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4. Berlin-Reise / 2008

#4.01 | Burg Schlitz

15. Mai 2008

Gelb. So gelb! Kein leuchtenderes Gelb bietet die Natur dem Schauenden als das von blühendem Raps. Die aufgepflanzten Heere der flammenden Felder stehen in feindseligem Gegensatz zu den friedlicheren Hügelketten des Mecklenburger Landes. Van Goghs vom Wahnsinn geleiteter Pinselstrich kommt dem Schauspiel nahe, das dem Betrachter geboten wird, wenn er an einem sonnensatten Maitag durch Norddeutschland fährt und nicht wie Silke am Steuer sitzt. Obwohl ich keinen Alkohol getrunken hatte, jedenfalls nicht heute, jedenfalls nicht viel, ließ ich mich lieber durch die krasse, milde Landschaft geleiten, als selbst das Steuer in die Hand zu nehmen. Silkes Wagen, meine Passivität. Sein lassen, loslassen – wie oft hatte ich mir gewünscht, das zu können! War ich nun glücklicher?

„Rein streckenmäßig ist es kürzer“, sagte ich im Hinblick auf die Landkarte, „aber natürlich dauert es länger als über die Autobahn.“ Ich fand diesen Hinweis etwas unzulänglich und ergänzte: „Außerdem ist es romantischer.“ Dabei war ich mir nicht einmal sicher, ob Silke und ich darunter das Gleiche verstehen. ‚Romantisch‘ – kein Wort aus ihrem Sprachschatz.
Silke sah geradeaus und lauerte auf den nächsten Wagen, über dessen träge oder abrupte Fahrweise sie sich würde erregen können. Der geringe Verkehr bot ihr wenig, und so konnte sie auch nur selten abschätzige oder bewundernde Bemerkungen über Mittelklasse- oder hochkarätige Fahrzeuge machen. Ich freute mich immer, wenn wir an einem schäbigen Haus vorbeikamen und ich sagen konnte: „Guck mal, so sah früher die ganze Ostzone aus!“
Silke duldet meine ewigen Wiederholungen, so wie ich ihre Vorliebe für Lob und Tadel dulde. Sie wertet gern. Hochfahrend kann sie dabei werden, wenn ich ihr nicht auf Anhieb zu sagen weiß, bei welcher Dorfstraße sie abbiegen muss, zumal ich unter dem Druck ihrer Forderung, korrekt angeleitet zu werden, dazu neige, „links!“ zu rufen, wenn ich rechts meine.

So erreichten wir nach etlichen unbeschrankten Bahnübergängen, die wir zügig und unbeschadet überquerten, Burg Schlitz, unseren Tagungsort. Gleichzeitig mit uns traf eine in Silkes Augen äußerst unansehnliche Menschengruppe ein, die zu der löwengesäumten Treppe in gar keinem für Silke nachvollziehbaren Verhältnis stand. Und dann schritt auch noch eine schwarz gekleidete Empfangsdame die Stufen herab und fragte lächelnd: „Wen haben Sie denn da mitgebracht?“
Der Himmel war blau, das Schloss war weiß, die Ankunft war ruiniert.
Später erklärte uns der Hausherr, dass die Parkanlage für Besucher zugänglich sei, weil sich die Bewohner des nahen Ortes um den Besitz so verdient gemacht hätten. Dass aber just mit Silke statt ein paar farblich abgestimmter Damen und Herren aus dem Reitklub ein Rudel Bunter ankommt, um dann auch gleich wieder zu verschwinden – das war ein Wink des Schicksals, und zwar ein gemeiner.

Die Zimmer waren fürstlich, der Blick mochte in die unverbaute Ferne des Anwesens schweifen, im Bad gab es kein Bidet, obwohl das vom Platz her problemlos möglich gewesen wäre. Silkes Räumlichkeiten waren meinen ebenbürtig, und so konnte sie sich nicht demütig unterordnen.

Unsere Sitzung verlief, wenn nicht hitzig, so doch zumindest engagiert, manchmal sogar ein wenig undiszipliniert, was unser Kuratoriumsvorsitzender Thomas noch beim ausgezeichneten Abendessen lebhaft beklagte. Das vorrangige Thema waren die Finanzen unserer Stiftung gewesen und die Frage, ob man durch mögliche Zustiftungen die Aktivitäten der Stiftung sowohl ins Soziale als auch ins Glamouröse ausdehnt oder ob man eher bescheiden bleibt. Anette wollte eher bescheiden bleiben, zumindest ein bisschen; Thomas schätzt mehr das Glamouröse, aber als Jurist ist er gleichzeitig erpicht auf geordnete Verhältnisse. Ich bin zwar weniger ordentlich, hatte aber Angst um mein Geld und meine Ruhe. Unser Gastgeber auf Burg Schlitz ist Pragmatiker und zählte die Namen derer auf, die er ansprechen könne, um gewisse Ziele anzupeilen; Michael würde nie ein Problem übersehen und es versäumen, darauf aufmerksam zu machen, dass er es bemerkt hat. Sprache, es ging um ‚Sprache‘.

Die Tafel war festlich, was umso ärgerlicher war, als ich beim missmutigen Einpacken meiner Garderobe die schwarze Hose vergessen hatte, also im Roten Salon zum schwarzen Hemd mit rotem Sakko und roter Krawatte eine rostbraune Cordhose tragen musste, wenn auch unterhalb der Tischdecke. Wie Silke so etwas findet, brauche ich nicht zu erwähnen.

Am nächsten Morgen im kühlen Sonnenschein bestellte ich mir sogar ein Frühstücksei. Einer der wenigen Grundsätze, die mein locker gefügtes Leben einengen, ist der, niemals zu frühstücken, und so genoss ich das Brötchen und das etwas zu kalte, etwas zu harte Ei außerordentlich. Nach dem Frühstück stand für die Sitzungsteilnehmer die Schlossbesichtigung an. Die privaten Räume und die Schlosskapelle wurden uns aufgeschlossen. So etwas macht man nicht für Touristen, so aufgeschlossen oder verdienstvoll sie auch sein mögen. Zur Freude unserer exklusiven Gruppe war sogar der allen zugängliche Brunnen nahezu besucherfrei.
Anettes und Michaels Wunsch nach einem Gang durch das weitläufige Gelände verweigerte ich mich aus einem nicht begründbaren Unbehagen, Thomas musste sowieso zu einer Sitzung nach Lübeck, und Silke sah seinem Jaguar mit wegklappbarem Verdeck träumerisch hinterher, bevor sie in ihren kompakten BMW stieg, in dem ich schon darauf wartete, an wildgelben Feldern vorbeizurauschen, während sie die übrigen Verkehrsteilnehmer beschimpfen würde.

Wir machten in Neuruppin Halt, fanden es ganz niedlich, aber doch ein wenig unerheblich. Die Häuser waren ordentlich herausgeputzt, der Marktplatz war verwaist. Ein paar Schöngeister hätten ihm gutgetan: Nicht immer stören Touristen. Ich erklärte Silke, dass früher alle preußischen Garnisonsstädte so ausgesehen hätten; denn ich glaubte – schuldbewusst wegen des schnörkeligen Abstechers –, ich müsse den Aufenthalt mit Beredsamkeit ins Allgemeingültige erheben, auch wenn mir im Stillen klar war, dass solche Orte nicht erst während der Zeit des Sozialismus armselig und heruntergekommen gewirkt hatten. Fontane war ja nun nicht mehr da, und ‚Neuruppiner Bilderbögen‘ sagten Silke nichts. Das Ufer knapp verfehlend lag da im milden Sonnenschein ein Lokal, dessen Gäste nicht von der Art waren, dass man sich ihnen zugesellen mochte, es sei denn, um sie nach ihren Erfahrungen mit der Rentenerhöhung zu befragen. Die Bedienung sah aus, als trüge sie zu lange gekochten Spargel auf den Tellern, und Silke hatte wie üblich keinen Appetit, geschweige denn Hunger.

Die Welt war wie immer grausam, schlecht und ungerecht, aber wir blieben wie meistens verschont davon, ohne etwas dafür getan zu haben: Trotz unermüdlicher Stauwarnungen aller leuchtenden und blinkenden Schilder vor der Baustelle in Tegel kamen wir zügig voran und fanden sogar sehr schräg gegenüber von unserem Berliner Hotel in der Wielandstraße einen Parkplatz.
„Sie werden sehr enttäuscht sein“, sagte Frau Lange. Das Zimmer, in dem ich sonst immer schlafe, war belegt. Ich bekam eines zur anderen Seite, und Frau Lange pries das Gezwitscher im Hinterhof an wie eine Marktfrau, die ihre letzten Tomaten loswerden will. Da mir zu Hause ohne mein Ohropax alle Vögel Othmarschens die Morgenruhe rauben würden, zeigte ich mich unbeeindruckt trotz des Hinweises, dass ein gewisser Förster, wenn er nach Berlin kommt, immer genau dieses Zimmer haben will, weil er sich da so heimatlich fühlt. „Beim ersten Mal hat er, als er aufwachte, eine Stunde lang gebraucht, um zu wissen, wo er war“, versicherte Frau Lange unglaubwürdig. Wer so lügt, der fällt bestimmt falsche Bäume und verkehrte Urteile über das Waldsterben.

24 Kommentare zu “#4.01 | Burg Schlitz

    1. Der Fahrer muss halt wissen, was er (sie) da tut. Wenn man als Beifahrer das Gefühl hat, dass man doch lieber selbst am Steuer sitzen würde, hilft das nicht.

      1. Als Beifahrer habe ich mir mühsam angewöhnt, keine ungefragten Ratschläge zu erteiler. Wenn sich der Fahrmensch oder die Fahrperson in eine blöde Spur einordnen, werde ich trotzdem ganz kribbelig.Immer noch will ich Sieger sein!

      2. Es hilft ja auch meistens wenig, wenn man von der Seite versucht reinzureden. Den Drang danach kann ich trotzdem manchmal gut verstehen.

      1. Oh! Aber doch hoffentlich nur die letzte Berliner Reise? Ich lese ihre Beobachtungen so gerne!

      2. Die Reisen sind von da an als Blog-Berichte konzipiert. Aus London, Wien, New York und Italien gibt es noch zahllose frühere Briefe.

  1. Na das ist doch nach wie vor das Motto des Westens: Die Welt war wie immer grausam, schlecht und ungerecht, aber wir blieben wie meistens verschont davon, ohne etwas dafür getan zu haben.

    1. Also spätestens seit COVID und der Energiekrise denken sicher wenige, dass man hier von jedem Unheil verschont bleibt.

      1. Wahrscheinlich meinte Volker Ehlers das auch nur, wenn man an Kriege etc. denkt. Da gab es in den letzten 50 Jahren, also für die jüngeren Generationen, ja wirklich keine Sorge. Mit Putin könnte das allerdings auch bald anders aussehen.

  2. Werten und gleichzeitig dulden ist ja eine seltene Kombination. Das deutet dann ja nur darauf hin, wie sehr sie Sie als Freund schätzt.

    1. Ja genau. Am Ende ist das doch auch viel interessanter als wenn man sich nur Leute sucht, die komplett identisch sind.

      1. Dabei tun wir das doch so häufig. So ganz identisch fühlt man ja eher selten. Selbst mit engen Freunden oder dem eigenen Partner gibt es da deutliche Unterschiede.

      2. Die Frage bleibt eben ob es nur darum geht, dass man lieber Schnitzel statt Gemüseauflauf isst, oder ob man die AfD der aktuellen Regierung vorzieht.

  3. Bidets im Bad sind mir auch nach wie vor ein Rätsel. Ich verstehe das Prinzip natürlich schon, aber dass man es auch wirklich benutzt kann ich mir nie so recht vorstellen.

      1. Ich benutze das Bidet täglich: hier in Italien im Hotel und in meinem eigenen Bad, in Hamburg zu Hause. Ich glaube halt mehr an Seife, Wasser und Handtuch als an ein Stück Papier.

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