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2010
06 – Ein Eremit

Ein zarter Vogel | 08

Ich lag schon im Bett, genauer gesagt, in meinem Schlafsack auf der Matratze.
––Er kam nochmal an die offene Tür. Die kleine Lampe, die auf dem Boden stand und ihn von unten beleuchtete, malte geheimnisvolle Schatten in sein Gesicht. Er hatte eine kurze Hose an, wohl einen Slip, und den Oberkörper frei. „Gute Nacht!“, sagte er. „Dann schlaf gut!“
––Mein Vater war nie gekommen, mir Gute Nacht zu sagen. Ich hatte ihm Gute Nacht sagen müssen, und wenn ich es mal vor Müdigkeit vergessen oder vor Überdruss unterlassen hatte, dann musste ich am nächsten Tag hundertmal schreiben: ‚Ich soll daran denken, meinem Vater jeden Abend Gute Nacht zu sagen.‘ – „Gute Nacht!“, sagte ich und streckte ihm die Arme entgegen.
––Er kam einen kleinen Schritt näher. „Du willst doch nicht etwa noch einen Gute-Nacht-Kuss haben?“
––„Doch“, antwortete ich, „ich bin das so gewohnt.“ – Nichts war ich gewohnt, gar nichts!
––Aber er sagte: „Na schön, damit du nicht wieder weinst in deinem Alter“, beugte sich zu mir und wollte mir einen leichten Kuss auf die Seite geben.
––War es das Bier, der Wodka oder die Erschöpfung? Nichts von alledem. Er war es, nur er. Ich zog sein Gesicht dicht an mich heran. Meine Lippen berührten seinen Mund, meine Zunge schob sich vor, ganz leicht, zog sich zurück, und dann spürte ich zwischen meinen Lippen seine Zunge, die wie ein warmer, zarter Vogel den Kopf ins Nest steckt, eine federleichte, behutsame Berührung, fremd und freundlich, mit nichts vergleichbar, nicht mit den seltenen, verkniffenen Hautküssen meiner Mutter noch mit den Mädchenküssen, die ich bekommen und erwidert hatte, weil es so dazugehört.
––Einen Augenblick nur, dann zog er sich wieder zurück und sagte: „Das war aber ein recht ungewöhnlicher Gute-Nacht-Kuss.“ Er strich mir mit seiner trockenen, festen Hand einmal kurz übers Gesicht und wollte aufstehen.
––Ich hielt ihn fest.
––„Hör mal“, sagte er, „lass uns ehrlich miteinander sein! Es stimmt, ich mag Männer. Aber keine Jungen, auch dann nicht, wenn sie so hübsch sind wie du. Natürlich könnte ich heute Nacht mit dir schlafen, aber ich glaube, du steigerst dich da in was rein, was uns nachher beiden Schwierigkeiten macht. Ich kann deine Wünsche nicht erfüllen. Was du brauchst, ist ganz etwas anderes. Selbstvertrauen, Anleitung, Geborgenheit. Nicht Sex mit einem Mann aus einem Gefühl der Verlorenheit oder der Dankbarkeit heraus. Vielleicht bist du schwul, vielleicht bist du nicht schwul. Es ist nicht der Augenblick, das zu prüfen.“
––„Warum hast du mich mitgenommen?“
––„Damit du im CVJM nicht vergewaltigt wirst.“
––„Wie hübsch bin ich?“
––„Erschreckend hübsch. Mehr erschreckend als hübsch. Ich habe dir gern zugehört, aber noch lieber habe ich dich angesehen.“
––„Du hast recht, ich bin dir dankbar und ich fühle mich verloren. Aber das hat nichts damit zu tun.“
––„Nichts womit?“
––Ich suchte eigentlich nach Worten, doch meine Hände fanden zwischen seinen Schenkeln etwas anderes: einen Anker, einen Rettungsring. Ich öffnete die Augen wieder, er sah mich an, und ich sah, dass ich ihm zu jung und zu hübsch war, aber dass er mich wollte.
––Er fasste mich an.
––Ich spürte seinen Griff durch den Schlafsack hindurch, und da, sofort, kam es über mich.
––Ich stöhnte auf und sank nach hinten.
––Er sagte nichts, gab mir einen leichten Kuss, machte das Licht aus und ging aus dem Raum.

Ich konnte nicht einschlafen. Ich horchte. Als ich wusste, dass er im Bett lag, stand ich noch einmal auf, ging ins Bad und wusch mich. Er rührte sich nicht. Ich ging zurück auf meine Matratze und deckte den Schlafsack über mich. Es war zu warm in seinem Innern – und zu feucht. Eine Mutter, eine Frau, ein Walfisch. Ich hatte das nicht gewollt, wirklich nicht. Wirklich nicht? Jedenfalls wollte ich es nicht mehr. Nie wieder. Es war unnatürlich und ekelhaft. Und was das Schlimmste war: Es machte noch nicht mal Spaß.

Das männliche Geschlechtsorgan, es ist widerlich. Und das Gefummel, das in einem überraschenden Ausbruch endet, das ist weder Liebe noch Zuneigung, das ist klebrig, schmutzig – es ekelte mich vor mir, dass ich so etwas getan hatte, es ekelte mich auch vor ihm und seinem großen, schlaffen Glied. Und ich schämte mich, ein quälendes Gefühl von Scham, das mich schüttelte wie Fieber. Ich wälzte mich unter meinem Schlafsack hin und her, aber ich kam nicht zur Ruhe. Halb träumte ich, halb war ich wach. Schuld und Verdammnis. Nein, nein: Auferstehung – Himmelfahrt – Fronleichnam – Loveparade. Warum ist der Sommer so leer von Festen? Allerheiligen, Verkündigung, Weihnachten. Weich und feucht: Zimtsterne. Hart und trocken: Spekulatius. Männlich/weiblich, Empfindungen: auf – ab. Positiv, negativ. Verklärt, verdammt, vernichtet. Heiliger Vater, vergib mir! Sei barmherzig und vergib mir! Es wird nicht wieder vorkommen. Ich bereue. Gib mir Frieden, bitte!

Titel- und Abschlussbild mit Material von Shutterstock: Jan Mika (Mann links, Arme), Leika production (Mann links, Oberkörper) Akura Yochi (Arme rechts), Christian Mueller (2, Hintergrund) | Lemonsoup14 (betende Hände), Emotions studio (küssende Männer)

Hanno Rinke Rundbrief

34 Kommentare zu “Ein zarter Vogel | 08

  1. Mehr als das kurze Aufflackern von Lust zwischen den beiden Protagonisten hat mich die Reaktion Johns überrascht. Dass er seine Sexualität als etwas ekliges abtut, hätte ich trotz seines früheren Wunsches Pfarrer zu werden nicht erwartet.

    1. Das passt doch eigentlich ziemlich gut ins Bild. Der Berufswunsch, das Interesse am Einsiedler, die scheinbar doch etwas strengen Eltern…

      1. Andererseits ist er ein 18-jähriger Jugendlicher, der sein Zuhause hinter sich gelassen hat um sich selbst und sein Glück in der Welt zu suchen. Da könnte auch ein anderer Ausgang denkbar sein.

    2. Diese Scham ist ja meistens etwas, das einem von Außen beigebracht wird. Zum Beispiel von den Eltern, aber eben auch von der Religion. Wundern tut es mich nicht.

      1. Wow, ja das tut man. Und bis man so eine Scham dann wieder aus sich selbst heraus bringt, das ist ein langer Prozess.

    3. Er scheint in einem recht religiösen Haushalt aufgewachsen zu sein. Dazu kommt dann sogar die Idee selbst Priester zu werden. Da überrascht es mich nicht, dass er so stark auf diese erste(?) sexuelle Begegnung reagiert. Zumindest kann man nachvollziehen, dass ihn das alles verwirrt und seine Sicht durcheinanderbringt.

      1. Da wäre es nun interessant zu wissen wie er auf diese Heteroerfahrung reagiert hat. Und wo für ihn genau der Unterschied liegt. Im eigenen Empfinden oder im gelernten Bild.

  2. Vielleicht hat er ja zumindest teilweise recht. Dieses Gefummel ist erst einmal weder Liebe noch Zuneigung, sondern Lust. Alles andere kommt wenn man Glück hat obendrauf.

      1. Grundsätzlich haben die was gegen pure Lust, oder nicht? Zumindest bleibt Geschlechtsverkehr doch ausschließlich der Fortpflanzung vorbehalten.

  3. Ich traue dem Taxifahrer ja noch nicht so ganz. Dass er den Jungen mit nach Hause genommen hat, nur damit ihm im CVJM kein Unheil geschieht … das wäre weitaus selbstloser als man es gewohnt ist.

    1. Er hat vielleicht einfach gespürt, dass es zwischen den Beiden eine Anziehung gibt. Auch wenn er nicht per se auf Sex mit dem Jungen aus war.

      1. Er sagt ja selbst, dass er ihn gleich „erschreckend hübsch“ fand. Das reicht als Grund doch schon aus.

      1. Böse Überraschungen machen selten Spaß. Die positiven dafür umso mehr. Ich habe eigentlich schon ein relativ gutes Gespür für Menschen, aber man liegt eben doch nicht immer richtig.

      1. Dass die beiden sich über kurz oder lang ein Bett teilen würden. Auch wenn es nur für einen flüchtigen Moment geschieht…

      2. beide sind mir sympathisch. ich würde mir dieses mal geradezu wünschen, dass zwischen den beiden protagonisten einfach alles glatt läuft.

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