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0909
Europa im Kopf  —   1. Kapitel: Preußen

#1.7 Das Tor zur Welt

Um mein Verhalten nicht nur zu erwähnen, sondern auch zu rechtfertigen, muss ich noch früher einsetzen, kurz nach dem Eisprung: Ich bin kein Kriegskind. Ich wurde somit von Hitler nicht mehr als Ersatz für die Gefallenen benötigt. Meine Mutter war sowohl ledig als auch staatenlos. Eine Abtreibung wäre also eigentlich in unser aller Sinne gewesen. Aber statt den für uns drei einfachsten Weg zu gehen, erinnerte mein Vater seine inzwischen für die Amerikaner arbeitende Frau Martha an ihre Vergangenheit als Nazi-Rundfunksprecherin, bat sie also mittels Erpressung um die Scheidung, während meine Mutter ständig Saft von rohen Kartoffeln trank, weil ihr das als Mittel gegen ihre nie nachlassende Übelkeit empfohlen worden war, obwohl ihr von dem Sud fast noch schlechter wurde als von mir: Sie wollten mich wirklich haben. Dabei waren sie zweifellos in anderen Umständen als solchen, die sich selbst ein besserwilliger Embryo damals gewünscht hätte. Meine Mutter hat sich dann auch nie wieder einer solchen Tortur unterzogen. Als sie 1952, inzwischen mit meinem Vater verheiratet, nochmal schwanger wurde, ließ sie das Mädchen lieber abtreiben, weil sie 1946 an mir schon so arg gelitten hatte. „Ja, müssen Sie das Kind denn bekommen?“, behauptete Irene, dass der Arzt sie gefragt habe. Sie fand: „Nein“, hatte mich aber eben zum Ausgleich schon, als ich erst drei war, in den Kindergarten geschickt und ab fünf in die Schule.

Foto oben links: u3d/Shutterstock | Foto oben rechts: siamionau pavel/Shutterstock | Fotos unten (2): Privatarchiv H. R.

Meine Erziehung war aus heutiger Sicht die damals übliche. Normalerweise ergriff immer nur einer von beiden Elternteilen Maßnahmen: mein Vater lustlos, mit pädagogischem Anstand und dem Stiel der Badebürste, meine Mutter schon lustvoller aus Jähzorn und mit der Hand. Sie selbst würde es gewiss nicht Jähzorn nennen, sondern als einen Akt von Notwehr bezeichnen, der immer dann stattfand, wenn ich sie ,bis aufs Blut gereizt‘ hatte. Die Reizung ihres Blutes konnte ich durch gezielte Widerrede, störrisches Schweigen, vor allem aber durch unaufgeräumte Schränke erwirken. Vermutlich wollte sie mir auf diese Weise ihr Los ersparen, denn um ihre eigenen Schubladen stand es auch nicht immer zum Besten.

Fotos oben (2): Privatarchiv H. R. | Foto unten: Africa Studio/Shutterstock

Meinem Vater setzte ich mehr zu, wenn ich den Sinn des Uhrenzifferblattes nicht recht kapierte – gegen Vergänglichkeit habe ich mich von vorn heraus gewehrt – oder wenn ich auf seine (damals unkorrekte) Aussage hin, Berlin sei die Hauptstadt von Deutschland, Interesse heuchelnd, zurückfragte: „Und was ist die Hauptstadt von Berlin?“ Dafür bekam ich dann als Strafe aber nie die Badebürste, sondern immer bloß das Gefühl, blöd zu sein. Was von beidem schlimmer ist, steht dahin: Idioten und Intellektuelle wurden zu allen Zeiten misshandelt. Mir blieb dieses Los erspart, vielleicht auch deshalb, weil bei mir die Einordnung so schwer war.

Foto oben links: gemeinfrei/Wikimedia Commons | Foto oben rechts: xamyak/Shutterstock | Foto unten links: Harald Krichel, Deniz Yücel-4846, CC BY-SA 4.0/Wikimedia Commons | Foto unten rechts: Privatarchiv H. R.

Ich war dem Vernehmen nach ein gestörtes Kind, darum störte ich dauernd, mochte ich auch noch so viele postnatale Anpassungsversuche in Angriff nehmen: Immer wieder besiegte mich meine Bestimmung.

Foto links unten: gemeinfrei/Wikimedia Commons | Fotos (2) links oben und rechts: Privatarchiv H. R.

Was mir hingegen bis weit in meine Zwanzigerjahre hinein gut gelang, war die unterleibliche Verdrängung, weil der allmächtige Katholizismus meiner eisernen Großmutter sich zusammen mit der tiefen Gläubigkeit unserer späteren Nachbarn zu einer ehernen Legierung verband, die mir als Keuschheitsgürtel um Lenden und Zunge geschmiedet war.

Foto links: Danomyte/Shutterstock | Foto rechts: Ilya Andriyanov/Shutterstock | Foto unten: gemeinfrei/Wikimedia Commons

Meine Eltern – die Zeugen meiner Geburt – bezeichneten sich als Zeugen meiner Unveränderbarkeit, sie meinten damit aber nicht meinen konservativen Charakter, sondern ihre gescheiterten Erziehungsversuche. Ich bin überzeugt, sie haben ihr Bestes getan und das Beste aus mir gemacht – wie gut auch immer das Ergebnis sein mag; sie sind einfach zu streng mit sich, denn seit jeher konnte ich sehr unleidlich werden, besonders wenn das, was ich jemandem eingebrockt hatte, von ihm nur zum Schein ausgelöffelt wurde. Solche Verstellung war mir von Anfang an zuwider. Schon meinem Vater hatte ich es außerordentlich übelgenommen, wenn er die in meinem Sandkasten von mir liebevoll gebackenen Törtchen vor seinem Mund wieder herabrieseln ließ. Meine Forderung „Musse richtig essen!“ ist überliefert.

Fotos (2): Privatarchiv H. R. | Foto rechts unten: ra3rn/Shutterstock

Da saß ich Einzelkind in meiner wandlosen Küche auf und inmitten meiner einzigen Zutat: Sand. Ich buk unter einer mächtigen Rotbuche. An die Rotbuche grenzte ein genauso Ehrfurcht einflößender Trümmerberg: Das waren der zweite Stock unseres Hauses und das Dach, wenn auch sehr komprimiert. Dahinter kam der schmiedeeiserne Zaun, der die Wissmannstraße draußen hielt; er gab sich spielerisch mit der schwungvollen Biegung seiner Stäbe im oberen Drittel, aber all diese eisernen Tänzer liefen spitz und tödlich zu wie flammende Dolche. Im Tor, das diesen Zaun teilte und krönte, habe ich mir mal alle Fingernägel der rechten Hand zersplittert: Sie mussten abgetragen werden. Das Tor zur Welt darf man nur mit großer Vorsicht zuschlagen, ganz egal in welche Richtung man will, begriff ich. Vielleicht war ich unveränderbar für andere, aber für mich selbst lernte ich. Grenzen, Zäune, Mauern. Bedrohung, Herausforderung, Verteidigung.

Direkt vor meinem Sandkasten lag der Stumpf des Gebäudes, das wir seit 1948 bewohnten. Mein Vater hatte eine Garage gegen die südliche Hauswand mauern lassen, deren Flachdach einer anufernden Nutzung unterzogen wurde: Man konnte nun eine der ehemals hochherrschaftlichen Gründerzeit-Villa aufgezwungene Terrasse vom Wohnzimmer aus betreten und beliegen. Schritt man über – ich fand viele – sehr hässliche Stufen hinab, so geriet man, wenn man nicht rechtzeitig eine scharfe Rechtskurve einlegte, gefährlich rasch in meine Backstube. Blieb man sicherheitshalber oben, dann gab es da diese Tür – hinter der lag ein Zauberreich: das ehemalige Esszimmer, das aus Kostengründen nur abgedichtet, aber nicht wieder wohnbar gemacht worden war. Der Raum barg Schätze von unermesslichem Wert, aber das Herrlichste war der Kronleuchter mit seinen vielen unterschiedlich langen Glasgehängen, sie gaben unserer Höhle etwas so Feierliches, Vornehmgekleidetes, und das Allerschönste war: Der Kronleuchter lag am Boden. Man konnte also die gefrorenen Tropfen und Zapfen greifen und herauslösen wie Konfekt aus einer Schale.

Foto oben links: itsmatter/Shutterstock | Foto oben rechts: boykung/Shutterstock | Foto unten: O. Schevchuk/Shutterstock

Der erste Stock war wieder so weit begehbar, dass es mir verboten werden musste, ihn zu betreten. Ich hielt mich schon deshalb gern dort auf, weil mir immer wieder gesagt wurde, an manchen Stellen könne die Decke dort einstürzen. Das hätte mich sehr beeindruckt. Aber ich gab mich eben auch mit den Prismen des Kronleuchters zufrieden. Wenn man sie sich vor die Augen hielt, dann war die Welt so farbig, dass man aufhörte, mit der Wirklichkeit noch etwas zu tun haben zu wollen. Aber wenn die Sonne sank, verschwanden die Farben, und nur das Grauen blieb: All diese Zerstörung, zwischen den Kiefern im Grunewald, zwischen den einzelnen zusammengekleisterten Häusern am Kurfürstendamm, zwischen dem Brandenburger Tor und dem leeren Platz jenseits der Straße, die sich vermessen ,Unter den Linden‘ nannte, zeigte mir: Ich war in eine Welt hineingeboren worden, die ich Grund hatte abzulehnen. Die Toten. Die Toten, über die nicht gesprochen wurde. Aber die Einzelnen, deren Namen doch fielen wie Tränen, ließen Rückschlüsse zu auf eine unvorstellbare Anzahl von Namen, die ich nie hören würde. Etwas Furchtbares war passiert, man sah es überall: Im eigenen Garten fing es an und wurde von da an bis hinter die Grenze zum ,Kommunismus‘ immer schlimmer. Ich wollte nichts mit dem zu tun haben, wofür ich nichts konnte, und falls ich doch etwas dafür konnte, wollte ich erst recht nichts damit zu tun haben; wenn es sich aber nicht vermeiden ließ, da zu sein, dann wollte ich mir Prismen vor die Augen halten, die es gleichgültig machten, ob man eine Blume, einen Trümmerhaufen oder einen Menschen betrachtete.

22 Kommentare zu “#1.7 Das Tor zur Welt

  1. Aus unerklärlichen Gründen, scheinen Intellektuelle in der Regel allerdings nochmal deutlich schlechter wegzukommen als Idioten. Komische Welt.

  2. Ich bin seit vielen vielen Jahren Wahlberliner. Und immer wieder überrascht, wenn Freunde, die zu Besuch kommen, sagen, dass man den Krieg immer noch spürt.

  3. Und wieder mal: der Katholizismus predigt Nächstenliebe, aber uns selber lieben (so wie wir halt nunmal sind) dürfen wir nicht. Ziemlich perfide.

      1. Danke. Ich gebe mir Mühe. Tobi, Karin und all die anderen von meiner Agentur setzen alles wunderbar um. Die Bilder machen mir mehr Arbeit als die Texte, aber mein Blog soll nun mal ein Gesamt(kunst)werk sein aus Wort, Bild und Ton. Bei den Filmen kommt noch der Schnitt dazu. Gedanken und Gefühle hat jeder. Erst die Form macht aus der Pampe eine Pastete.

  4. Jede Mutter, die sich der Tortur Schwangerschaft unterzieht, hat meinen vollen Respekt. Meine männliche Phantasie reicht tatsächlich nicht aus, sich die Schmerzen einer Geburt auszumalen.

  5. Dass die katholische Kirche militant die unterleibliche Verdrängung predigt während sie gleichzeitig von Sexskandal zu Sexskandal treibt ist schon in besonderem Maße ekelhaft.

      1. Super ekelhaft. Wenn Franziskus konsequent wäre, würde er den Rücktrittsforderungen nachkommen. Vielleicht wäre das ein Anfang für Veränderung…

      2. Das Ärgerliche: die Würdenträger der Kirche glauben ihren Keuschheitswahn wirklich. Der Teufel verhindert ihrer Meinung nach die Reinheit der Seelen. Na schön, Männer dürfen sich, wenn sie es nachher beichen, ruhig die Hörner abstoßen. Frauen, die auch gern Sex haben, sind Nutten. Haben sie keinen Sex, werden sie zu alten Jungfern. Das ist so altmodisch! Und trotzdem weltweit noch in Mode.

  6. Erziehung ist eine unfassbare schwere Sache. Wenn sie erfolgreich verläuft sieht das mitunter so aus: Gute Erziehung besteht darin, dass man verbirgt, wie viel man von sich selber hält und wie wenig von den anderen.

  7. Im 17. Jahrhundert hat man’s nicht geschafft 2.000 Lindenbäume für die geplante Prachtallee zu beschaffen. Es sollte wohl ein Vorzeichen für die weiteren Berliner Bauprojekte werden 😉

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