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4. Berlin-Reise / 2008

#4.04 | Teure Marken

Silke jammerte sich durch den Verkehr vom Neuen Palais zum Schloss Babelsberg. Ich machte keinen Fehler, während ich sie lenkte, aber sie jammerte trotzdem, weil gegen sechs nun mal Berufsverkehr herrscht. Oben auf der Terrasse war es ganz still, und der Blick war sehr viel eindrucksvoller als vom Pomonatempel herab, in dem jetzt die Polizei auf Spurensuche war. Was gab es im Privatleben der Ermordeten, das den Täter dazu gebracht hatte, die Gunst der Minute zu nutzen? Verabredung mit einem Erpresser? Affekthandlung? Welcher Affekt? Es gab kein Motiv. Aber es gab eine Leiche. Hier oben vor dem abgebröckelten Schloss war nur Ruhe, und ich fürchtete, das könnte für Silke ein Beweis dafür sein, dass dieser Ort nicht sehenswert ist.

Anrührend, von der Terrasse herab auf die Glienicker Brücke zu schauen, dieser Blick, der bis zur Öffnung der Mauer für Kapitalisten unmöglich war. Wenn eine Brücke für mich Grenzüberschreitung symbolisiert, dann ist es diese. Ich wurde mir immer sicherer, dass Silke bei einer solch mühsamen Anfahrt zur Belohnung ein bisschen mehr Eleganz erwartet hatte, aber die bekam sie eine halbe Stunde später in der Villa Kellermann am Heiligensee. Marina und Florian waren wie wir ein bisschen zu früh, und es war draußen schon ein bisschen kühl, aber geschützt durch die Umrandung der Empore und ein wenig Wolle war das Leben schön, die Sonne sank in den stillen See und Silkes Trüffelrisotto war genauso gut wie meine umbrische Fischsuppe. Ich war neugierig gewesen, weil Umbrien eine der wenigen Provinzen Italiens ist, die nicht am Meer liegt: Wie machen die das wett?
Der Schlaganfall von Marinas Stiefmutter war glimpflich verlaufen. Die Nachbarin hatte mich am Morgen angerufen, und ich hatte meine Cousine benachrichtigt. Wenn nun das Handy geklingelt hätte, als ich gerade … Verräterische Laute. Etwas krächzte durch die Luft und verschwand hinter den Weiden. Marina schärfte mir ein, ich dürfe meine Mutter nicht einmal fünf Minuten allein lassen. „Rund um die Uhr“, sagte sie mehrmals. Demenzkranke seien unberechenbar. Angst vor Verfolgung oder vor bösen Geistern?

Wir liefen den Kurfürstendamm entlang, so wie ich mir ‚Schlendern‘ vorstelle. Milder Vormittag. Nach dem ausführlichen Kulturprogramm des Vortages musste Silke mit ‚Schaufensterbummel‘ entschädigt werden: vom Olivaer Platz bis zur Fasanenstraße lauter teure Marken. Von da an bis zum Wittenbergplatz Discounter. Silke wollte ‚Geo‘ kaufen. Es gibt eine neue Ausgabe über Südtirol, und weil wir da in drei Wochen hinwollen, ist es doch schön, etwas über das zu erfahren, was man sowieso sehen wird. Außerdem braucht man immer und überall Tipps. Wenn man selbst etwas entdecken will, begibt man sich und andere nur unnötig in Gefahr. Darum gibt es immer ausgefeiltere Elektronik, damit einem nichts passieren kann, höchstens ein Defekt. Es war ja sowieso nicht geheimzuhalten, auch dann nicht, wenn man ein paar Tage lang hintereinander nicht die ‚Tagesschau‘ sah. Obwohl der Zeitungsstand, gleich beim denkmalgeschützten ‚Kranzler‘-Gebäude, die ‚Geo‘ nicht hatte, hatte er doch die ‚Bild‘-Zeitung. Silke kaufte zum ersten Mal in ihrem Leben eine ‚Bild‘. Sie sagte nichts. Sie hätte sagen müssen: „Mein Gott, da sind wir doch gestern gewesen!“, aber das tat sie nicht, und dass sie es nicht tat, war merkwürdig, wenn auch nicht überraschend.
Marina rief an, zwischen ‚Kempinski‘ und Commerzbank und sagte in mein Handy: „Mensch, da ward ihr doch gestern!“
„Ja“, antwortete ich, „ganz in der Nähe, aber wegen der Hochzeitsgesellschaft kamen wir nicht weiter und da sind wir wieder umgekehrt.“ „Na ja, war ja vielleicht auch besser so“, sagte Marina, „sonst wärt ihr da noch mit reingezogen worden.“
Auch beim Mittagessen mit unserer Anwältin, die überwiegend damit beschäftigt ist, meine Urheberrechte gegenüber denen anderer abzugrenzen, und mit Silkes ehemaliger Chefin, die Musikwissenschaftlerin und sehr engagiert ist in allen Themen, die sie interessieren, war der Mord vom Belvedere Gesprächsstoff.
Der Kellner löste routiniert das Innere aus den Hummern und gab mir, stolz, von mir beobachtet zu werden, Ratschläge, wie man so etwas macht. Weil das ziemlich imposant war, ließ ich durchblicken, dass ich schon häufiger Hummer geknackt hatte: besonders in Boston. Er klopfte unbeirrt mit dem Messer auf die zerschnittene Schale, die Schere war ihm gefügig und ließ ihr rosa Fleisch auf den Teller plumpsen.
„Schrecklich!“, sagte Ursula, die Musikwissenschaftlerin, weil wir doch fast zur Tatzeit am Tatort gewesen waren. Es war immer so eine neidische Erleichterung um die Mundwinkel der Redenden, die uns von nun an bedauerten, als hätten auch wir fast Schaden genommen. Silke nickte meist bedächtig und sagte wenig, was beides nicht ihrer normalen Verhaltensweise entsprach, ich machte makabere Scherze, was bei mir als üblich gelten konnte. Es gefiel mir wirklich nicht, Details aus dem Privatleben der Getöteten zu erfahren. Ich fand das indiskret. Widerwillig bekam ich mit, dass Charakter und Lebensumstände laut Zeugenaussagen mehr oder weniger meinen Vermutungen entsprachen. Weil alles so rätselhaft schien und weder Inzest noch Pädophilie im Spiel waren, gab es keine Rufe nach der Todesstrafe. Während wir unseren Hummercocktail an einer angenehm lockeren Soße aßen, hatte ich schon eine gewisse Vorstellung davon, was da an seelischer Belästigung auf mich zukommen würde.

23 Kommentare zu “#4.04 | Teure Marken

  1. Wer die immer ausgefeiltere Elektronik gut zu nutzen weiß, der entdeckt ja trotzdem noch einmal andere Sachen als die große Masse.

      1. Und die gut versteckten Geheimtipps freuen sich selbst darüber nur einem kleinen Publikum bekannt zu sein oder vermissen sie den Massenansturm auf ihr Lokal?

      2. Hitler will ich hier mal rauslassen. Aber wer ein exquisites Restaurant führt, der legt die Preise auch so fest, dass er sich ohne Massenkundschaft durchschlagen kann.

      3. Das klingt logisch. Im besten Falle macht so ein Restaurantbesitzer jedenfalls Gewinn.

  2. Wie schlimm! So nah an einem Verbrechen möchte ich wirklich nicht sein. Dafür reichen meine Nerven nicht.

  3. Demenz ist ja wirklich etwas Schlimmes. Ich möchte wirklich nicht daran denken, wie sowas sein könnte. Werder wenn man selbst erkrankt, noch wenn man sich kümmern muss.

    1. Bei meinem Vater war es am Ende tatsächlich so, dass man ihn keine 5 Minuten alleine lassen konnte. Zum Glück ist nicht jeder Fall so schlimm. Man darf das wirklich niemandem wünschen.

      1. Das ist ja wirklich kein einfaches Thema. Aber ja, ich denke auch, dass man über das Thema viel mehr diskutieren sollte.

  4. Den Hang zu makabren Scherzen kenne ich. Was soll man angesichts solcher Tragödien auch sonst tun? Man ist ja hilflos…

      1. Natürlich! Man versucht ja solche Sachen zu verarbeiten. Dazu gehört ohne Frage auch das Scherzen.

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