren wird der eine dumm, der andere intelligent, die eine schön, die andere hässlich. Wo bleibt Gottes Gerechtigkeit?“
––„Wir müssen darauf hoffen, dass Gott alle Menschen gleich liebt und dass er allen gleich schwere Opfer abverlangt, die wir aber in ihrer Größe nur für uns selbst ermessen können.“
––„Dann brauchen wir uns ja um den Fortschritt nicht zu kümmern.“
––„Was in unserer Macht steht, sollen wir tun.“
––„Ich meine, jeder müsste das gleiche Maß an Arbeit und an Geld bekommen. Das wäre immerhin eine äußere Gerechtigkeit.“
––Der Vikar lächelte. „Sicher, aber ganz davon abgesehen, dass das nicht möglich ist, weil jeder nach seinen Kräften und Fähigkeiten beschäftigt und bezahlt werden muss, so würde selbst eine ungefähre Angleichung die Menschen nicht von ihren verschieden schweren Sorgen und Qualen befreien, denn die sind oft von Arbeit und Verdienst unabhängig.“
––„Das mag sein. Aber ‚was in unserer Macht steht, sollen wir tun‘, haben Sie gesagt. Einen ungefähren Ausgleich herzustellen, läge doch in unserer Macht!“
––Die Näselnde kam mit dem Blutdruckmessgerät.
––Als sie wieder gegangen war, sagte Werner: „Die Schwestern haben schreckliche Stimmen.“
––„So?“, fragte der Vikar erstaunt. „Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.“
––„Nur Schwester Claudia hat eine schöne Stimme. Ich mag sie am liebsten von allen.“
––„Ja“, sagte der Pfarrer zögernd, „sie ist eine eigenartige Frau.“
––„Fällt es Ihnen nicht manchmal schwer … ich meine …“, Werner geriet ins Stottern, „ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber ist es nicht manchmal schwierig, ganz auf Frauen zu verzichten?“
––Der Vikar lächelte. „Ich verzichte ja nicht ganz auf sie. Ich bin oft mit Frauen zusammen, wenn sie meinen Rat suchen oder beichten wollen.“ Doch dann wurde er ernst. „Es ist gut, wenn man auf gewisse Dinge zu verzichten gelernt hat. Das darf nicht bei allen zum Zölibat führen, sonst stirbt ja die Menschheit aus, aber es ist immer gut, sich von seinen Wünschen unabhängig zu machen. Ich muss alle Menschen lieben und darf in einem ganz vertrauten Verhältnis nur mit Gott leben. Würde ich sonst nicht an meiner Glaubwürdigkeit einbüßen? Wie soll ich die Menschen auffordern, ihre Opfer zu bringen, wenn ich selbst mir keinerlei Opfer auferlege? Etwas kommt hinzu, etwas, das mir schwer zu schaffen macht. Gott hat mir eine Neigung zu Mädchen, zu sehr jungen Mädchen, auferlegt. Ich muss diese Versuchung ertragen und ihrer Herr werden. Jeder von uns hat sichtbare oder unsichtbare Wunden. Es liegt nicht in unserem Ermessen, das für gerecht oder ungerecht zu halten.“
––Werner starrte den Pfarrer entsetzt an. Dieser gütige Mann, der ihm fast weise erschienen war, verspürte Lust, sich an Kindern zu vergreifen? Das war abstoßend! Das war ekelhaft! Und Werner fühlte, wie eine Hoffnung in ihm wegschmolz.
––Am nächsten Tag wurde ein anderes Zimmer frei und der Pfarrer wurde umgebettet.
––Werner war froh darüber. Die Gegenwart dieses Mannes war ihm unangenehm geworden. Jetzt würde er Claudia wieder ganz für sich haben.

Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Daniel_Dash (Frau), Josep Curto (Kloster), Gorodenkoff (Patient im Krankenhaus), Pressmaster (Gruppe von Jugendlichen), Ilya Shvedko (Apfelbaum im Garten)

34 Kommentare zu “Nächstenliebe | #4

    1. Wer vor seiner eigenen Neigung flieht, der landet halt überproportional oft in der Kirche. Und lebt seine Lust dann doch irgendwie versteckt aus. Es gibt zu viele Missbrauchsfälle, die dieses Klischee belegen.

    2. Gerade diese Idee, dass Gott ihm diese Neigung als Prüfung auferlegt hat, ist natürlich haarsträubend. Gut, dass es zumindest in diesem Fall nur eine Geschichte ist.

    3. Für seine „Neigungen“, „Begierden“ kann man nichts. Man kann sich nur zwingen, sie nicht auszuleben. Leider führt das oft zu einer verkrüppelten „Seele“ oder zu Grausamkeiten gegen andere. Dieser Konflikt hat viel Unheil angerichtet und wird es weiter tun.

    4. Herr Rinke sagt es ja schon, man sucht sich solche Vorlieben ja nicht selbst aus. Auseinandersetzen muss man sich damit aber allemal. In dem Fall sieht es mir so aus als ob es sich dieser Vikar mit seinem Berufen auf Gottes Willen etwas zu einfach macht. Aber nun gut, am Ende sieht es so aus als ob er eh nur eine Randfigur in dieser Geschichte ist.

  1. Die Welt, die Natur ist nicht gerecht. Man kann sich natürlich einreden Gott hätte sich das alles so ausgedacht und entsprechende Hintergedanken, die am Ende einen Sinn ergeben. Man kann es aber auch einfach versuchen zu akzeptieren wie es ist.

    1. Gerechtigkeit in solch einem Sinne gibt es vielleicht wirklich nicht, aber so etwas wie eine Balance zwischen den Dingen würde ich schon sagen. Dass jemand ununterbrochen Glück hat und der andere ununterbrochen Pech ist doch relativ selten.

      1. Da kommt dann aber so ein bisschen die aktuelle Diskussion um Privileg ins Spiel. Hat nicht derjenige, der in stabilen Verhältnissen in Deutschland aufwächst per se mehr Glück als ein Kind, welches im Kriegsgebiet aufwächst?

      2. „Kinderstube“ ist nicht erlernbar und erleichtert das Leben. Schönheit und guter Geschmack tun es auch. Wenn die Natur gerechter wäre, hätten die Menschen sich keine Götter erfinden müssen.

      3. Privileg und Glück sind allerdings zwei paar Schuhe. Das darf man auch nicht durcheinander werfen.

      4. ich glaube nicht, dass eine gesellschaft ohne diese strukturen möglich ist. als utopie funktioniert das vielleicht, aber der wunsch unser miteinander völlig umzukrempeln wird sich nicht erfüllen lassen. möglicherweise denke ich zu pessimistisch, aber so sehe ich das.

      1. Muss man Optimist sein damit das funktioniert? Oder Pragmatiker? Ich habe mich jedenfalls schon immer damit schwergetan.

  2. Altes zerstören damit Neues entstehen kann, das ist ja ein oft herangezogenes Bild. Etwas wahres ist sicherlich dran, aber ich würde nicht soweit gehen, dass man wirklich zerstören muss. Sich loslösen kann oft schon ausreichen.

    1. Mancher würde das dann auch als „zerstören“ definieren. Aber das sind am Ende nur Wortspielereien. Das Grundprinzip stimmt wohl so.

      1. Evolution führt sehr viel lebbarer weiter als Revolution. Zerstörung bedeutet meistens Vernichtung (Amerika nach Columbus) ohne den Willen, aus der Vergangenheit zu lernen. Walter Ulbricht ließ das Berliner Schloss abreißen. Was blieb war über zwanzig Jahre durch Militärparaden unterbrochene Ödnis.

      2. Als Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, dachte man ja auch er würde mit seiner unkonventionellen Art das angeblich kaputte politische System Washingtons zerstören und dann von Grund auf neu aufbauen. Hat auch nicht so recht geklappt.

      3. Hat das denn ernsthaft jemand erwartet? Nachdem er schon als New Yorker Businessman eher für Verschuldung als große Erfolge bekannt war?

      4. So viel Geld wie er von seinem Vater geerbt hat, da muss man wirklich überlegen wie clever er als Geschäftsmann wirklich ist, oder ob er nur mehr schlecht als recht verwaltet. Wie er mit Twitter nutzt um das demokratische System in Amerika zu untergraben, da macht ihm jedenfalls keiner was vor.

      5. Es sieht ja so aus als ob Biden nun tatsächlich als Wahlsieger bestätigt wird. Die ersten Schritte scheinen eingeleitet worden zu sein. Wie erfolgreich Mr. Trump seine Präsidentschaft und seinen Einfluss finanziell ausschlachten wird muss man sehen. Vorstellbar sind sicher viele Szenarien.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

elf + acht =