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Religion

Sonntagspredigt (1)

Seltsam. Sonntags ist mir immer so allgemeingültig zumute; das muss noch aus der Zeit herrühren, als ich – von meinen Eltern unaufgefordert – vor dem Altar den Leib Christi zum Frühstück verspeiste und immer diese leise Befürchtung hatte, dass die anschließende Zeit ohne die von Montag bis Sonnabend üblichen schulischen Verpflichtungen dazu führen würde, sich Gedanken zu machen. War auch so. Ist immer noch so. Dabei gehe ich gar nicht mehr zur Kommunion. Aber Sonntag ist Denktag, und so kommen mir folgende ganz und gar abzulehnende Thesen eines verkorksten Außenseiters in den Sinn:

Foto: Gemeinfrei/Wikimedia Commons

Ich finde es sehr schön, dass sich die Erde erwärmt. Immerhin haben wir zwei schlimme Eiszeiten hinter unseren Vorfahren, und richtig mitbekommen tue ich von den molligen Sommern bis auf den vorigen sowieso herzlich wenig. Aber wenn die Schiffe das ganze Jahr über den Nordpol überqueren können, werden Ex- und Importgüter sicher billiger, eine touristische Attraktion ist es obendrein, und weil ich schon Lachs aus Norwegen und Finnland noch lieber mag als den aus dem ‚Aldi‘-Regal, bin ich sicher, dass sich auch die Anstrengungen skandinavischer Winzer nicht weniger gaumenfreudig auswirken würden als die Bemühungen der Australier und Chilenen.

Foto: Gemeinfrei/Wikimedia Commons

Sich von den hilflosen Eisbären rühren zu lassen, die hilflose Robben fressen, halte ich für genauso sentimental, wie über das Aussterben der Dinosaurier zu weinen, nur weil Spielberg deren erfolglose Wiederbelebungsversuche fast so erfolgreich in Szene gesetzt hat wie den Appetit von weißen Haien auf gebräunte Blondinen. Es leuchtet mir, streng genommen, sowieso nicht ein, warum die Welt nach meinem Sterben weiterbestehen soll, aber – wenn’s dann so sein muss … na schön, dann rede ich mir eben die Verantwortung für Nachkommen ein, von denen ich genauso wenig weiß, wozu es die geben soll wie Dinosaurier, Eisbären und Robben. Im Gegenteil: Dass wir nun über alles, was mal die Umwelt zertrampelt und gefressen hat, jetzt aber die wundervolle Perspektive hat, aussterben zu dürfen, losheulen sollen, als sei der abgehalfterte Kinderschänder Michael Jackson gerade eben erst seinem Pharmacocktail erlegen, das finde ich bloß hysterisch und degeneriert. Brot für die Welt? Ach, was! Ciabatta für Europa! Was würden denn die Eisbären und die Somalier für mich tun, wenn ich nichts zu essen hätte? Mir mit der Tatze eins überbraten und mein Schiff kapern. Nein, die sollen mal schön unter sich bleiben; und im Irak und in Afghanistan haben wir auch nichts verloren, also auch nichts zu suchen. Genauso wenig wie der Islam bei uns. Da bin ich ganz Globalisierungsgegner. Hier sein, meinetwegen. Aber Klappe halten und nicht zu nachtschlafender Zeit „Allahu akbar!“ als Muezzin-Geschrei über Lautsprecher grölen! Wie viele niedliche bayerische Kirchen mit Zwiebeltürmen gibt es denn im Iran und in Saudi Arabien? Da muss ich auch nicht deren Minarette am Vierwaldstättersee sehen, obwohl die noch gefälliger sind als das, was in manchen Moscheen so gepredigt wird. Religionen, die die Weltherrschaft anstreben, haben in ihre Schranken gewiesen zu werden! Da will ich weder angenagelte Jesusse an Schulwänden sehen noch bekopftuchte Lehrerinnen davor. Die Verhüllung aufgequollener Anatolierinnen in Kreuzberg dient zumindest einem ästhetischen Zweck, insofern müsste eigentlich eine richtige Kommission eingesetzt werden, die entscheidet, welche Frauen sich zu verhüllen haben, weil ihr Anblick störend ist, egal welcher Glaubensrichtung sie angehören. Karl Lagerfeld könnte vielleicht den Vorsitz übernehmen, aber er soll leider sehr krank sein. Dass ein Verschleierungsgebot auch für Männerfratzen sinnvoll ist, leuchtet sowieso jedem ein, der schon mal ‚Die Hitparade der Volksmusik‘ gesehen hat, wobei ich zugeben muss, dass die Politiker in der ‚Tagesschau‘ immer geschniegelter rüberkommen.

Was die Dritte Welt vor allem braucht, ist eine Gerichtsbarkeit, die erkundet, ob Frauen ein oder gar mehrere Kinder gebären dürfen. Wenn das Geld oder der Verstand nicht reicht – abgelehnt. Je ungebildeter und je ärmer der Mensch, desto häufiger pflanzt er sich fort. Und da Kinder keine süßen, unschuldigen Wesen sind, sondern grausame Monster, die erst durch einen mühsamen Erziehungsprozess zivilisiert werden müssen, droht eine allgemeine Verrohung, wenn man unfähigen Eltern gestattet, sich fortzupflanzen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, die Intelligenz zuerst. Und das wird auch noch unterstützt von den masochistischen Europäern, die sich bald schon der hungernden Horden nicht werden erwehren können. Große Eisbären und kleine Afrikaner sterben. Na und? Wir sterben alle, ob wir nun als Art aussterben oder als Einzelne, um etliche Zellen bereichert an Krebs. Nicht mal Harmloseres wie Wellensittiche und Vergissmeinnicht bleiben vom Dahinscheiden verschont. Schade? Die Einführung des Mitleids ist eine nette Erfindung des Christentums, aber lange Zeit hat die Barmherzigkeit doch vor Sarazenen und Hexen Halt gemacht, um die eigene Position nicht zu gefährden. Werte! Es geht nicht ohne sie, aber mit ihnen geht es oft auch nicht, weil sie verteidigt werden, was von Rufmord bis Folter reicht, und dann sind wir empört und niedergeschlagen, besonders, wenn es nicht unsere Werte waren, für deren Aufrechterhaltung gemordet wurde. Verständnis zeigen? Ja. Aber nicht jeden Fortschritt gleich bejubeln!

Foto: TheoRivierenlaan/Public Domain, pixaby

Diese Einsicht haben heute vor allem die Genforschungsgegner: Natürlich ist es besser, keinen Genmais und ähnliche Nahrungsmittel anzubauen, damit genügend Afrikaner und Asiaten wegen der durch Ungeziefer ruinierten Ernten verhungern, statt dass diese Massen uns Europäer entweder wirtschaftlich in die Knie zwingen oder Gelder von uns fordern, wenn sie ihren CO₂-Ausstoß verringern und den Regenwald stehen lassen sollen. Ich selbst allerdings würde gern nur noch genmanipulierte Nahrung essen, wenn sich die Wissenschaft bloß endlich mehr für den Wohlgeschmack als für die Haltbarkeit interessieren würde! Auch die US-Gegner verstehe ich vollkommen, die sehen ein: Westliche Demokratien funktionieren nicht überall. Erst haben sich die Afrikaner gegenseitig massakriert (wie sich ja auch jahrtausendelang die Europäer gegenseitig abgeschlachtet haben), dann haben die Weißen die Imperien ausgebeutet und ihre Bewohner massakriert, jetzt machen sie das wieder untereinander. Je demokratischer ein Kandidat dort ist, desto heftiger und berechtigter ruft er zum Wahlboykott auf, damit sein Gegner sich nicht auch noch mit einem Wahlsieg brüsten kann. Dabei lässt sich das Ergebnis doch in entsprechend gelenkten Staaten auch bei hoher Wahlbeteiligung problemlos fälschen. Und dort, wo Wahlpflicht herrscht, gibt es meistens keine Auswahl.

Dass dagegen in der Bundesrepublik, besonders im wenig demokratieverwöhnten Osten, so viele Bürger ihr Wahlrecht, für dessen Durchsetzung zwei Jahrhunderte lang Menschen gekämpft haben und gestorben sind, nicht wahrnahmen, ärgerte mich so sehr, dass ich Lust gehabt hätte, sie auszuweisen: als Unbürger, ab nach Sibirien! Jetzt wählen sie endlich: AfD! Da sehne ich mich zurück nach den Zeiten, in denen sie zu Hause blieben. Toleranz. Das Recht, nicht wählen zu müssen und das Recht, meckern zu dürfen, werden im Allgemeinen von denselben Personen in Anspruch genommen. Das muss ich ertragen, aber ein bisschen verachten darf ich diese Individuen doch, nicht? Ein kleinstes Übel lässt sich immer wählen, aber Verweigerung bewirkt natürlich auch etwas, lustigerweise oft das Gegenteil von dem, was der, der gar nichts tut, gewollt hätte.

Niemanden zu etwas zwingen. Allen alles erlauben. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass das nicht klappt. Da bin ich illusionslos. Ich bin zu konservativ, um zu glauben, der Mensch sei verträglich und aufgeschlossen. Ich weiß, dass ‚Deutschland sucht die Super-Titte‘ höhere Einschaltquoten hat als ‚Die Ursachen des Nationalsozialismus‘. Der Rentner ist nicht weniger gierig als der Banker, nur hat er weniger Kapital, um das zu beweisen. Natürlich finde ich, dass mir mehr Geld zusteht, um meine kultivierten Freunde im ‚Adlon‘ zu bewirten, als Proleten, die für das gleiche Geld Lokalrunden auf St. Pauli schmeißen; und es beruhigt mich in diesem Zusammenhang, dass Sarah Wagenknecht immer wie von ‚Armani‘ angezogen wirkt. Kommunisten müssen nicht so unansehnlichen sein wie die Länder, in denen sie regieren. Gewiss, Viktoria Breschnewa sah aus wie eine Scheuerfrau, aber Margot Honecker war doch ganz fesch. Und China hat sogar imposante Städte. Aber egal wie und in welcher Staatsform das Geld eingesetzt wird und wie die lebenden oder künftigen Generationen darunter zu leiden haben: Diejenigen, die das Geld verteilen, haben für sich selbst immer genug davon, ob sie sich nun in Wandlitz ihr Spießerglück aufbauen oder ob sie wie der liebe nordkoreanische Führer Kim Jong-un zwar in grauen Mao-Anzügen rumlaufen, aber 20 000 Filme in ihrer Videothek horten. Man kann sehr wenig haben und glücklich sein, und man kann viel haben und sehr unglücklich sein; das klingt selbst dann noch banal, wenn es einem zustößt. Alles das, was besser wird auf der Welt, als Gewinn anzusehen, und alles das, was schlechter wird, als eigene Alterserscheinung herunterzuleugnen – das klingt lebensklug, aber es macht misstrauisch. Resignation? Rückzug statt Eingreifen? Das ist ein Vorwurf, den viele Ostler zu hören bekommen. Von mir auch. Lief doch erst mal alles prima: Der Abriss der qualmenden Fabriken von Bitterfeld und das Verschwinden des knatternden Trabants haben mir sofort eingeleuchtet. Marktwirtschaft riecht einfach frischer als Sozialismus, sogar unter der Achselhöhle, und die von Westgeld bezahlten, bunt bemalten Häuser werden nicht so schnell wieder schmutzig. Anderes ist weniger toll gelaufen, aber, mein Gott, bei diesem bankrotten Staat. Habe keiner ahnen können, wie runtergekommen das alles war, sagten die westlichen Politiker. Die sind offenbar nie durch Ostberlin gelaufen oder mal eine Transitstrecke gefahren. Inzwischen hat Dresden wieder seine Frauenkirche und jede brandenburgische Gemeinde ihre ‚Tchibo‘-Filiale. Selbst die Städte, in denen keiner mehr wohnt, sehen inzwischen hübsch aus. – Geht doch!

Foto: Public Domain/pxhere

24 Kommentare zu “Sonntagspredigt (1)

  1. Wahlverdruss ist ein großes Thema. Dabei sind die Prozentzahlen hierzulande nicht mal so schlimm wie anderswo. Die Extremen profitieren natürlich.

    1. Es ist tatsächlich interessant, dass in Deutschland immer noch relativ engagiert gewählt wird. Im Gegensatz zu den USA (58,9% bei der letzten Präsidentschaftswahl) ist eine Wahlbeteiligung von 76,2% bei der letzten Bundestagswahl gar nicht so schlecht.

      1. Umso gruseliger, dass die AfD so gut abschneidet. Das heißt ja, dass umso mehr Menschen wirklich von deren ‚Ideen‘ überzeugt sind.

      2. Oder aus Protest gegen die Politik der großen Parteien stimmen. Auch nicht viel besser.

  2. China hat sogar sehr imposante Städte. Ich habe das Land mehrere Male geschäftlich besuchen dürfen und mich jedes Mal gefragt, wieviel Fortschritt und Lebensqualität trotz diesem unsäglichen Regime möglich ist.

      1. Die Urlauber in Spanien und Griechenland haben damals auch nichts von den Diktaturen mitbekommen. Wer sich nicht einmischt wird wohl in Ruhe gelassen. Allerdings – bei der DDR war ich immer froh, wenn ich wieder draußen war.

      2. Natürlich ist man als Urlauber oder Geschäftspartner gern gesehener Gast. China holt sich gerne hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland, solange sie nicht allzu lange im Land bleiben. Trotzdem bleibt auch irgendwie immer ein bitter Beigeschmack.

  3. Bei aller Satire: Bevor das jemand ernst nimmt sollte man klarstellen, dass der Islam keineswegs die Weltherrschaft anstrebt. Extremisten tun so etwas.

    1. Trump sitzt bald zusammen mit Cohen, Manafort und Stone im Knast. So leicht lässt sich die Demokratie nicht in die Knie zwingen.

      1. Freuen Sie sich mal nicht zu früh. Von einer Wiederwahl bin ich auch noch nicht überzeugt, aber abgesetzt wird er meiner Meinung nach nicht werden. Dafür ist er zu clever.

  4. Wenn das Geld nicht reicht – abgelehnt? So einfach ist das allerdings auch nicht. Oft ist es ja anders herum, da sorgen die vielen Kinder für ihre Eltern.

    1. Das war früher auf dem Lande so. In Afrika bedeuten mehr Kinder mehr Armut. Voraussetztung für erfolgreiche Volkswirtschaften ist heute, dass nicht zu viele Kinder ernährt werden müssen, die später als ungebildete Arbeitslose keine Perspektive haben.

      1. Mit Afrika kenne ich mich nicht aus. Aber gerade heute, wo alles so schnell geht, dass wir kaum noch Zeit haben, wo es weniger sozialen/familiären Halt gibt als vor 30 Jahren, sollte man doch gut überlegen bevor man Kinder in die Welt setzt.

      2. Afrika ist ein großer Kontinent. Auch da kann man nicht so verallgemeinern.

  5. „Na und? Wir sterben sowieso alle.“ reicht mir nicht. Resignierend auf mein Ende zu warten ist mir einfach zu langweilig. Die Welt retten kann man nicht, sein eigenes Dasein schon.

  6. Ein wunderbar realistischer Blick auf die Welt. Wenn die Menschheit nicht endlich vom vernunftbegabten zum vernünftigen Wesen wird, hat sie ihr selbstverschuldetes Ende verdient.

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