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Religion

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Danach

Foto: Anton Opanasiuk/Shutterstock

Mit achtzehn fing ich an, nichts denken zu wollen, genauer: ‚Nichts‘ denken zu wollen. Es gelang mir schon deshalb nicht besonders gut, weil ich mich davor fürchtete, dass ich damit womöglich nicht wieder aufhören könnte. Ich müsste dann ja – wie Gott aus dem Nichts das All erschaffen hat – aus dem gedankenlosen Zustand heraus den Gedanken fassen: „Jetzt will ich wieder denken!“ Das traute ich mir einfach nicht zu.

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Jeder würde zu bestimmten Anlässen aus purer Lustlosigkeit oder vor Scham, vor Angst oder um noch Unangenehmeres wie zum Beispiel Folter zu vermeiden, gern tot sein, aber da gibt es ein ähnliches Problem: Man kann nicht auf Kommando damit aufhören. ‚Tot‘ ist im medizinischen Sinn zumindest ‚tot‘, selbst wenn man ähnliche Zustände wie ‚halb tot‘, ‚scheintot‘ oder ‚hirntot‘ unterschiedlich bewertet. Als besonders lästig wird dabei von den meisten empfunden, dass sie vor dem Totsein auch noch sterben müssen, eine Handlung, die nur im Deutschen einen besonderen Namen hat. ‚Morire‘ – ‚mortus‘; ‚mourir‘ – ‚mort‘; ‚to die‘ – ‚dead‘; aber im Deutschen muss man mit eigenem Verb sterben, bevor man dann tot ist und es womöglich auch bleibt. Jedem Menschen wird einleuchten, dass dieser Zustand einem langweiligen, trostlosen und schmerzhaften Leben und erst recht der Hölle vorzuziehen ist. Den meisten Menschen gefällt der Gedanke, nicht zu existieren, jedoch so schlecht, dass sie lieber hoffen, ihr Leben könne demnächst wieder kurzweiliger, trostreicher oder schmerzloser werden, als dass sie sich den Tod wünschten.

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Am eigentümlichsten sind in diesem Zusammenhang Gebete, in denen der Betende von Gott verlangt, er möge einen Schwerkranken nicht zu sich nehmen, sondern ihn bitte noch weiterschmoren zu lassen. Den Gipfel bildeten für mich die Katholiken auf dem Petersplatz, die den schon überfälligen Papst Johannes Paul II. immer noch nicht in den Himmel fahren lassen wollten, sondern eine Fortsetzung seines Erdendaseins erflehten. Das alles spricht dafür, dass die meisten Menschen zwar auf ein Leben nach dem Tod hoffen, weil ihnen der Gedanke an ihr ewiges Verschwinden keine Freude macht, aber so ganz genau wissen sie es eben nicht: Sicher im Glauben, das ist ja in sich schon ein Widerspruch. Das zunächst einmal Nächstliegende scheint zu sein: Die Natur ist zufrieden mit jedem, der sich nur ordentlich fortgepflanzt hat, er darf dann von ihr aus sterben. Aber selbst Darwin behauptete, Christ zu sein.

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In ihren Kindern weiterzuleben, gefällt als Idee vielen, worin bereits reichlich Konfliktstoff liegt, weil die Kinder manchmal keine Lust haben, das durchgereichte Erbgut ihrer Eltern zu sein. Aber nicht nur wegen dieser Unsicherheit, sondern auch, weil nur selber essen fett macht, gibt es beim Menschen dieses ausgeprägte Bedürfnis, nach dem Tod weiterzuleben. Man kann argumentieren, dass, wenn es dieses Bedürfnis, das kein Tier (zumindest je geäußert) hat, gibt, dann wird es auch befriedigt werden. Das ist der Glaube an himmlische Marktwirtschaft.

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Es wurde schon viel für unvergänglich gehalten: Liebe, Ehre, Vaterland, neoliberale Theorien, Lehárs Melodien; der menschliche Geist sowieso – aber gilt das auch für jeden ehemaligen Besitzer dieser imaginären Masse? Keine Religion geht weiter als die christliche in ihrem Versprechen, leibhaftig fortzubestehen, zusammen mit den Seinen und direkt neben Gott – dem Vater, der die Menschen so sehr liebt, dass er seinen eigenen Sohn für sie geopfert hat – und dem Sohn, der am Kreuz für uns gestorben ist. Wie gern wird das geglaubt, besonders, wenn man Gott oder viele Menschen aus dem eigenen Bekanntenkreis später wiedersehen möchte und damit rechnet, dass dieses Bedürfnis über den Tod hinaus anhält. Die ganze westliche Zivilisation stützt sich auf dieses Gerüst.

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Wolfgang Herrndorf, der wusste, dass er bald an einem Hirntumor sterben würde, schrieb in seinem Blog über den Papst in Berlin: „Dass eine Gesellschaft es sich leisten kann, eine Millionenstadt einen Tag lang lahmlegen zu lassen durch den Besuch einen Mannes, der eine dem Glauben an den Osterhasen vergleichbare Ideenkonstruktion als für erwachsene Menschen angemessene Weltanschauung betrachtet, ist erstaunlich.“

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Jede antike, mittelalterliche, faschistische, sozialistische Gesellschaft hat sich solche Tage geleistet. Der Wille zu glauben, fast gleich, an wen oder was, dieser Wille ist unvergänglich – so ewig wie der Mensch. Wenn der Tod nicht glorreich wäre, wenn all die Opfer, die Qualen, Demütigungen, Erniedrigungen ungesühnt und unerlöst blieben – das wäre doch schwer zu ertragen. Deshalb stellen Gesellschaften ungeborenes und absterbendes Leben unter Schutz; deshalb sind sie empfänglich für Propheten und Endauflösungen und für alles, was sich ‚bio‘ oder ‚öko‘ nennt, also ein gesundes Leben vor einem gesunden Tod verspricht. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass Gesellschaften den Verkehr lahmlegen, um zu glauben und zu hoffen: unendlich minus unendlich ergibt nicht null, sondern ‚unendlich‘.

25 Kommentare zu “Danach

    1. Herrndorfs „Tschick“ war als (Jugend)buch und als Film erfolgreich. Bevor er sich wegen seines bösartigen Hirntumors das Leben nahm, schrieb er ein digitales Tagebuch über sich und die Krankheit.

  1. Ich frage mich wirklich ob man das wirklich will, bis in alle Ewigkeit neben Gott und seinen liebsten weiterbestehen. Ohne Probleme, ohne Reibungen, ein Leben light quasi.

    1. Das Versprechen ist aber doch Glück, Erfüllt-sein, alles ist gut. Von daher verstehe ich diesen Himmel/Paradies-Wunsch schon auch.

  2. Ich finde es unerhöhrt, dass Sie die Gebete von Menschen so missachtlich betrachten; insbesondere wenn sie sich an nahestehende Menschen richten.

    1. Es fällt mir schwer zu glauben, dass Gott sich durch Gebete beeinflussen lässt. Besonders grotesk, wenn zwei Krieg führende Parteien den gleichen Gott um den Sieg bitten. Wen soll er denn nun erhören? Da, wo Genesung ausgeschlossen ist wie damals bei Jahannes Paul II, ist der Wunsch, ihn weiterleben zu lassen, sehr egoistisch.

  3. Gebete über Schwerkranke richten sich nicht an den Verbleib in der Krankheit, sondern an eine vollendige Genesung. Wer wünscht einem denn, dass er weiterhin leidet. Nein, man betet für neue Kraft und schließlich Gesundheit.

    1. Also ich bete überhaupt nicht, denn ich sehe keinen Grund was es nützen sollte. Da kann mein Partner noch so im Sterben liegen. Sorgen, Bangen, Kraft geben ja, aber ein Gebet ändert an der Situation nichts, hilft nur allein den Betenden, um mit der Situation klar zu kommen.

    2. Menschen in extremen Situationen brauchen jeden Halt und jede Hilfe, die sie bekommen können. Verlust oder die Angst darum ist etwas schreckliches. Wer beten mag, soll beten. Die Kritik geht doch eher an die Religionen und Religionsführer, die die Not und die Bedürfnisse der Menschen für ihre Zwecke ausnützen.

    1. Ob man glauben kann oder nicht, kann man sich genauso wenig aussuchen wie seine sexuelle Ausrichtung. Glauben sei eine Gnade, sagte meine Großmutter. Und die bekommt nicht jeder, wie man an Kain und Abel sieht. Trotzdem schloss Gott mit dem Mörder Kain seinen Bund. Im Angebot sind ja so viele Götter, da ist für jeden, der glauben will, etwas dabei.

    2. Gottes Liebe hat jeder Mensch verdient. Egal ob er gläubig ist oder nicht. Wie Herr Rinke schon sagt, die einen stehen der Religion von Natur aus nahe, den anderen fällt dies schwerer. Gott vergibt letztendlich jedem und nimmt ihn in seine Arme.

  4. Da sind wir wieder beim Thema von neulich: Imagine there’s no heaven. And no religion too… Wenn wir wenigstens nicht schon auf Erden darum kämpfen würden wem die beste, glücklichste Ewigkeit bevorsteht.

    1. Und genau das ist doch absurd. Wo man doch einerseits will, dass die Menschen inneren Frieden finden bzw. das es ganz grundsätzlich Frieden auf der Welt gibt. Und andererseits sucht man den Krieg mit den Konkurrenzreligionen. Was ein blösinniger Wahnsinn.

    2. Alleinige Wahrheit klingt schon von Grund auf falsch. Ich habe lange Zeit an die Kirche geglaubt. Mittlerweile suche ich meine Antworten lieber woanders.

  5. Ich habe immer das Gefühl, dass viele indische Gurus sehr viel weiter sind als wir im Westen. Und zwar in der Hinsicht, dass die Tatsache, dass „Nichts-denken-wollen“ in der Natur des Menschen liegt, als gegeben akzeptiert wird.

      1. Ohne Bewertung kommen wir nicht durchs Leben. Gut oder schlecht, schön oder hässlich, wahr oder unwahr, das müssen wir beurteilen, um handeln zu können. Dabei zu akzeptieren, das nicht alle Maßstäbe für alle gelten, ist oft schwer und bei Phänomenen die Kinderpornos und Gotteskriegern auch gar nicht wünschenswert.

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