Teilen:

3009
Europa im Kopf  —   1. Kapitel: Preußen

#1.16 Siebzehn Stationen bis zur kleinen Ewigkeit

1969 waren meine Mitlehrlinge und ich am freien 1. Mai abenteuerlustig und deshalb fuhren wir zu fünft mit unserem Schönsten: Achim Hauenschild und seinem Auto über den Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße nach Ostberlin. Das Wetter war schlecht, die Parade war vorbei, die Innenstadt wirkte ausgestorben. Ich schlug vor, nach Köpenick zu fahren; das war, wegen des Hauptmanns, der einzige Ost-Stadtteil, dessen Namen ich kannte. Ich kam mir fremd vor wie in Nigeria; der Zonen-Grusel hatte mich fest im Griff und ich den Stadtplan. Köpenick: die Spree-Brücke, das Schloss, verwahrlost natürlich, wie es sich für ein ‚Machwerk des Hohenzollern-Imperialismus‘ gehörte, die Wohnhäuser direkt am Wasser, ganz anders als die Gärten unterhalb der Villen im vertrauten Westen, der Marktplatz, das Rathaus, so stellte ich mir eine preußische Kleinstadt um 1900 vor. In der Bundesrepublik war das alles tankstellen- und betondurchsetzt, hier war es mumifiziert, mit Läden ohne Angebot. Unten im ‚Ratskeller‘ gaben wir unser Zwangsumtauschgeld für Eisbein aus und hatten noch so viel übrig, dass wir die Klofrau glücklich machen konnten.

1977 machte ich den Ausflug mit Roland.

Nach Köpenick zwang ich 1981 sogar meine Eltern auf Berlin-Tour, was insofern ein Gemeinschaftsgefühl erzeugte, als meine Eltern sich im Osten genauso unbehaglich fühlten wie ich und außerdem noch nie in Köpenick gewesen waren. Wozu auch?

Fotos (2): H.R./Privatarchiv

Als ich Silke im Jahr 2005 das Köpenicker Schloss zeigte, hatten die ‚Staatlichen Museen zu Berlin‘ es schon wieder herrschaftlich herausgeputzt, Preußen war als Staatsidee rehabilitiert, und die vervolkseigneten und verschandelten Häuser waren ihren ehemaligen Eigentümern zurücküberschrieben worden. So konnten glückliche Erben die Anwesen bewirtschaften oder verkaufen, damit in den alten Mauern neue Luxushotels entstanden: eine Form von Gerechtigkeit, die nicht jedem einleuchtet. Mit Silke hatte ich, als wir noch in der ‚Pension Dittberner‘ übernachteten, siebzehn Stationen mit der S-Bahn von Savigny-Platz bis Köpenick hinter ihr und mir lassen müssen. Dieses Mal kamen wir mit Martin und Drohne und mit Carsten und Sally. Unpraktischerweise hatte Kurfürst Joachim II. von Brandenburg seine Schlossanlage 1558 in eine Halteverbotszone hineinbauen lassen, so dass mir ein längerer Fußmarsch vom Ortskern zur Schlossinsel nicht erspart blieb. ‚Angrenzend an die Kirche beherbergt das östliche Gebäude heute einen gastronomischen Betrieb.‘, steht im digitalen Reiseführer. Ich war leicht gereizt, als wir uns dort niederließen: die einzigen Gäste des Spätnachmittages. Die Luft war heiß, das Wasser still, der Ausblick beruhigend: Büsche, Bäume, Boote und die Häuser am anderen Ufer hell und freundlich. Ich wollte mich ärgern, und es gelang mir.

Die anderen tranken Espresso, ich Wein. Unpassend. Aber weil wir hier so entspannt im Schatten sitzen, während Martin die Drohne über der Spree steigen lässt und unsere Biografie weiterläuft, ein kleiner Einschub aus ‚Zeit‘ vor Safranski: ‚Jeder ist ein letzter Zeuge für Dinge, Menschen, Erlebnisse, die mit ihm unweigerlich verschwinden werden. Weil es dann nämlich keinen mehr gibt, der sie im Wirklichen festhält. Man achtet auf das, was gegenwärtig geschieht, nicht auf die Gegenwärtigkeit selbst. Sie bleibt als solche verdeckt, indem sie hinter dem gegenwärtigen Geschehen verschwindet. Die jeweiligen Ereignisse sind vergänglich, das Gegenwartsfenster, durch das wir sie erblicken und erleben, bleibt. Insofern ist Gegenwart die kleine Ewigkeit.‘

Wir standen auf und gingen, jeder innerhalb seiner Ewigkeit. In diesem Zusammenhang ist es befriedigend zu wissen, dass hier schon zur Bronzezeit eine Burg stand. Im 12. Jahrhundert herrschte von der Nachnachnachfolgerin dieser Burg aus bekanntlich Fürst Jaxa von Köpenick. Kriegerisch blieb es: Gegen den Markgrafen von Meißen und Heinrich den Erlauchten gewannen Johann I. und Otto III. den sechsjährigen Teltower Krieg, 1245 war das. Von da an war Köpenick brandenburgisch und später gleichzeitig oder abwechselnd preußisch, nationalsozialistisch, DDR-isch, hauptstädtisch. Einiges davon war für die Ewigkeit gemeint. Pech.

Es blieb genügend Zeit für alle, um sich etwas Hübsches anzuziehen; denn nach dem Ausflug ins Bodenständige gestern war heute als Berlin-Abschluss etwas Weltstädtisches geplant: das umgestaltete Bikinihaus, das seit den Fünfzigerjahren die immer öder werdende Verbindung zwischen Zoo-Eingang und ‚Zoo-Palast‘ bildete. Die Architektur der späten Fünfzigerjahre finde ich schlimmer als das angeblich so Bleierne im Gesellschaftlichen der Adenauer-Zeit. Das gesellschaftliche Blei wurde weggeschwemmt, die Bauten stehen immer noch und wurden im Laufe der Sechziger- und Siebzigerjahre immer schlimmer. Als 1951 in unserer schönen Wissmannstraße der erste Bungalow gebaut wurde, waren alle Villen-Bewohner entsetzt. Aber als das Europa-Center neu war, fanden Harald und ich den Klotz auf unserem ersten gemeinsamen Berlin-Besuch 1965 toll. Jeden Abend gingen wir dorthin, aßen russisch, dänisch oder fränkisch und besoffen uns im Pub. Das war modern!

Der eigene Geschmack wirkt unverrückbar und ist doch so wandelbar. Jedenfalls während der Jugend. Was ich mit dreißig schön fand, das schmeckt mir immer noch, aber nun stand ich vor dem instand gesetzten Bikinihaus und versuchte, es hip zu finden.

Also besser als vorher war es in jedem Fall. Den leicht frivolen Namen verdankt der Bau seinem „Luftgeschoss, das die Verkaufsetagen von den Produktionsstätten trennte und dem Gebäude so, einem Bikini ähnlich, eine zweiteilige Struktur gab“, steht bei Wikipedia. Und jetzt? Nach ein paar Fahrten über Rolltreppen, vorbei an herausgeputzten Läden, die mich nichts angingen, nahmen wir den Fahrstuhl aufwärts zum ‚NENI‘. Nikolaus war auch schon da. Er war einer der letzten, die Pali einstellte, 1989. Er ist mecklenburgischer Pfarrerssohn und hatte sich und seiner Frau Heidi die Ausreise ertrotzt, ein paar Monate, bevor die Mauer fiel. Nikolaus hatte Grafik studiert und kam zu einer für mich schwer erträglichen Zeit als Art Director ins ‚Creative Services‘ der ‚Deutschen Grammophon‘. Als ich die Firma verließ, beklagte sich Nikolaus bei Pali – sagte Pali –, dass ich als Leiter des Marketings ihn als Talent nicht genügend wahrgenommen hätte. Heute ist er der Einzige, mit dem ich noch (neben Susi seit unserer beider Lehre) Kontakt habe aus jener Berufszeit, während derer ich all diejenigen meiner Talente, die mir unwichtig erschienen, einsetzen konnte. Er hat meine Texte und CD-Hüllen illustriert, und er gestaltet die Wiedererkennungsembleme meiner Filme.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

27 Kommentare zu “#1.16 Siebzehn Stationen bis zur kleinen Ewigkeit

    1. Du magst denjenigen vergessen, mit dem du gelacht hast, aber nie denjenigen, mit dem du Wein getrunken hast. Oder habe ich da etwas falsch verstanden?

      1. Wenn man gemeinsam beim ersten Glas beginnt, stehen die Chancen besser, als wenn man sich erst nach der zweiten Flasche zusammenrauft, würde Khalil Gibran sagen.

  1. Was ist das eigentlich für eine Unsitte mit der Klofrau im Restaurant? Warum werden die nicht anständig bezahlt? Warum muss ich als Gast für’s Pinkeln zahlen?

    1. Da gehen die Meinungen auseinander. Meine Cousine Dagmar war empört. Als Witz hatte ich im Beitrag „Winterreisen“ eine Toilettenbesucht erwähnt: „Rafał forderte mich auf dem Weg zur Toilette auf, mich dicht an ihn zu drängen, was ich auch tat. Auf diese Weise gelangten wir gemeinsam durch die Sperre und sparten siebzig Cent.“ Darüber ereiferte Dagmar sich schriftlich: „Dabei hat mir besonders mißfallen, wie ein wohlhabender Mann wie Du sich weigert die 50 Cent für saubere Sanitätsanlagen zu bezahlen Du fühlst Dich wahrscheinlich wohler in verdreckten Klos an denen man sich jede erdenkliche Krankheit holen kann.

  2. Die Filmausschnitte wo viel gegessen und getrunken wird, sind die besten 🙂 Menschen beim Essen zuschauen, es gibt nichts unterhaltsameres.

    1. Als ich Kind war, wurde mir gesagt: „Kinder bei Tische sind stumm wie die Fische.“ Als Erwachsener mit Kamera bekam ich zu hören: „Man filmt Menschen nicht beim Essen!“ Beide Regeln leuchten ein, und es macht großen Spaß, sie zu übertreten.

      1. Das unangenehmste war mir immer wenn ich der einzige bin, der etwas zu essen bestellt und alle anderen schauen zu. Da haben sie’s mit ihrem beschränkten Appetit ausnahmsweise mal einfacher.

      1. Obwohl es im momentanen politischen Klima wahrscheinlich ein Affront ist Woody Allen zu zitieren: Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende.

  3. So sehr ich meine Ruhe schätze, der einzige Gast zu sein ist mir doch immer suspekt. Da warnt mich meine innere Stimme, dass etwas nicht stimmen kann.

    1. Das kommt dann natürlich ein bischen darauf an, ob man um 7 Uhr morgens in der Weinbar sitzt oder pünktlich zur Essenszeit in einem leeren Restaurant…

Schreib einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

16 − sechs =