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Europa im Kopf  —   1. Kapitel: Preußen

#1.12 Potsdam im Sitzen

Silke eilte voraus zum Anleger, löste die vorbestellten Billetts und erwartete uns vor einem der Schiffe, vermutlich unserem. Martin zuckelte wieder mal hinterher, aber selbst er bekam noch einen der letzten Plätze an Deck. Es war richtig heiß, ‚warm‘ wäre das verkehrte Wort gewesen. Die Leute sahen aus, wie man das auf Ausflugsdampfern gewohnt ist, und fingen bald an, Bier zu bestellen. Eine weibliche Stimme lautsprecherte in Deutsch und Englisch, an was wir gerade so vorbeizogen, und ich überlegte, ob sich die Geschwindigkeit unseres Schiffes nach den Kommentaren richtete oder die Kommentare nach der Geschwindigkeit des Schiffes.

Die große Gefahr von Wiederholungen ist die Enttäuschung, ihre große Hoffnung ist die Vervielfachung von Genuss. Oft geht das schief. Das erste Sex-Erlebnis ist im Allgemeinen nicht das großartigste, weil man noch zu verklemmt und zu ungeübt ist, weshalb auch die zweiten Austern besser schmecken als die ersten. Selbst Rom habe ich im zweiten Anlauf freier genossen als im ersten. Deshalb traue ich mir zu, beim nächsten Mal einen Ort oder einen Menschen noch anziehender zu finden als beim vorigen Mal. Abwägenswert. Nach all den vielen Wannsee-Fahrten bis zur Glienicker Brücke und von dort, weil da Ostzone anfing, wieder zurück, war es für mich ein einschneidendes Erlebnis, Mitte der Neunzigerjahre zum ersten Mal unter der Brücke hindurchzufahren und zu sehen, wie sich da ein ganz neuer See auftut: links Schloss Babelsberg, rechts in der Ferne die Silhouette von Potsdam. In meiner Erinnerung habe ich damals geweint, vor Ergriffenheit. Diese Stimmung konnte sich jetzt natürlich, von der anderen Seite her kommend, nicht wieder einstellen und sollte es auch nicht, oder doch? Schloss Glienicke, Nikolskoe, Pfaueninsel, Sacrower Heilandskirche, Cäcilienhof … – es war mehr ein zufriedenes Abhaken von Stätten, die in meiner Erinnerung einen ehrenvolleren Platz einnahmen, als Martins Kamera ihnen weisen konnte. Mir fiel auf, dass mich keine Gallensteine mehr schmerzten. Doch Rücken?

Zu meiner Überraschung stand bei unserer Rückkehr der dicke Diesel immer noch zettellos auf dem Schwerbehindertenparkplatz. Um das Schicksal aber nicht allzu sehr herauszufordern, fuhr Rafał ihn weg, gleich zum nächsten unerlaubten Halt nahe am Nauener Tor, wo Silke vor zwei Wochen im ‚Café Heider‘ schriftlich um Platz für uns gebeten hatte. Es wurden unter roten Sonnenschirmen rasch zwei Tische zusammengeschoben, und ich war mir uneins, ob ich meine Reservierungssucht als fürsorglich oder als bescheuert einstufen solle. Aber immer schon habe ich Übertreibungen mehr geliebt als Absagen. Am schönsten ist es deshalb, mit selbstzufriedenem Grinsen auf reservierten Plätzen zu sitzen und zuzusehen, wie weniger Vorausschauende abgewiesen werden.

Nun war es an der Zeit, Gelassenheit zur Schau zu stellen und etwas aus der Speisekarte zu wählen, zwei Disziplinen, die mir besonders wenig liegen. Das ‚Café Heider‘ bezeichnet sich selbst als ‚Wohnzimmer der Stadt‘. Wir saßen mehr auf der Straße davor. Ich sah auf das neugotische Nauener Tor, das 1755 nach einer Skizze Friedrich des Großen errichtet wurde und fand die Portion auf meinem Teller riesig.

Pünktlich um 14.00 Uhr kam unser Fahrer. Weil ich doch so schlecht zu Fuß bin und man mit dem Auto im Zentrum der Städte nicht besonders gut dran ist, hatte ich mir für überall Rikscha-Fahrten ausgedacht und mir Silke, die auch lieber Pumps trägt als Gewaltmärsche mitmacht, als Begleitung erkoren.

Foto: Rawpixel.com/Shutterstock

Die Fahrt verlief die nächsten zwei Stunden sowohl beschauliche Parks am Wasser wie auch staubige Hauptstraßen am Verkehrsstrom entlang, also sehr abwechslungsreich. Unser Pedaltreter wies auf alles Mögliche hin und mochte auch die DDR-Hinterlassenschaften lieber als wir. Als Kavalier ließ ich Silke natürlich rechts sitzen. Da meine rechte Körperhälfte aber seit meinem Schlaganfall etwas nachgibt, fiel ich Silke ständig auf die linke Seite und noch mehr auf die blanken Nerven. So erlebten wir ‚ALDI‘ Potsdam, den Alten Markt, das Neue Palais; unser Führer strampelte uns zum Weinberg empor, an Mühle und Sanssouci vorbei (war zu Fuß vor zehn Jahren alles irgendwie bequemer und weniger holprig gewesen, aber auch weniger heiß), dann wieder abwärts ganz philosophisch über Schopenhauerstraße und Hegelallee zum Nauener Tor, wo Rafał und Giuseppe am nicht abgeschleppten Wagen standen. Sie hatten eine nur wenig kürzere Tour auf eigenen Beinen gemacht. Beneidenswert.

Foto: Zhank0/Shutterstock

Wir erlaubten der inkompetenten Navi-Schnepfe bloß, uns zur Glienicker Brücke zu geleiten. Den Weg von dort durch Zehlendorf ließen wir uns nicht von ihr vermasseln und erreichten folgerichtig das ‚Dude‘ mit derselben Geschwindigkeit, mit der Martin uns am Morgen überlistet hatte.

Meine Ruhe- und Rafałs Hummel-Phase betrug eine Stunde, dann half er mir mit der Abend-Garderobe. Eigentlich ist das nicht nötig, aber es macht mir Spaß, selbst wenn bei der Hitze draußen ein Sakko schon zu viel ist und es nur darum geht, den zu den Schuhen passenden Gürtel in die Hose zu ziehen. So entsteht doch gleich eine Aufbruchsstimmung, die von Vorfreude kaum zu unterscheiden ist.

Foto links: Senyuk Mykola/Shutterstock | Foto rechts: Space creator/Shutterstock

Der Abend stand vornehmlich im Zeichen von Brisuppe. Sie heißt eigentlich Birgit, und ‚Brisuppe‘ war nur der zärtliche Kosename, den Harald und ich ihr verpasst hatten. Kennenlernte ich sie 1966 durch meine Nachbarin Kathrin, die mit ihr gemeinsam eine Buchhändlerlehre absolvierte. Inzwischen hatte Brisuppe geheiratet, sich scheiden lassen und zwei Söhne aufgezogen. Sie hält Seminare ab und berät Firmen. Ihre weiträumige Wohnung liegt in Moabit in einem komfortablen Neubau zwischen Gefängnis und Tiergarten, also passend zu ihr, und ist vernünftiger mit der Taxe als mit dem eigenen Auto anzusteuern. Martin hatte frei, Carsten auch. Wegen seiner Beagle-Hündin Sally war ihm die Übernachtung im ‚Dude‘ verwehrt, so hatte er ein paar Häuser weiter Quartier bezogen und sollte später zwar Brisuppe, nicht aber ihre Wohnung kennenlernen.

Foto links: Plotitsyna NiNa/Shutterstock | Foto rechts: Privatarchiv H. R.

Wir saßen auf dem länglichen Terrassenbalkon weit oberhalb des geschorenen Rasens bei unalkoholischen Getränken, und Brisuppe und ich wärmten nicht so viel vom alten Kohl unserer abgegessenen Jugend auf, dass er den anderen belästigend in die Nase stieg. Mich wunderte allerdings, wie viele Pistazien ich essen konnte, wo ich doch nach einem Bissen Rind immer schon satt bin. Rafał musste sich beim Brisuppe-Zuhören erst daran gewöhnen, dass jemand genauso viel genauso schnell sagen konnte wie er, dann fuhren wir mit zwei Taxen nach Mitte.

Foto: graletta/Fotolia

21 Kommentare zu “#1.12 Potsdam im Sitzen

  1. Bei dem Wetter draussen, machen mich der Reisebericht und die Bilder direkt ganz nervös. Jeder zusätzliche Tag Sonne wär’s mir wert. Vielleicht schaff ich’s am Wochenende raus. Ha!

  2. Vor Rührung geweint habe ich bei meinem letzten Potsdambesuch zwar nicht, aber ich würde schon gerne mal wieder hin. 15 Jahre sind’s bestimmt her.

  3. Bei Wiederholungen ist man wenigstens auf der sicheren Seite. Vorfreude mit anschließenden enttäuschten Erwartungen macht nämlich gar nicht soviel Spaß.

      1. Ah stimmt, die Vorfreude ist natürlich schon spannend. Man muss den Teil dann vielleicht einfach lang genug hinausziehen, um sich die Enttäuschung solange wie möglich zu ersparen 😉

    1. Das Gute ist ja, Hanno Rinke besucht die ganzen Orte FÜR uns. Man muss ja gar nicht unbedingt selbst die ganzen Strapazen auf sich nehmen 😉

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