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06 – Ein Eremit

Das Gott geweihte Leben | 15

Ich hatte das Gefühl, Benedikt kam immer dann, wenn ihn ein neuer Einfall heimgesucht hatte, an dem er sich den ganzen Tag über während seiner Fahrten aufgegeilt hatte. Dann stürzte er sich auf mich, und ich war ihm ergeben. Einmal kam er mit der Schere, schnitt sich mehrere Büschel Sackhaare ab und stopfte sie mir in den Mund.
––Ich riss ihm die Unterhose vom Körper, er ließ die Schere fallen, ich drückte mir seine Unterhose gegen den Gaumen, und er pisste so lange auf den Slip in meinem weit geöffneten Mund, bis sich der Stoff ganz vollgesogen hatte und ich die Pisse aus dem nassen Stoff zutschen und saugen konnte. Das rann wunderbar salzig bitter meine Kehle herunter. Tagelang quälten mich noch die Haare im Rachen. So kitzelte immer etwas, das jahrelang gegen seinen Sack gedrückt hatte, meine Schleimhäute. Es war berauschend.

Allmählich musste ich doch abstumpfen, gleichgültig werden – aber nein. Ich schmorte mich mürbe in einer ständig siedenden Lust. Muss ich meinen Trieb doch unterdrücken, statt ihn zu erforschen? Was bringt es, an die Mauer zu stoßen, die Endliches und Unendliches voneinander trennt? Wenigstens den Tod?

O Geliebter, wenn du nicht da bist, weiß ich, dass ich die Strafe dieses Leidens verdiene. Wenn du aber da bist, wenn du mich besuchst in meiner Klause, dann beschenkst du mich mit unfassbarem Glück. Alles will ich für dich tun, alles. Ich will dich wärmen, kühlen, streicheln. Ich will deine nassen Achselhöhlen mit meiner Nase trocknen, den Schweiß weglecken, einatmen. Ich möchte einschlafen, die Zunge zwischen deine Backen gebettet, die Spitze ruht in deinem Loch. Aufgebrochen bin ich zur Loveparade, aber gefunden habe ich die himmlische Seligkeit.

Einmal stand er in der Kammer.
––Im Flur war Licht.
––Er schwankte und roch nach Alkohol. „So ein Schwein hat mir den Wagen vollgekotzt!“, sagte er. „Geh runter und mach sauber!“
––„Ich kann nicht weg“, sagte ich ängstlich.
––„Nein, du kannst nicht weg. Du kannst gar nichts. Man kann dich ja auch nicht mehr auf die Straße lassen. Wie denkst du dir das eigentlich? Wochenlang sitzt du hier schon in dieser Bude. Ich bin schuld, ich hätte es nie so weit kommen lassen dürfen! Ich wollte sehen, wie weit du es mit uns treibst, und jetzt weiß ich nicht, wie wir da wieder rauskommen.“
––„Hab keine Angst!“, sagte ich und kauerte mich vor seine Füße. „Ich liebe dich.“
––Er stieß mich brutal weg. „Schöne Liebe! Da scheiß ich drauf. Dich juckt bloß wieder das Loch, nicht?“
––„Ja“, stöhnte ich, „ja.“
––Er schwankte ins Schlafzimmer und kam mit der Cremedose zurück. „Von meinem Schwanz kannst du nichts mehr erwarten, der hat seinen Saft vorhin einem richtigen Kerl ins Arschloch gespritzt, aber du hast ja sowieso lieber die Faust, nicht?“
––Ich machte die Beine breit. Dass er mit einem anderen Sex gehabt hatte, ließ mich in eine wilde, schmerzhafte Geilheit sinken.
––Er schmierte die Creme einfach drauflos.
––„Juckt dein Arschloch? Ich werd es dir kratzen!“ Und dann drückte er die Finger in den Schließmuskel und stieß mit der Hand nach.
––Ich schrie auf und begann vor Schmerz zu schluchzen.
––Er zog seine Hand zurück, nahm mich in den Arm und sagte: „Verzeih mir, bitte, verzeih mir! Wir müssen aufhören damit. Es macht mich fertig. Ich kann einfach nicht mehr.“ Er war so zärtlich, so erschüttert.
––Ich schmiegte mein Gesicht gegen seine Schulter und wir schliefen beide ein.

Von da an wurde ich ruhiger.
––Er brachte mir von Zeit zu Zeit Essen und Wasser. Manchmal kam er und peitschte mich. Dabei fing er häufig an zu weinen und dann peitschte er noch wilder. Einmal versuchte er gewaltsam, mich aus meiner Zelle zu zerren.
––Aber ich kratzte, tobte, riss mich los und presste mich in die hinterste Ecke der Kammer.
––„Wenn du das noch einmal versuchst, werde ich so laut schreien, dass das Haus zusammenläuft“, flüsterte ich atemlos, „und dann erklär mal deinen Nachbarn, was ich hier mache.“
––„Du bist ja kein Mensch“, sagte er. Seine Stimme zitterte. „Du bist ein Untier, eine Bestie.“ Dann knallte er die Tür und ging weg.

Das wenige Essen, die wenige Bewegung, die ständige Dunkelheit legten sich als eine wohlige Schwäche über mich. Allmählich gewann ich das Gefühl, der schlimmste Kampf sei überstanden. Ich begann, mich den Toten verbundener zu fühlen als den Lebenden, der Gemeinschaft der Heiligen mehr als der Gemeinschaft der Gläubigen. Ein Gläubiger war ich schon lange, ein Heiliger würde ich werden.
––Sie kamen nur noch selten, um mich zu geißeln.
––Ich betete viel. Ein Friede, eine abgeklärte Heiterkeit gewannen mehr und mehr Raum in mir, und ich dankte Gott auf Knien dafür. Stundenlang hockte ich bei Kerzenschein vor dem Kruzifix mit gefalteten Händen.
––Immer wieder kam ein Mönch, den ich liebte, vom nahen Kloster herauf und brachte mir Nahrung. Er behandelte mich mit Ehrerbietung. Manchmal fragte er mich, ob ich nicht hinunterkommen möchte, das warme Sonnenlicht sehen, den Sommer. Seine Stimme war gut und eindringlich. Ich dankte ihm für seine Freundlichkeit. Bisweilen redete er sehr beharrlich auf mich ein, aber er konnte mich nicht umstimmen. Mein Leben gehörte Gott, wie seines, aber ich kann meinem Herrn nicht dienen auf die gleiche Weise wie die Priester und Mönche. Ich kann nichts leisten: nicht betteln, nicht predigen, nicht trösten – leider. Ich kann Gott nur verherrlichen in meinen Gebeten, meinem Fasten, meiner Einsamkeit. Sicher, wenn ich sie mir ausmale, bei Gesprächen im Klostergarten oder im Kreuzgang, wenn ich den Duft der Buchsbaumhecken einatme und mir die farbigen Kirchenfenster vorstelle, dann ahne ich, wie glücklich die sein müssen, die ihr Leben Gott auf diese Weise widmen dürfen. Die Messe gemeinsam feiern, die Festtage, besonders Fronleichnam, die Prozession mit den vielen jungen Menschen durch das Brandenburger Tor. Ich hatte sogar daran teilgenommen, gegen Ende. Aber das ist nicht mein Weg. Dafür nahm ich immer mehr in meiner eigenen Umgebung wahr.
––Während der ersten Zeit war mir meine Höhle nur finster erschienen. Inzwischen drang manchmal ein Sonnenstrahl durch die dichten Zweige der hohen Bäume. Strömendes Licht, in dem die Mücken zitterten. Das Rauschen des Windes verschmolz mit dem Rauschen des Baches. Ich hörte die Rufe der Vögel, die in den Wipfeln schaukelten. Der Duft von Fichten und Tannennadeln schwebte in der Luft.
––Dann ging ich Kräuter sammeln und Pilze. Ich pflückte Himbeeren aus den Sträuchern und freute mich an den blauen Kelchen der Glockenblumen. Oder ich lag stundenlang träumend im Moos und sah über den hochgewölbten Stämmen und Ästen den warmen Himmel.
––Ein vereinzelter Pilger, der vorbeikam, ein frommer Büßer, der mich, gestärkt in Gott, verließ.
––Ich hörte den Specht klopfen, und an einigen Tagen, wenn der Wind von Westen wehte, läutete sogar die Glocke der Klosterkirche bis zu mir herauf, ein singender Klang, der zur Andacht mahnte. Nie zuvor im Leben war ich so glücklich gewesen. Ich brauchte keinen Menschen: keinen Freund, keine Frau, keine Kinder.
––Mein Leben war Gott geweiht, denn: 12„Etliche enthalten sich der Ehe, weil sie von Geburt an zur Ehe unfähig sind; etliche enthalten sich, weil sie von Menschen zur Ehe untauglich gemacht sind; und etliche enthalten sich, weil sie um des Himmelreichs willen auf die Ehe verzichten. Wer’s fassen kann, der fasse es!“1

1Quelle: ‚Die Bibel‘ – Das Evangelium nach Matthaeus 19,12

Titel- und Abschlussbild mit Material von Shutterstock: Thomas Mucha (betender Mann), Vladimir Prusakov (Kerzen), Nicvandum (Flammen der Kerzen), Christian Mueller (2, Hintergrund) | An Nguyen (Blumen)

30 Kommentare zu “Das Gott geweihte Leben | 15

  1. Nur … anders noch als bei einem Eremiten … wer hat denn etwas von Johannes Leiden? Wem nützt er? Was soll diese verfehlte Selbstaufgabe?

    1. Man kann auch darüber streiten in wieweit ein Eremit der Gesellschaft wirklich dienlich ist. Aber Johannes hat sicherlich seinen Weg verloren.

      1. Ob Gott auch seinen Spaß daran hat? Schließlich tut er das ja alles Gott geweiht.

      1. Macht Sinn. Hätte Benedikt die Schnauze voll, dann wäre die Geschichte wohl ohne weitere Entwicklung zu Ende gegangen.

      2. Trotzdem würde mich Benedikts Seite der Geschichte nochmal interessieren. Hoffentlich kriegen wir da noch einen kleinen Einblick bevor sich Johannes aus dem Staub macht.

      3. Ich glaube Johannes wird sich aus dem Staub machen. Weil er nicht mehr bekommt was er sucht. Bzw. weil ihm das was er bekommt nicht mehr ausreicht.

  2. Wie lange nimmt man so eine zerstörerische Beziehung in Kauf bevor man loslässt?
    „Wir müssen aufhören damit. Es macht mich fertig.“ Benedikts Worte.

    1. Das gibt es doch oft, dass Beziehungen gleichermaßen bereichernd wie zerstörend sind. Heute nennt man das schlicht ‚toxic‘ und bricht den Kontakt ab. Aber so einfach ist das meiner Meinung nach nicht.

      1. Wenn eine Beziehung toxisch ist, dann meint das aber doch meistens, dass emotional etwas dysfunktional läuft. NIcht, dass man an Ketten gelegt und angepisst wird.

      2. Es ist wohl nicht die gängigste Interpretation. Aber dysfunktional ist Johannes und Benedikt Beziehung eben schon.

      3. Dysunktional ist wohl vor allem Johannes eigene Suche nach Gott, nach Sinn und Bedeutung in seinem Leben.

      4. Ah das ist eine interessante Frage. Würde das denn für die betroffene Person einen Unterschied machen?

      5. Was denken die beiden überhaupt? Glück scheint nicht so richtig der Motor zu sein.

      6. Das ist als Außenstehender doch schwer zu sagen. Sie suchen sicher danach. Auch wenn die Beziehung gerade keinen besonders glücklichen Eindruck macht.

  3. Johannes sagt (in seinen Tagträumen?): ich kann nichts leisten, ich kann nur Gott verherrlichen. Was soll man mit so einem Glauben anfangen? Hat der, der nichtmal versucht seinen Mitmenschen gegenüber gut zu sein, nicht völlig den Sinn jeglicher Religion verfehlt?

    1. Das wäre zumindest der einzige Aspekt, wo ich persönlich einen Anknüpfpunkt zu Religiosität finde. Aber ich bin sicher kein „Experte“.

    2. Was ist mit den orthodoxen Juden in Israel, die jeden Dienst am Staat ablehnen, Sex verteufeln und zwölf Kinder in die Welt setzen? Findet Jahve die genauso toll wie Allah die Gotteskrieger?

      1. Als Außenstehende denkt man sich natürlich weder Jahve noch Allah finden irgendetwas, weil es sie ja gar nicht gibt. Das bringt aber die Diskussion auch nicht weiter. bzw. beantwortet ihre Frage nicht.

      2. Oft bleibt ja die Menschheit als solches verschont, während das nähere Umfeld trotzdem leiden muss. Aber wer wirklich fanatisch ist, mit dem kann man eben auch nur schwer diskutieren bzw. dem kann man kaum alternative Ideen und Gedanken darlegen.

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