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1901
Der grausame Garten

#3 Die Frau

Die Frau, die im Haus auf ihrem Bett lag, war erleichtert, als die Schreie verstummten. Zweiundzwanzig Jahre lang hatte sie gewartet. Immer hatte sie gehofft, er würde zurückkehren. Zunächst, um ihm zu verzeihen, später, um ihn zu vernichten.
––Täglich hatte sie gewusst, heute würde er kommen. Täglich hatte sie gewusst, nie würde er kommen. Das Warten hatte sie erstarren lassen. Früher hatte sie zu Gott gebetet, er möge ihre Rache vollenden und sie danach auf ewig verdammen.
––‚Rache‘, ‚ewig‘; große, schale Worte – jetzt.
––Alle anderen Gedanken hatte sie mit dem Gesinde vertrieben, nachdem ihre Eltern gestorben waren. Sie hatte sich bewahrt vor der Welt mit ihrem flinken, schmutzigen Lärm. Nur in besonders dringlichen Fällen hatte sie das Haus für kurze Zeit verlassen. Dann war sie mit klopfendem Herzen über den Unrat der Straße gehastet, ängstlich besorgt, niemanden zu berühren. Die lästige Nahrung, die ihr Körper verlangte, gewährte sie ihm widerwillig. Sie hatte sich selbst verbannt – oder die anderen hatten sie verbannt, oder sie hatte die anderen verbannt. Da war kein Unterschied. Und doch hätte sie mit keinem Menschen tauschen mögen, nun, da ihr Wille gesiegt hatte.
––Heute hatte er an ihrer Tür geläutet. Wer sonst hätte zu ihr kommen sollen? Pizza-Service, Gerichtsvollzieher? Doch nicht zu ihr! Niemand außer ihm. Das hatte sie gleich gewusst. Aber sie war vorbereitet gewesen. Zitternd vor Erregung hatte sie sich auf ihr Bett gelegt, die Augen geschlossen, und gewartet.
––Obwohl sie darin geübt war zu warten, schienen sich die Sekunden plötzlich zu strecken, quälende Überdehnung. Endlich, endlich hörte sie seine Schritte auf der Terrasse. Jetzt musste ihr Plan gelingen! Er würde bestimmt in den Garten gehen, ihr Paradies. Sie wusste, dass er es tun würde. Er musste glauben, das Haus sei unbewohnt, so wie es aussah. Aber er würde nicht aufgeben, bevor er die Statue gefunden hatte, ihre Statue, unter der er sie damals – sie ließ die Tränen rinnen. Was für ein wundervolles Gefühl: ein warmer Regen nach vielen Jahren der Dürre!
––Sie war befreit, er war gefangen.
––Er hatte nicht ahnen können, dass es inzwischen Schlangen gab in dem Garten, viele Schlangen. Der Garten war groß, die Wege unkenntlich. Er würde den Rückweg nicht schnell genug finden, denn schon ein Biss der Schlangen, die sie ausgesetzt hatte, war tödlich. Sie hatte sie doch wirklich ausgesetzt? Herrliche Exemplare, schwer zu beschaffen: illegal, also teuer. Doch kein Preis war zu hoch. Stiefel trug er jetzt im Sommer sicher nicht. Er würde den Schlangen unweigerlich zum Opfer fallen, wie sie einst ihm. Er hatte ihr Blut vergiftet, nun vergiftete sie sein Blut. – Das Paradies war die Hölle.
––Was für ein wilder Genuss war es gewesen, seine Schreie zu hören! Doch ihr Triumph erfüllte auch die Stille jetzt. Seine Schmerzen waren einmal noch, zum ersten Mal, ihre Schmerzen gewesen, und ihre Schmerzen waren seine geworden. Diese Ruhe, dieses Nachlassen der Spannung! Sie wusste nicht, ob sie einschlief oder aufwachte. ‚Dornröschen‘ war sie früher genannt worden. Ein Lächeln stieg in ihr auf. Sie war erlöst.

Ihr Vermögen lag fast unberührt auf der Bank. Nun würde sie die Zinsen ernten. Endlich wollte sie ihr Erbe nutzen. Schon morgen könnte sie in die Stadt fahren, um sich eine Wohnung zu suchen. Und reisen wollte sie, reisen! Die Welt sehen und das Leben und die Menschen.
––Sie war erlöst von ihm, aber nie würde sie sein Gesicht von damals vergessen. Furchtbar war es gewesen, wild und furchtbar.
––Er hätte nicht vor ihrem Vater fliehen müssen. Der hatte sich nur gewundert, warum sein neuer Gärtner über Nacht verschwunden war. Er hätte ihr nicht in der Dämmerung hinter der Statue auflauern müssen, er hätte sie nicht zu Boden werfen müssen. Aber ihre Schreie hätte er ersticken müssen. Sie hatte nachher kaum eine vernünftige Erklärung für den Lärm abgeben können. Er hätte sich nicht vor ihren Schreien erschrecken und so schnell davonlaufen dürfen. Sie war doch damals kein Kind mehr gewesen, nicht mehr, seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte und Tag für Tag heimlich hinter Sträuchern und Hecken beobachtete: beim Pflanzen, beim Gießen – und: Wenn er mit dem Spaten grub! Die Arme nackt, die Beine fest gegen den Boden gestemmt. Sie wollte ihn doch genauso wie er sie, nein, mehr.
––Vor allem hätte er sie nicht allein lassen dürfen. Dann hätte auch sie ihn nicht allein gelassen, jetzt.

Dornröschen, zart und zerbrechlich – der Prinz war tot. Er würde sie nie mehr betrügen. Sie war erlöst. Wirklich? Zum ersten Mal in ihrem Leben spürte sie nichts. So fühlte sich Leere an. Doch in diesen Hohlraum hinein wuchs ein Verlangen: das Verlangen, ihn noch ein letztes Mal zu sehen. Sie rang mit sich. Es war ein wohliges Ringen, denn sie wusste, dass sie unterliegen würde.
––Sie stand auf, zog sich feste Stiefel an, kramte eine Taschenlampe hervor und ging herunter auf die Terrasse.
––Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihr Vorhaben schwierig werden könnte in dem unwegsamen Garten, doch sie war fest entschlossen, ihn zu suchen. Sicher hatte er sich verändert. Sie hatte sich auch verändert. Nein. Die Zeit war nicht nur stehen geblieben: Die Zeit war rückwärts gelaufen. Sie fühlte, wie sie mit jedem Schritt jünger wurde, kräftiger, lebendiger. Jeden Zweig wollte sie zur Seite biegen, die ganze Erde wollte sie umwühlen, wenn es sein musste. Aber zu ihrer Überraschung sah sie im dünnen Schein der Lampe seine Spuren, die sich deutlich in dem sumpfigen Boden abzeichneten.
––Da wusste sie, dass sie ihn finden würde. Und wenn sie sich dann neben ihn legen und sterben würde – auch dann hätte sie ein erfülltes Leben gehabt: Sie hatte gekämpft, und sie hatte gesiegt. Mehr ist nicht möglich.

E N D E

(Hanno Rinke, 1965)

27 Kommentare zu “#3 Die Frau

  1. „Zunächst, um ihm zu verzeihen, später, um ihn zu vernichten.“ Wow, leider ziemlich treffend für die ein oder andere Beziehung in meiner Vergangenheit.

    1. An Giftschlangen hätte ich beim lesen des letzten Teils nicht unbedingt gedacht. Aber eigentlich brauch man auch gar nicht immer eine Er-/Aufklärung. Spannend war es ja auch so.

    1. Rache ist zwar manchmal zuckersüß ,aber das klingt langfristig nicht so sonderlich erfüllend. Eher nach zwei gebrochenen, traurigen Menschen.

      1. In dem Falle schreibt der Erzähler ja tatsächlich: mehr ist nicht möglich. Dann muss man sich damit zufrieden geben, dass das Maximum erreicht ist. Träumen kann man immer, realistisch sein ist aber auch eine kleine Kunst.

      1. das ist der feine unterschied zwischen reportage und erzählung. ich mag eine prise sarkasmus außerdem ganz gerne.

  2. Das alles erinnert mich fast mehr an ein düsteres Grimm-Märchen als an eine Horrorgeschichte. Hab die kurze Erzählung auch sehr gerne gelesen.

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