https://hanno-rinke.de/wp-content/uploads/1900/08/Titel-EuropaImKopf-1.9_6.jpg
1409
Europa im Kopf  —   1. Kapitel: Preußen

Teilen:

#1.9 Kommunion mit Brausepulver

Heulend nahm ich drei Monate später Abschied von Berlin: Veränderungen war ich ja seit dem Mutterleib abhold und wollte nichts, schon gar nicht nach Hamburg. Wieder einmal waren es Ottos, die wohltuend in mein Leben eingriffen, indem sie mir versicherten, dass es zwischen Hamburg und Berlin einen Tunnel gäbe. Er führe unter der Elbe hindurch, und das sei wirklich so, denn sie selbst seien da auch schon mal durchgefahren.

Foto links oben: Carrie Yuan/Fotolia | Foto links unten: Wikimedia/gemeinfrei | Foto rechts: Everett Collection/Shutterstock

Das war in der Tat tröstlich, denn das große Bild über ihrem Sofa zeigte den Hafen oberhalb dieses Tunnels, und der war unglaublich hässlich: dickgepinselte Schiffe schwammen in graubrauner Brühe, im Hintergrund war es entsetzlich unordentlich, meine Schränke waren nichts dagegen. Und Gleichaltrige waren weder zu sehen noch konnte ich sie mir in diesem Morast vorstellen. Im Hamburger Vorort Othmarschen aber lebten als unsere zukünftigen, streng katholischen Nachbarn Wiemans, und ihre beiden Töchter Kathrin und Monilies wurden die wichtigsten Gefährten meiner späteren Kindheit.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

So war ich in den folgenden Jahren nicht mehr mit ältlichen Erwachsenen zusammen, sondern fast ausschließlich mit zwei Mädchen: die eine zwei Jahre jünger als ich, die andere drei Jahre älter. Unser Lieblingsspiel war Heilige Messe. Monilies, die Älteste von uns, war der Priester und bekam ständig den Messbecher. Ich bekam als Ministrant die Glocke und Kathrin als Gemeinde die Ohrfeigen, weil sie auf ‚Dominus vobiscum‘ nicht korrekt mit ‚et cum spiritu tuo‘ antwortete. Aus Personalmangel musste ich überdies als Kommunionsempfänger Brausepulver aus Kathrins Bauchnabel lecken, das während der Wandlung von Monilies gesegnet worden war. Ob es das war, was Frau Geppinger vorgeschwebt hatte, um einen richtigen Jungen aus mir zu machen?

Später, wenn meine Eltern von Hamburg aus unterwegs waren, kamen meine Großeltern, um mich zu behüten. Meine Großmutter brachte mir Englisch bei und beaufsichtigte meine Schularbeiten. Es ist erhellend, in meinen alten Klassenarbeitsheften zu verfolgen, wie ich unter der Oma-Schirmherrschaft Vieren und Fünfen schrieb, kaum war meine Mutter zurück, unterschrieb sie Zweien und Einsen. Ein Beweis dafür, dass mich weniger die Gene geprägt haben als die Umwelt. Ohne die Ohrfeigen meiner Mutter wäre nichts aus mir geworden. Gutes Zureden hat bei mir nie etwas genutzt.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Meine Kindheit konnte im August 2015 mit dem Kindergarten als abgehakt gelten, die Vergangenheit noch nicht. Auf dem Plan stand um 12.00 Uhr ein Besuch bei Ursula Klein. Früher hatte sie Musikgeschichte studiert, jetzt hatte sie Krebs. „Ich würde euch gern nochmal sehen“, sagte sie zu meinem Geburtstag ins Telefon. So viele meiner Berlin-Erinnerungen modern inzwischen auf Friedhöfen, da wollte ich Ursula sicherheitshalber gleich am ersten Tag besuchen. Das Navi fand ihre ziemlich versteckte Reihenhaushälfte in Neuwestend besser, als es meinem dicken, neuen Auto gelang, auf den verschachtelten Wegen der Siedlung zu wenden, aber der Heuschreck dirigierte den Kohlkopf umsichtig, und Ursula empfing uns in ihrer Haustür. Sie wirkte weit weniger mitgenommen, als wir befürchtet hatten. Die Chemotherapie war beendet, sie hatte sich erholt.

Ursula war Silkes erste Chefin in der Klassik Artist Promotion gewesen, als Silke 1968 ins Berufsleben einstieg. Als ich im Oktober 1971 von meiner Traineezeit aus London zurückkehrte, hatte Ursula schon als Redakteurin zum Sender Freies Berlin gewechselt. Ich lernte sie etwas später kennen, aber so richtig eigentlich erst 1995 in Cannes, wo ich meinen Film über die Pekinels vorstellte und sie sich als Fernsehproduzentin umsah. Wir aßen zusammen provenzalisch am Hang, ich bekam wie üblich nichts runter, aber ihre immer in der Handtasche verwahrten Magentabletten. So etwas bindet natürlich.

Foto links oben: RossHelen/Shutterstock | Foto rechts oben: S-F/Shutterstock | Foto unten: rochus/Shutterstock

Ursula wirkte fast so rege wie immer. Mit Verve scheuchte sie ihre Pflegerin und entschuldigte sie und sich: „Die ist heute den ersten Tag hier und kann das noch nicht.“ Ich sah auf den Dispenser mit den vielen Tabletten und dachte stolz: Weniger hab’ ich auch nicht. Aber was bei mir Blutdruck, Magensäure und Vitaminhaushalt regelt, hat bei ihr vermutlich krassere Auswirkungen.

Foto links: nokwalai/Shutterstock | Foto rechts: Video_Creative/Shutterstock

Draußen flirrte der kurze Garten. Wir saßen bei halb heruntergelassenen Rollos im Dämmer ihres Wohnzimmers: Antikes und Praktisches harmonisch vereint. Die Neue brachte Mineralwasser, um auf Silkes Geburtstag anzustoßen, und Ursula holte Fotoalben aus dem Nebenraum. „Ich weiß zum großen Teil gar nicht mehr, wer das ist“, sagte sie. Silke war bibelfester, ich kannte fast alle Abgebildeten und wunderte mich darüber, wie mir vierzig Jahre nicht mehr ausgesprochene Namen über die Lippen flutschten, wo ich doch, wenn ich heute jemanden kennenlerne, seinen Namen schneller vergesse, als er ihn ausgesprochen hat. Es war fast wie Quiz, meine Lieblingsdisziplin. So verging die vorgesehene Stunde unangestrengt. Um eins verabschiedeten wir uns zuversichtlich und stiegen zu Rafał und Giuseppe in den schön gekühlten Wagen, um die paar Kilometer zum Schildhorn zu fahren. Hätte ich geahnt, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich Ursula sah, wäre ich betreten gewesen. Gut, dass ich es nicht wusste. Silke fuhr im Jahr darauf zu ihrer Beerdigung.

Polaroids: Privatarchiv H. R. | Buch: Lukiyanova Natalia frenta/Shutterstock

20 Kommentare zu “#1.9 Kommunion mit Brausepulver

    1. Ja, alles, was mich nicht interessierte und all das, wofür ich talentfrei war: Die Malerei habe ich mit vierzehn aufgegeben (mich aber beim Abitur mit einer Eins in Kunstgeschichte durchgemogelt). Ballett habe ich nach jahrelangem Umtanzen des dicksten Wohnzimmersessel meiner Eltern ebenfalls gestrichen. Mehr Defizite sind nicht zu beklagen.

      1. Das stimmt allerdings. Aber die kath. Kirche hat den Spaß am liebsten selbst. Bei uns Gläubigen sind sie kritischer.

  1. Krebs ist sowas furchtbares. Wieviele Freunde ich schon hab leiden sehen. Es wird wirklich höchste Zeit, dass die Medizin im Kampf gegen diese Krankheit Fortschritte macht.

  2. Meine Großmutter hat gar nicht erst versucht mich zum lernen zu bewegen. Im Canasta spielen und Schnaps ausschenken war sie allerdings ziemlich routiniert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.