06 – Ein Eremit
Nachtluft | 18
Friedhöfe bedeuten mir nichts. Trotzdem möchte ich sein Grab sehen, einmal nur. Ich würde gerne mit seinen Eltern sprechen, aber ich kann es nicht tun. Sie haben mir einen so furchtbaren Brief geschrieben, in dem sie mir ihr Mitgefühl ausdrücken wollten und sich von ihrem Sohn, den sie nie verstanden hatten, noch im Tod losgesagt haben ...
weiterlesenBerichterstattung | 17
Schön ist es, am Morgen früh aufzuwachen, um fünf Uhr schon, hell und klar im Kopf, und hinauszutreten vor die Tür. Ganz allein auf der Straße entlangzugehen, die zu den Feldern führt, an Holzzäunen und Dahlien vorbei auf Kopfsteinpflaster. Den Tau in den Wiesen glitzern zu sehen.
weiterlesenVerzückung | 16
Plötzlich hatten Geräusche aus einer fernen Welt mich aufgestört. Ich lauschte. Ein fremdartiges Pulsen, dem ich nachgehen musste. Warum konnte ich nicht hierbleiben, in der entrückten Abgeschiedenheit meiner Höhle? Es ging nicht. Gott rief mich noch einmal hinaus.
weiterlesenDas Gott geweihte Leben | 15
Ich hatte das Gefühl, Benedikt kam immer dann, wenn ihn ein neuer Einfall heimgesucht hatte, an dem er sich den ganzen Tag über während seiner Fahrten aufgegeilt hatte. Dann stürzte er sich auf mich, und ich war ihm ergeben. Einmal kam er mit der Schere, schnitt sich mehrere Büschel Sackhaare ab und stopfte sie mir in den Mund.
weiterlesenIn Ketten | 14
Wir duschten, wir lachten, wir küssten uns. Wir leckten uns die süßen Wassertropfen von der Haut. Wir saßen beim Abendessen, ein normales schwules Ehepaar. Er schnitt Tomaten, ich hackte Zwiebeln. „Gibst du mir das Salz rüber?“ „Danke. Hier ist der Pfeffer.“ Spielt sich so Leben ab?
weiterlesenMein Heim | 13
„Hast du etwas dagegen, wenn ich mir die Kammer etwas herrichte?“, fragte ich ihn beim Frühstück. Er sah mich prüfend an. „Mach, was du willst, du kannst dir freien Lauf lassen.“ Ich lächelte. „Danke!“
weiterlesenGeschmacksrichtungen | 12
„Hast du was?“, Benedikt sah mich forschend an. Wir saßen beim Essen. Ich hatte Wurstscheiben und Käse und Brot auf den Tisch gestellt. „Nein. Wieso?“ „Ich weiß nicht.“ Ich zerschnitt eine Tomate. „Was bedeutet ‚im sauren Bereich gepuffert‘?“
weiterlesenUtensilien | 11
Ich wachte auf und presste mich an ihn. „Bitte, bitte“, sagte er, „lass mir ein kleines bisschen Luft!“ Widerwillig verringerte ich den Druck meiner Arme ein wenig. „Du brauchst übrigens keine Angst zu haben“, sagte er. „Ich habe den Aids-Test gerade nochmal gemacht.“ Ich hatte keine Angst, ich hatte daran gar nicht gedacht.
weiterlesenNach dem Essen | 10
Wir hatten gegessen. Er hatte mich beobachtet, schon ein bisschen belustigt, aber nicht überrascht. Er wusste ja, dass ich tagelang nichts Richtiges bekommen hatte. „Sieh dich vor“, sagte er grinsend, „Essen verdirbt den Appetit.“ „Und Hungern verdirbt den Charakter“, antwortete ich.
weiterlesenEin Entschluss | 09
Als ich aufwachte, war es hell und sehr ruhig. Ich sprang von der Matratze und sah in alle Räume. In der Küche lag ein Zettel: Johannes, ich musste los. Kaffee steht auf dem Tisch. Nimm dir, was du brauchst ...
weiterlesenEin zarter Vogel | 08
Ich lag schon im Bett, genauer gesagt, in meinem Schlafsack auf der Matratze. Er kam nochmal an die offene Tür. Die kleine Lampe, die auf dem Boden stand und ihn von unten beleuchtete, malte geheimnisvolle Schatten in sein Gesicht. Er hatte eine kurze Hose an, wohl einen Slip, und den Oberkörper frei.
weiterlesenSitzenbleiben | 07
Benedikt sagte nichts, und so redete ich weiter: „Als ich neun Jahre alt war, waren meine Eltern mit mir in den Ferien in Polen. Das letzte Jahr der DDR, aber das wusste man damals noch nicht. Einmal haben wir einen Ausflug gemacht zu einem Augustiner-Kloster. Das hat einen riesigen Eindruck auf mich gemacht ...“
weiterlesenEin Mordmotiv | 06
Der Fremde kam mit den Getränken und fläzte sich auf die Couch. ‚Benedikt‘ – kein alltäglicher Name. Der Gesegnete. Eigentlich hätte ich bei ihm mehr auf Wein getippt, französisch oder italienisch. „Soso – Johannes. Nun sind wir also hier. Wie alt bist du eigentlich?“ „Achtzehn.“ „Na, wenigstens volljährig.“
weiterlesenTaxe fahren | 05
Es goss in Strömen. Ich lächelte blöde, zumindest glaubte ich das. Aber vielleicht war mein Lächeln so blöde gar nicht. „Also, was ist?“, fragte er. „Na ja“, sagte ich, „also, das wär’ natürlich unheimlich nett von Ihnen. Ich will zum CVJM. Sehr weit ist es ja nicht. Aber bei dem Regen …“ „Also los!“, sagte er.
weiterlesenBahnhof Zoo | 04
Ich fuhr vom Bahnhof Tiergarten zurück zum Zoo, schwarz – wie immer. Das Schließfach öffnen? Das Kapitel schließen? – Noch nicht. Ich strich in der Bahnhofsgegend herum. Die Türsteher der Porno-Bars sprachen mich nicht an. Die Nutten ließen mich in Ruhe.
weiterlesenBerlin ist Party | 03
Ich wachte auf. Ruhig. Ich horchte in mich. Eine Ruhe, der ich misstraute, denn es gab keinen Grund für sie. Wenn die Rastlosigkeit vorher einen Grund gehabt hatte, dann war er nicht beseitigt. Doch das war jetzt unwichtig.
weiterlesenPanik | 02
Einige hatten die Schlafsäcke schon zusammengerollt. Die Stelle im Park, die wir uns als Quartier beschlagnahmt hatten, sah ziemlich wüst aus. Umweltbewusstsein findet mehr im Kopf statt. Das darf man nicht so eng sehen wie die Spießer ...
weiterlesenWer ich bin, wer ich sein will | 01
Nachtluft. Frösteln zwischen den Sträuchern, zwischen den Beinen. Etwas, das eingefroren ist, etwas, das sich nicht mehr rührt und erstarren wird.
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