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Sprünge von Türmen  —   3. Kapitel: DER UNTÄTER

Schmelzen wie Schnee | #8

Es ist sicher leichter, ein Bild zu zerreißen als eine Bindung. Man kann sich zwingen, eine Telefonnummer zu vergessen, aber das Gesicht, das hinter den Ziffern stand, bleibt, und man liest in ihm, ohne es zu sehen, ohne es zu wollen. Man liest das Lächeln, die Modulation der Stimme, den bewussten, den unbewussten Ausdruck der Augen und man behält weiterhin das Zutrauen zu dem, was man wahrnahm. Es scheint leicht, nur nichts zu tun, und doch ist es schwer, wenn man weiß, was man alles tun könnte. Man betrinkt sich vielleicht, aber man wird dadurch höchstens erkennen, was man kann, nicht, was man will.
––Zu ersehnen, was man nicht erreicht, und zu erreichen, was man nicht ersehnt, ist das Los derer, die das Glück nicht wollen. Verirrt es sich doch zu ihnen, so lachen sie es aus und scheuchen es davon. Wer, wie ich damals, den Tod liebt, ohne sich schon über seine Schwelle zu wagen, genießt es, auf Dinge zu verzichten, die ihn an das Leben binden, und er ist erleichtert, wenn er die Kraft aufbringt, einem Glück zu entsagen, das seine Zukunft gesichert hätte. Es gibt ein gewisses Stadium, in dem Todessehnsucht sehr zerbrechlich ist: Sieht man sich nicht vor, steht man wieder mitten im Leben.
––Natürlich hatte es Tränen gegeben, geflüsterte Hilflosigkeit und ergebene Blicke, alles Dinge, die ich hasse und die mich nur in meinem Entschluss, Marion aufzugeben, bestärkten. Entweder ich würde jemanden finden, der stark genug wäre, mich aus meinem Labyrinth zu befreien, oder ich würde mir selbst den Ausweg suchen müssen. Wehklagen war nur lästig und unfruchtbar. Im Grunde suchte ich niemanden, der mir helfen konnte. Ich wollte mich selbst bezwingen oder zugrunde gehen. Ich wollte allein sein mit mir, meinen Wünschen, Vorstellungen und den Dämonen, die ich erfand. Ich wollte ihnen gegenübertreten. Ob ich siegen oder verlieren wollte, wusste ich nicht genau. Ich wusste nur, dass ich mich allem stellen wollte, was aus mir heraus auf mich einstürmte. Gehört Mut dazu, sich in das Unvermeidliche zu fügen? Sicher nicht! Und doch kam ich mir wie ein Held vor, der seine Gefühle mannhaft bezwingt, als ich mich von Marion verabschiedete. Ich hatte ihr ihre kleinliche Eifersüchtelei Aimee gegenüber vorgeworfen, und sie konnte verständlicherweise nicht begreifen, dass ich sie deshalb verlassen wollte.
––„Es wird mich ein großes Stück weiterbringen“, redete ich mir die ganze Zeit ein und versuchte dadurch, meine Erregung zu bezwingen. Mein Gesicht muss wie versteinert ausgesehen haben, als ich ihr zögernd und verlegen die Hand gab, statt sie zu küssen. Dann fuhr ich zurück in meine Wohnung. Befreit? Erleichtert? Jedenfalls fühlte ich mich ohne Bindung. Obwohl rein äußerlich nichts Ungewöhnliches geschah, erinnere ich mich fast an jede wache Minute der folgenden Nacht: Es war der Abend nach Helgas Fest. Ich kam gegen zehn Uhr in meine Wohnung zurück. Ursprünglich war sie die Stadtwohnung meiner Eltern gewesen: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad. Ein wenig unpersönlich, aber komfortabel. Jetzt, da ich sie bewohnte, war sie persönlicher und unkomfortabler geworden: meine Unordnung.
––Ich hatte das Bedürfnis, nach einer vorgefassten Schablone zu handeln. Also goss ich mir ein Glas Whisky ein, nahm eine Zigarette, legte mich auf das Sofa und wartete ab, so als müsse aus diesen Attributen schon eine bemerkenswerte Handlung erwachsen. Nichts dergleichen geschah. Ich schlief profanerweise nach kurzer Zeit ein und wachte erst mitten in der Nacht auf. Ich versuchte, die Zimmerdecke mit meinen Blicken abzutasten, doch die Jalousien waren heruntergezogen, und so konnte ich in der Dunkelheit nichts sehen außer den Leuchtziffern meiner Armbanduhr und dem grünlichen Schimmer des Lichtschalters. Ich schloss die Augen und kam mir fast wesenlos vor. Körperteile, auf die ich mich zu konzentrieren versuchte, fühlte ich kaum. „Vielleicht ist so der Tod“, dachte ich. Dann lag ich eine ganze Weile reglos, zwar bei Bewusstsein, doch ohne zu denken. Ich war wach, aber ich formte keine Gedanken.
––Vor mir erstand ein riesiger Hohlraum mit kunstvollen Kuppeln und Wölbungen.
––Eingehüllt in gestaltlose Nebel entglitt ich in einen Zustand ohne Licht oder Dunkel, wellend, schwebend, federnd … – bis mein Werk zu bröckeln begann, zu zerfallen und die Leere des Lebens über mir zusammenbrach. Ich taumelte, stürzte, sank. Da plötzlich wagte ich es.
––Zum ersten Mal wurde die Ahnung Gedanke, der Gedanke Wort und die Worte zu Lauten: „Ich will sterben!“ Erst war es nur ein Flüstern, geheimnisvoll, stöhnend, das mich durchpulste wie mein Herzschlag.
––Doch dann zwang ich mich, es deutlich zu sagen, und ich genoss es, während ich es aussprach: „Ich will sterben! Ich will sterben!“ Ich spürte den Druck, der auf mir lag am ganzen Körper: „Ich will sterben“, den Druck, der sich langsam löste, und den bleibenden Zwang, es zu wiederholen: „Ich will sterben“, es immer wieder auszusprechen, keuchend, schreiend und erfüllt von einem wilden, triumphierenden Fatalismus: „Ich will sterben“, den Zwang, mir klarzumachen, was ich da sagte, auch wenn es unbegreiflich schien, unvorstellbar, ohne jede Vernunft: „Ich will sterben“, und den Zwang, die drei Buchstaben des Wortes ‚Tod‘ anzustarren, die groß und schwarz vor meinen Augen im Schwarz des Raumes hingen. Endlich riss es mich hoch. Ich stolperte durch das Zimmer, tastete nach dem Lichtschalter und torkelte durch den grell erleuchteten Raum. An meinen Augen flimmerten, verzerrt und gleichgültig, die Gegenstände vorbei und immer noch stammelte ich die Worte, entstellt durch sinnlose Pausen, leer vor mich hin. „Ich will … sterben – ich will! … sterben – ich will …“ Ich rannte zum Spiegel und starrte in mein ausgehöhltes, blindes Gesicht. Wahnsinnig! Ja, das war es! Ich lachte hinein in diesen zerzausten, stumpfen Fleck. Vielleicht hätte ich auch weinen können.
––Was war da der Unterschied? Diese platte Grimasse reizte zu beidem: Die entstellten Züge, die zitternden Hände, die nach dem Tod schrien und dadurch ihr Leben bewiesen.

Es war ein Rausch, ein Rasen und Toben, das tagelang andauerte.
––Ich aß nichts, ich trank kaum etwas und ich schlief selten. Ich kostete in einer Mischung aus Lust und Grauen meine zunehmende Schwäche aus, meine Unfähigkeit, dieser sinnlosen Selbstverstümmelung Einhalt zu gebieten, die Orgie aus Selbstverliebtheit und Zerstörungssucht zu beenden. Ich suchte die Anstrengung, das Klopfen meines Herzens. Ich zwang mich, stundenlang mit verrenkten Armen und Beinen still zu liegen und mir bis zur Erschöpfung Kraftakte abzupressen. Ich entdeckte die Ausbeutungsfähigkeit meines Körpers und die wütende Gier nach allem, was mir schaden konnte. Ich schleppte schwere Sessel hin und her, ich kaute Zahnpasta und machte Kniebeugen, bis ich zusammenbrach.
––Die Tage glitten ohne Bezug an mir vorbei, das Schrillen des Telefons nahm ich kaum wahr. Klingeln, Klopfen und Rufen an der Tür ließ ich unbeachtet. Die Jalousien hielt ich ständig geschlossen. Die Gegenstände verschwammen, wenn ich versuchte, sie anzusehen. Ich war nicht mehr sicher, dass Geräusche, die ich hörte, tatsächlich vorhanden waren. Obwohl ich mich nicht mehr gerade auf den Beinen halten konnte, schleppte ich mich von Zeit zu Zeit durch die Wohnung, um mich zu vergewissern, dass meine Kräfte ständig abnahmen.
––All das hatte nichts Furchtbares mehr für mich. Es war im Gegenteil wohltuend wie die Massage mit einer harten Bürste oder ein heißes Bad, dessen Dämpfe müde und zufrieden machen.

Titelillustration mit Material von Shutterstock: Nora_n_0_ra (Porträt Mann), Kateryna Tsygankova (Schwimmer), Davizro Photography (Daumen runter), Dean Drobot (Frau mit Champagnerglas), bellena (Café), Look Studio (Frau links), Seprimor (Augen), Hihitetlin (Drink), Kitti Krotsurikan (Hand mit Zigarette)

26 Kommentare zu “Schmelzen wie Schnee | #8

  1. Eine Bindung zu zerreißen, eine Beziehung aufzugeben ist eines der Dinge, die auch nach vielen Jahren Leben nicht einfacher zu werden scheint. Es bleibt immer ein großer Kraftakt.

      1. Ziemlich quälend. Und die Erleichterung nach erfolgter Loslösung ist in der Regel entsprechend groß.

    1. „Ich will sterben“ habe ich mir zwar noch nie gesagt, aber gelitten habe ich natürlich auch schon unter solch einer Trennung. Haben wir wohl alle.

      1. Das stimmt wohl auch. Aber diese Trennung scheint zumindest noch einmal der Auslöser für einen weiteren Absturz zu sein, nicht?

      2. Die Trennung und die damit zusammenhängenden Umstände sind ja auch Teil dieses Lebens, dass er so schwer ertragen kann…

      3. Ich würde behaupten, dass die Geschichte mit Marion völlig unerheblich für ihn ist. Wenn überhaupt ist er erleichtert wenigstens diesen Teil seines Lebens etwas vereinfacht zu haben. Die Beziehung nimmt ihn doch viel mehr mit als die finale Trennung.

      1. So selbstzerstörerisch wie er seine Tage und Nächte beschreibt wäre es nicht weiter verwunderlich. Andererseits scheint die komplette Gruppe ja eher zu reden als zu handeln.

      2. Ha! Ganz genau. Geredet wird immer viel. Seit die sozialen Netzwerke boomen sowieso. Gemacht wird dann oft relativ wenig.

  2. Vielleicht eine ignorante Frage von jemand, der 1968 noch nicht geboren war: war das eigentlich eine verbreitete Stimmung, so unter dem Leben zu leiden wie unser Protagonist? War das etwas, dass die 68er-Bewegung mit in Gang gesetzt hat? Oder leidet der Erzähler völlig unabhängig von diesem politischen Aspekt?

  3. Ein Rausch, ein Rasen und Toben … eigentlkich klingt das ja eher nach jemandem, der wahnsinnig intensiv lebt. Nicht nach jemandem, der mit dem Leben zu kämpfen hat.

      1. Nun ja, in welche Richtung auch immer dieser Rausch geht, er scheint dem Erzähler jedenfalls nicht besonders gut zu bekommen.

      1. Und zu Beginn des Abschnitts „Schmelzen wie Schnee“ dachte ich noch Christian wäre die vernünftige Stimme in dieser Geschichte.

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