Teilen:

2608
Europa im Kopf  —   1. Kapitel: Preußen

#1.1 Selbstmord oder Selbstbetrug

1. Kapitel: Preußen

Die Idee von Europa als Einheit ist nicht neu. Caesar hatte sie schon, Napoleon auch und Hitler erst recht: alles am Ende scheiternde Eroberungskriege von Diktatoren. Karl der Große bekam das Konzept am besten in den Griff, das ist allerdings über 1 200 Jahre her, und eine Union gleichberechtigter Partner war sein Reich genauso wenig, wie es von den Römern oder den Faschisten geplant war. Im Übrigen ging es durch die Jahrhunderte eher um Abgrenzung: Katholiken gegen Protestanten, Franzosen gegen Preußen, Deutsche gegen den Rest der Welt. Die Deutschen und die Österreicher wurmte es so maßlos, dass sie keine Kolonien hatten, dass das ein Grund für den Ersten Weltkrieg wurde, in dessen Ausgang der Zweite schon angelegt war. Danach machten die Kolonien den Siegern überwiegend Ärger, aber das war wie immer nicht vorauszusehen für Blinde.

Die Idee, Europa friedlich und freiwillig zu vereinen zu einem großen Ganzen hatten schon George Washington, Victor Hugo und Winston Churchill gehabt. Adenauer benannte es als fernes Ziel. So, wie wir jetzt ohne Schranken durch viele Länder reisen und in Barcelona und in Bratislava mit derselben Währung bezahlen – das habe ich mir, als ich jung war, nicht vorstellen können. Und jetzt können sich viele nicht mehr vorstellen, wie sich früher ein zergliedertes Europa anfühlte. Um 1800 gab es allein in Deutschland 1 800 Zollgrenzen. Bei einem Transport von Köln nach Königsberg wurde die Ware achtzigmal kontrolliert.

Die Franzosen haben sich mit der Wahl Macrons mehrheitlich proeuropäisch entschieden, aber überall in Europa wachsen nationalistische Gruppierungen. „Die bornierten Eliten haben ihre weniger gebildeten Schichten nicht mitgenommen“, heißt es. Dumm bloß, dass sie ihnen das Wahlrecht belassen haben. Im Herzen Europäer zu sein, fällt vielen Menschen, die einen engeren Heimatbegriff als ich haben, schwer. Wenn sie sich auf der Weltkarte zunächst mal Amerika und Asien ansehen – und danach erst Europa, dann sollten sie Europa wenigstens im Kopf haben. Andere zu belügen, ist oft hilfreich, sich selbst zu belügen, oft nicht.

Foto links: Erik van Ingen/Shutterstock | Foto rechts: Alexander Mak/Shutterstock

Meine – mehr oder weniger abschließenden – Reisen durch das Europa, das ich einmal gekannt hatte oder das ich noch kennenlernen wollte, begannen im Sommer 2015. Die Reisen der Jahre 2016 und 2017 habe ich teilweise schon in meinen Blog gestellt. Bevor ich auf Restitalien, Skandinavien und Frankreich komme, trage ich jetzt 2015 nach.

Foto: Bennian/Shutterstock

‚Unterwegs‘ hieß das Thema des Schülerwettbewerbs, zu dem die Guntram und Irene Rinke Stiftung 2015 aufrief und im Jahr darauf ihre Preise vergab. Unterwegs sein, das bedeutet: Begegnungen mit Bauten, mit Landschaften, mit Leuten, manchmal sogar mit Menschen. Man erfährt etwas über sie, über sich und über seine Mitreisenden – oder man erfährt gar nichts, hat das aber auf seinem Smartphone gespeichert.

Foto links: Özgür Güvenç/Fotolia | Foto rechts: naka/Fotolia

Ein Wettbewerb tut gut, weil er ein Ziel nicht nur hat, sondern sogar ist. Dagegen hat die deprimierende Einsicht, niemanden interessiere das, was ich sagen will, schon immer dazu geführt, dass Menschen sich umgebracht oder – um das Gegenteil zu beweisen – völlig verausgabt haben. Wenn ich jetzt damit beginne, eine Reise von Nord über Ost nach Süd zu skizzieren, dann weiß ich noch nicht, in welche von beiden Kategorien mich die Nachwelt einordnen wird. Die Nachwelt – das geht heute schnell: Morgen ist Gestern schon so fern wie Pluto und Pythagoras. Das meine ich lieber mal symbolisch, sonst klingt es gleich so kulturpessimistisch. Die Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts sind der werberelevanten Zielgruppe so fern wie Bismarck. Das meine ich jetzt ernst. Trotzdem werden immer noch Denkmäler bestaunt oder fotografiert und Gedenktage in der Tagesschau vor dem Wetterbericht gewürdigt. Es besteht also öffentliches Interesse. Man muss es nur am Schwanz packen, bevor es einem davonläuft.

Foto: Alizada Studios/Shutterstock

Erdacht wurde die Reise von mir, um zwei Wünsche zu erfüllen: Für mich selbst wollte ich Erlebtes und Erhofftes harmonisieren; für meine Mitreisenden wollte ich einen schönen Monat gestalten. Beides klappte und ging schief – wie eben alles im Leben.

Fotos (3): M. D./Privatarchiv H. R.

Zunächst mal musste ich Anfang Juli die Route planen, dann am Wochenende mithilfe von Google und Gedächtnis die einzelnen Stationen durch Namen mit Adressen ergänzen und dann einen neuen Mercedes kaufen, weil mir eine vertrauliche Mail unter die Augen gekommen war, in der ich Silke so verstand, dass im bereits vorhandenen Mercedes zu reisen, ihr eine Tortur wäre. Zur Strafe musste sie nun die von mir ermittelten Adressen anwählen, um Hotels und Restaurants für den ganzen August zu buchen, weil ich dem Zufall seit meiner überraschenden Geburt misstraue und für Spontanität vor Ort ohnehin, dessen war ich mir sicher, noch reichlich Spielraum bleiben würde. Eine Drohne hatte ich auf Empfehlung meines Technikers Martin schon früher angeschafft. Seit meinem Schlaganfall bin ich zu tatterig, um Eindrücke per Handy selbst festzuhalten.

Foto: Dmitry Kalinovsky/Shutterstock

Das aufwändigste Ansinnen kam von Rafał, der für mich im ganz Allgemeinen zuständig ist. Er verlangte, ich müsse mir neue Hosen kaufen und das nicht übers Internet, sondern analog über die Ankleidekabine. In der Tat hatte die allabendliche Kombination aus Schweinewein und Schokolade mir eine Leibesfülle beschert, die meinen eigentlich noch recht anständigen Hosen aus der Endphase des vorigen Jahrhunderts mehr und mehr zur Belastung geworden war. Giuseppe, als Einziger, wollte von mir nichts anderes als dabei sein. Dafür war er in der letzten Juliwoche extra mit dem Flugzeug aus Italien angereist, nur um in meinem neuen Wagen auf Umwegen genau dorthin wieder zurückzukehren, wo er herkam: So war es jedenfalls geplant. Zunächst mal wurde ihm jedoch durch sieben Tage Regenwetter in Hamburg bewusst, dass er nicht mehr zu Hause war.

Foto: Leonard Stanton/Shutterstock

21 Kommentare zu “#1.1 Selbstmord oder Selbstbetrug

  1. Oh wie schön es wäre, wenn es doch noch irgendwann zu einem vereinten Europa kommen würde. Wer braucht denn diesen ganzen Nationalwahnsinn wirklich?! Mehr miteinander bitte!

    1. Gute Frage, aber die Entwicklungen der letzen Jahre gehen ja eher in Richtung weniger Europa. Anscheinend ist den meisten Menschen ihre Grenze und ihr vermeintliches Besonders-sein zu wichtig.

  2. Die „alte“ Idee von Europa als Einheit scheiterte natürlich auch immer daran, dass jemand die anderen Staaten unterwerfen wollte. Wir bräuchten jemand, der nicht einschüchtert sondern begeistert. Ob Macron dafür der richtige ist sei dahingestellt.

    1. Da sprechen Sie beide genau das richtige Problem an. Für viele ist Macron ( & Co.) auch nichts anderes als Cäsar, Napoleon, Hitler.

  3. Ein Roadtrip von Hamburg nach Italien mit guten Freunden, ich könnte mir eine schlimmere Art des Älterwerdens vorstellen. Wie wunderbar.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

1 × 5 =