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2002
WACHS!  —   1. Berlin-Reise / 1998

#1.08 | Monumente hautnah

Mein nächstes Brecht-Erlebnis vereinte mich wieder mit Dorothee. Ich hatte mir am Sonntag durch emsiges Tippen ein kleines Nickerchen wohl, wenn auch spät, verdient. So war es nicht zu früh, als ich fünf vor fünf wieder aufwachte. Ich kleidete mich in aller Hast an, verzichtete notgedrungen auf die Haarwäsche, nicht aber auf einen Hauch Make-up und schoss aus meiner Haustür in den U-Bahn-Schacht. Von nun an hatte ich alle Zeit der Welt, und die Zeit hatte mich: fest im Griff – auf Kosten der Geduld. Um halb sechs ist die letzte Führung, also man muss etwas früher da sein. Es galt, das Brecht-Museum zu erarbeiten, an der Chausseestraße. Praktischerweise liegt das Brecht-Grab auf dem angrenzenden Dorotheenstädtischen Friedhof. So griffig im Pack hat man das ja selten.
Der kleine Theoderich zum Beispiel betrat die Welt in Pannonien (jetzt Ungarn) und verließ sie wieder als Theoderich der Große in Norditalien (ungefähr siebzig Jahre später). Sein Grabmal in Ravenna habe ich schon 1954 mit meinen Eltern und Großeltern besucht. Meine Großmutter war vorher nie in Saarbrücken, aber liegt dort begraben; und Chopin hat in Paris gelebt, aber sein Herz befindet sich, testamentsgemäß, in Warschau. Ganz abgesehen von den vielen Soldaten, die fröhlich in deutschen Kleinstädten aufgewachsen und dann hoffnungslos in Stalingrad gestorben sind.
Derartige Gedankenfasern wurden zum Glück durch das Herannahen der – nicht nach dem Fahrplan, aber für mich – zu späten U-Bahn unterbrochen. Als ich sechs vor halb sechs, wie mir geheißen, ausstieg, nämlich an der ‚Zinnowitzer Straße‘, gab es noch die Chance, pünktlich zu sein. Wieso?
Ich hatte nicht Dorothee gefragt, sondern im Brecht-Museum angerufen, um rauszufinden, welches die nächste U-Bahn-Station zu dem Weihe-Ort sei. Rechtzeitig aus der Bahn zu steigen, sollte doch klappen. Es wäre auch möglich, dass ich den richtigen Ausgang aus dem Bahnhof wählen würde. Nicht auszuschließen, dass ich von dort aus in die richtige Richtung gehen würde. Man ahnt es schon: 2 und 3 gingen schief.
Völlig verhetzt stieß ich das Tor auf und stürmte in den Garten. Andächtige Ruhe umfing mich. Ich hatte den Eingang verwechselt und befand mich bereits auf dem Friedhof. So schnell und so ehrfürchtig wie möglich verließ ich die Stätte und preschte durch den Eingang unmittelbar daneben; dort saß in belaubtem Grün, dem Nachbargrundstück nicht unähnlich, Dorothee vor einem wirklich großen Bierkrug. Ich hatte mir einen Strauß von Entschuldigungen zurechtgepflückt, aber sie sah nur kurz von ihrer umfangreichen Sonntagszeitung auf und fragte: „Möchtest du ’n Schluck? Hier steht …“, sagte sie, aber ich unterbrach sie: „Sind wir nicht zu spät?“ – „Nein, die Führung um halb sechs findet nicht statt. Unsere ist um sechs.“
Na gut, dann konnte ich auch niederplumpsen und einen Schluck Bier durch meine ausgetrocknete Kehle schicken. Denn Kristina Jentzsch1 hatte mich mit einem Restaurant-Guide ausgerüstet, der vor dem Lokal im Brecht-Museum warnte: ‚Gekocht wird nach Rezepten von Helene Weigel. Sie kochte gern und offenbar schlecht.‘
Ein Kellner kam lauernden Blicks auf mich zu, als Dorothee kurz mal verschwunden war, aber ich sagte so ganz leichthin, als wüsste ich nicht, was für einen Schlangenfraß er mir andrehen wollte: „Danke, ich hole nur die Dame ab.“

Kurz darauf stieg ich mit der Dame aufwärts zum Eingang des Brecht-Museums. Dass sich neunzehnhundertachtundneunzig Brechts Geburtstag zum hundertsten Male jährt, merkte man dem Besucherstrom nicht an: Wir waren die Einzigen.
„Bitte“, sagte die Führerin. Wir traten in einen mittelgroßen Raum. „Das ist die Bibliothek“, erklärte sie das deutlich Sichtbare.
„Ach“, sagte Dorothee, „ist das alles? Da hab’ ich aber mehr Bücher.“
Die Führerin konnte sich ihr Publikum ganz offensichtlich nicht aussuchen und erwiderte zerknirscht: „Das ist alles, was hier Eingang gefunden hat.“
Ich sah im Geiste die vielen, dickleibigen Folianten, die an der Grenze zur Ostzone harsch abgewiesen worden waren, und verstand Dorothees Taktlosigkeit nicht.
„Das hier ist Brechts Schlafzimmer“, bemühte sich die Führerin. Diesmal überkam es mich – jeder hat sein Spezialgebiet: „Was? So ein kleines Bett?“
„Er war ja nur eins-sechzig“, entschuldigte sich die Führerin, „aber“, relativierte sie, „die Weigel war ja mal bloß eins-fünfzig!“
Deutschlands geistige Elite – ein Gnomenpaar!, stellte ich bestürzt fest.
Das Wohnzimmer, den Wintergarten und Helene Weigels Schlafzimmer ließen sich Dorothee und ich kommentarlos erklären, obwohl es zu einer Spitzzüngigkeit verlockte, dass ‚die Weigel‘ alles vom Bett aus geregelt hatte und alle sie in ihrem Schlafzimmer aufzusuchen hatten – bis auf die Auftritte am Schiffbauerdamm, das Publikum durfte draußen bleiben.
Erst in der Küche, der ich, durch Kristina Jentzsch gewarnt, mit Argwohn begegnete, kam Dorothee endlich in Fahrt: „Sieh mal!“, rief sie, „ein Ausguss!“
Ich sah ihn.
„Das finde ich fabelhaft! In meiner Küche habe ich keinen Ausguss und in der Agnesstraße hatte ich auch keinen. Aber früher, zu Hause, hatten wir immer einen Ausguss.“
Ich mochte nicht ganz als Depp dastehen und sagte: „Ja. In der Wißmannstraße gab es auch einen Ausguss. Was macht man damit?“
„Sachen ausgießen?“, versuchte die Führerin unsicher.
„Alles, alles“, steigerte sich Dorothee, „wenn du Wasser abgießt oder Teeblätter; alles, was du sonst ins Klobecken schütten musst; ein Ausguss ist einfach fabelhaft!“
„Ja, das wär dann alles“, erläuterte die Führerin.
„Danke schön“, resümierte Dorothee, „das war hochinteressant. Hochinteressant!“, und drückte ihr ein paar Münzen in die Hand, die sie auch ohne mit der Wimper zu zucken als Aufwandsentschädigung annahm, statt zu sagen: „Hören Sie mal, ich bin Professorin für Neuere Philologie und habe meinen Magister über die heilige Johanna der Schlachthöfe gemacht.“

Dann kam der Friedhof dran. Dorothee bestaunte von Anfang an jedes sich ihr darbietende Grab und kommentierte, je nach Zustand der Ruhestätte: „Guck mal, wie schön!“, oder „Sieh mal, wie verwahrlost – eine Schande!“
Ich stahl mich davon und betrachtete gezielt die alten Male, die von früh verstorbenen Kindern und über alles geliebten Gatten aus dem neunzehnten Jahrhundert klagten. Der Himmel war so grau und die Klage so verwaschen, nur Dorothee war frisch.
„Wo ist denn nun Brecht?“, fragte sie, als hätte ich sie lange genug davon abgehalten, endlich zum eigentlich Wesentlichen zu kommen. Brecht schrie aber nicht ‚hier‘, deshalb stürzte sie auf zwei schwarze Ledermänner mit Schirmmützen zu und fragte: „Wissen Sie, wo Brecht liegt?“ Sie wiesen in eine Richtung, und wenn man sie nach der ‚Knolle‘ oder dem ‚Knast‘ gefragt hätte, hätten sie sicher in dieselbe Richtung gewiesen.
Aber als Dorothee dann sagte: „Sieh mal: Becher!“, und „Sieh mal: Eisler!“, da konnte es bis zur Grabstätte des schmächtigen Ehepaares auch nicht mehr weit sein. War es auch nicht. Die beiden liegen in eine dunkle Ecke geschmiegt, zwei Felsbrocken, unbehauen, verkünden der Welt ihre Namen.
Das Grabmal von Schinkel hatten wir schon zur Kenntnis genommen (Dorothee: „Ungepflegt. Der größte Baumeister Preußens. Das ist doch blamabel! Blamabel!“). Dass nebenan Fontane liegt, sagte ich Dorothee erst am nächsten Tag, weil ich es auch erst in der Nacht aus dem ‚Spiegel‘ erfuhr. „Du weißt immer alles“, sagte Dorothee etwas unfreundlich. Ich machte sie auf den Adler in der Mitte der Spreebrücke aufmerksam und darauf, dass es ein Lied von Biermann über den eisernen Vogel gibt. Natürlich hatte sie den Text tags darauf erblättert und mir eine Fotokopie gemacht.

Und wieder kam Dorothee in Schwung und zeigte mir, was eine Harke und was eine Stadtbesichtigung ist. Dorothee zwang mich in die Oranienburger Straße, an der Synagoge entlang, der sie aber überraschend wenig Aufmerksamkeit widmete. Stattdessen mussten alle verrotteten Hinterhöfe und schäbigen Plattenbauten zwischen Tucholskystraße und Rosenthaler Straße, alle neu errichteten Gebäude und leer stehenden Ruinen zwischen Sophienstraße und Kausnickstraße eingehend gewürdigt werden.
Abwechselnd begeisterte Dorothee sich: „Sieh mal, das ist noch erhalten. Nicht so rausgeputzt wie im Westen, im Westen ist doch alles gleich, das hier ist, was ‚in‘ ist. Hier gehen die jüngsten Leute hin. Mein Neffe ist nur hier, nur hier.“ Neben dem Lob für die einsturzgefährdeten Mauern hat Dorothee aber auch ein Herz für Neuerungen: „Ist das nicht schön! Diese moderne Architektur, ich liebe das ja, wie sich das entwickelt, alles neu, die interessanteste Ecke von Berlin!“ Ich biss die Zähne zusammen und dachte: ‚Es kommt nicht infrage, dass ich vor dem Laufschritt einer Achtzigjährigen kapituliere. Glücklicherweise erhielt ich Schützenhilfe vom Wetter. Es begann zu schütten, und wir mussten uns notgedrungen irgendwo hinsetzen, wo man vor Altbauten, Neubauten und Regen geschützt war.
Da das Unwetter es einfach nicht zuließ, nach einer Armenspeisung oder einem Lokal zu fahnden, das Viertelportionen seiner Vorspeisen feilbot, ließ Dorothee sich von mir in ein französisches Lokal drängen, wo sie gut und reichlich zu essen bekam.

„Gut, dass diese Fußballweltmeisterschaft jetzt zu Ende ist“, sagte Dorothee, so als sei sie mehrfach unter die Hooligans gefallen, dabei hatte sie nur an dem Abend, an dem Deutschland null zu drei gegen Kroatien verloren hatte, fünf Minuten lang am Wittenbergplatz festgesessen, weil der Taxifahrer ihren Rat nicht befolgt hatte und auf eine Menschenmenge aufgelaufen war, von der – zumindest Dorothee – nicht klar war, ob es sich um verbitterte Deutsche oder um jubelnde Kroaten handelte.
„Ich verstehe nicht, dass sich auch Frauen für Fußball interessieren können“, sagte Dorothee zwischen den Gängen. Und dann kam sie etwas näher und raunte: „Meinst du, dass die sich vorstellen, dass diese Männer über sie herfallen?“
Ich überlegte mir, was eine Frau wohl empfindet, wenn Klinsmann ein Tor schießt, und entschied: „Ich glaube nicht“, obwohl ich wusste, dass meine Aussage weibliche Fußballbegeisterung für Dorothee noch unverständlicher machen würde.
Sie lehnte sich, durchaus nicht unenttäuscht, zurück und aß weiter von ihrem Loup de Mer. Mit Dorothee essen zu gehen, ist für Menschen ohne Routine anstrengend. Für mich nicht. Dorothee setzt sich nicht ganz so oft um wie Irene (wobei sie allerdings Irenes Wunsch zu präsentieren und Guntrams nach einem Platz ohne Luftzug kombiniert) und sagt schon vor dem Hinsetzen: „Also, ich trinke nur ein Mineralwasser, ja.“
Innerlich seufzend gehe ich auf das Spiel ein: „Aber Dorothee, eine Kleinigkeit wirst du doch vielleicht essen wollen.“
„Na ja, vielleicht nehm’ ich einen Salat, wenn ich da eine halbe Portion haben kann. Das muss doch möglich sein, frag ihn mal!“
Zu diesem Zeitpunkt lohnt es sich noch lange nicht, auf Dorothee einzugehen. Ich starre mucksmäuschenstill in die Karte und suche aus, was wir essen werden. Aber das lasse ich mir natürlich nicht anmerken.
Nun fängt Dorothee an zu blättern und sagt: „Gnocchi mit Pfifferlingen, herrlich, das nehm’ ich. Das macht Alida immer, das ist wundervoll! Aber sie nimmt Steinpilze und statt Gnocchi macht sie Tagliatelle, das passt besser.“
Ich spüre: Nun ist sie reif, ihr die Vorspeise abzutrotzen: „Wie wäre es mit Geflügel-Ravioli?“, frage ich hinterhältig.
„Nein. Ja. Nein, das wird mir zu viel.“
„Mir auch, aber wir könnten es uns teilen.“
„Ach so?“
„Herr Ober, können wir uns die Geflügel-Ravioli teilen?“
„Ja sicher, Monsieur.“
„Gut. Und ich nehme danach den Loup de Mer an sonst was.“
„Ach ja, das nehm’ ich auch. Aber dann keinen Nachtisch. Das Brot ist gut. Gibt es mehr davon?“

Damit war dann aber auch Brecht abgegessen und wurde nicht wieder erwähnt. Das machte den Abend endlich schön.

Who is who? (Akkordeon)

1 – Kristina Jentzsch

[kʁisˈtiːna] [jɛnt͡ʃ]

Kristina Jentzsch ist eine Fotografin, mit der ich befreundet bin, seit wir 1988 gemeinsam in Moskau festgenommen wurden.

Titelgrafik mit Material von Shutterstock: Man As Thep (Bühne)

Hanno Rinke Rundbrief

39 Kommentare zu “#1.08 | Monumente hautnah

      1. Das Schlimmste ist ja immer wenn man allein in einem schlechten Restaurant ist und sich nicht mal gemeinsam ärgern kann. Wer da keinen Blog schreibt und im Nachhinein Dampf ablassen kann, der hat es dann schwer.

      1. Es muss ja nicht gleich unendlich sein. Aber die Option auf mehr klingt gut. Offene Türen sind ja immer besser als geschlossene. Zumindest wenn man selbst entscheiden kann durch welche man gehen möchte.

      2. Das finde ich klasse. Ich mag Berlin nämlich sehr. Auf alle Fälle gibt es dort immer etwas zu erzählen.

    1. Er lebt ja nicht mehr. Es wird ihn wohl nicht weiter stören, wenn während dem Abendessen mal nicht über ihn geredet wird.

  1. Gut, dass diese Olympischen Spiele nun zu Ende sind. Da brauche ich mir wenigstens keine Gedanken mehr machen was ich da möglicherweise alles verpasst habe.

      1. Sich überhaupt nicht um so ein Ereignis zu kümmern hat doch etwas überaus befreiendes.

  2. Jedes einzelne Grab hätte ich jetzt nicht kommentiert, aber ich spaziere schon auch gerne über Friedhöfe. Jedenfalls über diese schönen, alten, majestätischen… vor allem in Frankreich und Italien können die toll sein.

      1. Das sagt ja mehr über Sie selbst aus als über die Friedhöfe. Das ist nicht böse gemeint. Aber jeder verbindet ja andere Emotionen mit solchen Orten.

      2. Finde ich auch. Ich spaziere zwar nicht oft über Friedhöfe, aber trotzdem mag ich die Ruhe dort.

  3. Ich wüsste nicht warum Frauen eine andere Begeisterung für Fussball zeigen würden wie Männer. Die Frage ist ja eher warum man sich überhaupt dafür begeistert anderen dabei zuzuschauen.

    1. Die Spannung ergibt sich ja daraus mitzufiebern ob das eigene Team gewinnt. Das ist ja nicht anders als beim Wetten, nur dass man dort gar nichts zu schauen hat. Um technisches oder sportliches Können geht es wohl den wenigsten. Der Ball muss einfach ins gegnerische Tor.

      1. So weit ich weiß, diskutieren Kenner Spiele noch nach Jahren, so wie Opernfreaks immer wieder der einzigartige ‚Frau ohne Schatten‘ 1964 in Mannheim nachschmecken können.

      2. Ein Freund hat mich vor Jahren mal mit ins Stadion genommen. Leverkusen gegen Duisburg. Das war mit Sicherheit kein Spiel über das Kenner heute noch reden würden. Aber es war so oder so das letzte Mal, dass ich dabei war. Wirklich nicht mein Ding.

      3. Leverkusen gegen Duisburg klingt für mich fast schon nach Loriot. Da würde ich vielleicht FC Barcelona gegen Manchester United nochmal eine Chance geben.

      4. Das Spiel war gar nicht mal das, was mich abgeschreckt hat. Eher diese angespannte Atmosphäre im Stadion. Das erinnert ja in einer Art und Weise an aggressive Demos auf der Straße. Ohne triftigen Grund muss ich das nicht haben.

  4. Hochinteressant! 😉 Aber was soll man zu so einer Wohnung auch schon groß sagen. Auch die intellektuelle Elite hat ihren Alltag.

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