Teilen:

0902
WACHS!  —   1. Berlin-Reise / 1998

#1.03 | Rote und grüne Punkte

Ich fuhr noch tiefer in den Osten hinein, zur ‚Müggelseeperle‘. Meine Neugier war allerdings rasch gestillt. Natürlich hatte ich ein Schlösschen mit Seeterrasse erwartet, wie ich das vom Zürcher See her gewohnt bin. Stattdessen thronte ein verwitterter Betonklotz mit bösartigen kleinen Luken zwischen den Kiefern: Das war die ‚Perle‘, längst aus der sozialistischen Krone gefallen. Ich machte kehrt, ohne auch nur ein einziges Mal auszusteigen und fuhr gleich in einem Rutsch bis Charlottenburg. Dabei hielt ich so angestrengt Ausschau nach einer Aldi-Filiale, dass ich nur knapp eine Anzahl von Auffahrunfällen vermied. Nicht mal ‚Kaiser’s Kaffee‘-Geschäfte konnte ich erspähen. Wie sich die Menschen in Berlin ernähren, wurde mir immer schleierhafter. Erst gegenüber der Oper fand ich endlich den herbeigesehnten Aldi-Laden, wahrscheinlich für die auswärtigen Sänger, man hört ja, Götz Friedrich habe das Haus so runtergewirtschaftet, dass er die Honorare kaum noch zahlen kann. Da ist Barenboim im Osten glückhafter: Seine Angestellten können sich noch nebenan im ‚Lindencorso‘ satt essen und haben auf der gegenüberliegenden Straßenseite keinen Aldi, sondern die Uni, vor der Humboldt, in Stein gehauen, grübelt.

Aldi ist so ökumenisch, wie früher mal die lateinische Liturgie in der katholischen Kirche war und es heute noch die Inneneinrichtung von ‚Burger King‘ ist: Hier steht das Mineralwasser, dort der Wein. Da liegen die Seife und die Haushaltsrolle. Blind kann man Mostrich und Olivenöl greifen. Ich lud meinen Kofferraum gestrichen voll und fuhr erfüllt, auch von alten und neuen Eindrücken, zurück ins alte neue Herz von Berlin. Nie war ein Fahrstuhl wertvoller. Als ich alles verstaut hatte und auch die Haselnussschokolade mit dem vertrauten Etikett auf dem Beistelltischchen lag, war es fast wie zu Hause. Bis dahin war es ein langer Weg gewesen. Wir gönnen uns einen kleinen Rückblick.

Eigentlich hatte ich ja vorgehabt, die Landstraße von Lauenburg über Ludwigslust und Nauen bis nach Berlin zu nehmen, um mir die Genugtuung zu verschaffen, unbehelligt überall dort fahren zu können, wo ich mich erst mit meinen Eltern und später mit Roland1 vor den Dämonen der Schattenwelt und den Radarkontrollen der lauernden Vopos gegruselt hatte. Aber das Wetter machte mir einen Strich durch die Abrechnung, und so fuhr ich lieber über die Autobahn durchs teils sonnige, teils regengepeitschte Mecklenburg ins gleichfalls sichtbehinderte, aber bisweilen aufgeheiterte Brandenburg. Neuruppin ist nicht mehr Ostzone, Ribbeck ist nicht Ostzone, Potsdam ist nicht Ostzone. Ich hakte einen Ort nach dem andern genüsslich ab und hätte zu gerne Honecker auf dem Beifahrersitz gehabt.
So hielt ich meinen Einzug im wetterwendischen Berlin: grenzenlos gleich hinein in den Stau an der Siegessäule und schnurstracks an der Siegessäule vorbei über die Behren- in die Friedrichstraße. Das dauert bei günstigen Verkehrsbedingungen keine zwanzig Minuten, und ich konnte es nicht fassen, dass mir das eingeklemmte Westberlin als Lebensraum mal genug gewesen war, nicht nur als Kind, sondern auch später, wenn ich hier Tage oder Wochen zugebracht hatte.
Ich fuhr im Schritttempo die Friedrichstraße entlang, um die Nummer 185 nicht zu verpassen. Meine Langsamkeit störte nicht weiter, denn es sah aus, als hätte jemand eine Neutronenbombe abgeworfen: hohe, glatte, intakte Häuser, aber ein Verkehr wie auf der Buxtehuder Hauptstraße um drei Uhr früh. Die Passanten waren wohl in die Luftschutzbunker geflüchtet. Auf meinem Schleichweg gelang es mir, die Nummer 185 zu erspähen, aber das nutzte mir wenig.
Ein Portal führte in einen Innenhof, Autos parkten dicht an dicht. ‚Wie werde ich bloß alle meine unendlich vielen und unendlich schweren Sachen abladen und in die mir zugedachte Bleibe bugsieren können?‘, grübelte ich. Ich fuhr einmal ums Karree, ohne dabei das Problem zu lösen, und bog diesmal vor dem Trutzbau in die Mohrenstraße ab. Natürlich auch dort kein Parkplatz. Kein Mensch auf der Straße und keine Lücke am Kantstein. Ich hielt schief, halb auf dem Gehweg, halb auf dem Fahrweg, kurz vor der Kreuzung, hopste aus dem Auto und rannte um die Ecke durch das Portal in einen glasüberdachten Innenhof, dessen unermessliche Weite nur noch von seiner alles schluckenden Leere übertroffen wurde. Bloß hinten links war ein Geviert mit Friedhofspflanzen abgegrenzt. Dahinter sah man statt Grabsteinen blau-weiße Tischdecken und Menschen vor Bierkrügen. ‚Leopold’s‘ stand an die Wand geschrieben.
Ich durchmaß den Raum, wobei ich einen Eindruck von der Unendlichkeit des Universums erhielt; ich hatte nämlich am entgegengesetzten Ende dieser gigantischen Halle ein paar Buchstaben ausgemacht, die sich zu dem Wort ‚Madison‘ fügten. „Herzlich willkommen“, sagte ein freundliches Mädchen, das mehr Pickel im Gesicht als Haare auf dem Kopf hatte. Ich schilderte ihr meine Nöte, aber sie blieb auf souveräne Weise unbefangen. „Reicht ein Caddy?“, fragte sie. ‚Caddy‘ heißen beim Golf die Balljungen, die den Karren ziehen müssen. Diese Bezeichnung ruft schmerzhafte Kindheitserinnerungen in mir wach, aber die Picklige zeigte mit der verkraterten Stirn in die Richtung von zwei Gepäckwagen, wie man sie auf Flughäfen mieten kann, falls man Glück und eine passende Münze hat. „Wir werden wohl beide brauchen“, antwortete ich, mir meiner Sache sicher. „Dafür sind sie ja da“, sagte die Madisonette aufmunternd, so als hätte ich etwas verlangt, von dem ich befürchtete, dass es mir nicht zustünde. Eine Kollegin mit etwas glatterer Haut kam dazu und sagte: „Ich bring’ die Karren runter, geh du mit dem Herrn!“ Mir schwante, dass ich hier in geheime Rituale eingeweiht werden würde, gegen die Scientology und Voodoo Dreck sind.

Die Picklige steuerte eine der unendlich langen, vollkommen identisch aussehenden Innenhofseiten an und erklärte: „Diese Tür ist Ihrem Appartement am nächsten.“ Auf der anderen Seite dieser Seite war aber genauso eine Tür, und an den anderen drei Seiten waren auch je zwei Türen. Ich versuchte verzweifelt, mich an ‚Leopold’s‘ zu orientieren, aber hatte schon, als ich mich umdrehte, vergessen, ob es vorne rechts oder hinten links war. „Diese Karte öffnet die Tür“, erläuterte meine Führerin. Wir gelangten in einen Korridor, dessen Anonymität fast schon gestellt wirkte. Nun schob sie die Karte erneut in einen Schlitz und sagte: „So öffnen Sie die Tür nach draußen.“ Zu meiner Überraschung standen wir genau vor meinem Wagen, allerdings nicht nur wir. Die einzige Person, die weit und breit zu sehen war, war ein Polizist, der für mich einen Strafzettel ausfüllte. „Hören Sie, …!“, sagte das robuste Mädchen – wer mit solcher Akne in die Öffentlichkeitsarbeit geht, kann noch mehr. „Ja“, sagte der Polizist, aber es klang wie ‚nein‘, und er war zwar zwei, drei Jahre älter als sie, aber ich schwöre, er hatte nicht weniger Pickel im Gesicht. „Der Herr ist Gast bei uns und hat sich nur eben angemeldet.“ Der junge Mann in Uniform hatte ein weiches Herz: „Verschwinden Sie“, sagte er und zerriss den Strafzettel gutmütig, „aber ganz schnell!“ Und um mir das Ausmaß seiner Großherzigkeit vor Augen zu führen, hielt er mir meine Missetaten noch einmal vor: „Halten auf dem Bürgersteig und im Parkverbot“, sagte er. Er war so alt wie ich, als Gisela2 sich ins Jenseits befördert hatte, eher sogar jünger. Der Gehweg war leer, die Fahrbahn war leer, denn zehn Meter weiter sperrte ein Bauzaun die Straße ab. Einen Moment lang wäre ich gerne Giselas terroristischer Freund gewesen, dann bedankte ich mich bei dem nachsichtigen Polizisten und stieg in mein Auto.

„Am besten machen Sie es selbst“, sagte das Mädchen. Das etwas Belehrende in ihrem Tonfall verzieh ich gern, schließlich hatte sie mir ein Bußgeld erspart. Sie drückte mir eine zweite Karte in die Hand, mit der musste ich so lange an einem rot leuchtenden Punkt entlang fahren, bis der grün werden würde. Der rote Punkt befand sich an einem Pfosten, und der Pfosten befand sich in der Nähe eines verschlossenen Tores. Um diesen roten Punkt aus dem Auto zu erreichen, gab es zwei Möglichkeiten: Entweder man fuhr den Pfosten um, oder man hielt so, dass man sich erst den Arm ausrenkte und dann ausstieg, um über diesen roten Pickel mit der Plastikkarte hin- und herzustreichen, in der Hoffnung, dass der Pickel dadurch grün wurde. Mir gelang das nicht, der in dieser Hinsicht erfahreneren ‚Madison‘-Hostess auf Anhieb. Ich fühlte mich noch tiefer beschämt als durch den Polizisten und fand es nur angemessen, dass ich mich drei Stockwerke abwärtswinden musste. Nur ein einziges Mal schabte ich dabei mit dem Kotflügel an der Wand entlang, fand aber, als ich unten ausstieg, dass dafür relativ viel Lack abgegangen war.
Die andere Hostess kam zu Fuß und mit zwei Karren, das erklärte auch, warum sie oben meiner höflichen Aufforderung, einzusteigen, nicht gefolgt war. Ihr scheinbares Misstrauen hatte mich ein wenig gekränkt. „Hier können Sie nicht stehen bleiben“, sagte sie und wies mir einen Platz an, über dem ein Schildchen prangte: ‚Madison‘. Nun luden wir gemeinsam die beiden Caddys voll – es war schlimmer als Irene3 bei Aldi. „Mit dieser Karte öffnen Sie die Tür zum Treppenhaus“, sagte die erste Hostess. Diesmal wurde der Punkt sogar bei mir grün, die Tür schnappte auf, wir holten per Karte den Fahrstuhl und fuhren von minus drei nach plus vier. Dann zog die Karawane den Gang entlang zu Nummer 410.
Die Euphorie, die es bei mir ausgelöst hatte, dass ich den roten Pickel imstande gewesen war, grün zu machen, verflog, als die Hostess mit einer goldenen Karte, die sie routiniert in den Schlitz unter der Klinke steckte, die Tür öffnete: Da drinnen war alles so unpersönlich. War es schäbig? – Der Blick in die Plattenbauten, die Sitzgarnitur wie von Ulbricht. Das Bett, immerhin breit, mehr was für Gruppensex als für Ästheten. Ich atmete tief durch, mehr mit dem Kopf als mit den Lungenflügeln, und ich forderte mich auf: Hier wirst du jetzt glücklich sein! An jedem Abend, an dem ich einschlafen würde, sollte die Umgebung hundertvierzig Mark wert gewesen sein. Mein Zuhause in Hamburg wollte ich nicht imitieren. Möglichst nicht. Seit Rolands Tod war es mir entfremdet. Trotzdem breitete ich ziemlich arglos Journale aus, füllte Pistazien in Schälchen und zog los, um weitere Utensilien zu erwerben, die wie das gehobene Bein des Hundes deutlich machen würden: Das ist mein Revier!

Who is who? (Akkordeon)

1 – Roland

[ˈʁoːlant]

Roland lernte ich 1975 am einzigen aufnahmefreien Abend in Berlin kennen. Sechs Wochen später zog er zu mir nach Hamburg und blieb dort, bis er 1991 in unserem Bett starb.

2 – Gisela

[ˈɡiːzəla]

Gisela war die beste Freundin meiner besten Freundin, als wir alle zwischen zwölf und zwanzig waren. Nur Einsen im Zeugnis. Dann wurde Gisela meine beste Freundin, dann die eines RAF-Anhängers, dann schluckte sie Schlaftabletten: eine Karriere der damaligen Zeit.

3 – Irene

[ˌiˈʀeːnə]

Irene ist meine Mutter. Sie kommt praktisch in jeder meiner Aufzeichnungen vor, ist also im Blog leicht zu erlesen. Auch ihr Geschmack ist erlesen: Sie kaufte bei Aldi nur ausgesuchte Waren.

Titelgrafik mit Material von Shutterstock: Rido (Hand)

41 Kommentare zu “#1.03 | Rote und grüne Punkte

  1. Das „Who is who – Akkordeon“ ist ja super hilfreich! Warum gibt es so etwas eigentlich nicht immer? Ich bin oft überfordert mit den vielen Figuren. Also nicht unbedingt in Ihrem Blog, sondern in den Romanen, die ich lese.

      1. Als Leser will man ja auch etwas zu tun haben. Silbertabletts sind nur für Faulenzer.

    1. Bei uns ist das Ordnungsamt bei solchen „Delikten“ selten nachsichtlich. Meistens haben die eher Spaß daran ihre Macht aufzuzeigen. Egal wie nebensächlich das Vergehen auch war.

  2. Bei Aldi findet man tatsächlich alles auf den ersten Blick. Einkaufen tue ich dort trotzdem ziemlich ungerne. Es ist ja doch alles sehr steril und deprimierend.

    1. Beim Einkaufen brauche ich nicht unbedingt Gemütlichkeit. Am Ende kommt es doch nur darauf an wer die besten und frischesten Produkte anbietet.

      1. Aldi hat gar keine schlechten Produkte. Im Gegenteil. Oft sind es ja sogar identische Produkte der großen Marken. Nur eben werbefrei und darum billiger.

  3. Haha, vielleicht muss man sich öfters sage: hier wirst du glücklich sein. Oder: nun wirst du glücklich sein. Wäre einen Versuch wert.

      1. Immerhin! Marketing macht ja vieles aus. Man darf die Kundschaft dann nur nicht zu sehr enttäuschen.

      2. Elbdom war keine Magdeburger Kirche, sondern ein Kunsthonig. Mopeds hießen Schwalbe, Star und Sperber. Zu allem, was nach DDR aussah, sagten wir ‚Interchic‘.

      3. Was machen eigentlich nochmal Corona Extra, Delta Airlines und die Omicron Electronic Corp.? Sind die mittlerweile alle rebrandet?

      4. Die ganzen Querdenker und Qanoner unterstützen doch bestimmt diese Marken leidenschaftlich.

      5. Bei Delta Airlines wäre mir die Assotiation gar nicht eingefallen, zu gut etabliert. Aber Alpha-Männchen gibt es ja auch immer noch.

  4. Diese grün-rot Magnetkarten im Hotel treiben mich immer in den Wahnsinn. Die funktionieren ja öfters nicht, als dass sie funktionieren.

      1. In der Hosentasche tragen die Karten weniger auf als Schlüssel. Aber wenn sie einmal nicht funktionieren, bleibt einem das besser im Gedächtnis haften als die zehn Male, bei denen es voher geklappt hatte.

      2. Meine Zimmerkarte hat einmal nachts nicht funktioniert, und zwar in einem kleinen Restaurant, wo die Rezeption nachts nicht besetzt war. Ein Spaß!

  5. Manche Zimmer machen es einem echt schwer sie zum eigenen Revier werden zu lassen. Wo’s richtig unwohnlich ist, hilft auch das Ausbreiten der eigenen Sachen wenig.

    1. Wobei die in vielen mittelständischen Hotels heutzutage ja gerne leergeräumt und damit ebenso deprimierend ist.

  6. Mittlerweile gibt es auf der Friedrichstraße ja weder Verkehr noch Passanten. Bei meinem letzten Berlinbesuch war das wirklich trostlos dort.

    1. Für mich zählt eigentlich nur das Stück zwischen Leipziger und Linden, aber nach Ladenschluss und in Corona-Zeiten ist es da wohl auch nicht mehr viel anders als 1958 am Bahnhof Bitterfeld um Mitternacht.

      1. Es gibt halt diesen Versuch die Friedrichstraße zur Fußgängerzone umzuarbeiten, inkl. Holzliegen und Begrünung à la Times Square. Nur ist das Ergebnis eben genauso gemütlich wie der Times Square. Und wer bei Lafayette einkauft legt sich auch nicht mitten auf der Straße auf eine dieser Liegen.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

zwei × 2 =