Teilen:

0811
Sprünge von Türmen  —   3. Kapitel: DER UNTÄTER

Schmelzen wie Schnee | #12

Es war durchaus nicht so, dass ich Tag und Nacht Hamlet spielte und mich in Sein und Nichtsein verbiss – jedenfalls damals noch nicht. Diese Gedanken und Empfindungen waren eher die Kulisse, vor der das normale Geschehen weiterhin ablief.
––Früher hatte ich zielgerichtet gedacht und in alle Richtungen gehandelt. So kam es mir im Nachhinein vor. Jetzt dachte ich in alle Richtungen und schränkte mein Handeln ein. Aber es war doch nicht so, dass ich über der Anstrengung, mein Leben und sein Ende zu zerdenken, völlig vergessen hätte, tatsächlich zu leben. Gerade schildere ich die Male, bei denen mir mein ‚Gesinnungswandel‘ besonders bewusst wurde. Da entsteht schnell der Eindruck, dass ich nur zwischen Eigenliebe und Selbstzerfleischung hin und her pendelte. Vielleicht war ich etwas ernster und stiller geworden, aber ich hatte mich noch im Griff: die Gedanken, die Gefühle.
––Äußerlich konnte man wohl noch nichts Beunruhigendes an mir entdecken. Ein niedergeschlagener Blick, eine düstere Bemerkung konnten Wichtigtuerei sein. Die einen hatten mich nie für voll genommen, die anderen waren selbst nicht besser. Was war Spiel, was war Ernst? Was war Pose, was Wesen? Wo hörte das Theater auf, wo fing die Wirklichkeit an? Wo endete das Leben, wo begann der Tod? – Eine doofe Frage. Eine unabwendbare.

Die Silvesterfeier verlief harmonisch. Lustig war es auch, obwohl Sybille und Regine beide wegen ihrer neuen Freunde abgesagt hatten.
––„Da siehst du mal, wie es zugeht“, sagte Andreas zu mir, „so wird man zum alten Eisen geworfen. Durchgekaut und ausgespuckt: Erledigt! Selbst der wirtschaftliche Erfolg zählt nicht mehr. Und das nennt sich nun Leistungsgesellschaft! Was hat denn überhaupt noch Bedeutung?“
––„Werd nicht tiefsinnig!“, sagte ich. „Erstens sind wir hier auf dem Dachboden und zweitens hab ich das noch nie ausstehen können!“ Ich log.
––Er merkte es nicht. „Ja, ja, ich weiß, du hast recht!“ Er griff nach einem halb vollen Glas. „Betrinken wir uns lieber! Die Kissen sind weich, die Beleuchtung kaum vorhanden. Wir wollen uns zwei Frauen suchen, an denen uns weniger liegt. Dann haben wir auch weniger Ärger.“ Bei den letzten Worten zog er ein vor uns stehendes Mädchen an den Haaren.
––Sie drehte sich unbeeindruckt um, lächelte geschmeichelt und versetzte ihm wortlos eine aufmunternde Ohrfeige.

In den Wochen vor Weihnachten hatte ich durch meine Arbeitswut eine ganze Menge geschafft. Ich konnte mir jetzt also meine Zeit etwas großzügiger einteilen. Einmal in der Woche ging ich wieder wie früher in der Halle Tennis spielen. Wenn ich Lust dazu hatte, sah ich mir einen Film an oder las ein Buch. Ich stand diskutierend an irgendwelchen Ecken herum und schloss unverbindliche Freundschaften. Theoretisch half ich dabei, die Welt zu verbessern, in der Praxis reichte meine Rückhand. Es machte mir nichts mehr aus, meine Abende in Gesellschaft zu verbringen, im Gegenteil, ich hatte sogar Spaß daran. Deshalb war ich auch sofort einverstanden, als Regina mich anrief und sagte: „Sybille und ich haben ein schlechtes Gewissen wegen Silvester. Können wir unsere Schuld nicht auf einem Faschingsfest abbüßen?“

Sie sahen beide hinreißend aus. Regina hatte sich ihr hellblondes Haar versilbert. Außerdem hatte sie sich überlange Wimpern angeklebt und den Mund hellrot, fast orange gemalt. Ihr sehr kurzes Kostüm war aus schwarzer Seide. Um den Hals hing eine Unzahl dünner Silberketten und über ihren langen, schwarzen Handschuhen glitzerten silberne Armbänder. Sie trug schwarze Seidenstrümpfe und kleine silberne Sterne an ihren Schuhen. „Ich bin die Königin der Nacht!“, verkündete sie.
––Sybille hatte ein bizarres Gebilde aus weißem Tüll auf dem Kopf. Dazu trug sie hellblaue, durchsichtige Ohrgehänge und einen Ring mit einem großen Stein aus demselben Material. Sie hatte sich kräftige, hellblaue Lidstriche gezogen und sich in ein fast bodenlanges, weißes Kleid mit Puffärmeln aus einem dünnen, glänzenden Stoff geworfen. Es hatte einen tiefen Rückenausschnitt und lag eng an bis zur Hüfte, von dort fiel es fließend herab. Kostümfest braucht Beinfreiheit. „Habt ihr euch eine Eisprinzessin nicht genauso vorgestellt?“, fragte Sybille.
––Andreas und ich nickten natürlich. Was sonst?
––Das Fest fand in mehreren ineinander übergehenden Räumen statt. Die Dekoration hatte genau die unübersichtliche, geheimnisvoll verschachtelte und verhangene Verspieltheit, die es braucht, um die Atmosphäre solcher Veranstaltungen anzuheizen. Überall teilten Netze, hüllten Tücher, trennten Bögen und Girlanden. Überall glitzerten Sterne, schwebten Kugeln, hauchten Kerzen und dampften gelbe, rote, grüne Lichter aus den sanften Wellen der Deckenverkleidung. Die Räume schienen tief und schwebend. In unüberschaubarem Rhythmus tanzten die Menschen als farbige Schatten durcheinander. Auf niedrigen Tischen dröhnten Gläser vom Ansturm der Musik, die das Lärmen und Schreien der Tanzenden zu einem dumpfen, unregelmäßigen Begleitgeräusch herabdämpfte. Fantastisch geschmückte Säulen ragten, Schlingpflanzen ähnlich, zu den Wogen der Decke empor. Wie farbenprächtige Fische schwammen die Kostümierten in schnellen Bewegungen aneinander vorbei, lachend und drängend. Unten auf dem Boden sammelten sich Zigarettenstummel und Papierfetzen an – Muscheln am Grunde des Meeres. Und die Mädchen hinter der Bar lächelten undurchsichtig.
––Ich hatte mir etwas zu trinken geholt und konnte die anderen in dem Wirbel nicht wiederfinden. Deshalb ließ ich mich im Strudel mitreißen, der ewig wandernden Bewegung von Raum zu Raum.
––Ein rothaariges Mädchen mit einer schillernd grünen Stoffblüte auf dem Kopf tauchte vor mir auf.
––„Das steht dir ausgezeichnet“, sagte ich, „aber du musst die Blume etwas tiefer in die Stirn ziehen – so!“ Ich zupfte an dem kunstvollen Gebilde.
––„Wieso duzen wir uns?“, fragte sie mich.
––„Haben wir uns je gesiezt?“, fragte ich sie zurück.
––Sie lachte. „Sei vorsichtig! Ich weiß, sie ist verrutscht, aber sie sitzt nur locker!“
––Ich zog noch einmal an der Blume, die wohl glaubte, sie solle gepflückt werden und herunterfiel.
––„Du Idiot!“, schrie das Mädchen.
––„Hast du bemerkt, wie anmutig sie an dir herabgeglitten ist? Das war einmalig!“
––„Dann kannst du sie mir genauso anmutig wieder feststecken!“, sagte sie.
––„Natürlich!“, antwortete ich, hob die Blume auf und drapierte sie in ihrem Haar.
„Vorher warst du hinguckenswert. Jetzt bist du hinreißend!“ Ich strahlte sie an.
––„Nur durch die Umpflanzung?“, fragte sie.
––„Ich bin ein vollendeter Gärtner“, sagte ich. „Deshalb wollen wir jetzt sprengen.“ Und bei diesen Worten hob ich die Flasche, die ich mir vorhin geholt hatte.
––Sie nahm sie mir hastig aus der Hand. „Aber nicht die Blüte, sondern die Wurzel!“, erklärte sie und setzt die Flasche an.
––„Glaubst du nicht, dass wir uns nach dieser Anstrengung besser setzen sollten?“, fragte ich.
––„Unbedingt!“ Sie stimmte mir zu, also war sie – ungebunden? Zumindest zwanglos.
Wir eroberten uns zwei Plätze nebeneinander, die genau genommen keine waren und weckten dadurch in unseren Nachbarn nach kurzer Zeit den dringenden Wunsch, aufzustehen und zu tanzen.
––„Warum heißt du eigentlich nicht Antonia?“, fragte ich sie. „Das ist doch ein sehr hübscher Name.“
––„Meine Eltern bestanden darauf, mich Gisela zu nennen“, sagte sie traurig.
––„Das klingt auch ganz geräumig!“, tröstete ich sie.
––„Wieso geräumig?“, fragte sie.
––Ich zuckte die Achseln. „Eben geräumig!“
––„Ich kenne kaum ein Mädchen, das nicht Gisela heißt!“ Sie beklagte sich bitterlich.
––„Heißt deine Schwester auch Gisela?“, fragte ich mitleidig.
––„Ich habe keine Geschwister“, sagte Gisela, „mehr als mich haben meine Eltern nicht zustande gebracht.“
––Ich hob den Kopf. „Das ist zwar nicht sehr vielseitig, aber ein guter Wurf, der von Geschmack zeugt.“ Behutsam legte ich den Arm um ihre Schulter und versuchte, sie an mich zu ziehen.
––Sie zuckte zusammen. „Nein, nein!“
––Ich ließ sie sofort los. „Du bist langweilig!“, sagte ich. „Wenn man sich gerne mag und wenn beide genau wissen, worauf es hinausläuft, kann man doch zur Abkürzung des Verfahrens ein paar Stufen überspringen. Meist findet nur keiner den Mut dazu.“
––„Ich will aber gar nicht überspringen“, erklärte Gisela, „ich will auskosten.“
––„Das ist ja noch viel schlimmer!“, sagte ich. „Hoffentlich heiratest du nie!“
––„Nein, wahrscheinlich nicht“, sagte sie. „Ich hasse alles, was Konsequenzen hat. Ich lebe nur für den Augenblick. Keine Verantwortung darüber hinaus. Das kappt das Vergnügen, und weiter kommt man auch nicht.“
––Ich nickte. „Gesund! Sehr gesund. Ein gesundes Mädchen mit einer gesunden Einstellung. Falls du dich doch entschließen solltest zu heiraten, kannst du auf mich zurückgreifen.“
––Sie lachte. „Ich werde es mir vormerken!“
––Ich runzelte die Stirn. „Kannst du mir sagen, warum dieses fette Rosa da drüben dauernd quiekt, als ob sich tatsächlich jemand opfern würde, es zu schlachten?“
––„Du solltest Mitleid haben und bei ihr ein paar Stufen überspringen“, antwortete Gisela.
––„Gut“, sagte ich, „und du opferst dich inzwischen für den Klapperstorch mit dem Papierkorb auf dem Kopf.“
––„Meinst du den rechts an der Bar?“
––„Ja“, sagte ich, „da siehst du, wie treffend meine Beschreibung war!“
––„Das wäre gar kein Opfer“, erklärte sie. „Franz ist mein Freund.“
––„Das glaube ich dir nicht“, sagte ich.
––Sie lachte. „Du hast es nur gemerkt, weil mir gerade kein anderer Name als Franz einfiel, vor allem kein passenderer. Aber was soll deine Kostümierung eigentlich bedeuten?“
––„Kannst du es nicht erraten?“, fragte ich.
––Gisela sah mich prüfend an. „Mit dem schwarzen Rollkragenpullover und der schwarzen Hose siehst du aus wie jemand vom Film: Regisseur oder Aufnahmeleiter oder so etwas. Dazu würde auch die große goldene Uhr einigermaßen passen.“ Sie zuckte die Achseln. „Aber diese – diese Schulterstücke und der breitkrempige Hut, das sieht eher aus wie von einem Spanier.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich kann die Verbindung nicht erkennen. Ich weiß es nicht.“
––Ich sah sie herausfordernd an.
––„Ist es etwas Unanständiges?“, fragte sie hoffnungsvoll.
––Ich überlegte einen Augenblick. „Nein“, antwortete ich, „eigentlich nicht direkt.“
––„Es ist zu schwer“, sagte sie ungeduldig. „Sag es mir! Was willst du darstellen?“
––Ich lächelte.
––Sie erriet es wirklich nicht.
––Ich sagte es ihr …

Titelillustration mit Material von Shutterstock: Nora_n_0_ra (Porträt Mann), Seprimor (Augen), Kitti Krotsurikan (Hand mit Zigarette), alpkhan photography (nackter Mann), Pixel-Shot (Plattenspieler), kate_k (Weihnachtsbaum), Cookie Studio (rothaarige Frau), woo jung hoon (grüne Papierblume)

35 Kommentare zu “Schmelzen wie Schnee | #12

  1. Ein Großteil unserer Wirklichkeit ist ja Theater. Von daher kann ich gut nachvollziehen, dass man da Probleme mit den jeweiligen Grenzen haben kann.

      1. Sowohl als auch. Das ist das spannende am Leben. Die Grenzen von Regisseur und Darsteller sind genauso fließend wie zwischen Theater und Realität. Also los, und viel Spaß 😉

      2. Guter Vergleich, schreckliches Ereignis. Aber ich tue mich wirklich schwer zu verstehen, was diese Menschen letztendlich antreibt.

  2. Die Giselas sind heute sehr viel rarer geworden als vor 50 Jahren. Heutzutage würde man wohl eher Hannas und Emmas antreffen.

      1. Weit weg ist immer das, was war, bevor man selbst ein Gedächtnis entwickelte. Wenn man sich vergegenwärtigt, was seit einem Ereignis alles passiert ist, rückt es auch ferner.

      2. Genau so. Wenn ich mir beispielsweise überlege, dass seit den ersten Nachrichten über Das Coronavirus auch schon 9 Monate vergangen sind, dann fühlt sich auch der Beginn des Jahres 2020 wie ein Ewigkeit an.

    1. Ach das kommt doch total darauf an wer zu solch einer Party einlädt. Meine Eltern haben in den 70ern jedenfalls andere Faschingspartys gefeiert, als ich das als junger Student getan habe.

      1. Moment, wo genau ist denn nochmal der Unterschied zwischen Fasching und Karneval?

      2. München ist Fasching. Köln ist Karneval. Fasching ist der letzte Ausschank vor dem Fasten. Carnevale heißt: Leb wohl Fleisch! Ab Aschermittwoch trinken die Bayern Wasser und die Rheinländer essen Haferbrei …

  3. Interessant, vor kurzem hat unser Christian noch damit angegeben, dass er sich für nichts so richtig anstrengen braucht, nun treibt ihn die Arbeitswut an. Aber genauso wechselhaft kann man ja auch seine Stimmungsschwankungen beschreiben: mal hysterisch, dann wieder antriebslos und zweifelnd.

    1. Na man sieht doch, dass er psychisch sehr mit sich kämpft. Wie schwerwiegend das noch ausfallen wird, wird man in den kommenden Kapiteln sehen. Jedenfalls überrascht mich dieses Hin und her nicht weiter.

    1. Als ich 1965 zu studieren anfing, war das Du noch nicht allgegenwärtig. Als ich 1969 meine Siemens-Lehre begann, mussten wir uns zum ‚Du‘ erst verabreden, und nicht alle machen mit. Der Streber ‚Herr Lasst‘ blieb bis zum Schluss 1971 ‚Herr Lasst‘
      .

      1. Ein bisschen Etikette kann ja auch nicht Schaden. Man muss nicht immer gleich überall drauflos duzen.

      2. Nicht alle Millionen müssen umschlungen werden. Diesen Kuss der ganzen Welt? Da wird Alles zum Nichts – was in Corona-Zeiten sowieso besser ist. Bussi mit Siezen ist erst mal vorbei.

      3. Ob wir nach Monaten der Isolation überhaupt wieder in ähnlicher Weise mit anderen Menschen in Kontakt kommen werden wie noch vor einem Jahr, das wird man sehen müssen. Vielleicht ist das Social Distancing auch nach dem schlimmsten Teil der Krise weiterhin angesagt.

      4. Ich glaube da ändert sich nicht so viel, wer eh gern Abstand hält wird dies weiter tun, wer ständig den Kontakt und Austausch mit Freunden sucht wird sich freuen wenn dies wieder ohne Angst möglich ist.

  4. Wie wahr: wenn man grundsätzlich keine Konsequenzen mag und sie entsprechend vermeidet, dann kommt man auch nie so richtig weiter.

    1. Ein Leben ohne Konsequenzen ist nicht möglich. Auch dieses „unbesorgte“ und “ scheinbar „konsequenzlose“ in den Tag leben hat Auswirkungen auf die Umwelt und die Menschen, die einem begegnen. Alles andere wäre Illusion.

  5. Die Wochen vor Weihnachten haben jetzt auch schon wieder angefangen, draußen ist es eiskalt und die Supermärkte stehen voll mit winterlichem Schokoladenzeugs. Auf die Arbeitswut hoffe ich noch, ich habe zu viele Dinge, die erledigt werden müssen, aber ich fürchte diese graue Stimmung dort draußen macht mich eher träge.

    1. Man muss Sachen antreiben, sonst passiert nichts (siehe oben), aber erzwingen geht eben auch nicht.

    2. Das werden dieses Mal wohl recht traurige Weihnachtswochen. Es sieht nicht aus als ob man über Weihnachtsmärkte bummeln könnte. Und ob es möglich sein wird die Familie zum Fest zu besuchen, daran zweifle ich auch noch.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

6 + 13 =