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Europa im Kopf  —   1. Kapitel: Preußen

#1.17 Vom kulinarischen Mosaik zu den sauren Gurken

Das ‚NENI‘ ist sehr angesagt und rühmt sich eines großartigen Blickes über Berlin. Das stimmt schon, allerdings ist die Silhouette von Berlin nicht besonders großartig, und von da aus schon gar nicht. Tische und Stühle vermitteln den Eindruck eines skandinavischen Kindergartens, was in mir aber keine Großvatergefühle weckte. Wir saßen in der Mitte, konnten in alle Richtungen nach draußen gucken, den Lärm genießen und die Speisekarten studieren.

Foto: indeedous/Wikimedia Commons

Zum Essen und Konzept vom ‚NENI‘ Berlin gehört immer der ‚teilende, leidenschaftliche Moment‘, las ich. Dieser Moment war jedoch, was man mit Zeit ja machen kann, unterteilt, aber nicht, wie beim Sport in Hundertstel-Sekunden, sondern in ‚ein kulinarisches Mosaik aus persischen, russischen, arabischen, marokkanischen, türkischen, spanischen, deutschen und österreichischen Momenten‘. Diese Momente sollten offenbar gleichzeitig genossen werden wie ein Stück Fondue mit zwanzig Soßen. Für mich, der ich Buffets, volle Tische und volle Teller hasse und nicht gleichzeitig fernsehen, Mail lesen und telefonieren kann, ist das eine Überforderung. Nachdem wir uns alle zaudernd für etwas entschieden hatten, nahm Carsten das Heft in die Hand und bestellte. Fünf Minuten später stand alles auf dem Tisch und sah auch sehr russisch, persisch und spanisch aus, schmeckte wohl auch ausgezeichnet, aber widersprach ganz entschieden meinem Lebensgefühl, das nicht vom wahllosen Nebeneinander, sondern vom aufgereihten Nacheinander der Eindrücke bestimmt wird. Ich maulte, Rafał klagte etwas lauter und Carsten nahm übel, dass er sich schuldig fühlte. Da ich das System durchschaut hatte, hätte ich in der Tat immer nur einzeln bestellt, aber nun war es, wie es war, und hatte für das viele Geld schön gefunden zu werden. Ein Blick auf Westberlin von oben, ein Taxi nach ‚Mitte‘, und dann begann für die Männer die Nacht und für mich der Abschied.

Am nächsten Morgen fuhren wie in den Spreewald. 1986 hatten wir mit Rolands Mutter Margot sein Geburtskaff Laubsdorf besucht. Es ist so winzig klein, dass selbst die Kirche erst im Nachbardorf steht. Roland wollte sofort nach Cottbus zum ‚Hotel Lausitz‘, das schon auf dem Foto extrem ausladend wirkte, aber ich bestand darauf, die vorgesehene Kahnfahrt vom Lübbenauer Hafen aus gleich zu machen, und das war völlig richtig; denn in den nächsten Tagen regnete es durchgehend, was zum tristen Einerlei in der reizlosen, armseligen Gegend ausgezeichnet passte: Die Stimmung saß wie angegossen. Die Kahntour aber war so schön gewesen, dass ich sie meiner neuen Reisegruppe auch gönnen wollte, natürlich noch schöner: nicht wie 1986 im Massenbetrieb, sondern als individuelle Fahrt mit eigenem Landschaftsguide.

An der Anlegestelle gab es kaum Parkplätze, aber mehrere Ausflugslokale mit Bierausschank, Buden, die Schnickschnack und Eingemachtes verkauften, und jede Menge Menschen in Shorts und T-Shirts, deren Muster für ihre Besitzer sprachen. Die Sonne brannte, so dass verwegenste Kopfbedeckungen miteinander wetteiferten. Unseren Spree-Gondoliere fanden wir überraschend schnell und trennten uns mit ihm so schnell wie möglich von den Großgruppen, die hinter jeder dritten Kanalbiegung animiert wurden, superechte Spreewälder Gurken zu bewundern, zu essen und zu kaufen. Dann war es wieder ganz still: das sanfte Geräusch des Steckens im Wasser, ein Kiebitz, eine Ente – Wiesen zwischen Eschen, Apfelbäume in struppigen Gärten. Auf einer Lichtung herrschte großer Andrang an Kähnen und Tischen. Da wurden die Freizeitler ‚Zum fröhlichen Hecht‘ abgefüttert, und auch wir sollten uns in dieses Los schicken. Taten wir aber nicht. Ich hatte an einer Kanalgabelung das ‚Gasthaus Oppott‘ erspäht, das gefiel mir weitaus besser. Vielleicht bekam unser Fährmann dort keine Prozente, aber er legte trotzdem an, so konnten wir dort im Schatten sitzen und entspannen vom Ausruhen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Nach ausreichender Rast bugsierte uns unser Spreewäldler mit seiner Stocherstange zurück zum Hafen, durch schummrige Gewässer und flirrende Auen, vorbei an kreischigen Touristen-Sammelpunkten wie ‚Klein-Venedig‘ und Gediegenem wie dem Schloss Lübbenau, in dem wir laut Karte unser Mahl mit Krustentier-Muschelsuppe, Tomatenwürfeln und Estragon hätten beginnen können. Rafał und ich nutzten an Land einen Klobesuch, um im Nachbarladen Kapitänsmützen anzuprobieren, die wir über die europäischen Flüsse bin ins Mittelmeer tragen wollten. Rafał erstand in dem gut sortierten Geschäft darüber hinaus ein Feuerzeug in Form einer sauren Gurke, das ich, der Nichtraucher, weniger dringend benötigte als er. Dann verließen uns Carsten und Sally Richtung Hamburg, und wir verließen Brandenburg und steuerten auf der gut besuchten Autobahn die Hauptstadt des Freistaates Sachsen an.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

21 Kommentare zu “#1.17 Vom kulinarischen Mosaik zu den sauren Gurken

    1. Na na, jetzt lachen sie aber nicht über die Spreewälder Gurken. Das ist doch nun wirklich das beste was die Gegend zu Stande bringt 😉

  1. Ein kulinarisches Mosaik aus persischen, russischen, arabischen, marokkanischen, türkischen, spanischen, deutschen und österreichischen Momenten klingt tatsächlich eher anstrengend als appetitanregend.

  2. Und schon wieder eine Berliner Gaststätte, die ich nicht kenne. Ich habe das Gefühl Sie kommen in meiner Stadt mehr rum als ich.

    1. Haha stimmt, manchmal traut man sich gar nicht etwas schlecht zu finden, wofür man gutes Geld bezahlt hat. Kenne ich.

  3. Fusionküche und den Lärm genießen – klingt auf alle Fälle nach großstädtischem In-Lokal. Ich bleib wohl trotzdem eher beim Schnitzel.

    1. Schnitzel ist lecker. Aber lasst die Leute doch auch mal was neues probieren. Kann halt nicht immer klappen. Schon ok.

  4. Bei dem ganzen Dieselskandal hierzulande und der Gerichtshofposse in den USA freut man sich doch zur Abwechslung mal von richtigen Gurken zu lesen 😉

    1. Ach Gottchen, das Drama um diesen Richter ist wirklich nur sehr schwer verdaulich. Dass Politik in so eine Schlammschlacht ausarten kann ist echt beängstigend.

      1. Leider keine Posse; das Ergebnis kann die amerikanische Rechtsprechung nachhaltig beeinflussen. Der Oberste Gerichtshof der USA darf keine Gurkentruppe werden.

      2. Und die traurige Wahrheit: Vor der Schlammschlacht stand es 51 zu 49 Stimmen für Kavanaugh. Nach unzähligen Berichten, einer wohl recht schmerzhaften Aussage von Dr. Ford, nach einer halbherzigen FBI-Untersuchung und weiteren Verbalausfällen steht es… 51 zu 49 Stimmen für Kavanaugh. Die Wahrheit zählt nicht. Parteizugehörigkeit und Macht sind alles.

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