Die Erkenntnis, dass er nun ganz allein war, kam ihm erst in den folgenden Tagen voll zu Bewusstsein, und ein anderer furchtbarer Gedanke ließ ihn nicht mehr los: „Durch meine Schuld. Ganz allein durch meine Schuld. Ich trage die Verantwortung für ihr Schicksal und für mein eigenes!“ Äußerlich versuchte er, sich nichts anmerken zu lassen. Er schlief viel und redete kaum, weder mit seinen Eltern noch mit den Ärzten und Schwestern. Er wollte Claudia nicht bloßstellen, doch er fühlte sich ihr jetzt noch stärker verbunden.
––Sie hatte ihn als Einzige nicht wie ein Objekt behandelt, etwas, das aufgepäppelt werden muss, ein Glied der Kette, die Volksgesundheit heißt. Krankenpflege, Fürsorge, die Maschinerie der Nächstenliebe. Sie hatte ihn ernst genommen, die heuchlerische Rücksichtnahme aufgegeben, ihre Achtung für ihn bezeugt, und er war ihr dafür unendlich dankbar. „Niemand kann Ihnen jetzt helfen, aber ich weiß, wie Ihnen zumute ist“, hatte sie gesagt. „Ich habe auch einen lieben Menschen verloren, an dem ich sehr hing.“
––Das gab ihm Kraft. Es machte ihm Mut, wenn er an die Stimme dachte, die zärtlich und behutsam auf ihn einwirkte.

Wenn er allein in seinem kahlen Zimmer lag und auf die bunte Reproduktion an der gegenüberliegenden Wand starrte, wenn er die glatten, grausamen Möbel betrachtete, wenn ihn die nackten Krallen des Astes bedrückten, der drohend gegen sein Fenster ragte, wenn ihm die graue Wintersonne seine Schuld eisig einbrannte, wenn sein Rücken vom langen Stillliegen wehtat und er in ungeduldiger Wut hätte aufspringen mögen: alles zerbrechen und zerschmettern! – dann dachte er an die ausgeglichene Ruhe dieser tröstlichen Stimme und gewann seine Fassung zurück.
––Ihr Gesicht war nicht besonders hübsch, aber gleichmäßig, ruhig und schlicht, ohne besondere Aufregung und Ansprüche, einfach angenehm. Sie war schlank, aber nicht zierlich und hatte zupackende, wohlgeformte Hände. Ihre Augen wirkten immer etwas schwer.
––„Ich habe Sie noch nie lächeln sehen“, sagte er einmal. Aber er hatte wohl aus Verlegenheit zu leise gesprochen, denn sie antwortete nicht. „Sie haben eine wunderschöne Stimme“, sagte er etwas lauter.
––„Ach!“, sagte sie. „Das ist bisher noch niemandem aufgefallen.“ Aber ihre Worte klangen nicht erstaunt, eher so, als hätte sie die Bestätigung eines schon zur Gewissheit gewordenen Verdachts erhalten. Es schien sie nicht zu berühren.
––„Ich habe Sie sehr gerne“, sagte er plötzlich, über seinen eigenen Mut erstaunt.
––„Das freut mich“, antwortete sie, „ich versuche immer, den Kranken ihren Aufenthalt hier so angenehm wie möglich zu machen.“ Ihre Stimme war klangvoll und verbindlich, aber seltsam unbeteiligt. „Und nun würde ich Ihnen vorschlagen, zu schlafen. Gute Nacht!“

Am nächsten Tag legte man einen anderen Mann zu ihm aufs Zimmer. Er mochte etwa fünfzig Jahre alt sein und hatte ein mildes, gütiges Gesicht, das von abgeklärter Reife und Verstand zeugte.
––Zunächst freute sich Werner über diese Veränderung. Er brauchte nicht mehr allein zu sein mit seinem Schmerz und seinen bohrenden Vorwürfen. Er würde Unterhaltung und Ablenkung haben. Es verwirrte ihn zwar etwas, dass sein Zimmergenosse Geistlicher war, aber der Pfarrer verstand es, ihm schon nach einem kurzen Gespräch die Befangenheit zu nehmen. Doch etwas anderes machte ihm schwer zu schaffen.
––Claudia widmete sich dem Pfarrer mit der gleichen liebevollen Fürsorge, die bisher nur ihm gegolten hatte. Sie behandelte Werner deshalb nicht schlechter, aber er hatte doch das störende Gefühl, etwas teilen zu müssen, das ihm allein gehörte. Obwohl er diese Empfindung unterdrücken wollte und sich sagte, dass seine Eifersucht ganz ungerechtfertigt sei, beeinträchtigte ihn diese Pein, sie biss und quälte ihn. Wenn sie eintrat, wenn sie mit dem anderen sprach, sich zu ihm hinabbeugte, würgte es ihn, es schnürte ihm die Kehle zu, und es kam so weit, dass er erleichtert war, wenn eine andere Schwester die Mahlzeiten brachte oder die Betten machte. Trotzdem nahm seine Sehnsucht ständig zu. In seiner hilflosen Vereinsamung stützte er sich völlig auf sie und den Zauber, den der Klang ihrer Stimme in ihm auslöste.

Es dauerte ein paar Tage, ehe Werner es wagte, den Pfarrer zu fragen, wie er zu seinem gebrochenen Bein, der Kopfverletzung und den Abschürfungen gekommen sei. Denn weil der Geistliche nicht selbst davon sprach, fürchtete er zunächst, es könne sich um einen ähnlich schmerzlichen Vorfall handeln, wie er ihn erlebt hatte. Endlich fasste er an einem trüben Vormittag doch den Mut dazu, sich nach dem Unfall seines Zimmernachbarn zu erkundigen.
––„Das ist eine traurige Geschichte“, erklärte der Pfarrer. „Ich bin Vikar in einer schwierigen Gemeinde. ‚Trostlos‘, sagen manche. Diese Menschen dort waren fast so verkommen und verwahrlost wie ihre Häuser. Es hat mich unendliche Mühe gekostet, ein wenig Ordnung in ihr Leben zu bringen, ihre Haltlosigkeit etwas zu stützen. Sie haben Gott so verzweifelt nötig, aber sie finden nicht den Zugang zu ihm. Ich kann sagen, dass ich mich nicht geschont habe. Im vorigen Jahr hatte ich einen Zusammenbruch. Aber meine Gesundheit war mir vollkommen gleichgültig. Ich sah nur meine Aufgabe, etwas zu bewirken in diesem Viertel. Die Jugendlichen des Bezirks schließen sich zu Banden zusammen und bekämpfen einander. Sie machen schlimme Sachen. Miteinander, gegeneinander. Um einen Jungen hatte ich mich besonders gekümmert. Viel Mühe, aber etwas Erfolg. Er erzählte mir von einem Überfall, den seine Gang geplant hatte. Ich bestellte alle, die sich daran beteiligen wollten, auch ihn, zu mir aufs Pfarramt. Sie kamen sogar. Fast alle. Ich sagte: ‚Ich weiß, ihr wollt den alten Kempner überfallen. Wenn ihr das macht, dann ist die Polizei vor euch da.‘ Sie drucksten rum: ‚Wir brauchen keine Bullen.‘ – ‚Aber Herr Kempner vielleicht‘, sagte ich. Am nächsten Tag dachte ich: ‚Das reicht nicht! Ich muss mit den Eltern sprechen.‘ Den Anführer der Bande kannte ich. Seine Eltern waren auch nicht anders als die anderen Leute, aber ihr Sohn war ein Teufel. Ich wusste, es war ein Wagnis. Ich bin kein Abenteurer, aber ich bin auch kein Feigling. Ich hatte das unsichere Gefühl, ich dürfe sie nicht im Stich lassen. Meine ‚Schutzbefohlenen‘. ‚Schöne Schäfchen!‘ Vielleicht war es Hochmut, verstiegene Eitelkeit: der Wunsch, eine Wende herbeizwingen zu können. Auf der Treppe haben sie mir aufgelauert. Masken hatten sie auf. Ich habe sie trotzdem erkannt. Runtergestoßen wurde ich und zusammengeschlagen. Sie sehen es ja … Aber den Überfall auf Kempner, den ließen sie sein. Oder aufgeschoben. Es wird noch viel Zeit vergehen, bis sie Gott erkennen werden. Vielleicht werden sie ihn nie finden. Doch es ist meine Aufgabe, weiter um sie zu kämpfen, verbissen und ohne mich zu schonen.“
––„Aber wenn Sie sich selbst dabei schaden, wenn sie sich bewusst in Lebensgefahr begeben, ist das nicht auch Sünde?“, fragte Werner. „Ich weiß es nicht“, fügte er unbeholfen hinzu, „ich kenne mich da nicht aus.“

Titelillustration mit Bildmaterial von Shutterstock: Daniel_Dash (Frau), Josep Curto (Kloster), Gorodenkoff (Patient im Krankenhaus), Pressmaster (Gruppe von Jugendlichen)

33 Kommentare zu “Nächstenliebe | #3

  1. Ich finde es ja immer irgendwie anmaßend, wenn die Kirche behauptet man habe Gott so ungemein nötig, ist aber einfach nicht fähig den richtigen Weg zu finden.

      1. Glaube funktioniert halt nur zu 100%, wenn in der Regel auch nicht ohne Zweifel. Aber nur ein bisschen glauben ist eben schwierig.

      2. Der moderne Christ geht durch seinen Glauben doch wie durch einen Supermarkt: Er packt sich das, was ihm gefällt, in seinen Wagen und hofft, später an der Kasse damit durchzukommen.

      1. Die Kirche könnte sich stattdessen zum Beispiel um Hungersnot kümmern anstatt zu missionieren. Genügend Geld sollte ja in der Kasse sein.

      1. Man könnte meinen so ein schuldfreies Leben sei ein Glück, aber es klingt letztendlich dann doch etwas zu unheimlich unmenschlich.

      2. Man denkt unweigerlich an Psychopathen. Trump und seine Rücksichtslosigkeit kommen mir ebenfalls sofort in den Sinn.

      3. Wenn er tatsächlich damit durchkommen sollte soviel Zweifel und Chaos zu sähen bis die Entscheidung ins House of Representatives kommt und er sich dort noch einmal wählen lässt … na dann gute Nacht. Damit wäre die amerikanische Demokratie dann endgültig am Ende.

  2. Dieses Gefühl von „heuchlerischer Rücksichtnahme“ kann ich ziemlich gut nachvollziehen. Ehrlichkeit und Offenheit zeugen da meiner Meinung nach ebenfalls von viel mehr Respekt als solch eine oberflächliche Fürsorge.

      1. Ja klar, das würde ich aber auch nicht unbedingt unter die Rubrik Ehrlichkeit setzen. Das ist ja eher bösartig.

    1. „Niemand kann Ihnen jetzt helfen“ trifft es wohl ziemlich richtig. Man kann in einer solchen Situation da sein, zuhören… aber helfen wohl wirklich kaum.

      1. Manchmal reicht es ja auch einfach da zu sein. Das kann ein entscheidender Trost für einen schmerzenden Menschen sein.

  3. Die Idee mit den Eltern einer Jugendbande zu sprechen um ihnen einen Überfall auszureden kann man wirklich nur als verstiegene Eitelkeit oder totale Dummheit bezeichnen. Die Szene im Hausflur scheint dies ja auch zu bestätigen.

      1. Einfach wegschauen wäre wohl auch keine Lösung gewesen. Zumindest nicht für ein Priester. Das stimmt bestimmt. Aber solche Dinge alleine anzugehen, das endet ja schon im Tatort immer blutig.

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