1. Kapitel: Preußen

Die Idee von Europa als Einheit ist nicht neu. Caesar hatte sie schon, Napoleon auch und Hitler erst recht: alles am Ende scheiternde Eroberungskriege von Diktatoren. Karl der Große bekam das Konzept am besten in den Griff, das ist allerdings über 1 200 Jahre her, und eine Union gleichberechtigter Partner war sein Reich genauso wenig, wie es von den Römern oder den Faschisten geplant war.

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#1.17 Vom kulinarischen Mosaik zu den sauren Gurken

Das ‚NENI‘ ist sehr angesagt und rühmt sich eines großartigen Blickes über Berlin. Das stimmt schon, allerdings ist die Silhouette von Berlin nicht besonders großartig, und von da aus schon gar nicht. Tische und Stühle vermitteln den Eindruck eines skandinavischen Kindergartens, was in mir aber keine Großvatergefühle weckte. Wir saßen in der Mitte, konnten in alle Richtungen nach draußen gucken, den Lärm genießen und die Speisekarten studieren. Zum Essen und Konzept vom ‚NENI‘ Berlin gehört immer der ‚teilende, leidenschaftliche Moment‘, las ich.

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#1.16 Siebzehn Stationen bis zur kleinen Ewigkeit

1969 waren meine Mitlehrlinge und ich am freien 1. Mai abenteuerlustig und deshalb fuhren wir zu fünft mit unserem Schönsten: Achim Hauenschild und seinem Auto über den Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße nach Ostberlin. Das Wetter war schlecht, die Parade war vorbei, die Innenstadt wirkte ausgestorben. Ich schlug vor, nach Köpenick zu fahren; das war, wegen des Hauptmanns, der einzige Ost-Stadtteil, dessen Namen ich kannte. Ich kam mir fremd vor wie in Nigeria ...

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#1.15. „Lebensort Vielfalt“

Es war wieder Morgen, und ich sah auf die Stadt, mein Stück Stadt: erst von oben aus dem Mansardenfenster im vierten Stock, dann auf der Straße, auf dem Stuhl vor dem ‚Dude‘. Früher gehörte mir die ganze Welt, jetzt muss ich mich mit dem Ausschnitt begnügen, den meine Beine meinen Augen gestatten.

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#1.14 Die ganze Zeit

Viertel nach neun klopfte Rafał an die ‚Dude‘-Tür: „Alles gut?“, fragt er jeden Morgen, und jedes Mal möchte ich antworten: „Nein. Sieh dir die Welt doch an! Nichts ist gut!“, und jeden Morgen antworte ich: „Ja“.

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#1.13 Etwas erleben

Als besonders gut und schön gelegen hatte ich das ‚Katz Orange‘ ergoogelt. Dahin fuhren wir nun nicht. Man hatte Silke dort vor vierzehn Tagen einen Tisch um sieben oder um halb neun angeboten. Solche Einschränkungen kann ich nicht besser ausstehen als Frühstücksbuffets. Da gefiel mir das ‚Brecht’s‘ dann schon besser.

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#1.12 Potsdam im Sitzen

Silke eilte voraus zum Anleger, löste die vorbestellten Billetts und erwartete uns vor einem der Schiffe, vermutlich unserem. Martin zuckelte wieder mal hinterher, aber selbst er bekam noch einen der letzten Plätze an Deck. Es war richtig heiß, ‚warm‘ wäre das verkehrte Wort gewesen. Die Leute sahen aus, wie man das auf Ausflugsdampfern gewohnt ist, und fingen bald an, Bier zu bestellen.

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#1.11 Verschlungene Pfade

Aufwachen ist nichts, was mir gefällt. Ich genieße meine fast immer komplizierten und meist furchtbaren Träume – natürlich erst hinterher, wenn ich mich dafür bewundere, so kompliziert geträumt zu haben, und mich beruhige, dass das wahre Leben ja nicht ganz so furchtbar ist wie meine Träume. Ich war ein verschrecktes Kind, das, wenn überhaupt, nur mit Lampenlicht schlafen konnte und die Helligkeit des Morgens ängstlich herbeisehnte.

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#1.10 Geburtstag mit Einstein

Das Schildhorn, diese Landzunge, die in die Havel ragt, gehört zu meinen Lieblingsplätzen, seit ich das erste Mal dort war. Das war am 3. September 1987 gewesen: Ich war aus Wien eingetroffen, hatte mein Gepäck in der ‚Kempinski‘-Halle zurückgelassen und war mit Michael Zachow und seinem Freund, dem Architekten Jürgen Haug, herausgefahren aus der Stadt. Beide kannte ich durch Roland. Es war ein Abend wie Anfang August: Kähne in der Abendsonne, Lachen in der Luft. Junge Menschen, volle Tische, gutes Essen. Meine erste Reise seit Rolands Lungenoperation, der Anfang vom Ende. Vor zehn Wochen hatten wir damals an meinem Geburtstag auf dem Haveldampfer ‚Großer Kurfürst‘ Würstchen gegessen. Inzwischen war die Welt eingestürzt.

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#1.9 Kommunion mit Brausepulver

Heulend nahm ich drei Monate später Abschied von Berlin: Veränderungen war ich ja seit dem Mutterleib abhold und wollte nichts, schon gar nicht nach Hamburg. Wieder einmal waren es Ottos, die wohltuend in mein Leben eingriffen, indem sie mir versicherten, dass es zwischen Hamburg und Berlin einen Tunnel gäbe. Er führe unter der Elbe hindurch, und das sei wirklich so, denn sie selbst seien da auch schon mal durchgefahren.

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#1.8 Altklug, heimtückisch, aufgewühlt

Unsere Haushälterin war zunächst Maria Bartsch aus Breslau gewesen. Sie wechselte dann aber zu Knapps in die Nachbarvilla, die unzerbombt war und immer noch steht. Frau Knapp hatte uns Maria auf die mieseste Weise, die es gibt, weggestohlen: Sie zahlte mehr. Kein Wunder, ihrem Mann gehörte am Kurfürstendamm der ‚Gloria-Palast‘, in dem sagenumwobene Filme wie ‚Die Sünderin‘ Premiere feierten. Ich meine: ‚Gloria!-Palast!‘ Gegen so etwas konnte man mit einem zerflickten Haus wie unserem natürlich nicht ankommen, und deshalb übernahm die achtzehnjährige, preiswerte Annemarie aus Paulinenaue Marias Aufgaben.

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#1.7 Das Tor zur Welt

Um mein Verhalten nicht nur zu erwähnen, sondern auch zu rechtfertigen, muss ich noch früher einsetzen, kurz nach dem Eisprung: Ich bin kein Kriegskind. Ich wurde somit von Hitler nicht mehr als Ersatz für die Gefallenen benötigt. Meine Mutter war sowohl ledig als auch staatenlos. Eine Abtreibung wäre also eigentlich in unser aller Sinne gewesen.

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#1.6 Berlin im Kopf

Berlin: Blut und Boden hatten in diesem viele Jahrtausende lang unbehausten Landstrich gerade wieder mal versagt. Trotzdem waren Ende der Vierzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts noch etliche Zeitzeugen, zu denen ich ja nun auch demnächst gehören würde, vorhanden: solche, die sich als Nachfolger der trutzigen Germanen fühlten, und solche, die sich wie lebenserneuernde Sozialisten vorkamen. Sie alle wollten aus den Reichstrümmern ihre jeweilige – alte oder neue – Welt aufbauen.

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#1.5 Einzelkind

Seit der Einschulung war Detlev Fuhrmann mein bester Freund. Er war verwegen und schlug alle zusammen, die mich auch nur schief anguckten. Außerdem fiel er vom Steg in den See, und es war hilfreich für ihn, dass ich besser schreien als prügeln konnte. Seine Mutter hieß Hella und hatte, dazu passend, ein Lampengeschäft am Kurfürstendamm.

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#1.4 Der zahme Westen

Silke fand – nach kurzer Bestürzung im Hirn – im aufgeweckten Netz als Ersatz für die Pension ‚Dittberner‘ das Hotel ‚The Dude‘, und wir fanden es nach einigen Navi-Umwegen auch und angenehm dort. Das Hotel behauptet ‚Mitte‘ zu sein, na ja, es liegt im allerletzten Abschnitt der prolligen Köpenicker Straße, unmittelbar vor Kreuzberg, aber man ist schnell an der Spree und an der Schloss-Attrappe und wird freundlich bedient. Wie immer bekam ich ein Zimmer neben dem Fahrstuhl, aber es war das einzige Mal auf der Reise, dass ich deswegen Raum und Stockwerk wechselte.

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#1.3 Ohne Feuer kein Ruhm

Zehn Jahre später kaufte sich Guntram einen neuen Mercedes und gab mir seinen alten. Nochmal zehn Jahre später, Roland war schon tot, kaufte sich Guntram wieder einen neuen Mercedes und gab mir wieder seinen alten. Mit dem fuhren Silke und ich gerade eines Vormittags über Weimar nach Meran, Guntram war inzwischen ebenfalls tot, als die frisch inspizierte Limousine bei Erfurt stehen blieb und nicht weiterwollte.

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#1.2 Polizistenmord oder Freispruch

Als wir die Reise am Sonntag, dem 2. August 2015, erwartungsfroh antraten, schien zum ersten Mal seit Langem plötzlich wieder die Sonne. Überrascht waren wir trotzdem nicht: Wir hatten den Wetterbericht gelesen.

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#1.1 Selbstmord oder Selbstbetrug

Die Idee von Europa als Einheit ist nicht neu. Caesar hatte sie schon, Napoleon auch und Hitler erst recht: alles am Ende scheiternde Eroberungskriege von Diktatoren. Karl der Große bekam das Konzept am besten in den Griff, das ist allerdings über 1 200 Jahre her, und eine Union gleichberechtigter Partner war sein Reich genauso wenig, wie es von den Römern oder den Faschisten geplant war. Im Übrigen ging es durch die Jahrhunderte eher um Abgrenzung: Katholiken gegen Protestanten, Franzosen gegen Preußen, Deutsche gegen den Rest der Welt.

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Haben Sie Freude an meiner Vergangenheitsbewältigung? Dann gefällt Ihnen womöglich auch, was mich in der Gegenwart beschäftigt. Zu der äußere ich mich sonntags. Am Sonntagabend stehen immer drei neue Beiträge von mir im Netz. Dieses literarische Kleeblatt kröne ich gern mit Aktuellem. Meinen Neubrief können Sie abonnieren. Er nennt sich: ‚Newsletter‘.


Hanno Rinke

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