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Europa im Kopf  —   1. Kapitel: Preußen

#1.8 Altklug, heimtückisch, aufgewühlt

Unsere Haushälterin war zunächst Maria Bartsch aus Breslau gewesen. Sie wechselte dann aber zu Knapps in die Nachbarvilla, die unzerbombt war und immer noch steht. Frau Knapp hatte uns Maria auf die mieseste Weise, die es gibt, weggestohlen: Sie zahlte mehr. Kein Wunder, ihrem Mann gehörte am Kurfürstendamm der ‚Gloria-Palast‘, in dem sagenumwobene Filme wie ‚Die Sünderin‘ Premiere feierten. Ich meine: ‚Gloria!-Palast!‘ Gegen so etwas konnte man mit einem zerflickten Haus wie unserem natürlich nicht ankommen, und deshalb übernahm die achtzehnjährige, preiswerte Annemarie aus Paulinenaue Marias Aufgaben. Noch in den Achtzigerjahren seufzte Irene: „Ich habe nie genügend Haushaltsgeld bekommen, deshalb hatten wir immer die billigsten Mädchen.“ Maria hatte bei uns eine sehr hübsche kleine Kammer hinter der Küche gehabt, die zu Geigers und Koenigs Zeiten wohl personalüblich war, mir allerdings aus heutiger Sicht unzumutbar erscheint. Dort hatte ich Maria gern beobachtet, wenn sie sich in ihr gewaltiges Mieder zwängte, und dort spielte ich auch Arzt mit ihr. Einmal erhielt sie von mir eine Spritze mit dem Nagel, deren Narben sie mir noch lachend Jahre später zeigte. Ihr Gemüt war freundlicher als meins.

Foto links: lynea/Shutterstock | Foto rechts: Smit/Shutterstock

Frau Knapp hatte nicht mal eine Kammer für Maria, aber das machte nichts, denn nun schlief Maria bei Ottos, die ein Zimmer übrig hatten. Herr Otto hatte darüber hinaus etwas für die dicke Maria übrig, kam es mir viel später in den Sinn, und ich fand meinen Verdacht 1981 erhärtet, als ich Maria noch einmal besuchte und sie sich inzwischen als Witwe von Herrn Otto zu erkennen gab.

Frau Geppinger, die Hausmeistersfrau in der Wissmannstraße, sagte zu Annemarie, während ich mit den Zinnsoldaten im hohen Gras Verstecken spielte (meine vom Vater erlernte Kriegstaktik): „Wenn Rinkes jetzt nach Hamburg ziehen, dann wird Hanno hoffentlich mehr mit Kindern zusammenkommen. Hier ist er zu viel unter Erwachsenen – das macht altklug.“

Fotos (2): Privatarchiv H. R. | Foto unten: OneSmallSquare/Shutterstock

Natürlich hatte ich sehr genau hingehört, und es war klar, dass ,altklug‘ trotz der schmeichelhaften zweiten Silbe nicht nett gemeint war, obwohl es mir eigentlich besser gefiel als ‚jungdumm‘. Dabei galt es bloß zu entscheiden, ob Frau Geppinger, die im Keller wohnte, selbst wenn sie es ‚Souterrain‘ nannte, das Wort nicht richtig gebraucht hatte oder ob es auf mich nicht zutraf. Denn da gab es zunächst mal den Nachbarsjungen Günter Sauer: An ihm erlernte ich von meiner Mutter die Vokabel ‚heimtückisch‘. Dann gab es Eberhard von gegenüber, mit dem Günter und ich einander nicht allzu dicke Stöckchen nicht allzu tief in unsere Harnröhren bohrten, und es gab ‚die Cousinchen‘, Marina und Daggi, die Töchter meines Onkels Hasso, meines Vaters Bruder. Günter Sauer pinkelte mir oben auf unserem Schutthaufen als Krönung des Aufstiegs gern mal ins Ohr. Mir machte das eigentlich nichts aus, aber von meiner Mutter wurde es nicht gern gesehen.

Foto (2): Privatarchiv H. R. | Foto oben rechts: photophonie/Adobe Stock

Frau Geppinger hieß mit Vornamen Lyna, was ich äußerst apart fand, und sie wohnte mit ihrem fast tauben Mann Emil also unten im – na schön – Souterrain. Beide kümmerten sich um Heizung, Wäsche, Garten und um mich, wenn meine Eltern ein, zwei Tage unterwegs waren. Waren meine Eltern länger weg, kam ich zu Ottos und schlief dort im großen schwarzen Bett, das im Wohnzimmer stand und etwas bedrohlich aussah. Aber dieses Bett gehörte nun mal in diesen Raum wie auch der Kachelofen, der im Winter jeden Morgen beheizt wurde; daran war für mich nichts Merkwürdiges. Ich nahm es mit derselben fraglosen Selbstverständlichkeit hin wie in der Wissmannstraße die kohleversorgte Zentralheizung und die Trennung von Wohn- und Schlafbereich.

Foto links: Paolo De Gasperis/Shutterstock | Foto rechts oben: hanohiki/Shutterstock | Foto rechts unten: dangutu/Adobe Stock

Mich mit dem ‚Dienst‘-Mädchen Annemarie aus Paulinenaue alleinzulassen, schien nicht ratsam; denn Annemarie war jung und der Aufgabe, mich zu betreuen, offenbar nicht gewachsen: Als ich von der Gartenbank gefallen war und jammerte, sperrte Annemarie mich im Kinderzimmer ein. Glücklicherweise schaute am Abend die erfahrene und deshalb misstrauische Maria Bartsch vorbei, sah mich an und erkannte, dass ich mir den Arm gebrochen hatte. Ich bekam meine erste Äther-Narkose, sehr interessant, und einen Gipsverband, und Guntrams Chauffeur Herr Schröder konnte mich nicht, wie geplant, am nächsten Tag nach München fahren, wo meine Eltern, zurück von Meran, auf mich warteten, um mir das Oktoberfest zu zeigen. Bis heute habe ich mir, eingeschnappt, diese Touristenattraktion versagt.

Foto links oben: nuzza11/Adobe Stock | Foto links unten: Privatarchiv H. R. | Foto rechts: Frank Gaertner/Shutterstock

Herr Otto hatte mir das Radfahren beigebracht, was sicher eine sportliche Leistung von ihm war. Sie hat mich Speisen zubereiten lassen, aber das hieß bloß, dass ich alles, was ich wollte, im Topf verrühren durfte: Mehl, Waschpulver, ein Ei, Mostrich, Kakao und Hingabe. Bei Knaps behämmerte ich, von Maria konspirativ eingeschleust, den Flügel, bei meinem Vater im Büro drosch ich auf die Schreibmaschine ein: druff, druff, druff. Kochen, komponieren, dichten – Vererbung hin, Umwelt her – alles schon vorherbestimmt.

Foto oben: gemeinfrei/Wikimedia Commons | Foto unten links: Kumpol Chuansakul/Shutterstock | Foto unten rechts: BrAt82/Shutterstock

Im Sommer stellte Frau Otto einen Pflaumenkuchen mit Teiggitter her, auf dem der Zucker knirschte, wenn man hineinbiss. Der Kuchen wurde mit vanillingesüßter Schlagsahne auf ihrem bei Wespen außerordentlich beliebten Balkon gegessen: von weißen Tellern mit weinrotem Rand.

Foto oben links: hean/Adobe Stock | Foto oben rechts: MMCez/Shutterstock | Foto unten: Maciej Olszewski/Shutterstock

Wenn meine Eltern vor Ort waren, fuhr mich Herr Otto beim Dunkelwerden mit seinem eigenen Fahrrad nach Hause in den Grunewald. So hell und klar wie damals vom Gepäckträger aus haben die Sterne nie wieder und nirgendwo geleuchtet. Ich hielt mich an den Sprungfedern des Sattels fest, der Dynamo summte, die Welt war heil, die Ruinen lagen in schönendem Dunkel, und die Angst lag unter meinem Bett wie ein treuer Hund, der schon meiner Rückkehr entgegenwedelte.

Foto oben links: Privatarchiv H. R. | Foto oben rechts: Svetlana.Is/Shutterstock | Foto unten: gemeinfrei/unsplash

Bei Ottos war ich auch, als sich meine Eltern 1953 die Côte d’Azur besahen. Es war ihnen klar, dass ich in dieser Zeit Geburtstag haben würde, nicht aber, dass außerdem in Berlin ein Aufstand losbrechen würde: der 17. Juni. Dieses Datum ist mir als Radio-Erlebnis unvergesslich. Mit einer polnischen Mutter im umzingelten Westberlin konnte die Bundesrepublik nicht identitätsstiftend für mich sein. Ich war kein Bonner, sondern ein Grunewäldler, dessen Horizont über die Halenseebrücke hinweg bis zum Tauentzien reichte. Heute ordne ich die Ereignisse historisch ein: Die Deutschen waren 1953 die Allerersten, die sich gegen das Russen-Regime auflehnten, dann erst kamen 1956 die Ungarn, 1968 die Tschechen, 1980 die Polen und dann 1989 wieder die Deutschen, die im November die Mauer endlich zum Einsturz brachten. Darauf kann man, wenn man will, als Deutscher stolz sein oder als Kommunist verächtlich spucken. Die netten Ungarn waren die Ersten, die damals die Grenze öffneten, und sind jetzt die Ersten, die sie im September 2015 vor den Flüchtlingen aus Richtung Serbien verschlossen: ein einiges Europa im Kopf oder bloß Angst vor Fremdem?

Die Situation damals ist eine der nicht allzu vielen bildhaft deutlichen Erinnerungen, die ich an jene Zeit habe, als sich mein Charakter offenbar immer noch formte. Ich weiß, dass Frau Ottos Nichte Elli aus Königs Wusterhausen zu Besuch war und sich nicht recht entscheiden konnte, ob sie wieder zurückgehen sollte in den aufgewühlten Osten oder eher nicht. Verliert man lieber die Heimat oder die Freiheit, und wie hängen beide Begriffe miteinander zusammen? Als im eingeschlossenen Westberlin aufgewachsenes Kind waren mir Grenzübergänge immer unheimlich und immer wichtig: Im Osten, der in alle Richtungen hin nach kurzer Zeit begann, waren die Ruinen zerfallener, die Menschen geduckter, die Gesichter verschlossener. „So ist Kommunismus“, erfuhr ich, und dazu gab es dann als Gegenentwurf ,unseren Grunewald‘, ,unseren Wannsee‘ und ,unser KaDeWe‘.

Fotos (2): gemeinfrei/Wikimedia Commons

23 Kommentare zu “#1.8 Altklug, heimtückisch, aufgewühlt

  1. Ich habe letzte Woche noch gelesen: man soll die Wespen erstmal ihren Sommer haben lassen und dann erst unseren eigenen genießen. Keine Ahnung was das bedeutet.

  2. Ich bin ja nicht sehr schadenfroh, aber dass nun ein Verfahren gegen die Politik Ungarns eingeläutet wird freut mich schon.

    1. Und trotzdem hat Ungarn solch eine ökonomischen Anziehungskraft… ob das Verfahren ernsthaft durchgezogen wird, mal schauen.

  3. Heute in den Nachrichten gehört: Der aktuelle Nationalismus ist kein Wiedererstarken, keine Rückkehr zum Alten, sondern ein allerletztes Aufbäumen vor’m endgültigen Wandel. Also vielleicht gibt’s noch Hoffnung für ein einiges Europa.

    1. Ich hoffe Sie haben recht. Manchmal denke ich die Serie „The Handmaid’s Tale“ ist gar nicht so dystopisch wie es auf den ersten Blick scheint.

      1. Die Nagelspritze erscheint mir fast gruseliger. Klingt jedenfalls nach einer spannenden Kindheit 😉

  4. Der Fall der Mauer war eines der prägenden Ereignisse meiner Kindheit. Dass heute wieder Mauern gebaut werden sollen geht nicht in meinen Kopf.

    1. Wenn gerade ältere Menschen, die ja den Krieg noch selbst erlebt haben, nicht in der Lage sind, das Leid der Flüchtlinge zu verstehen, wer dann?

      1. Wer den Krieg noch bewusst miterlebt hat als Flüchling, der muss jetzt über achtzig sein. Dement oder desinteressiert, das ist hier die Frage.

    2. Interessant ist doch wieder, dass z.B. in Texas, wo die Bevölkerung wahnsinnig gemischt ist, die Menschen gegen eine solche Mauer sind.

  5. Die DDR habe ich zwar selbst nie besucht, aber Grenzübergänge sind mir heute noch unheimlich. Vor allem wenn bewaffnete Soldaten zur Abschreckung aufgefahren werden. In Israel war das z.B. die einzige Situation in der ich mich unsicher gefühlt habe…

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