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Sprünge von Türmen  —   3. Kapitel: DER UNTÄTER

Schmelzen wie Schnee | #2

„Christian wäre mir fast abgesoffen“, sagte Andreas, während er sich nachlässig den Rücken abtrocknete.
––„Im Ernst?“ Regina machte ein bestürztes Gesicht.
––„Dann wäre er jetzt schon im Himmel und dächte gar nicht mehr an uns“, sagte Sybille fast vorwurfsvoll. Sie hatte ein ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl.
––„Er wäre nur noch Geist und Seele, fern allem Körperlichen“, malte sich Regina meinen Zustand aus. Sie strich mir über den Bauch. „Das wäre wirklich schade gewesen. Wie hättest du das überhaupt ausgehalten, so ganz ohne Spiegel?“
––„Ach wo“, sagte Andreas, „Christian wäre in die Hölle gekommen und bestünde nur noch aus Körper ohne Seele und Geist. Das passt auch besser zu ihm.“
––„Wärst du lieber in den Himmel oder in die Hölle gekommen?“, fragte Sybille sachlich.
––„Ich weiß nicht. Ich werde darüber nachdenken.“

Eine Zeitlang lagen wir stumm nebeneinander.
––„Müssen wir eigentlich wirklich auf diese Party, morgen?“ Regina war keine Freundin der Stille.
––„Ja, müssen wir!“, antwortete Sybille bestimmt. „So viele Idioten finden wir in den nächsten zwei Jahren nicht noch mal auf einem Haufen. Je mehr man über sie herzieht, desto weniger merken sie es.“
––„Jaja, du hast recht. Nur mir hängt das langsam zum Halse raus. Es lohnt sich kaum noch, ein Wort über sie zu verlieren. – In der Kneipe neulich, das fand ich wirklich gut. Da waren noch originelle Typen.“
––„Das ist bloß dein ästhetisierender Hang zum Niederen“, sagte Sybille geringschätzig. „Ich bin lieber echt versnobt als gekünstelt einfach. Die Leute morgen Abend sind so herrlich aufgeblasen. Es macht ungeheuren Spaß, mit einer Stecknadel hineinzupiken und zuzuhören, wie die ganze Luft herauszischt.“
––„Sicher!“, gab Regina zu, „deshalb hab’ ich ja auch neulich diesem Angeber gesagt, ich verachte alle Menschen, die mehr als einen Tausender im Monat verdienen. Wenn die Leute merken, dass sie einem nicht imponieren können, werden sie immer völlig hilflos.“
––„Er wurde aber nicht hilflos!“, Sybille genoss die Erinnerung merklich, „er lächelte verbindlich und sagte: ‚Ich verdiene überhaupt nichts. Ich lebe vom Vermögen meiner Eltern.‘“
––Regina drehte sich auf die Seite. „Ich habe gleich gemerkt, dass er dir gefiel.“
––„Mir gefiel? Mehr nicht?“, fragte Sybille gespielt entrüstet. „Verfallen bin ich ihm! – Über dich hat er sich übrigens lustig gemacht. Hast du das gar nicht gemerkt?“
––„Ich komme jedenfalls nicht mit“, sagte Regina beleidigt.
––„Sie haben aber immer ziemlich gutes Essen“, erinnerte sich Sybille. „Ihr wisst ja, wie genusssüchtig ich bin.“ Sie streichelte Regina über den Rücken. „Verzeih mir! Sei nicht böse! Diese ganzen Leute können uns doch gestohlen bleiben.“
––„Wir sind doch selber aufgeblasen“, sagte Andreas unvermittelt.
––Es entstand eine kurze Pause.
––„Ich kann mich beherrschen. Ich kann mich gehen lassen, und ich kann Napfkuchen backen“, fasste Sybille ihre Fähigkeiten zusammen. „Ich glaube, ich bin begabt.“
––„Napfkuchen?“, Regina wandte sich ihr zu, „wo hast du denn das gelernt?“
––„Bei meiner Tante, voriges Jahr“, sagte Sybille stolz.
––„So was kann man doch nicht essen“, sagte Regina lachend.
––„Nein“, gab Sybille zu, „aber backen.“
––„Ich kann nur Kaviardosen öffnen“, fand Regina. „Und? Reicht doch!“
––„Ich kann gar nichts“, sagte Andreas.
––„Doch!“ Regina widersprach. „Dein Vater sagt jedenfalls, du machst dich großartig. Lügt er?“
––„Ich bin nicht schlechter als die anderen, aber auch nicht besser. Dass ich trotzdem weiterkomme, liegt nur an der Stellung meines Vaters. Ohne ihn bliebe ich irgendwo im Mittelfeld, wo ich hingehöre.“
––„Rede dir doch so was nicht ein!“, sagte Sybille. „Du hast Persönlichkeit. Das ist das Einzige, was zählt.“
––„Es geht auch ohne mich, sie brauchen mich nicht“, klagte Andreas fröhlich, „sonst könnte ich hier nicht liegen.“
––„Und liegst du nicht gerne hier?“, fragte Sybille, während sie sich an ihn schmiegte.
––„Doch“, sagte Andreas behaglich. „Ich bin ganz zufrieden. Und ich werde mich wohl nie ändern, denn ich will es gar nicht. Ich habe einfach Glück gehabt. Die einen genießen die Hoffnung auf ihre Erbschaft, die anderen genießen die Hoffnung auf ihre Weltrevolution. Was schmeckt besser?“
––Eine Antwort auf diese Frage war durchaus formulierbar, aber das hätte Zeit gebraucht.
––„Also schön, dann mischen wir uns morgen eben unters Volk!“, nahm Regina vorsichtshalber das vorige Gespräch wieder auf. Sie hatte schon eine ganze Minute lang nichts mehr gesagt.
––„Ich fahre morgen zurück“, sagte ich.
––„Was, morgen schon?“
––„Ja, ich habe noch zu tun. Das nächste Semester wird ziemlich hart.“
––„Du wolltest doch erst nächste Woche fahren.“
––„Ich habe mich eben erst dazu entschlossen.“
––„Magst du uns nicht mehr?“
––„Er langweilt sich mit uns!“
––„Wenn ich länger hierbleibe, bringe ich mich um“, sagte ich gegen meinen Willen dramatisch, und die anderen schwiegen entsetzt.

Ja, ich wusste bereits damals, dass meine Freiheit auf dem Spiel stand. Doch schon nach kurzer Zeit glaubte ich, gewappnet zu sein, so wie wir immer meinen, unser Boot würde dem Sturm standhalten, eben weil es unser Boot ist.
––Ich wusste, ich würde büßen müssen, für die Wellen, die mich getragen hatten, für die Sonne, die mich gebräunt, die Haut, die ich berührt hatte, die unbeschwerten Stunden, das gemeinsame Lachen, die Freunde, die Sorglosigkeit, den Überfluss, büßen für mein Glück, das darin bestanden hatte, es in naher Zukunft zu erwarten. Trotzdem hoffte ich, dass ich, wenn der Ansturm vorüber wäre, aus meinem Schlupfwinkel kriechen und weiterleben könnte, fortfahren oder wenigstens neu beginnen, ganz von vorne anfangen.
––Ja, zunächst war es fast ein Sport: seine Kräfte messen, sich prüfen, durchhalten. Aber wer wird Freude daran empfinden, seine Kräfte zu messen im Wettstreit mit einer lähmenden Krankheit? Vielleicht war ich auch, bevor mich jene Ahnung überkam, nicht ganz so einfältig gewesen, wie ich Außenstehenden erschienen sein mag. Sicher war ich schon damals etwas weniger töricht als die meisten von denen, in deren Gegenwart ich es gewohnt war, mich wohlzufühlen. Dennoch bestand wohl Intelligenz für mich hauptsächlich darin, Möglichkeiten zu finden, die das Leben verschönern.
––Wie sehr sehne ich mich zurück nach jenem halb bewussten, heiteren Zustand, in dem Eitelkeit noch nicht lächerlich wirkt und Verantwortungslosigkeit noch nicht zerstörerisch. Könnte ich doch wieder so albern, selbstgefällig und borniert sein, dass ich mir dessen nicht bewusst wäre! Könnte ich doch wieder die Menschen ertragen, die ich zu lieben glaubte!
––Was ist sinnvoller daran, ergebnislos zu grübeln, als sein Leben fröhlich zu vertun? Unfruchtbare Gedanken über Dasein und Tod sind keine gewichtigeren Probleme als die Auswahl des Sommeraufenthalts oder die Entscheidung, welches der schickeste Anzug ist, das sportlichste Auto, der mitreißendste Rhythmus, der beste Whisky oder die bekömmlichste Zigarette.

Titelillustration mit Material von Shutterstock: Nora_n_0_ra (Porträt Mann), Kateryna Tsygankova (Schwimmer), Davizro Photography (Daumen runter)

32 Kommentare zu “Schmelzen wie Schnee | #2

    1. Und in der Hölle nur noch Körper? Auch nicht verlockend. Gut, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass wir uns auf beides nicht einzustellen brauchen.

    2. Seit die Kirche die Auferstehung des Fleisches verkündet und die Jungfrau Maria leibhaftig in den Himmel geschickt hat, ist ja einiges passiert. Den zum Todeszeitpunkt oft von Krieg oder Krankheit entstellten Körper muss niemand mehr mit in die Ewigkeit schleppen: glaube ich.

      1. Unser Körper, unsere Seele, unser Geist, unser Planet … alles wird irgendwann weg sein. Ohne Ewigkeit. Alles andere wäre eine große Überraschung nach meinem Tod.

      1. Gute Antwort. Aber was für ein Gefühl muss das sein, wenn man wirklich gar keinen Grund findet am leben zu sein. Solch eine Leere muss unerträglich sein.

  1. Tja Grübeln oder Fröhlichkeit, sinnvoll ist eh nur das, was man selbst als sinnvoll empfindet. Einen allumfassenden höheren Sinn gibt es ja nun einmal nicht.

      1. Das würde mich tatsächlich wahnsinnig interessieren, wie der Papst allein in seiner Kammer über diese Themen denkt. Ob er weiss, dass er anderen etwas vormacht, oder ob er sich tatsächlich als Gottes Botschafter auf Erden sieht.

  2. Die Einsicht „Ich bin nicht schlechter als die anderen, aber auch nicht besser“ würde uns allen gut tun. Einzigartig, ja das sind wir sicher alle, aber dass uns heutzutage dauernd eingeredet wird wie besonders wir sind, das kreiert doch nur eine Gesellschaft voller Narzissten.

    1. Das kommt wohl auf die Situation an. Manchmal kann das als Warnung oder Beistand sehr nützlich sein. Es gibt natürlich auch die Fälle, in denen man so etwas eigentlich nur erzählt um jemandem ein schlechtes Gefühl zu geben. Aber in dem Fall ist man wohl auch kein(e) Freund(in).

      1. Ich glaube, ich bin mit niemandem/r befreundet, der/die zu blöd ist, zu bemerken, wenn sich jemand über ihn/sie lustig macht. Nur gibt es das ja sowieso gar nicht mehr. Schluss mit lustig. Heute wird nur noch ‚verarscht‘.

    1. Es gibt jedenfalls andauernd gegenseitige Vorwürfe. Das klingt mir auch recht anstrengend. Egal ob da Sarkasmus und Witz mitschwingt. Aber es ist ja auch nicht das wahre Leben 😉

      1. Na wie Herr Rinke schon schreibt, da schwingt dann oft sehr viel Scheitern und Enttäuschung mit. Da ist Bitterkeit natürlich auch nachvollziehbar.

      1. Wie absurd oder? Ist natürlich überspitzt beschrieben, aber dieses Konzept, dass man schön aufpassen muss nicht zu früh glücklich zu werden, das ist schon eine dicke Nummer.

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