Teilen:

2012
Religion

Unergründlich

Foto: eljan valijanov/Shutterstock

„Allbarmherzig“ ist ja, der Schrift nach, bloß Allah. Dem jüdischen Gott, der gleichzeitig ein Drittel des christlichen Deo-Trios ausmacht, ist diese Eigenschaft nicht so ohne Weiteres angedichtet worden, was um so begrüßenswerter ist, als sich die behauptete Allbarmherzigkeit des Größten dem unvoreingenommenen Betrachter wirklich nicht auf Anhieb erschließt.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Von unserem jüdisch-christlichen Gott ist von Anbeginn an klar: Mit dem ist nicht gut Kirschenessen. Und von Gerechtigkeit hält der auch nicht viel.

Die Früchte vom Baum der Erkenntnis ist er bereit, uns zu gönnen, allerdings um den Preis, danach seinen Garten zu verlassen, in dem es einem, sobald der Verstand einsetzt, ohnehin ein wenig wie im Seniorensitz vorkommt. Erstaunlich allerdings, dass es Eva ist, die es nach dem Wissen dürstet. Adam zögert noch.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Normalerweise stürmten doch die Männer durch die Jahrtausende voran: dem Mammut, dem Feind, dem Glück hinterher, nach Amerika, zum Nordpol.

Im Paradies ist es dagegen die erst im zweiten Durchlauf aus Adams Rippe angefertigte Frau, die den Auf- und Ausbruch einleitet. Weil das Patriarchat das so natürlich nicht stehen lassen konnte, wurde Evas beherzter Griff umgedeutet als törichte Neugier, etwa wie des Schneiders Weib, das Erbsen streut und damit in Köln die Heinzelmännchen vertreibt, was ja, wenn man nicht im Paradies lebt, sondern Dienstleistungen benötigt, wirklich folgenreich dumm ist.

Gleichzeitig wird die fruchtpflückende Frau aber als Verführerin abgestempelt, die an allem schuld ist und deshalb zumindest unterdrückt, für den Allbarmherzigen aus der anderen Religion sogar verhüllt werden muss, weil ihr offenherzigeren Anblick eine nicht zumutbare Versuchung für alle heterosexuell empfindenden Männer darstellt.

Foto links: Joachim Martin/Fotolia | Foto rechts: ojl/Fotolia | Foto unten: Elnur/Shutterstock

So ist sie seit ihrem ersten Fruchtstreben mehr fürs Eingemachte zuständig als fürs große Ganze. Da sich zumindest in der westlichen Welt, einschließlich Schanghai, diese Diskriminierung durch Utensilien wie High Heels und Tops erledigt hat, es also nur noch um Gleichberechtigung in Haushalt und Beruf geht, kommen wir wieder zum eigentlichen Thema: Gottes Ungerechtigkeit.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Adam und Eva sind aus etwas fadenscheinigem Anlass in die Wüste geschickt worden, und wir kommen mit dieser Strafe fürs Obstessen natürlich nur zurecht, wenn wir die Geschichte als Gleichnis nehmen:

Foto: Everett Historical/Shutterstock

„War verboten, habt nicht gehorcht, also tragt ihr die Konsequenzen!“ Soweit in Ordnung. Die Erbsünde erinnert allerdings bereits an nationalsozialistische Sippenhaft.

Aber jetzt kommen wir zu den beiden Söhnen der Vertriebenen, und da wird die Geschichte wirklich unergründlich. Kain und Abel bringen beide ihre Opfergaben dar, was ja schon mal selbstloser ist als Beten:

Fürs bloße Beten braucht man keine tempelüblichen Anstrengungen auf sich zu nehmen, wie Jungfrauen das Herz rauszureißen oder Feuer zu machen, aber zugegeben, im Allgemeinen läuft es beim Gebet meist darauf hinaus, dass nicht nur gelobpreist wird, sondern mit Nachdruck um etwas gebettelt. Abel ist Hirte und opfert Gott einen Hammel.

Kain ist Ackerbauer und schickt den Qualm von Feldfrüchten gen Himmel. Abels Opfer nimmt Gott dankend an, während er Kains Hülsenfrüchte ablehnt. Mir war schon in kindlichem Alter klar, dass Gott kein Vegetarier ist, also lieber Lammkeule isst als Bohnen, und dass es in der Hölle das geben würde, was ich immer bei Magenschmerzen bekam:

Reissuppe mit zerkochtem Gemüse – ein Ansporn für mich, ziemlich lange fromm zu bleiben. Um vom Kulinarischen wieder zum Religiösen zu kommen: Abel wird von Gott belohnt, Kain wird durch Missachtung bestraft, ganz grundlos. Wir wissen ja, wie Jehova später mit Abraham und Hiob umgehen wird, und wie er mit Fluten, Pech und Schwefel hantiert.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Aber gleich hier bei den ersten Menschen, die durch Fortpflanzung entstanden sind, macht er klar: Wen ich mag, bestimme ich! Da kann ihm natürlich keiner reinreden, er ist ja Gott, aber ein bisschen entmutigend habe ich das doch immer gefunden.

Nur: Im 1. Buch Mose erfahren wir auch, wie verblüffend es weitergeht. Kain ist schrecklich wütend, aber statt Gott zu fragen, was er denn gegen ihn oder Hirse einzuwenden hätte, erschlägt er lieber den armen Abel, der sich – außer nach Auslegung von Veganern – nichts hat zuschulden kommen lassen – pure Eifersucht von Anfang an, schon bevor Frauen ins Spiel kamen.

Und Ursache für diese Eifersucht ist Gottes eigenwillige Bevorzugungspraxis. Der fragt zunächst mal (ein wenig scheinheilig): „Kain, wo ist dein Bruder Abel?“ Kain antwortet (ein wenig schnippisch): „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“

Das kann sich, gutwillig ausgelegt, auch auf die Schafe beziehen, aber das half ja nun alles nichts, Gott wusste ohnehin Bescheid. Doch jetzt kommt das Allerseltsamste. Kain sieht seine Schuld ein und schlussfolgert: „Wer mich sieht, darf mich erschlagen.“ Na, so sehr viele können das wohl damals noch nicht gewesen sein. Aber Gott sprach: „Nein! Wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden.“ Und dann drückte er ihm das Kainsmal auf die Stirn, damit es gar nicht erst zu Verwechslungen kommen konnte. Also wieder Sippenhaft und eine Art von Belohnung für den Mörder Kain.

Foto oben: Wikimedia Commons/gemeinfrei | Foto unten: Jag_cz/Shutterstock

Selbst wenn er später seinen Sohn losschickt (unbefleckt natürlich, aus jungfräulichem Schoß, als ob das die Scheidenwände weniger glitschig machte!), damit der bemitleidenswerte Judas ihn um der guten Sache willen ausliefern muss: Allmächtig ist Gott gewiss, aber allbarmherzig und gerecht ist er in einem derart übergeordneten Sinne, dass wir den Baum der Erkenntnis leer essen könnten, ohne diese Dimension zu erahnen.

16 Kommentare zu “Unergründlich

    1. Gerechtigkeit ist natürlich etwas extrem subjektives. Man strebt zwar im besten Falle nach einem Ideal, aber was unterm Strich dabei rauskommt ist in der Regel doch reine Auslegungssache.

  1. Hmmm, ich frage mich, wie wäre die Geschichte im Paradies denn bloß gelaufen, hätte es statt Adam und Eva damals Adam und Steve gegeben?! Ob sich der Lauf der Geschichte da völlig geändert hätte? Oder wären dann die Geschlechterklischees heute bloß andere?

    1. Mich würde eher interessieren, was passiert wäre, wenn die vier Evangelisten weiblich wären. Ich würde gerne mal eine andere Sichtweise der „Ereignisse“ damals lesen…

    2. Dafür müsste das alles natürlich auch wirklich passiert sein. Aber ein Remake der Geschichten wäre natürlich spannend. Vielleicht kann man gleich die ganzen Charaktere weiblich besetzen. Wie beim letzten Ghostbusters-Film.

    3. Eine Hollywood-Verfilmung „Ada and Eve“ passt doch gerade ganz gut zur Genderdiskussion. „Adam and Steve“ klingt eher nach Billigporno. Geht aber natürlich auch.

  2. Oh Lord! Ich musste erst einmal die genaue Geschichte von Kain und Abel nachlesen. So bibelfest bin ich nicht mehr. Habe dies hier gefunden (und bin genauso schlau wie vorher):
    Die Geschichte sagt,
    1. dass Gott auf der Seite des Leidenden, des ungerecht Behandelten, des Unterdrückten steht – nicht auf der Seite des Siegers. (Spätere Erkenntnis: Gott ist auf der Seite jedes Menschen, aber er konfrontiert den Täter mit dem Schmerz des Opfers)
    2. dass Gott mitfühlt mit dem Schmerz der Leidenden:
    Vor Gott kann sich kein Verbrecher verstecken: „Das Blut deines Bruders schreit zu mir!“
    3. dass es zu allen Zeiten Menschen gibt, die sich vor der Verantwortung drücken wollen und sagen: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“
    4. dass Gott auch den Mörder nicht vernichten will, dass er ihm eine neue Lebenschance gibt.
    Wichtig ist, dass dieser seine Schuld einsieht und bereut.
    5. Der grausame Sieger ist in der Bibel nicht der Held – wie in anderen alten Erzählungen -, sondern ein Verbrecher! Nicht auf den Sieg kommt es an, sondern auf Gerechtigkeit und Menschlichkeit!
    6. Die Erzählung ist eine Friedens- und Versöhnungsgeschichte. Die Botschaft der Geschichte lautet: „Ihr Wanderhirten und ihr Bauern, die ihr so oft in Konflikt miteinander geratet, vor Gott seid ihr doch Brüder!“

  3. Ich fand ja immer, dass die Geschichten der Bibel und Hoffmann’s Struwwelpeter nicht allzu weit voneinander entfernt liegen. Komischerweise basiert auf der einen Sammlung eine ganze Religion und auf der anderen eben nicht. Warum eigentlich?

    1. Vielleicht könnte man als Zwischenschritt erst einmal das Gotteslob durch Hoffmann’s „Im Himmel und auf der Erde“ austauschen. Damit man sich an die neuen Geschichten und den neuen Stil gewöhnt.

  4. Offenbar ist die Menschheit noch nicht weit genug, um in abgeschnittenen Daumen, an Streichhölzern verbrannten Mädchen und runtergerissenen Tischdecken dasselbe Seelenheil zu erkennen wie an Sexlosigkeit außerhalb der Ehe und an Vätern, die zur Ehre Gottes ihre Söhne abschlachten wollen.

    1. Schon erstaunlich, damals war’s das A und O seine Söhne abschlachten zu wollen. Heute wäre man als Fanatiker sofort im Gefängnis oder wenigstens in der Klapse. Ich will ja jetzt nicht „Gott sei Dank“ sagen, aber die Zeiten ändern sich. Wenn auch langsam, aber immerhin stetig.

  5. Dass in diesem Märchen Eva aus Adam’s Rippe geschaffen wurde und nicht andersherum (und wenigstens einen Hauch realistischer) die Frau den Mann gebiert, ist leider bereits Wurzel allen patriarchischen Übels. Was hätten die Evangelisten uns alles ersparen können. Danke auch!

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

17 − 3 =