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Sprünge von Türmen  —   3. Kapitel: DER UNTÄTER

Schmelzen wie Schnee | #4

Ich liebe Cafés. Man sitzt entlang gepflasterter Gehwege unter einer bunten Markise. Auf den Tischen glitzern Gläser und Flaschen. Kellner balancieren mit gefüllten Tabletts zwischen Tischrändern hindurch. Die Welle der Autos braust vorbei, stockt, durch eine Ampel gebremst, und drängt weiter, schon gefolgt von der nächsten Welle. Es ist, als könnte man hineingreifen in den namenlosen Strom von Menschen und eine persönliche Beziehung herauslösen aus dem unaufhörlichen Fortgleiten, einen Teil der Bewegung zum Stehen bringen, zum Sitzen, zum Sprechen. Aber man tut es fast nie.
––Ich liebe das Zentrum der Großstädte. Diese ungeheure Fülle an Blech, Chrom, Stahl, Beton und Glas. Dieses Schieben, Drängen, die Rolltreppen, die einander kreuzen, Menschen hoch- und hinabtragen, unter die Erde, über die Brücken, Fahrstühle, die sich öffnen und schließen, Karren, die durch Supermärkte rollen, hochgetürmte Sonderangebote, aufgeschichtete Bedürfnisse, Verlockungen in Klarsichtpackungen, schwarze Scheiben, die sich lärmend auf Plattentellern drehen, stampfende Rhythmen, das Gesumme von Menschen, Wagen, Ventilatoren, zahllose Artikel auf alle Stockwerke verteilt in allen Preislagen und Größen. Ich liebe diese Haufen, Stapel, Packen gleicher Stücke. Ich liebe die Vorräte, den Überfluss.
–– Menschen schwärmen über Zebrastreifen, durch Passagen und Unterführungen, vorbei an Vitrinen und Pfeilern und Gittern. Und überall diese widerstreitende Bewegung: auf und ab, hin und her, vor und zurück, Wagen, Bahnen, Lifte.
––Ich liebe die Farben der Plakate und Leuchtreklamen, die lauter schreien als alle Zeitungsverkäufer. Ich liebe die Schönheit der guten Werbung, ihre Farben, Formen, Grafiken, ihr Vorgaukeln von Eleganz, Freude und Fortschritt, denn wenn ich schon nicht daran glauben kann, so will ich mich doch wenigstens daran sattsehen. Ich will dieselben nichtigen Wünsche in mir wecken lassen, die auch die anderen zum Kauf reizen sollen. Ich will mich verführen lassen von dem, was als modern und schön angepriesen wird und auch wirklich modern und schön ist, wenn genügend Menschen es glauben. Ich will die Gemeinsamkeit des Geschmacks spüren und doch immer ein bisschen voraus sein. Ich möchte all die vielen greifbaren Dinge sehen, wie sie sind, ohne nach einem verborgenen Sinn zu fragen. Ich möchte oberflächlich sein, mich betäuben lassen von dem raffinierten Äußeren, um nicht nach dem zu fragen, was es nicht gibt und was mich um den Verstand bringt, wenn ich mir dessen bewusst werde. Darum freue ich mich an originellen Schaufensterdekorationen auch dann, wenn mich die Auslagen gar nicht interessieren, aber noch lieber ist es mir, wenn ich die Gegenstände besitzen möchte, denn es geht eine starke, antreibende Kraft von Wünschen aus, die belanglose Ziele haben.
––Hunger, Durst und Müdigkeit schwächen, Ehrgeiz und Sehnsucht können krank machen, aber der Wunsch nach einer goldenen Uhr, einem Auto, einem Kleid, einem Buch feuert an. Man kann sich schon jetzt auf den Augenblick freuen, in dem man sich den Wunsch erfüllen wird, und es tut wohl, immer neue, nichtige Wünsche in sich aufsteigen zu spüren, denn wer sein Herz an solche Dinge hängt, lebt gern und hat den Beweis dafür im Ziel seiner Wünsche.
––Ich halte deshalb alle Theorien für verwerflich, die danach streben, die materiellen Wünsche der Menschen weitgehend zu befriedigen, ohne neue zu schaffen. Wer satt ist, wird deswegen weder besser noch klüger. Nur zu leicht schlägt materielle Zufriedenheit in seelische Unzufriedenheit um, und der Geist kommt wieder zu kurz. Bedürfnisse schaffen und Bedürfnisse befriedigen – so kann man die Menschen bei Laune halten.

Ich trank mein Glas mit einem entschlossenen Zug leer und kam zu dem Schluss, ich müsse betrunken sein.
––Immer wenn man die Lösung eines schwerwiegenden Problems in einen kurzen Satz fassen kann, hat man sich einnebeln lassen. Trotzdem werden auf solchen Nebelschwaden ganze Staaten gegründet und halten sich über Jahrhunderte.
––Der Tisch neben mir war frei geworden und wurde jetzt von einer jungen Frau besetzt, die ungefähr in meinem Alter sein mochte. Sie rückte den Stuhl so, dass sie die Vorübergehenden besser beobachten konnte, aber wandte dann ihren Blick dem kleinen Paket zu, das sie vor sich auf den Tisch gelegt hatte.
––„Das Päckchen ist hübsch verpackt“, sagte ich, „darf ich Sie fragen, was drin ist?“
––Erstaunt drehte sie mir den Kopf zu und lächelte dann belustigt.
––„Es ist ein ganz neues Parfüm“, sagte sie. „Es war schrecklich teuer, aber es roch so aufregend.“ Sie war sorgfältig, aber nicht auffällig geschminkt, trug die Haare hochgesteckt und hatte ein leichtes, buntes Kleid an.
––„Warum lassen Sie sich Parfüm nicht lieber schenken?“, fragte ich sie.
––„Es wird Ihnen sicher haltlos vorkommen, aber ich musste es sofort haben. Die Verkäuferin hielt es mir unter die Nase, und da war’s um mich geschehen.“ Sie zuckte unbekümmert die Achseln.
––„Das finde ich sehr sympathisch“, sagte ich. „Ich freue mich auch an Socken, Schallplatten und Schaufenstern, und ich gehe leidenschaftlich gerne ins Kino, aber nur in Farbfilme.“
––„Natürlich, das ist doch ganz richtig“, stimmte sie mir zu, „es herrschen augenblicklich ganz alberne Vorstellungen. Wenn man zugibt, dass man Lippenstift und Haartönung genauso liebt wie Blumen und Schmetterlinge, gilt man gleich als oberflächlich. Dabei möchte ich wissen, was an einer Pusteblume tiefsinnig ist oder was an einem Pfauenauge zum Nachdenken reizt.“
––„Im Gegenteil“, sagte ich, „Kosmetik ist doch wenigstens Kunst.“
––Sie wandte sich um, denn ein Kellner war an ihren Tisch getreten. Nach kurzem Überlegen bestellte sie einen Aperitif.
––Der Kellner wiederholte den Namen des Getränks und verschwand eilig.
––„Es ist heute noch heißer als gestern“, beklagte sich die Frau auf der anderen Seite neben mir, und der Mann neben ihr wischte sich den Schweiß von der Stirn.
––Meine Nachbarin nahm selbst das Gespräch wieder auf: „Es gibt Menschen, denen tatsächlich nichts an Äußerlichkeiten liegt, ich bewundere das.“
––„Diesen Menschen fehlt es entweder an Zeit oder an Gelegenheit. Das ist hauptsächlich eine Frage des Angebots“, antwortete ich.
––„Nein“, beharrte sie, „es gibt Heroen, denen wirklich nichts daran liegt.“
––„Ach, die haben bloß einen schlechten Geschmack“, sagte ich. Es sollte geringschätzig klingen.
––„Nein, nein“, sie versuchte flüchtig, ihrem Gesicht einen grüblerischen Ausdruck zu geben. „Wir hängen uns zu sehr an hohle Werte.“
––„So dürfen Sie nicht reden! Vielleicht verdirbt Geld den Charakter, aber es auszugeben, macht Sie bestimmt nicht schlechter.“
––„Sie machen mir wirklich Mut“, sagte sie, „nun werde ich mir den Pullover, der mir so gut gefiel, auch noch kaufen.“

So pendelte unser Gespräch zwischen Spott und Ernst. Der Himmel wurde dunkler und die Straßen farbiger. Der Tag verringerte seine Geschwindigkeit. Musikfetzen glitten durch die Luft. Ihr blondes Haar hatte einen warmen Ton, ihr dunkler Hals war schlank, ihre Arme braun, und ich begann, sie zu lieben.

Titelillustration mit Material von Shutterstock: Nora_n_0_ra (Porträt Mann), Kateryna Tsygankova (Schwimmer), Davizro Photography (Daumen runter), Dean Drobot (Frau mit Champagnerglas), bellena (Café)

30 Kommentare zu “Schmelzen wie Schnee | #4

  1. „Ihr blondes Haar hatte einen warmen Ton, ihr dunkler Hals war schlank, ihre Arme braun, und ich begann, sie zu lieben.“ Was für ein schöner Satz!

    1. Diese Affinität zur Großstadt kann ich auch vollkommen nachvollziehen. Es gibt ja gerade wieder diesen Trend ruhiger auf dem Land, verbundener mit der Natur, nachhaltiger zu leben. Aber ich gebe zu, Städte faszinieren mich mehr. Dieses brausende Leben hält mich jung und interessiert. Ein Wochenende am See ist toll, aber spätestens nach ein paar Tagen vermisse ich das Getümmel.

      1. Im Winter sind diese Straßenszene ja ohnehin anders, aber der Sommer 2020 war doch sehr Corona-beeinträchtigt. Wenn ich an meine Reisen der letzten Jahre denke (im Blog als „Europa im Kopf“, „Winterreisen mit Sommern“, „Frühling in Florenz“, „Leben lernen“, „In der Blase“ und das Buch „Fast am Ziel“), dann werde ich wehmütig. Alle Schauplätze sind schwer betroffen. Ich blieb in Meran und kehre Ende Oktober nach Hamburg zurück – bis auf weiteres.

      2. Das ist wohl leider wahr. Der Corona-Sommer hat uns eher leere Innenstädte als lebendiges Treiben beschert. Sicher auch nicht uninteressant durch diese touristenlose Ruhe zu schlendern, aber es ist wohl kaum beruhigend sich so die Zukunft vorzustellen.

      3. Im April, als die Städte wirklich leer waren, habe ich ein paar lange Spaziergänge entlang der Touristenhotspots der Stadt gemacht. Das war tatsächlich sehr interessant, die eigene Heimat mal so anders zu sehen. Ziemlich gespenstisch, aber wie gesagt schon ein interessantes Erlebnis.

      4. Wenn ich unternehmungslustiger (und beweglicher) wäre, würde ich mir das seit 1965 fast jährlich von mir besuchte Venedig nun mal leer ansehen. Denk ich mir eindrucksvoll.

      5. Wow, ja so eine Stadt wie Venedig, die ja zum Großteil von den Touristen lebt, das muss im Moment schon eine sehr ungewöhnliche Erfahrung sein.

    1. Dieser ganze Flirt besteht nicht aus Wahrheiten, sondern aus Farbigkeiten. Ein Schwarzweißfilm wäre in diesem Zusammenhang zu sachlich. Der Text wird schon noch schwarzweiß genug.

    2. Natürlich gar nichts. Ein wenig Strenge und Stilisierung kann mitunter ja sehr faszinierend sein. Aber hier muss man Hanno Rinke natürlich recht geben (Klar muss man ihm recht geben, er ist ja schließlich der Autor): ein Flirt braucht Farbe und ein generelles ‚Losgelöstsein‘.

      1. Dem Autor wird nicht immer recht gegeben. Leider? Farbe kann kitschig sein, aber schwarzweiß macht alles etwas abstrakt. Das ist hier nicht erwünscht.

  2. Dieses Sattsein ist in der Tat selten angenehm. Ganz wörtlich gesehen mag ich den Appetit viel lieber, und im übertragenen Sinn ist es doch auch viel reizvoller Wünsche und Bedürfnisse zu haben.

      1. Bis einem schlecht wird. Leben bis einem schlecht wird? Ab und zu muss auch das sein.

  3. Menschen, denen nichts an Äußerlichkeiten liegt, sind mir suspekt. Ich finde Äußerlichkeiten wichtig und eine Frage des Respekts gegenüber anderen Menschen und gegenüber der jeweiligen Situation.

  4. Hohle Werte. Das finde ich generell ein spannendes Thema. Man hinterfragt ja in der Regel viel zu selten woran wir uns als Gesellschaft orientieren wollen.

    1. Aber wer definiert denn, ob ein allgemein akzeptierter Wert hohl oder bewahrenswert ist? Sollte man nicht erst einmal davon ausgehen, dass die Mehrheit im recht ist?

      1. „Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wen’gen nur gewesen.“ Schiller
        „“Nichts ist widerwärtiger als die Majorität.“ Goethe:
        Das Demokratieverständnis unserer Klassiker.

      2. Demokratie ist eine der größten Errungenschaften die wir haben. Trotzdem vertraue ich auch gerne auf Experten, nicht unbedingt auf die Meinung der Masse.

  5. Die Lösung eines schwerwiegenden Problems in einen einzigen kurzen Satz zu packen ist ja oft kein Problem. Nur sind solche scheinbar einfachen Lösungen eben meistens nicht so einfach oder sogar gar nicht umzusetzen.

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