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Religion

Ostern, hasenlos

Immer wieder höre ich vom Glauben abgefallene Menschen sagen: „Gott hat Auschwitz zugelassen!“, „Gott hat das Elend der Flüchtlinge nicht verhindert!“, „Gott hat das Wetter so schlecht gemacht, dass ich die Eier drinnen verstecken musste, nun glaube ich nicht mehr an ihn.“ – Warum nicht? Um Gott zu bestrafen? Dass das kein ‚Lieber Gott‘ ist, mit dem wir es zu tun haben, wissen wir doch spätestens seit der Sintflut.

Gott hat uns nach seinem Ebenbild geschaffen. Weshalb eigentlich? Wollte er sich oder uns damit eine Freude machen? Er hat uns den freien Willen gegeben, sollten wir den aber dazu nutzen, vom Baum der Erkenntnis zu kosten oder mit unserem Fortpflanzungstrieb auch ohne Fortpflanzungsabsicht fantasievoll umzugehen, diesem Trieb, den er uns in die Wiege gelegt hat, dann regnet es schon mal dreihundert Tage lang am Stück oder – wie in Sodom – gleich Pech und Schwefel.

Nun hing Gott andererseits an seinen Geschöpfen doch so sehr, dass er irgendwann mal ein Stück von sich ‚Sohn‘ nannte und dieses Stück erst mit Jungfrauenhilfe (Miriam) geboren werden und später mit Jüngerhife (Judas) ans Kreuz schlagen ließ, um es sich durch diesen Kunstgriff leichter zu machen, den Menschen ihre Unregelmäßigkeiten zu verzeihen. Lange hält es der Teil Gottes, den er seinen Sohn nennt, im Grab nicht aus: Er geistert noch ein bisschen durch Judäa, zeigt dem ungläubigen Thomas, der auf Beweisen besteht, sogar gutmütig die Einschläge der Nägel in seinen Händen, um dann endlich wieder zum Pater Noster in den Himmel aufzufahren. Katholiken essen seither gern sein Fleisch, sein Blut trinkt nur der Geistliche. Keinem der vielen anderen Verurteilten, deren Todesursache bis zum Jahr 313 (konstantinische Wende) ebenfalls die Kreuzigung war, ist ähnlich kannibalische Ehre zuteil geworden. Wer gefressen werden wollte, musste mit Geiern vorlieb nehmen.

Foto links: Wikimedia/gemeinfrei | Foto rechts: www.freund-foto.de/Fotolia

Grafisch ist es sehr befriedigend, dass es die Römer waren, die Jesus hinrichteten. Bei einer Vollstreckung durch die Juden hätten sich die Christen später statt eines Kreuzes einen Stein ins Wappen pflastern müssen. Das hätte nicht so hübsch ausgesehen.

Protestanten dürfen sich darauf beschränken, das Abendmahl in Jesu Angedenken einzunehmen, was besonders für Vegetarier, die der Wandlung misstrauen, ein Segen ist. Dennoch bleibt der Gott Abrahams lebhaft am Speisezettel der Menschen interessiert: Er will nicht, dass Juden Parmaschinken essen, verbietet Moslems den Verdauungsschnaps, und Christen sollen freitags, streng genommen, auch bloß Hummer, Austern und Seezunge essen, auf Eisbein und Leberwurst aber verzichten. Sexualität ohne Kinderwunsch kann Gott ja sowieso nicht leiden, und in einigen Glaubensausrichtungen wirft er auch noch ein kritisches Auge auf die Textilien.

Christi Tod scheint nur rückwirkend verzeihende Funktion zu haben, denn den Nachgeborenen werden bei schuldhaftem Verhalten Fegefeuer und Hölle in Aussicht gestellt: für deren Ausgestaltung brachten die Menschen immer schon viel Liebe zum Detail auf, während der Himmel nur aus Wolken (zum Hinsetzen) oder aus einem hübschen Garten (zum Lustwandeln) besteht. Allenfalls fallen dort über selbstzerfetzte Gotteskrieger Jungfrauen her. Wollen die wirklich alle Kinder, oder darf man nach dem Tod endlich das tun, was vorher verboten war? Gefahrlos sündigen, ohne dass es so heißt. Hoffentlich müssen sich Gotteskriegerinnen nicht auch mit völlig unerfahrenen Knaben herumschlagen: Es ist nun mal bei allen Unternehmungen vorteilhaft, wenn zumindest eine der beteiligten Personen über gewisse Erfahrungen verfügt.

Dafür heißt es, man träfe im Himmel seine Freunde und Verwandten wieder. Na, wenn da mal nicht einige in der Hölle gelandet sind! Speziell für Reiche wird es problematisch, denn die kommen nicht ganz so einfach in den Himmel wie ein Kamel durchs Nadelöhr. Spitzfindige behaupteten, das ‚Nadelöhr’ war der Name des engsten Stadttores von Jerusalem, was Begüterten doch noch gewisse Chancen eingeräumt hätte. Von dieser Deutung ist die Religionswissenschaft inzwischen wieder abgekommen. Das macht es völlig unverständlich, wieso es fromme Millionäre gibt.

Wie eng die irdische Bindung gewesen sein muss, um sich dereinst im Jenseits wieder zu treffen, bleibt unklar. Wen will man denn überhaupt unter den veränderten Umständen noch sehen? Mit wem ist ein Gedanken- oder sonstiger Austausch wünschenswert? Womöglich liegt manchem doch mehr an seinem treuen Hund oder seinem niedlichen Goldhamster als an nervigen Verwandten. Bellen da womöglich am Tag der Auferstehung sechs Pudel freudig ihr Herrchen an? Sie waren damals immer im Abstand von etwa acht Jahren verschieden, der überfahrene sogar schon etwas eher. Oder haben Tiere bloß Anspruch auf Verwesung? Das kann PETA nicht durchgehen lassen. Und was, wenn ich jemanden wiedersehen will, der aber inzwischen schon lustigere Bekanntschaften gemacht hat als mich? Besonders Enkeln wird gern erzählt, die Oma gucke nun von oben immer runter. Was für eine gruselige Idee für beide: Großmutter und Kind!

Dann heißt es wieder, die ganze Angelegenheit werde sowieso erst beim Jüngsten Gericht entschieden. Bis dahin verweilen Auserwählte komfortabel in ihrem Mausoleum, was einen Reichtum voraussetzt, der das Nadelöhr recht bedrohlich erscheinen lässt; weniger Begünstigte verharren derweil als Asche in ihren Urnen.

Alles viel zu menschlich gedacht! So pampig darf ich die Letzten Dinge nicht angehen. Ein Mysterium ist genauso ein Mysterium, wie eine Rose eine Rose ist. Na schön. Aber wieso versprach dann der Stellvertreter des Stellvertreters Gottes auf Erden den Hinterbliebenen im erdbebengeschüttelten L’Aquila, die Toten seien nur schon mal vorausgegangen, bald sähen sie die alle wieder. Können Päpste lügen? Na ja, wenn solch holde Einfalt den Trauernden hilft, dann sollen sie glauben, was ihren Schmerz lindert. Warum nicht? Tut ja keinem weh, seit man zum Glauben nicht mehr mittels Folter gebeten wird. Trotzdem passt das alles nicht zusammen, wenn man sich selbst mal zwingt, nüchtern zu denken, statt beschwipst zu glauben. Wollen viele aber nicht. Offenbar macht Glauben mehr Spaß als Denken, solange man sich nicht vor seinem Beichtvater schämt oder vor seinem Seelenteufel fürchtet: Gottes Liebe, Gottes Güte – aber dann: Gottes Vorhersehung, die doch schon alles weiß und trotzdem Unbotmäßiges bestraft – wo bleibt da der freie Wille, fragten sich bereits heimlich die ersten Freigeister, als das noch verboten war. Gott kann doch nicht überrascht gewesen sein von Adams Wunsch nach Erkenntnis (die Süßfrucht mal beiseite gelassen). Und wie sich Hiob und Abraham entscheiden würden, muss dem Allmächtigen auch klar gewesen sein, bevor er sie piesackte: Wozu Versuchskaninchen malträtieren, wenn ich das Ergebnis schon kenne?

Und mehr noch: Warum den Allwissenden damit überfordern, zu ihm zu beten? Soll er wirklich auf meine Gebete hin den Lauf der Dinge, wie er sie plant oder zumindest weiß, ändern? Und wenn ich nun um Sonne für meinen Strand-Urlaub flehe, aber der Küsten-Bauer bettelt um Regen? Wie entscheidet Gott sich dann? Bereits der deutsche Kaiser hat mit sowohl Gottes Hilfe als auch Pauken und Trompeten den ersten Weltkrieg erst begonnen und dann verloren. Das ist schon ärgerlich! Aber wir sind ja inzwischen bei unerfüllten Wünschen zivilisierter als Kain, der, als seine Gebete nicht erhört wurden, vor Wut gleich seinen Bruder Abel umbrachte. (Gott hatte Abels Fleisch lieber gemocht als Kains Ackergaben, was wirklich nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, aber so in der Bibel steht. Dann fragt Gott auch noch scheinheilig: „Kain, wo ist dein Bruder Abel?“ und schließt dennoch den neuen Bund mit dem Mörder.)

Gott kann nicht tot sein, wie Nietzsche ziemlich verzweifelt ausrief. Er kann nicht tot sein, weil er nie gelebt hat. Gott als ‚Lebewesen‘ zu bezeichnen, grenzt an Blasphemie. Es bedurfte eigentlich keines Kopernikus oder Darwins, um sich klar zu machen, dass all diese Geschichten überwiegend schaurige und teilweise nette Märchen sind.

Foto oben: Wikimedia Commons/gemeinfrei | Foto unten: Naturestock/Fotolia

Nehmen wir das also alles symbolisch – was der Katholizismus ausdrücklich verbietet! – dann bleibt manch Kluges und manch Tröstliches: die Hoffnung auf Vergebung, auf Auferstehung (aber bitte nicht des Fleisches), auf ewigen Frieden (wird das vielleicht etwas langweilig?). Gnade, diese liebenswerte Form von Willkür – sie möge uns Sündern allen zuteil werden! Und Barmherzigkeit funktioniert sogar ohne Gott. Oder hat er sie (manchen von) uns eingepflanzt? Die Sehnsucht ist schon die Verheißung! Mehr kann man zwar verlangen, aber nicht bekommen. Amen.

Gesegnete Ostern,

Hanno

Titelfoto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

7 Kommentare zu “Ostern, hasenlos

  1. Ich glaube beschwipst durchs Nadelöhr direkt in den Himmel ist mein Weg – nicht schlecht.
    Treffen nicht ausgeschlossen.

  2. Die Geschichten in der Bibel habe ich immer als so etwas wie Fabeln gesehen. Kleine Lehrstücke um uns durch’s Leben zu leiten. Im besten Falle. Wer Gott als tatsächliches Lebewesen sieht, sollte mal dringend zum Psychologen.

  3. Barmherzigkeit funktioniert auf alle Fälle ohne Gott. Ob das Leben mit oder ohne Gott funktioniert sollte allerdings jedem selbst überlassen bleiben. Für den ein oder anderen scheint das ja durchaus eine interessante Option zu sein.

    1. Mit oder ohne Gott, mit oder ohne Religion, mit oder ohne Burka…solange man sich gegenseitig in Ruhe leben lässt ist mir alles recht. Allein die Missionare gehen mir auf den Sack…

  4. Man muss vielleicht auch erstmal zwischen Glaube, Religion und der Institution Kirche unterscheiden. Kant hat da ein paar nicht so dumme Sachen gesagt: „Der Glaube einer gottesdienstlichen Religion ist ein Fron- und Lohnglaube (fides mercenaria, servilis) und kann nicht für den seligmachenden angesehen werden, weil er nicht moralisch ist. Dieser muß ein freier, auf lauter Herzensgesinnungen gegründeter Glaube (fides ingenua) sein.“

    1. Wo immer dieses Zitat herstammt: „Religion is like a penis. It’s fine to have one and it’s fine to be proud of it, but please don’t whip it out in public and start waving it around.“
      (Zwar nicht Nietzsche, ach was…Kant…aber genauso relevant.)

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